Trotz der Rückschläge gaben Schüler
nicht auf
Jugendliche der der B4 unterstützten Gleichaltrige ein Jahr lang bei der Job-Suche -
Kandidatinnen sprangen ab
Auszubildende aus dem Bereich Groß und Außenhandel der Berufsschule4 an der
Schönweißstraße (Südstadt) sind ein Jahr lang "auf Aquise" gegangen: Sie
wollten für drei Jugendliche Ausbildungsplätze finden eine bundesweit einmalige
Initiative. Dabei machten sie zum Teil bedrückende Erfahrungen.
VON HARTMUT VOIGT
Angefangen hatte alles mit einem Artikel der Nürnberger Nachrichten, in dem sich
Jugendliche der Berufsschule5 über ihre vergeblichen Versuche äußerten, eine Lehre zu
finden. Die Klasse GH10A der Berufsschule4 fühlte sich davon angespornt, zumindest drei
von ihnen zu unterstützen.
Gute Tipps
"Wir hatten erst vor kurzem die gleichen Erfahrungen gemacht und dann doch eine
Stelle gefunden", erzählt ein 17 Jähriger, "daher glaubten wir, wirklich guti
Tipps geben zu können."
Die Klasse teilte sich in neun Arbeitskreise auf: Die Gruppen sondierten, welche
Kandidaten in Frage kommen, kümmerten sich um das "Coaching" der Betroffenen,
präsentierten das Vorhaben bei zwei "Ausbildertreffen", knüpften Kontakte zu
den Medien, dokumentierten das Vorgehen, bauten eine eigene Website im Internet auf ein
Leitungsteam koordinierte schließlich das Vorgehen. Angeregt und unterstützt wur e das
Jahresprojekt von der TheoPrax Stiftung am Fraunhofer Institut in Pfinztal.
Mit einem selbst entworfenen Fragebogen filterten die Berufschüler der B4 drei
Kandidatinnen heraus. Das Coaching Team arbeitete die bisherigen Bewerbungen mit den
Jugendlichen durch und entwickelte neue Anschreiben. Die Schüler(innen) der B 4
versuchten, die beruflichen Interessen der gleichaltrigen "Schützlinge"
herauszufinden, sie zum Nachdenken über Fragen an den möglichen Arbeitgeber zu bewegen.
"Aber die schätzten das gar nicht, dass wir uns um sie gekümmert haben",
berichtet Azubi Werner Bauer ernüchtert, "nach drei Treffen haben sie gemeint, es
sei eine Zumutung, dass sie immer nachmittags zu uns kommen sollten. Danach tauchten sie
für Wochen ab und waren nicht mehr zu erreichen. Zum Teil wussten deren Eltern gar nicht,
welche Schule ihre Töchter besuchen."
Bei einem "Ausbildertreffen" mit Vertretern aus Personalabteilungen
verschiedener Firmen präsentierten die engagierten B 4 Schüler ihre drei Kandidatinnen
und konnten sogar für ein Mädchen ein Vorstellungsgespräch vereinbaren. "Wir waren
allerdings leicht entsetzt, dass sie dann gar nicht hingegangen ist", berichtet
Lehrer Peter Kührt, "sie hatte sich überlegt, dass sie statt im Großhandel lieber
doch als Arzthelferin arbeiten möchte.
Als schließlich alle drei Kandidatinnen abgesprungen waren, weil sie keine Lust mehr
hatten, standen die Jugendlichen aus der B4 selbst vor einem Problem: Aufgeben oder es
jetzt von neuem versuchen? Sie entschieden sich nach längerer Diskussion für einen
weiteren Anlauf. In ihrem Bekanntenkreis haben sie drei weitere Jugendliche ohne
Ausbildungsvertrag gefunden, die sich beim Finden eines Jobs helfen lassen wollten.
Diesmal waren die Projekt Anbieter jedoch härter: "Wir machten sie darauf
aufmerksam, dass eine Entscheidung, egal ob für das Projekt oder dagegen, endgültig
ist", sagt B 4 Schülerin Tanja Bisch. Die Klasse GH10A kniete sich noch einmal mit
voller Energie in die Arbeit hinein: Handzettel entwerfen, Kontakt zu den Medien, die
Homepage aktualisieren, ein "Ausbildertreffen" besuchen
Das Erfolgserlebnis, eine(n) aus dem neuen Trio vermitteln zu können, blieb jedoch aus.
