Trotz der Rückschläge
gaben Schüler nicht auf
Jugendliche der der B4 unterstützten Gleichaltrige ein Jahr lang bei der
Job-Suche - Kandidatinnen sprangen ab
Auszubildende aus dem Bereich Groß und Außenhandel der Berufsschule4 an
der Schönweißstraße (Südstadt) sind ein Jahr lang "auf Aquise" gegangen:
Sie wollten für drei Jugendliche Ausbildungsplätze finden eine bundesweit
einmalige Initiative. Dabei machten sie zum Teil bedrückende Erfahrungen.
VON HARTMUT VOIGT
Angefangen hatte alles mit einem Artikel der Nürnberger Nachrichten, in
dem sich Jugendliche der Berufsschule5 über ihre vergeblichen Versuche
äußerten, eine Lehre zu finden. Die Klasse GH10A der Berufsschule4 fühlte
sich davon angespornt, zumindest drei von ihnen zu unterstützen.
Gute Tipps
"Wir hatten erst vor kurzem die gleichen Erfahrungen gemacht und dann doch
eine Stelle gefunden", erzählt ein 17 Jähriger, "daher glaubten wir,
wirklich guti Tipps geben zu können."
Die Klasse teilte sich in neun Arbeitskreise auf: Die Gruppen sondierten,
welche Kandidaten in Frage kommen, kümmerten sich um das "Coaching" der
Betroffenen, präsentierten das Vorhaben bei zwei "Ausbildertreffen",
knüpften Kontakte zu den Medien, dokumentierten das Vorgehen, bauten eine
eigene Website im Internet auf ein Leitungsteam koordinierte schließlich
das Vorgehen. Angeregt und unterstützt wur e das Jahresprojekt von der
TheoPrax Stiftung am Fraunhofer Institut in Pfinztal.
Mit einem selbst entworfenen Fragebogen filterten die Berufschüler der B4
drei Kandidatinnen heraus. Das Coaching Team arbeitete die bisherigen
Bewerbungen mit den Jugendlichen durch und entwickelte neue Anschreiben.
Die Schüler(innen) der B 4 versuchten, die beruflichen Interessen der
gleichaltrigen "Schützlinge" herauszufinden, sie zum Nachdenken über
Fragen an den möglichen Arbeitgeber zu bewegen.
"Aber die schätzten das gar nicht, dass wir uns um sie gekümmert haben",
berichtet Azubi Werner Bauer ernüchtert, "nach drei Treffen haben sie
gemeint, es sei eine Zumutung, dass sie immer nachmittags zu uns kommen
sollten. Danach tauchten sie für Wochen ab und waren nicht mehr zu
erreichen. Zum Teil wussten deren Eltern gar nicht, welche Schule ihre
Töchter besuchen."
Bei einem "Ausbildertreffen" mit Vertretern aus Personalabteilungen
verschiedener Firmen präsentierten die engagierten B 4 Schüler ihre drei
Kandidatinnen und konnten sogar für ein Mädchen ein Vorstellungsgespräch
vereinbaren. "Wir waren allerdings leicht entsetzt, dass sie dann gar
nicht hingegangen ist", berichtet Lehrer Peter Kührt, "sie hatte sich
überlegt, dass sie statt im Großhandel lieber doch als Arzthelferin
arbeiten möchte.“
Als schließlich alle drei Kandidatinnen abgesprungen waren, weil sie keine
Lust mehr hatten, standen die Jugendlichen aus der B4 selbst vor einem
Problem: Aufgeben oder es jetzt von neuem versuchen? Sie entschieden sich
nach längerer Diskussion für einen weiteren Anlauf. In ihrem
Bekanntenkreis haben sie drei weitere Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag
gefunden, die sich beim Finden eines Jobs helfen lassen wollten. Diesmal
waren die Projekt Anbieter jedoch härter: "Wir machten sie darauf
aufmerksam, dass eine Entscheidung, egal ob für das Projekt oder dagegen,
endgültig ist", sagt B 4 Schülerin Tanja Bisch. Die Klasse GH10A kniete
sich noch einmal mit voller Energie in die Arbeit hinein: Handzettel
entwerfen, Kontakt zu den Medien, die Homepage aktualisieren, ein
"Ausbildertreffen" besuchen…
Das Erfolgserlebnis, eine(n) aus dem neuen Trio vermitteln zu können,
blieb jedoch aus. "Wir haben unser Bestes getan, aber das Interesse bei
den Ausbildern war leider gering" meinte Azubi Werner Bauer, "natürlich
ist man da etwas enttäuscht." Letztlich lief der Berufsschulklasse die
Zeit davon: Eine Stelle als Auszubildende(r) zu finden, geht nicht von
heute auf morgen das war allen klar.
Lob des Direktors
Alexander Liebel, Oberstudiendirektor der Berufsschule 4, macht seinen
Schüler(inne)n Mut: "Letztlich ist es ein Erfolg für Euer Team. Nämlich,
dass Ihr trotz allem dran geblieben seid. Jeder erleidet private oder
berufliche Niederlagen. Wichtig ist, immer wieder aufzustehen." Dörthe
Krause von der TheoPrax Stiftung des Fraunhofer Instituts würdigt das
Durchhaltevermögen der Jugendlichen: "Die größte Leistung ist, es über ein
ganzes Schuljahr durchzuziehen." Sie überreichte der Klasse ein
"Zertifikat für erfolgreiche Projektarbeit". Krause teilte mit, dass
dieses bundesweit erstmals durchgeführte Projekt .nun bei einem Karlsruher
Gymnasium seine Fortsetzung findet: "Vielleicht ist dann auch Eure
Erfahrung noch gefragt."
