Visionen digitalen Lernens – aber das alte Rom lässt grüßen

Björn Nölte hat im Blog des Forums Digitalisierung Bildung einen interessanten Artikel geschrieben („Individualisiertes Lernen in der Digitalen Gesellschaft“).

Hierzu einige Auszüge und Anmerkungen. 

Visionen digitalen Lernens

„Der Fokus verschiebt sich vom Lehren in Richtung Lernen, denn Lernfortschritt ist immer ein individueller und kann nicht für eine gesamte Lerngruppe „abgerechnet“ werden. Im Mittelpunkt sollte nicht die Frage  stehen: Wie vermittle ich auf möglichst gute Weise meinen Stoff in Richtung der Schüler? Die Leitfrage sollte lauten: Wie ermögliche ich jedem Schüler sinnvollen Lernzuwachs im Rahmen meines Verantwortungsbereichs?“

Alles gut und lobenswert.

Damit nicht genug:

„Es kann – angepasst an den Entwicklungsstand der Schüler – ihnen überlassen werden, zu entscheiden, welches Produkt am Ende des Lernens entsteht, in welcher Weise sie ihre Kompetenz unter Beweis stellen oder wie ihre Ergebnisse gesichert werden.“

„Es kann nicht darum gehen, als Lehrkraft individuelle Wege festzulegen und deren Nachvollzug zu kontrollieren, sondern die Subjekte des Lernens selbst müssen über Instrumente der Selbstreflexion in den Stand versetzt werden, selbst den eigenen Lernvorgang zu sehen, zu beurteilen und zu steuern.“

Für die Überprüfung des Lernfortschritts heißt das:  Der Lehrer wird zum Begleiter des Lernenden, Lernkontrolle gibt es nur noch als individuelles Feedback. Eine Leistungsmessung erübrigt sich damit. Es gibt letztlich nur noch ein Protokoll der Konversation zwischen Lernendem und Lernbegleiter.

„Hinzu kommen die vielfältigen Möglichkeiten, in denen die Lehrperson ihr Feedback adressieren kann: Kommentar, Audio, Video – im besten Fall entstehen zwischen Schüler und Lehrer hier produktive Konversationen. Individuelles Lernen realisiert sich hier auch in der persönlichen Ansprache an den Lernenden.“

Und für die Institution Schule heißt dies letztlich, dass sie nur noch den Rahmen für individualisierte Lernprozesse darstellt und diese möglichst optimal ermöglichen muss.

„Darüber hinaus erwächst für die Organisation und Leitung einer Schule die Aufgabe, die Gesamtheit der Abläufe möglichst so zu gestalten, dass sich jede einzelne daran beteiligte Person in möglichst freiem Umfang als selbstverantwortliches Individuum fühlen kann.“

All diese Ausführungen kann ich in vollem Umfang unterstützen und gutheißen.

Sie sind wirklich eine vernünftige und praktikable Vision von digitaler Bildung.

... und das alte Rom

Allerdings: Die Vision kommt leider um etwa zwanzig bis dreißig Jahre zu spät.

Unsere damaligen Azubis, zumindest im Bankbereich, hätten damals alles mitgebracht, um diese Visionen auszufüllen. Sie waren hoch motiviert, haben selbstständig, leistungs- und zielorientiert gearbeitet, waren wissbegierig und brachten nahezu alle die intellektuellen Voraussetzungen für diese universitären Arbeitsweisen und Lernformen mit.

Und die Banken haben dies mit intensiver innerbetrieblicher Ausbildung unterstützt, manchmal fast zu sehr.

Wir haben uns in Bankbetriebslehre tagelang mit der Rolle der Großbanken in der Hitlerzeit beschäftigt, in Deutsch mit dem Bild "Guernica" von Picasso und in Sozialkunde mit dem Mitbestimmungsgesetz, natürlich offline und obwohl es beim besten Willen nicht zum Stoff gehörte - und trotzdem haben nahezu alle die IHK-Prüfung mit 1 oder 2 bestanden.

Dies alles ist heute leider überwiegend nicht mehr der Fall. Ganz im Gegenteil: Unsere heutigen Schüler sind von dieser intellektuellen Selbstverwirklichung mehrheitlich meilenweit entfernt.

Ich weiß, dass es diese Klagen auch schon im alten Rom gegeben hat. Aber wir erleben es jeden Tag im Unterricht und die Banken erleben es im Unternehmen (und die Kunden am Schalter!). Und wir können es anhand unserer Unterrichts- und Prüfungsinhalte eindeutig belegen, dass die große Mehrheit unserer Azubis die früheren Prüfungen nicht mehr bestehen würde.

Daran ändern auch unsere sehr gute EDV-Ausstattung und unsere neuen Lernformen nichts.

Außer man ist der Meinung, dass ein Bankmitarbeiter von heute eigentlich nichts mehr wissen und können muss. Genügen heute schon nette Umgangsformen und verkäuferisches Geschick? Und selbst bei diesen soft kills dürften aber die heutigen Jugendlichen nicht besonders gut abschneiden.

Und dies sind nun Eindrücke von Bankauszubildenden, früher die Creme de la Creme in der Beruflichen Bildung – von anderen Ausbildungsberufen oder Arbeitslosenklassen wollen wir gar nicht sprechen.

Fazit

Schade, jetzt wo wir die beste EDV-Ausstattung und die liberalsten Lernformen hätten, jetzt fehlen uns die dazu passenden Schüler.

Schade um die tollen Möglichkeiten!

 

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