"Wir haben unser Bestes getan, aber das Interesse bei den Ausbildern war leider
gering" meinte Azubi Werner Bauer, "natürlich ist man da etwas
enttäuscht." Letztlich lief der Berufsschulklasse die Zeit davon: Eine Stelle als
Auszubildende(r) zu finden, geht nicht von heute auf morgen das war allen klar.
Lob des Direktors
Alexander Liebel, Oberstudiendirektor der Berufsschule 4, macht seinen Schüler(inne)n
Mut: "Letztlich ist es ein Erfolg für Euer Team. Nämlich, dass Ihr trotz allem dran
geblieben seid. Jeder erleidet private oder berufliche Niederlagen. Wichtig ist, immer
wieder aufzustehen." Dörthe Krause von der TheoPrax Stiftung des Fraunhofer
Instituts würdigt das Durchhaltevermögen der Jugendlichen: "Die größte Leistung
ist, es über ein ganzes Schuljahr durchzuziehen." Sie überreichte der Klasse ein
"Zertifikat für erfolgreiche Projektarbeit". Krause teilte mit, dass dieses
bundesweit erstmals durchgeführte Projekt .nun bei einem Karlsruher Gymnasium seine
Fortsetzung findet: "Vielleicht ist dann auch Eure Erfahrung noch gefragt."
Informationen zum Projekt gibt es im Internet: www.jobcon.tk
Daumen rauf oder Daumen runter: Die Schüler(innen) der Klasse GH 10A in der Berufsschule
4 bewerten die Projektarbeit eher positiv, auch wenn der Erfolg letztlich
ausgeblieben ist. 
|
(Nürnberger Nachrichten, 20.07.05 /
Foto: Voigt)
Ein Lehrer kümmert sich um sieben
Berufsschüler
An der
B4 wurden gute Erfahrungen mit einer eigenen Klasse für die Einstiegsqualifizierung
Jugendlicher gemacht
VON
MICHAEL KASPEROWITSCH
Von einem großen Erfolg mit der so
genannten Einstiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ) sprechen die Verantwortlichen der
Kaufmännischen Berufsschule 4 in der Schönweißstraße nach ihren Erfahrungen mit
diesem "Türöffner zur Ausbildung". An der B 4 gibt es nach dem Start Anfang
2005 mit einer Klasse im kommenden Schuljahr drei EQJ-Klassen. Bisher bekamen danach rund
80 Prozent der Schüler einen Ausbildungsplatz.
Vor
zwei Jahren hatten sich die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft im nationalen
Pakt für Ausbildung unter anderem verpflichtet, insgesamt 25 000 EQJ-Plätze zur
Verfügung zu stellen. Dabei handelt es sich um sechs- bis zwölfmonatige Praktika,
die möglichst in eine Ausbildungsstelle münden sollen. Sach- und Personalkkosten
übernehmen dabei die Betriebe, die Bundesagentur zahlt den Jugendlichen einen Zuschuss
zum Lebensunterhalt in Höhe von 192 Euro monatlich. Für die Sozialversicherung ihrer
EQJler bekommen die Firmen 102 Euro im Monat.
Schon
416 Verträge
Die
Industrie- und Handelskammer (IHK) Nürnberg hatte im Ausbildungsjahr 2004/2005 707
EQJ-Plätze angeboten, von denen aber nur 158 besetzt waren. Schon damals bekamen davon
aber die meisten einen Ausbildungsplatz. Im kommenden Ausbildungsjahr gibt es 536
Plätze, aber bereits 416 abgeschlossene EQJ-Verträge.