Informationen zum Projekt gibt es im Internet: www.jobcon.tk
Daumen rauf oder Daumen runter: Die Schüler(innen) der Klasse GH 10A in
der Berufsschule 4 bewerten die Projektarbeit eher positiv, auch wenn der
Erfolg letztlich ausgeblieben ist.
 |
(Nürnberger Nachrichten, 20.07.05 / Foto: Voigt)
|
Ein Lehrer kümmert
sich um sieben Berufsschüler
An der B4 wurden gute Erfahrungen mit
einer eigenen Klasse für die Einstiegsqualifizierung Jugendlicher
gemacht
VON MICHAEL KASPEROWITSCH
Von einem großen
Erfolg mit der so genannten Einstiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ)
sprechen die Verantwortlichen der Kaufmännischen Berufsschule 4 in
der Schönweißstraße nach ihren Erfahrungen mit diesem "Türöffner zur
Ausbildung". An der B 4 gibt es nach dem Start Anfang 2005 mit einer
Klasse im kommenden Schuljahr drei EQJ‑Klassen. Bisher bekamen danach
rund 80 Prozent der Schüler einen Ausbildungsplatz.
Vor zwei Jahren hatten sich die
Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft im nationalen Pakt für
Ausbildung unter anderem verpflichtet, insgesamt 25 000 EQJ‑Plätze
zur Verfügung zu stellen. Dabei handelt es sich um sechs‑ bis
zwölfmonatige Praktika, die möglichst in eine Ausbildungsstelle
münden sollen. Sach‑ und Personalkkosten übernehmen dabei die
Betriebe, die Bundesagentur zahlt den Jugendlichen einen Zuschuss zum
Lebensunterhalt in Höhe von 192 Euro monatlich. Für die
Sozialversicherung ihrer EQJler bekommen die Firmen 102 Euro im
Monat.
Schon 416 Verträge
Die Industrie‑ und Handelskammer
(IHK) Nürnberg hatte im Ausbildungsjahr 2004/2005 707 EQJ‑Plätze
angeboten, von denen aber nur 158 besetzt waren. Schon damals bekamen
davon aber die meisten einen Ausbildungsplatz. Im kommenden
Ausbildungsjahr gibt es 536 Plätze, aber bereits 416 abgeschlossene
EQJ‑Verträge.
Die ursprüngliche Absicht des
Paktes, die Praktikanten in einer beliebigen Fachklasse
einzuschulen, hatten B‑4‑Schulleiter Alexander Liebel und seine
zuständigen Kollegen für wenig Erfolg versprechend gehalten. An der B
4 ‑ sie bildet unter anderem in den Bereichen Bank, Groß- und
Außenhandel, Steuer oder Versicherung aus ‑ ist der Anteil von
Hauptschülern schon seit Jahren sehr niedrig. Bei den künftigen
Bankkaufleuten etwa sitzen mehrheitlich Abiturienten. Unter diesen
Umständen wäre ein Scheitern der EQJ‑Schüler programmiert, zumal sie
jeweils erst mehrere Monate nach Schulbeginn eintreffen. Die
B4‑Leitung beschloss daher, eigene EQJ‑Klassen für einen
Acht‑Wochenstunden‑Unterricht zu schaffen. Fünf Lehrer sind dort für
insgesamt rund 25 Schüler im Einsatz.
Peter Kührt und seine Kollegen an der
B 4 haben dafür drei "Qualifizierungsmodule" entwickelt: Finanzierung,
Arbeits- und Berufswelt sowie Projektdarstellung und Arbeitsmarkt.
Dabei lernen die Schüler unter anderem Buchführung,
Tabellenkalkulation, Internet-Recherche oder Englisch. Für Kührt sind
die kleinen Klassen mit ausschlaggebend für den Erfolg: Bei jeweils
sieben Schülern und einem Lehrer sind alle Schüler permanent
gefordert." Der kleine Kreis erschwere zudem den "Rückfall in alte
schulische Verhaltensgewohnheiten", gemeint sind Schwätzen, geistiges
Abtauchen oder einfach Desinteresse.
Für Unternehmen und Jugendliche sind
die bisherigen Erfahrungen absolut positiv“, sagte Schulleiter Liebel
in einer ersten Bilanz, "die Betriebe tasten sich mit der EQJ an die
Ausbildung heran, und die Schüler bekommen nach bisher oft
enttäuschender Suche eine Chance zu zeigen, dass sie auch großes
Interesse an einem Ausbildungsplatz haben. "
Nur eine Minderheit von Firmen
missbraucht, so Peter Kührt, die gute Idee EQJ, um vorübergehend
billige Mitarbeiter mit finanzieller Unterstützung des Staates
einzustellen, ohne ernsthaft eine Ausbildung des Praktikanten in
Erwägung zu ziehen. Nur Einzelne beschäftige einen EQJ-Mittarbeiter
nach dem anderen. Zu Kührts Überraschung rechnen viele Betriebe die
EQJ‑Zeit sogar auf die folgende Lehrzeit an.
Zu den diesjährigen erfolgreichen
EQJlern gehört Franziska Esrig. Nach dem Abschluss der
Wirtschaftsschule hat sie gut 50 Bewerbungen geschrieben ‑
vergeblich. "Mein erstes Vorstellungsgespräch war ein kompletter
Reinfall", erzählt sie, "ich war total aufgeregt und habe ziemlich
rumgestottert." In ihrem neunmonatigen Praktikum bei einem
Großhandelsunternehmen hatte sie Gelegenheit, die Kollegen langsam
kennen zu lernen und sich zurechtzufinden. Jetzt liegt ihr
Ausbildungsvertrag bereits auf dem Tisch ihres EQJ‑Chefs.
Verbesserungen sind für Liebel und
Kührt trotz des bisherigen Erfolgs möglich. Es würde die Arbeit der
Pädagogen an der B 4 wesentlich erleichtern, wenn die Praktikanten
alle zum gleichen Zeitpunkt mit der Schule beginnen könnten. Bisher
verteilt sich der Start über mehrere Wochen.
Um möglichst alle Betriebe und
interessierte Jugendliche zu erreichen, hat das Forschungsinstitut
Betriebliche Bildung im Rahmen eines vom Bayerischen
Wirtschaftsministerium geförderten Projekt eine Praktikumsbörse
entwickelt. Sie ist im Internet unter www.eqj‑bayern.de zu
erreichen.
|
(Quelle:
NN, 10.08.2006)
Anmerkung (aus Lehrerperspektive): Leider waren in der
Klasse nicht nur sieben Schüler - es handelte sich vielmehr um sieben
Schüler/innen aus zwei EQJ-Klassen mit insgesamt 56 Schüler/innen. Hier
hatte der Journalist offenbar etwas missverstanden (was dann gleich zu
besorgten Nachfragen der Regierung in Ansbach führte!). Sieben Schüler in
einer Klasse werden wohl vorerst nur ein pädagogischer Traum bleiben...
Nürnberger Nachrichten, Mittwoch, 23. Juli 2008
(Nürnberg Extra)
Einmal Politiker sein
Berufsschüler spielten einen Tag lang Landtag
VON MICHAELA ZIMMERMANN
Videoüberwachung in öffentlichen Räumen? Die angehenden Bankkaufleute an
der Städtischen Berufschule 4 sind schwer dafür. In einem Planspiel "Der
Landtag sind wir" verabschiedeten sie eine entsprechende
Gesetzesinitiative.
Ihren Lehrer und Initiator des Spiels, Peter Kührt, überrascht das
Ergebnis nicht: "Ich kenne meine Schüler, die sind fast alle eher
konservativ, ganz selten, dass mal ein grüner Umweltaktivist dabei ist."
Kührt unterrichtet die angehenden Banker in Sozialkunde. Doch mit dem
politischen Wissen war es bei ihnen bis vor kurzem nicht weit her. "Als
ich die beiden 12. Klassen übernahm, war ich schockiert, wie blank sie
waren." Der Studiendirektor wollte und konnte das so nicht stehen lassen
und hatte eine Idee. Er bewarb sich beim Bayerischen Landtag um das
Planspiel "Der Landtag sind wir" und bekam prompt den Zuschlag.
So konnte das Spiel in Kooperation mit dem Zentrum für angewandte
Politikforschung der Universität München und der Forschungsgruppe Jugend
und Europa beim Bayerischen Landtag in der Berufsschule über die Bühne
gehen' Und die Jugendlichen lernten auf diese Weise, quasi durch die
Hintertür, eine ganze Menge über die Landespolitik und die Funktion des
Landtags.
53 Schülerinnen und Schüler machten mit und waren von Anfang an mit
Feuereifer bei der Sache, erzählt Kührt. Ganz egal, welche Rolle sie
bekleideten. Ob sie Mitglied einer der drei Fraktionen oder Vertreter der
Presse mimten. Die Rollen wurden ausgelost, und so manch' einer sah sich
der Herausforderung gegenüber, einen 72-jährigen Landwirt aus Niederbayern
zu spielen. Mit 40 Jahren CSU-Mitgliedschaft auf dem Buckel und wild
entschlossen, die Belange seiner Branche im Landtag zu vertreten. Peter
Kührt war von der schauspielerischen Leistung seiner Schüler begeistert:
"Es war wirklich fantastisch, wie überzeugend wie sie in die verschiedenen
Rollen geschlüpft sind." Die Presse, natürlich NN und NZ, habe alle 20
Minuten einen neuen Text geliefert, und die Fraktionen bekriegt sich fast
wie im richtigen Leben.
In einer inszenierten Talkshow, beim Bayerischen Rundfunk, traten die
Fraktionssprecher schließlich gegeneinander an. Die Vertreter von SPD und
Grünen, erzählt Kührt , seien chancenlos gewesen. Es war schnell klar,
dass die CSU ihren Vorschlag, die Überwachung von öffentlichen Plätzen
mittels Videokameras, durchdrücken werde. Praktischen Rat am Planspieltag
holten sich die Schuler von einer, die weiß, wie der Landtag funktioniert.