Die
ursprüngliche Absicht des Paktes, die Praktikanten in einer beliebigen Fachklasse
einzuschulen, hatten B-4-Schulleiter Alexander Liebel und seine zuständigen Kollegen für
wenig Erfolg versprechend gehalten. An der B 4 - sie bildet unter anderem in den
Bereichen Bank, Groß- und Außenhandel, Steuer oder Versicherung aus - ist der Anteil
von Hauptschülern schon seit Jahren sehr niedrig. Bei den künftigen Bankkaufleuten
etwa sitzen mehrheitlich Abiturienten. Unter diesen Umständen wäre ein Scheitern der
EQJ-Schüler programmiert, zumal sie jeweils erst mehrere Monate nach Schulbeginn
eintreffen. Die B4-Leitung beschloss daher, eigene EQJ-Klassen für einen
Acht-Wochenstunden-Unterricht zu schaffen. Fünf Lehrer sind dort für insgesamt rund
25 Schüler im Einsatz.
Peter
Kührt und seine Kollegen an der B 4 haben dafür drei "Qualifizierungsmodule"
entwickelt: Finanzierung, Arbeits- und Berufswelt sowie Projektdarstellung und
Arbeitsmarkt. Dabei lernen die Schüler unter anderem Buchführung, Tabellenkalkulation,
Internet-Recherche oder Englisch. Für Kührt sind die kleinen Klassen mit ausschlaggebend
für den Erfolg: Bei jeweils sieben Schülern und einem Lehrer sind alle Schüler
permanent gefordert." Der kleine Kreis erschwere zudem den "Rückfall in alte
schulische Verhaltensgewohnheiten", gemeint sind Schwätzen, geistiges Abtauchen
oder einfach Desinteresse.
Für
Unternehmen und Jugendliche sind die bisherigen Erfahrungen absolut positiv, sagte
Schulleiter Liebel in einer ersten Bilanz, "die Betriebe tasten sich mit der EQJ an
die Ausbildung heran, und die Schüler bekommen nach bisher oft enttäuschender Suche
eine Chance zu zeigen, dass sie auch großes Interesse an einem Ausbildungsplatz
haben. "
Nur
eine Minderheit von Firmen missbraucht, so Peter Kührt, die gute Idee EQJ, um
vorübergehend billige Mitarbeiter mit finanzieller Unterstützung des Staates
einzustellen, ohne ernsthaft eine Ausbildung des Praktikanten in Erwägung zu ziehen.
Nur Einzelne beschäftige einen EQJ-Mittarbeiter nach dem anderen. Zu Kührts
Überraschung rechnen viele Betriebe die EQJ-Zeit sogar auf die folgende Lehrzeit an.
Zu den
diesjährigen erfolgreichen EQJlern gehört Franziska Esrig. Nach dem Abschluss der
Wirtschaftsschule hat sie gut 50 Bewerbungen geschrieben - vergeblich. "Mein erstes
Vorstellungsgespräch war ein kompletter Reinfall", erzählt sie, "ich war
total aufgeregt und habe ziemlich rumgestottert." In ihrem neunmonatigen Praktikum
bei einem Großhandelsunternehmen hatte sie Gelegenheit, die Kollegen langsam kennen zu
lernen und sich zurechtzufinden. Jetzt liegt ihr Ausbildungsvertrag bereits auf dem Tisch
ihres EQJ-Chefs.
Verbesserungen
sind für Liebel und Kührt trotz des bisherigen Erfolgs möglich. Es würde die Arbeit
der Pädagogen an der B 4 wesentlich erleichtern, wenn die Praktikanten alle zum
gleichen Zeitpunkt mit der Schule beginnen könnten. Bisher verteilt sich der Start über
mehrere Wochen.
Um
möglichst alle Betriebe und interessierte Jugendliche zu erreichen, hat das
Forschungsinstitut Betriebliche Bildung im Rahmen eines vom Bayerischen
Wirtschaftsministerium geförderten Projekt eine Praktikumsbörse entwickelt. Sie ist im
Internet unter www.eqj-bayern.de zu erreichen. |
(Quelle: NN, 10.08.2006)
Anmerkung (aus Lehrerperspektive): Leider waren in der Klasse nicht nur
sieben Schüler - es handelte sich vielmehr um sieben Schüler/innen aus zwei EQJ-Klassen
mit insgesamt 56 Schüler/innen. Hier hatte der Journalist offenbar etwas missverstanden
(was dann gleich zu besorgten Nachfragen der Regierung in Ansbach führte!). Sieben
Schüler in einer Klasse werden wohl vorerst nur ein pädagogischer Traum bleiben...
Nürnberger Nachrichten, Mittwoch, 23. Juli 2008 (Nürnberg Extra)
Einmal Politiker sein
Berufsschüler spielten einen Tag lang Landtag
VON MICHAELA ZIMMERMANN
Videoüberwachung in öffentlichen Räumen? Die angehenden Bankkaufleute an der
Städtischen Berufschule 4 sind schwer dafür. In einem Planspiel "Der Landtag sind
wir" verabschiedeten sie eine entsprechende Gesetzesinitiative.