MdL Angelika Weikert (SPD) nahm sich viel Zeit, den jungen Erwachsenen zu
erklären, wie es im Landtag läuft. So verwandelten sich die anfangs
politikverdrossenen Berufsschüler auf einmal in ambitionierte
Hobby-Politiker. Das Planspiel machte es möglicht. Studiendirektor Kührt
freut sich über die Entwicklung. "Sonst haben all bei politischen Themen
gestöhnt und die Augen verdreht.“ Auf einmal diskutieren die Schüler im
Unterricht über politische Entwicklungen. Das Interesse zeigt sich auch
daran, dass alle 53 jungen Planspieler sich zu einer Fahrt zur
Besichtigung des Bayerischen Landtages angemeldet haben. Damit hatte
selbst Kührt nicht gerechnet.
Bilduntertitel (das Foto wurde aus urheberrechtlichen
Gründen nicht übernommen): Die "Presse" bei ihrer Arbeit. Alle 20 Minuten
verfassen die Schüler einen neuen Artikel.
Nürnberger Zeitung vom 19.07.2008 (Nürnberg Plus)
Schüler der Berufsschule inszenierten den Landtag
Ist das alles nur ein Planspiel?
VON MATHIAS ORGELDINGER
So viel Präsenz war selten. Gleich drei Journalisten der NZ berichteten am
Donnerstag von der konstituierenden Sitzung des Bayerischen Landtags, der
ausnahmsweise in Raum 227 der Berufsschule 4 tagte. Thema des Planspiels:
"Der Landtag sind wir."
Den "NZ-Redakteurinnen" Saskia Range und Sabrina Geitner fiel keine
leichte Aufgabe zu. Sie sollten die traditionsreiche Zeitung im
Boulevard-Stil aufziehen. "Schreibt frei von der Leber weg. Ihr müsst
kreativ und schnell sein", forderte Bernd Knüfel, einer der Spielleiter,
von der Forschungsgruppe Jugend und Europa" (FGJE) am "Zentrum für
angewandte Politikforschung" der Universität München.
Das ließen sich die beiden angehenden Bankkauffrauen nicht zweimal sagen.
Unbemerkt schlichen sie in den "Fraktionsraum" der "CSU" und schossen
kompromittierende Fotos von "Abgeordneten". Dann rannten sie ins
"Pressezentrum", das mit moderner Computertechnik ausgestattet war. Saskia
rief die Internetseite der Zeitung mit den vier Buchstaben auf und klaute
eine Überschrift. Darunter eine knappe Meldung. Zwei Fotos, blitzschnell
von der Digitalkamera ins Layout gebracht. Fertig.
Während die Kolleginnen von der "NN" noch an einer seriösen "Bleiwüste"
bastelten - deren Fotografin war gerade unauffindbar - hing der "NZ-Aufmacher"
schon am schwarzen Brett des "Pressebüros": "Hippie-Alarm im Bayerischen
Landtag. CSU-Abgeordnete wollen lieber Spaß, als sich um die Belange des
Volkes zu kümmern". "Das war ziemlich gemein", bekannte Range. Nur ein
Planspiel?
Die 49 Schüler aus zwei Bankfachklassen wurden nach den
Mehrheitsverhältnissen im Maximilianeum aufgeteilt. Jeder bekam eine
konkrete Rolle zugewiesen, die er ausfüllen sollte. Da gab es zum Beispiel
den oberbayerischen Landwirt von der "CSU" oder den Unternehmensberater
aus Ansbach von der "SPD".
"Als Abgeordnete müsst ihr die Interessen des gesamten bayerischen Volkes
vertreten und seid nur eurem Gewissen unterworfen", dozierte Leo
Meyer-Giesow von der Forschungsgruppe. In den Ausschüssen könne auf der
Basis von Sachargumenten frei diskutiert werden, im Plenum müsse man
allerdings die Beschlüsse der Fraktionsmehrheit vertreten, riet der
Spielleiter. "Wie soll das funktionieren?", fragte ein Schüler. Nur ein
Planspiel? "Wo der Sozialkundeunterricht zusammengestrichen wird, können
die Jugendlichen nicht viel über Politik wissen", sagte Prof. Andreas
Schumann, Lehrstuhlinhaber für Literaturdidaktik an der Universität
Osnabrück.
Er hilft dem Spielleiterteam gelegentlich als "Springer" aus. Wenn die
Jugendlichen in die Rolle von Abgeordneten schlüpften und in fünf Stunden
einen Gesetzentwurf erarbeiteten, würden politische Entscheidungsprozesse
direkt erlebbar, erklärte Schumann. Das Planspiel sei ein wichtiges Mittel
der politischen Jugendbildung Die Schule habe das Szenario bestens
vorbereitet.
Das Lob galt Studiendirektor Peter Kührt, der die Bankfachklassen betreut.
"Bei den heutigen Jugendlichen darf man das Wort Politik nicht in den Mund
nehmen",' so Kührt. Er sei gespannt, wie das fiktive Gesetz zur
"Videoüberwachung in öffentlichen Räumen" formuliert werde. Die angehenden
Bänker seien mehr dem konservativen Spektrum zuzurechnen, meinte der
Berufsschullehrer.
Wie recht er hatte. Mit den Stimmen der "CSU" und einiger "SPDler"
verabschiedete der "Landtag" in zweiter Lesung ein fiktives Gesetz. Dieses
verpflichtet alle bayerischen Großstädte, ihre Innenstädte mit
Videokameras zu überwachen. Nur die vier "grünen Abgeordneten" stimmten
dagegen.
Doch zum Zeitpunkt der Abstimmung saß der echte NZ-Reporter schon wieder
an seinem Arbeitsplatz. Wie sagte doch Spielleiter Knüfel: "Im
Online-Zeitalter ist Schnelligkeit alles."
Bilduntertitel (das Foto wurde aus urheberrechtlichen
Gründen nicht übernommen): Saskia Range übernahm den Part einer
Redakteurin bei der Nürnberger Zeitung. Allerdings mutierte die seriöse NZ
für dieses Planspiel zu einem reißerischen Revolverblatt ohne
journalistisches Verantwortungsgefühl.
"B4 on Air" - ein Banklehrer informiert die Hörer von
Radio Gong über die Finanzkrise
Auch wenn der Sachverstand von Lehrern in der Öffentlichkeit nur selten
gefragt ist, die Finanzkrise macht es möglich. Am Montag, 20.10.2008,
informiert Dr. Peter Kührt, ein Lehrer in Bankfachklassen an der
Berufsschule 4, Kompetenzzentrum für Kaufmannsberufe, in einer
Sondersendung von Radio Gong 97.1 über die Konsequenzen der Finanzkrise
für Nürnberger Sparer und beantwortet Hörerfragen zur Geldanlage.
Herr Dr. Kührt hat nicht nur viele Mitarbeiter Nürnberger
Kreditinstitute (mit)ausgebildet, er ist auch Autor zahlreicher
Veröffentlichungen im Bereich Volkwirtschaftslehre und hatte hierzu
auch mehrere Lehraufträge an Hochschulen und Universitäten.
Termin: Montag, 20.10.2008, 9-10 Uhr, anschließend Beantwortung von
Hörerfragen
Quelle:
http://www.nuernberg.de/internet/berufsschule_4/ (Rubrik Aktuelles vom
15.10.2008)
NÜRNBERGER NACHRICHTEN vom 06.03.2009
Für den Wahlsieg half den "Christen" auch kein Beten
65 Schüler der
Berufsschule B4 lernen die Konflikte in einer Demokratie durch ein
Planspiel hautnah kennen
VON ALEXANDRA
HADERLEIN
Für zwei Tage
lebten 65 Berufsschüler der B4 in ihrer eigenen Welt: Bei einem Planspiel
der Friedrich-Ebert-Stiftung spielten sie zwei Tage lang das Szenario
einer Staatsneugründung nach und schlüpften dafür in die Rollen von
Politikern und Lobbyisten, um den Staat Fontanien nach ihren eigenen
Vorstellungen im Sinne der Demokratie zu gestalteten.
Während die
"Politiker", organisiert in insgesamt sechs fiktiven Parteien
Wahlprogramme entwickeln, Wahlkampf betreiben und durch Plakate und
Interviews versuchen, Stimmung zu machen, um die Wähler auf ihre Seite zu
ziehen, betreibt der andere Teil Lobbyarbeit. Die verschiedenen
Gruppierungen und Vereine aus Kirche, Unternehmertum, Umwelt, Bildung und
Familie versuchen ihrerseits, die Programme der Parteien dadurch zu
beeinflussen.
Warum es solche
Projekte braucht, erklärt Berufsschullehrer Peter Kührt: "Wir möchten,
dass die jungen Menschen mehr Sensibilität für den Wert der Demokratie
entwickeln und das später auf ihre Umgebung übertragen."
Sogar die
Bäckerin ist integriert
Voller Eifer,
Kreativität und Engagement betätigen sich alle Berufsschüler an dem
Projekt, das die Regeln und Gegebenheiten aus der Wirklichkeit übernommen
hat: Auch in dem fiktiven Staat mit 20 Millionen Einwohnern gibt es
Migranten und verschiedene Glaubensrichtungen.
Und auch die nahe
gelegene Bäckerei kommt um Fontanien nicht herum: Auch sie wird zum
Handlungsort, als das Presseteam des Planspiels bei der Verkäuferin
nachfragt, was sie von den einzelnen Wahlkampagnen hält. Eine der größten,
an der keiner vorbeikommt, hat das Team der Christlichen Volkspartei
(CVP).
Sie denken nur noch
in Fontanisch und versuchen, die vorgegebene soziale Situation der
Fontanier mit allen Mitteln zu verbessern. Um auch wirklich jeden davon zu
überzeugen, dass die CVP dies am besten kann, hat das Team schon auf dem
Weg zum Plenarsaal, in dem das Planspiel stattfindet eine Unmenge an
Wahlplakaten aufgehängt und tapezierte damit schon fast das ganze
Schulhaus.
"Unsere Flyer haben
wir jedem, auch nicht am Planspiel Beteiligten, in die Hand gedrückt.
Sogar am Klo hängen unsere Wahlplakate, denn schließlich muss dort jeder
hin", schildert Martina Stefan (20), die Beraterin des Parteichefs, die
Überzeugungsstrategie.