Ihren Lehrer und Initiator des Spiels, Peter Kührt, überrascht das Ergebnis nicht:
"Ich kenne meine Schüler, die sind fast alle eher konservativ, ganz selten, dass mal
ein grüner Umweltaktivist dabei ist."
Kührt unterrichtet die angehenden Banker in Sozialkunde. Doch mit dem politischen Wissen
war es bei ihnen bis vor kurzem nicht weit her. "Als ich die beiden 12. Klassen
übernahm, war ich schockiert, wie blank sie waren." Der Studiendirektor wollte und
konnte das so nicht stehen lassen und hatte eine Idee. Er bewarb sich beim Bayerischen
Landtag um das Planspiel "Der Landtag sind wir" und bekam prompt den Zuschlag.
So konnte das Spiel in Kooperation mit dem Zentrum für angewandte Politikforschung der
Universität München und der Forschungsgruppe Jugend und Europa beim Bayerischen Landtag
in der Berufsschule über die Bühne gehen' Und die Jugendlichen lernten auf diese Weise,
quasi durch die Hintertür, eine ganze Menge über die Landespolitik und die Funktion des
Landtags.
53 Schülerinnen und Schüler machten mit und waren von Anfang an mit Feuereifer bei der
Sache, erzählt Kührt. Ganz egal, welche Rolle sie bekleideten. Ob sie Mitglied einer der
drei Fraktionen oder Vertreter der Presse mimten. Die Rollen wurden ausgelost, und so
manch' einer sah sich der Herausforderung gegenüber, einen 72-jährigen Landwirt aus
Niederbayern zu spielen. Mit 40 Jahren CSU-Mitgliedschaft auf dem Buckel und wild
entschlossen, die Belange seiner Branche im Landtag zu vertreten. Peter Kührt war von der
schauspielerischen Leistung seiner Schüler begeistert: "Es war wirklich fantastisch,
wie überzeugend wie sie in die verschiedenen Rollen geschlüpft sind." Die Presse,
natürlich NN und NZ, habe alle 20 Minuten einen neuen Text geliefert, und die Fraktionen
bekriegt sich fast wie im richtigen Leben.
In einer inszenierten Talkshow, beim Bayerischen Rundfunk, traten die Fraktionssprecher
schließlich gegeneinander an. Die Vertreter von SPD und Grünen, erzählt Kührt , seien
chancenlos gewesen. Es war schnell klar, dass die CSU ihren Vorschlag, die Überwachung
von öffentlichen Plätzen mittels Videokameras, durchdrücken werde. Praktischen Rat am
Planspieltag holten sich die Schuler von einer, die weiß, wie der Landtag funktioniert.
MdL Angelika Weikert (SPD) nahm sich viel Zeit, den jungen Erwachsenen zu erklären, wie
es im Landtag läuft. So verwandelten sich die anfangs politikverdrossenen Berufsschüler
auf einmal in ambitionierte Hobby-Politiker. Das Planspiel machte es möglicht.
Studiendirektor Kührt freut sich über die Entwicklung. "Sonst haben all bei
politischen Themen gestöhnt und die Augen verdreht. Auf einmal diskutieren die
Schüler im Unterricht über politische Entwicklungen. Das Interesse zeigt sich auch
daran, dass alle 53 jungen Planspieler sich zu einer Fahrt zur Besichtigung des
Bayerischen Landtages angemeldet haben. Damit hatte selbst Kührt nicht gerechnet.
Bilduntertitel (das Foto wurde aus urheberrechtlichen Gründen nicht
übernommen): Die "Presse" bei ihrer Arbeit. Alle 20 Minuten verfassen die
Schüler einen neuen Artikel.
Nürnberger Zeitung vom 19.07.2008 (Nürnberg Plus)
Schüler der Berufsschule inszenierten den Landtag
Ist das alles nur ein Planspiel?
VON MATHIAS ORGELDINGER
So viel Präsenz war selten. Gleich drei Journalisten der NZ berichteten am Donnerstag von
der konstituierenden Sitzung des Bayerischen Landtags, der ausnahmsweise in Raum 227 der
Berufsschule 4 tagte. Thema des Planspiels: "Der Landtag sind wir."