Unstimmigkeiten
in der Partei
Während die CVP am
Ende bei der Wahl auf einem der vorderen Plätze landet, wird die
Bürgerbewegung Grünes Fontanien den letzten Rang belegen. Eine
Rechfertigung für den letzten Platz hat die Partei um Parteivorsitzenden
Robert Reitz (23) schon gefunden.
"Wir hatten
Unstimmigkeiten in der Partei, die Planspiel-Presse hat's aufgeschnappt
und uns daraufhin ziemlich runtergemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass
die Medien solch einen Einfluss auf die Demokratie und eine Partei haben
können", erklärt Reitz.
Veränderter Blick
auf Politik
Dass sich der Blick
auf die Politik verändert hat, kann die 21-jährige Teilnehmerin Katharina
Wallender nur bestätigen, die nun viel genauer das politische Geschehen im
Fernsehen beobachten würde: "Ich habe in diesen zwei Tagen viel
dazugelernt. Wir haben uns intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, und
ich habe gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, eine für alle
akzeptable Mitte zu finden.
Koalitionsverhandlungen führen
Die Mitte zu finden
galt es letztlich auch nach der Wahl: 33 Stimmen hätte eine Partei zur
alleinigen Regierung gebraucht. Doch weder die CVP noch die Partei für ein
liberales Fontanien (PLF) erreichten die absolute Mehrheit. "Nun müsst ihr
Koalitionsverhandlungen führen", schildert Reemt Behrens, Leiter des
Projektspiels, das weitere Vorgehen.
Doch dabei zeigt
sich, dass die Taktik der" Christen" nicht aufging: Letzten Endes bildeten
die Liberalen mit den Sozialdemokraten eine Koalition und verdrängen die
CVP auf den Platz der Opposition. Die Planspiel-Presse wird deshalb am
Ende des zweiten Tages titeln: "Da half auch kein Beten!"
[Bilduntertitel: Heiße Debatten gab es bei der Elefantenrunde des
PlanspieIs "Demokratielabor". Die eigene Partei durch ein gutes
Wahlprogramm und eine perfekte Werbekampagne für sich zu gewinnen, war die
Herausforderung – das Bild selbst wird hier nicht wiedergegeben]
NN-Online vom 06.03.2009
Berufsschüler spüren Demokratie
hautnah
Ein Planspiel soll zeigen, dass Demokratie nicht einfach ist
NÜRNBERG - Während die «Politiker«, organisiert in insgesamt sechs
fiktiven Parteien Wahlprogramme entwickeln, Wahlkampf betreiben und durch
Plakate und Interviews versuchen, Stimmung zu machen, um die Wähler auf
ihre Seite zu ziehen, betreibt der andere Teil Lobbyarbeit. Die
verschiedenen Gruppierungen und Vereine aus Kirche, Unternehmertum,
Umwelt, Bildung und Familie versuchen ihrerseits, die Programme der
Parteien dadurch zu beeinflussen.
Warum es solche Projekte braucht, erklärt Berufsschullehrer Peter Kührt:
«Wir möchten, dass die jungen Menschen mehr Sensibilität für den Wert der
Demokratie entwickeln und das später auf ihre Umgebung übertragen.«
Fiktiver Staat mit 20 Millionen Einwohnern
Voller Eifer, Kreativität und Engagement betätigen sich alle Berufsschüler
an dem Projekt, das die Regeln und Gegebenheiten aus der Wirklichkeit
übernommen hat: Auch in dem fiktiven Staat mit 20 Millionen Einwohnern
gibt es Migranten und verschiedene Glaubensrichtungen.
Und auch die nahe gelegene Bäckerei kommt um Fontanien nicht herum: Auch
sie wird zum Handlungsort, als das Presseteam des Planspiels bei der
Verkäuferin nachfragt, was sie von den einzelnen Wahlkampagnen hält. Eine
der größten, an der keiner vorbeikommt, hat das Team der Christlichen
Volkspartei (CVP).
Sie denken nur noch in Fontanisch und versuchen, die vorgegebene soziale
Situation der Fontanier mit allen Mitteln zu verbessern. Um auch wirklich
jeden davon zu überzeugen, dass die CVP dies am besten kann, hat das Team
schon auf dem Weg zum Plenarsaal, in dem das Planspiel stattfindet eine
Unmenge an Wahlplakaten aufgehängt und tapezierte damit schon fast das
ganze Schulhaus.
«Unsere Flyer haben wir jedem, auch nicht am Planspiel Beteiligten, in die
Hand gedrückt. Sogar am Klo hängen unsere Wahlplakate, denn schließlich
muss dort jeder hin«, schildert Martina Stefan (20), die Beraterin des
Parteichefs, die Überzeugungsstrategie.
Die Macht der Medien
Während die CVP am Ende bei der Wahl auf einem der vorderen Plätze landet,
wird die Bürgerbewegung Grünes Fontanien den letzten Rang belegen. Eine
Rechtfertigung für den letzten Platz hat die Partei um Parteivorsitzenden
Robert Reitz (23) schon gefunden.
«Wir hatten Unstimmigkeiten in der Partei, die Planspiel-Presse hat’s
aufgeschnappt und uns daraufhin ziemlich rundgemacht. Ich hätte nicht
gedacht, dass die Medien solch einen Einfluss auf die Demokratie und eine
Partei haben können«, erklärt Reitz.