Den "NZ-Redakteurinnen" Saskia Range und Sabrina Geitner fiel keine leichte
Aufgabe zu. Sie sollten die traditionsreiche Zeitung im Boulevard-Stil aufziehen.
"Schreibt frei von der Leber weg. Ihr müsst kreativ und schnell sein", forderte
Bernd Knüfel, einer der Spielleiter, von der Forschungsgruppe Jugend und Europa"
(FGJE) am "Zentrum für angewandte Politikforschung" der Universität München.
Das ließen sich die beiden angehenden Bankkauffrauen nicht zweimal sagen. Unbemerkt
schlichen sie in den "Fraktionsraum" der "CSU" und schossen
kompromittierende Fotos von "Abgeordneten". Dann rannten sie ins
"Pressezentrum", das mit moderner Computertechnik ausgestattet war. Saskia rief
die Internetseite der Zeitung mit den vier Buchstaben auf und klaute eine Überschrift.
Darunter eine knappe Meldung. Zwei Fotos, blitzschnell von der Digitalkamera ins Layout
gebracht. Fertig.
Während die Kolleginnen von der "NN" noch an einer seriösen
"Bleiwüste" bastelten - deren Fotografin war gerade unauffindbar - hing der
"NZ-Aufmacher" schon am schwarzen Brett des "Pressebüros":
"Hippie-Alarm im Bayerischen Landtag. CSU-Abgeordnete wollen lieber Spaß, als sich
um die Belange des Volkes zu kümmern". "Das war ziemlich gemein", bekannte
Range. Nur ein Planspiel?
Die 49 Schüler aus zwei Bankfachklassen wurden nach den Mehrheitsverhältnissen im
Maximilianeum aufgeteilt. Jeder bekam eine konkrete Rolle zugewiesen, die er ausfüllen
sollte. Da gab es zum Beispiel den oberbayerischen Landwirt von der "CSU" oder
den Unternehmensberater aus Ansbach von der "SPD".
"Als Abgeordnete müsst ihr die Interessen des gesamten bayerischen Volkes vertreten
und seid nur eurem Gewissen unterworfen", dozierte Leo Meyer-Giesow von der
Forschungsgruppe. In den Ausschüssen könne auf der Basis von Sachargumenten frei
diskutiert werden, im Plenum müsse man allerdings die Beschlüsse der Fraktionsmehrheit
vertreten, riet der Spielleiter. "Wie soll das funktionieren?", fragte ein
Schüler. Nur ein Planspiel? "Wo der Sozialkundeunterricht zusammengestrichen wird,
können die Jugendlichen nicht viel über Politik wissen", sagte Prof. Andreas
Schumann, Lehrstuhlinhaber für Literaturdidaktik an der Universität Osnabrück.
Er hilft dem Spielleiterteam gelegentlich als "Springer" aus. Wenn die
Jugendlichen in die Rolle von Abgeordneten schlüpften und in fünf Stunden einen
Gesetzentwurf erarbeiteten, würden politische Entscheidungsprozesse direkt erlebbar,
erklärte Schumann. Das Planspiel sei ein wichtiges Mittel der politischen Jugendbildung
Die Schule habe das Szenario bestens vorbereitet.
Das Lob galt Studiendirektor Peter Kührt, der die Bankfachklassen
betreut. "Bei den heutigen Jugendlichen darf man das Wort Politik nicht in den Mund
nehmen",' so Kührt. Er sei gespannt, wie das fiktive Gesetz zur
"Videoüberwachung in öffentlichen Räumen" formuliert werde. Die angehenden
Bänker seien mehr dem konservativen Spektrum zuzurechnen, meinte der Berufsschullehrer.
Wie recht er hatte. Mit den Stimmen der "CSU" und einiger "SPDler"
verabschiedete der "Landtag" in zweiter Lesung ein fiktives Gesetz. Dieses
verpflichtet alle bayerischen Großstädte, ihre Innenstädte mit Videokameras zu
überwachen. Nur die vier "grünen Abgeordneten" stimmten dagegen.
Doch zum Zeitpunkt der Abstimmung saß der echte NZ-Reporter schon wieder an seinem
Arbeitsplatz. Wie sagte doch Spielleiter Knüfel: "Im Online-Zeitalter ist
Schnelligkeit alles."
Bilduntertitel (das Foto wurde aus urheberrechtlichen Gründen nicht
übernommen): Saskia Range übernahm den Part einer Redakteurin bei der Nürnberger
Zeitung. Allerdings mutierte die seriöse NZ für dieses Planspiel zu einem reißerischen
Revolverblatt ohne journalistisches Verantwortungsgefühl.
"B4 on Air" - ein Banklehrer informiert die Hörer von Radio
Gong über die Finanzkrise
Auch wenn der Sachverstand von Lehrern in der Öffentlichkeit nur selten gefragt ist, die
Finanzkrise macht es möglich. Am Montag, 20.10.2008, informiert Dr. Peter Kührt, ein
Lehrer in Bankfachklassen an der Berufsschule 4, Kompetenzzentrum für Kaufmannsberufe, in
einer Sondersendung von Radio Gong 97.1 über die Konsequenzen der Finanzkrise für
Nürnberger Sparer und beantwortet Hörerfragen zur Geldanlage.
Herr Dr. Kührt hat nicht nur viele Mitarbeiter Nürnberger
Kreditinstitute (mit)ausgebildet, er ist auch Autor zahlreicher
Veröffentlichungen im Bereich Volkwirtschaftslehre und hatte hierzu
auch mehrere Lehraufträge an Hochschulen und Universitäten.
Termin: Montag, 20.10.2008, 9-10 Uhr, anschließend Beantwortung von Hörerfragen
Quelle: http://www.nuernberg.de/internet/berufsschule_4/
(Rubrik Aktuelles vom 15.10.2008)
NÜRNBERGER NACHRICHTEN vom 06.03.2009
Für den Wahlsieg
half den "Christen" auch kein Beten
65 Schüler der Berufsschule B4
lernen die Konflikte in einer Demokratie durch ein Planspiel hautnah kennen
VON ALEXANDRA HADERLEIN
Für zwei Tage lebten 65
Berufsschüler der B4 in ihrer eigenen Welt: Bei einem Planspiel der
Friedrich-Ebert-Stiftung spielten sie zwei Tage lang das Szenario einer Staatsneugründung
nach und schlüpften dafür in die Rollen von Politikern und Lobbyisten, um den Staat
Fontanien nach ihren eigenen Vorstellungen im Sinne der Demokratie zu gestalteten.
Während die "Politiker",
organisiert in insgesamt sechs fiktiven Parteien Wahlprogramme entwickeln, Wahlkampf
betreiben und durch Plakate und Interviews versuchen, Stimmung zu machen, um die Wähler
auf ihre Seite zu ziehen, betreibt der andere Teil Lobbyarbeit. Die verschiedenen
Gruppierungen und Vereine aus Kirche, Unternehmertum, Umwelt, Bildung und Familie
versuchen ihrerseits, die Programme der Parteien dadurch zu beeinflussen.
Warum es solche Projekte braucht,
erklärt Berufsschullehrer Peter Kührt: "Wir möchten, dass die jungen Menschen mehr
Sensibilität für den Wert der Demokratie entwickeln und das später auf ihre Umgebung
übertragen."
Sogar die Bäckerin ist
integriert
Voller Eifer, Kreativität und
Engagement betätigen sich alle Berufsschüler an dem Projekt, das die Regeln und
Gegebenheiten aus der Wirklichkeit übernommen hat: Auch in dem fiktiven Staat mit 20
Millionen Einwohnern gibt es Migranten und verschiedene Glaubensrichtungen.
Und auch die nahe gelegene Bäckerei
kommt um Fontanien nicht herum: Auch sie wird zum Handlungsort, als das Presseteam des
Planspiels bei der Verkäuferin nachfragt, was sie von den einzelnen Wahlkampagnen hält.
Eine der größten, an der keiner vorbeikommt, hat das Team der Christlichen Volkspartei
(CVP).
Sie denken nur noch in Fontanisch
und versuchen, die vorgegebene soziale Situation der Fontanier mit allen Mitteln zu
verbessern. Um auch wirklich jeden davon zu überzeugen, dass die CVP dies am besten kann,
hat das Team schon auf dem Weg zum Plenarsaal, in dem das Planspiel stattfindet eine
Unmenge an Wahlplakaten aufgehängt und tapezierte damit schon fast das ganze Schulhaus.