Dass sich der Blick auf die Politik verändert hat, kann die 21-jährige
Teilnehmerin Katharina Wallender nur bestätigen, die nun viel genauer das
politische Geschehen im Fernsehen beobachten würde: «Ich habe in diesen
zwei Tagen viel dazugelernt. Wir haben uns intensiv mit dem Thema
auseinandergesetzt, und ich habe gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist,
eine für alle akzeptable Mitte zu finden.«
Die Taktik der «Christen« ging nicht auf
Die Mitte zu finden galt es letztlich auch nach der Wahl: 33 Stimmen hätte
eine Partei zur alleinigen Regierung gebraucht. Doch weder die CVP noch
die Partei für ein liberales Fontanien (PLF) erreichten die absolute
Mehrheit. «Nun müsst ihr Koalitionsverhandlung führen«, schildert Reemt
Behrens, Leiter des Projektspiels, das weitere Vorgehen.
Doch dabei zeigt sich, dass die Taktik der «Christen« nicht aufging:
Letzten Endes bildeten die Liberalen mit den Sozialdemokraten eine
Koalition und verdrängen die CVP auf den Platz der Opposition. Die
Planspiel-Presse wird deshalb am Ende des zweiten Tages titeln: «Da half
auch kein Beten!«
Alexandra Haderlein
6.3.2009
© NÜRNBERGER NACHRICHTEN
Quelle:
http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=979164&kat=10
Nürnberger Nachrichten vom 19.06.2009
„Politik ist was für Erwachsene“
Berufsschüler befragten 600 Jugendliche - Weit weg
vom eigenen Alltag
VON SILKE ROENNEFAHRT
Ist die Demokratie ein Auslaufmodell? Schüler der Berufsschule B4 wollten
es genau er wissen Lind luden 600 Gleichaltrige zu einer Online-Befragung
ein - mit zum Teil erschreckenden Ergebnissen.
"Politik, das ist doch was für Erwachsene." Mit dieser Einstellung ging
Christian Sekora an das Demokratieprojekt heran. Damals noch nicht
volljährig, durfte der angehende Bankkaufmann nicht wählen und hatte auch
sonst mit Politik nicht viel am Hut Mit unserem Alltag hat das, was die
Parteien machen, nicht viel zu tun", sagt auch Luana Dietl. Und ihre
Mitschülerin Marina Cupic (20) räumt ein, dass sie sich bei ihrer
Wahlentscheidung daheim in Kroatien früher an den Eltern orientiert hat
Das hat sich gründlich geändert. Seit einem Jahr sind die Jugendlichen
gemeinsam mit ihrem Lehrer Peter Kührt der Demokratie auf der Spur haben
in einem Planspiel Parteien gegrundet, Koalitionsverhandlungen geführt und
die Befragung organisiert. Den Anstoß dazu gab eine Untersuchung der
Friedrich-Ebert-Stiftung, die Erschreckendes zu Tage förderte. Jeder
dritte Bundesbürger glaubt demnach nicht mehr daran, dass Demokratie
Probleme löst. Jeder Fünfte hält die Demokratie als Regierungsform nicht
für verteidigenswert. Und immerhin fast jeder Zweite will bei der
Bundestagswahl im Herbst vielleicht zu Hause bleiben.
Ergebnisse, die quer durch alle Altersschichten gelten, wie Serge Embacher
von der Friedrich-Ebert Stiftung betont. Immerhin: Das ausgeprägte
Desinteresse der Jugendlichen an Politik, von dem in der Öffentlichkeit
immer mal wieder die Rede ist konnte laut Embacher "überhaupt nicht"
bestätigt werden.
Doch die angehenden Bankkaufleute aus Nürnberg wollten e genauer wissen.
Sie befragten über 600 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren Und auch wenn
die Schüler mit ihren bescheidenen Mitteln keine statistisch
repräsentative Umfrage auf die Beine stellen konnten, so erreichten sie
doch Teilnehmer alle Schularten und gehen davon aus, dass die Ergebnisse
durchaus Rückschlüsse auf einen großen Teil der Altersgruppe erlauben.
"Demokratie ist wichtig"
Heraus kam zunächst einmal Beruhigendes: Immerhin zwei Drittel der
Befragten halten es demnach für wichtig, in einer Demokratie zu leben, und
zwar unabhängig vom Geschlecht oder Schulabschluss. Und rund 70 Prozent
denken auch, dass die Demokratie eine gute Staatsform ist und dass andere
Regierungsformen keine Alter native wären. Die große Mehrheit fühlt sich
ausreichend über Demokratie informiert, hat ihr Wissen aus der Schule (44
Prozent), den Medien oder der Familie. Wie viel von dieser
Selbsteinschätzung zu halten ist, prüften die Schüler mit einer weiteren
Frage ab und kamen zu ihrem wohl erschreckendsten Ergebnis: Jeder Fünfte
hielt demnach die DDR für eine Demokratie, unter den Gymnasiasten liegt
dieser Anteil sogar noch höher. Und immerhin 9,2 Prozent glauben, in einer
Diktatur bessere persönliche Chancen zu haben.