"Unsere Flyer haben wir jedem,
auch nicht am Planspiel Beteiligten, in die Hand gedrückt. Sogar am Klo hängen unsere
Wahlplakate, denn schließlich muss dort jeder hin", schildert Martina Stefan (20),
die Beraterin des Parteichefs, die Überzeugungsstrategie.
Unstimmigkeiten in der Partei
Während die CVP am Ende bei der
Wahl auf einem der vorderen Plätze landet, wird die Bürgerbewegung Grünes Fontanien den
letzten Rang belegen. Eine Rechfertigung für den letzten Platz hat die Partei um
Parteivorsitzenden Robert Reitz (23) schon gefunden.
"Wir hatten Unstimmigkeiten in
der Partei, die Planspiel-Presse hat's aufgeschnappt und uns daraufhin ziemlich
runtergemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass die Medien solch einen Einfluss auf die
Demokratie und eine Partei haben können", erklärt Reitz.
Veränderter Blick auf Politik
Dass sich der Blick auf die Politik
verändert hat, kann die 21-jährige Teilnehmerin Katharina Wallender nur bestätigen, die
nun viel genauer das politische Geschehen im Fernsehen beobachten würde: "Ich habe
in diesen zwei Tagen viel dazugelernt. Wir haben uns intensiv mit dem Thema
auseinandergesetzt, und ich habe gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, eine für alle
akzeptable Mitte zu finden.
Koalitionsverhandlungen führen
Die Mitte zu finden galt es
letztlich auch nach der Wahl: 33 Stimmen hätte eine Partei zur alleinigen Regierung
gebraucht. Doch weder die CVP noch die Partei für ein liberales Fontanien (PLF)
erreichten die absolute Mehrheit. "Nun müsst ihr Koalitionsverhandlungen
führen", schildert Reemt Behrens, Leiter des Projektspiels, das weitere Vorgehen.
Doch dabei zeigt sich, dass die
Taktik der" Christen" nicht aufging: Letzten Endes bildeten die Liberalen mit
den Sozialdemokraten eine Koalition und verdrängen die CVP auf den Platz der Opposition.
Die Planspiel-Presse wird deshalb am Ende des zweiten Tages titeln: "Da half auch
kein Beten!"
[Bilduntertitel:
Heiße Debatten gab es bei der Elefantenrunde des PlanspieIs "Demokratielabor".
Die eigene Partei durch ein gutes Wahlprogramm und eine perfekte Werbekampagne für sich
zu gewinnen, war die Herausforderung das Bild selbst wird hier nicht wiedergegeben]
NN-Online vom 06.03.2009
Berufsschüler spüren Demokratie hautnah
Ein Planspiel soll zeigen, dass Demokratie nicht einfach ist
NÜRNBERG - Während die «Politiker«, organisiert in insgesamt sechs fiktiven Parteien
Wahlprogramme entwickeln, Wahlkampf betreiben und durch Plakate und Interviews versuchen,
Stimmung zu machen, um die Wähler auf ihre Seite zu ziehen, betreibt der andere Teil
Lobbyarbeit. Die verschiedenen Gruppierungen und Vereine aus Kirche, Unternehmertum,
Umwelt, Bildung und Familie versuchen ihrerseits, die Programme der Parteien dadurch zu
beeinflussen.
Warum es solche Projekte braucht, erklärt Berufsschullehrer Peter Kührt: «Wir möchten,
dass die jungen Menschen mehr Sensibilität für den Wert der Demokratie entwickeln und
das später auf ihre Umgebung übertragen.«
Fiktiver Staat mit 20 Millionen Einwohnern
Voller Eifer, Kreativität und Engagement betätigen sich alle Berufsschüler an dem
Projekt, das die Regeln und Gegebenheiten aus der Wirklichkeit übernommen hat: Auch in
dem fiktiven Staat mit 20 Millionen Einwohnern gibt es Migranten und verschiedene
Glaubensrichtungen.
Und auch die nahe gelegene Bäckerei kommt um Fontanien nicht herum: Auch sie wird zum
Handlungsort, als das Presseteam des Planspiels bei der Verkäuferin nachfragt, was sie
von den einzelnen Wahlkampagnen hält. Eine der größten, an der keiner vorbeikommt, hat
das Team der Christlichen Volkspartei (CVP).