Nur gut die Hälfte hält Parlamente für so wichtig, dass man sie "auf
keinen Fall" abschaffen sollte, die anderen sind sich da nicht ganz so
sicher. Und jeder Fünfte wünscht sich mehr extreme Parteien im Parlament,
nur die Hälfte lehnt dies ab. 60 Prozent würden den Bundeskanzler gern
direkt wählen, 82 Prozent möchten über umstrittene Gesetze selbst
abstimmen. Das Gefühl, mit ihrer Stimme am Wahltag etwas bewirken zu
können, haben dagegen nur 18 Prozent. Und dass sie nur zwischen " schlecht
" und "noch schlechter" entscheiden können, glauben 60 Prozent.
Discobesuche und Alkohol erst ab 21 Jahren? Nur sieben Prozent würden sich
gegen eine sie so direkt betreffende Gesetzesänderung auf politischem Wege
wehren. „Ich würde versuchen, meinen Ausweis zu falschen", antworteten
dagegen 20 Prozent.
40 Prozent haben kein oder wenig Interesse an Politik, weil sie sich
"nicht damit auskennen", wie jeder Dritte antwortete. Ein Ergebnis, das in
den Augen der Berufsschüler durchaus auch Chancen bietet. Wie sinnvoll
politische Bildung ist, haben sie selbst erlebt. Er habe viel dazugelernt,
sagt Sekora. Bislang sei das Thema für sie immer weit weg gewesen,
ergänzen Nadine Graml und Sabrina Dingfelder. "Jetzt haben wir das Gefühl,
was ändern zu können."
Nürnberger Zeitung vom 27. Juni 2009
Demokratie-Umfrage an der Berufsschule 4
Viele Politiker sind unglaubwürdig
Demokratie scheint langsam aus der Mode zu kommen. Eine Studie der
Friedrich-Ebert-Stiftung von 2008 hat ermittelt, dass ein Drittel der
Deutschen wenig vom demokratischen Gesellschaftsmodell hält. Dieses
Ergebnis nahmen angehende Bankkaufleute der Berufsschule 4 zum Anlass für
eine eigene Befragung unter Schülern der 9. und 13. Klassen.
Das Planspiel "Demokratielabor" und eine Projektwoche zur Wechselwirkung
zwischen Armut und Rassismus wurden bereits an der B 4 durchgeführt. Die
Befragung zum Demokratieverständnis von Jugendlichen bildet Teil drei des
ganzjährigen Schülerprojekts „Auslaufmodell Demokratie?". Als
Projektkoordinator federführend ist Peter Kührt. "Für die Befragung
standen uns nur vier Tage zur Verfügung. Vieles geschah deshalb in der
Freizeit der Berufsschüler erläutert der Studiendirektor.
Befragt wurden Angehörige unterschiedlicher Schularten, beide Geschlechter
sind gleich stark vertreten. Der Fragebogen ist in fünf Komplexe
gegliedert. 616 Bögen konnten letztendlich ausgewertet werden.
Die Einstiegsfrage lautet: "Glauben Sie, dass es für
Jugendliche in Deutschland von Bedeutung ist, dass sie in einer Demokratie
leben?" 62,8 Prozent antworteten mit " Ja ". Mehr als 80 Prozent stuften
Demokratie als "gute Staatsform" ein. Sogar 85 Prozent gaben an, ihr
Wissensstand bezüglich Demokratie sei gut bis ausreichend. Schule, Medien
und Familie wurden als wichtigste Informationsqellen angegeben.
67,4 Prozent der über 18-Jährigen gehen nach eigenem Bekunden regelmäßig
zur Wahl, egal ob Abiturient oder Hauptschüler. Fast zwei Drittel sahen
die wichtige Funktion der Parlamente. Die Politiker der etablierten
Parteien stuften etliche als zu glatt und unglaubwürdig ein. 20 Prozent
wünschten sich extreme Gruppierungen in die Parlamente.
Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wurde als zentrales
politisches Ziel eingestuft. Fast 30 Prozent der Befragten sahen hier
Nachholbedarf. 82,7 Prozent forderten, dass die Bevölkerung über
umstrittene Gesetze selbst abstimmen darf. Auf die Frage "Haben Sie das
Gefühl, mit Ihrer Stimme am Wahltag tatsächlich etwas zu bewirken?",
antworten 17,9 Prozent mit "Ja".
Neue Politiker mit Charisma wie Barack Obama braucht das Land, meinten gut
40 Prozent. 82 Prozent würden akzeptieren, wenn in ihren Lieblingsserien
"mehr aktuelle, politische Themen vorkommen würden". Ein Engagement von
Promis bei politischen Veranstaltungen favorisierten hingegen wenige.
Überhaupt kein Interesse an Politik hatten 10,4 Prozent, bei 30,5 Prozent
war der Wissensdurst kaum ausgeprägt. Das Desinteresse wurde mit "keine
Zeit“ oder "zu komplex" begründet.
Außerdem hagelt es harsche Kritik an Politikern ("Kein Bezug zur Jugend",
"geldgeile Säcke"). "Diskothekenbesuch sowie Alkoholkonsum in der
Öffentlichkeit erst ab dem 21. Lebensjahr?" Bei dieser Frage erhitzten
sich die Gemüter. Mit dem Fälschen. seines Ausweises liebäugelte jeder
Fünfte. Viele entschieden sich letztendlich für Resignation: Die
Antwortmöglichkeit "Ich kann sowieso nichts daran ändern", kreuzen 46
Prozent der Jugendlichen an.
Thomas Susemihl