Sie denken nur noch in Fontanisch und versuchen, die vorgegebene soziale Situation der
Fontanier mit allen Mitteln zu verbessern. Um auch wirklich jeden davon zu überzeugen,
dass die CVP dies am besten kann, hat das Team schon auf dem Weg zum Plenarsaal, in dem
das Planspiel stattfindet eine Unmenge an Wahlplakaten aufgehängt und tapezierte damit
schon fast das ganze Schulhaus.
«Unsere Flyer haben wir jedem, auch nicht am Planspiel Beteiligten, in die Hand
gedrückt. Sogar am Klo hängen unsere Wahlplakate, denn schließlich muss dort jeder
hin«, schildert Martina Stefan (20), die Beraterin des Parteichefs, die
Überzeugungsstrategie.
Die Macht der Medien
Während die CVP am Ende bei der Wahl auf einem der vorderen Plätze landet, wird die
Bürgerbewegung Grünes Fontanien den letzten Rang belegen. Eine Rechtfertigung für den
letzten Platz hat die Partei um Parteivorsitzenden Robert Reitz (23) schon gefunden.
«Wir hatten Unstimmigkeiten in der Partei, die Planspiel-Presse hats aufgeschnappt
und uns daraufhin ziemlich rundgemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass die Medien solch
einen Einfluss auf die Demokratie und eine Partei haben können«, erklärt Reitz.
Dass sich der Blick auf die Politik verändert hat, kann die 21-jährige Teilnehmerin
Katharina Wallender nur bestätigen, die nun viel genauer das politische Geschehen im
Fernsehen beobachten würde: «Ich habe in diesen zwei Tagen viel dazugelernt. Wir haben
uns intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, und ich habe gemerkt, dass es gar nicht so
leicht ist, eine für alle akzeptable Mitte zu finden.«
Die Taktik der «Christen« ging nicht auf
Die Mitte zu finden galt es letztlich auch nach der Wahl: 33 Stimmen hätte eine Partei
zur alleinigen Regierung gebraucht. Doch weder die CVP noch die Partei für ein liberales
Fontanien (PLF) erreichten die absolute Mehrheit. «Nun müsst ihr Koalitionsverhandlung
führen«, schildert Reemt Behrens, Leiter des Projektspiels, das weitere Vorgehen.
Doch dabei zeigt sich, dass die Taktik der «Christen« nicht aufging: Letzten Endes
bildeten die Liberalen mit den Sozialdemokraten eine Koalition und verdrängen die CVP auf
den Platz der Opposition. Die Planspiel-Presse wird deshalb am Ende des zweiten Tages
titeln: «Da half auch kein Beten!«
Alexandra Haderlein
6.3.2009
© NÜRNBERGER NACHRICHTEN
Quelle: http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=979164&kat=10
Nürnberger Nachrichten vom 19.06.2009
Politik ist was für Erwachsene
Berufsschüler befragten 600 Jugendliche - Weit weg vom eigenen
Alltag
VON SILKE ROENNEFAHRT
Ist die Demokratie ein Auslaufmodell? Schüler der Berufsschule B4 wollten es genau er
wissen Lind luden 600 Gleichaltrige zu einer Online-Befragung ein - mit zum Teil
erschreckenden Ergebnissen.
"Politik, das ist doch was für Erwachsene." Mit dieser Einstellung ging
Christian Sekora an das Demokratieprojekt heran. Damals noch nicht volljährig, durfte der
angehende Bankkaufmann nicht wählen und hatte auch sonst mit Politik nicht viel am Hut
Mit unserem Alltag hat das, was die Parteien machen, nicht viel zu tun", sagt auch
Luana Dietl. Und ihre Mitschülerin Marina Cupic (20) räumt ein, dass sie sich bei ihrer
Wahlentscheidung daheim in Kroatien früher an den Eltern orientiert hat
Das hat sich gründlich geändert. Seit einem Jahr sind die Jugendlichen gemeinsam mit
ihrem Lehrer Peter Kührt der Demokratie auf der Spur haben in einem Planspiel Parteien
gegrundet, Koalitionsverhandlungen geführt und die Befragung organisiert. Den Anstoß
dazu gab eine Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Erschreckendes zu Tage
förderte. Jeder dritte Bundesbürger glaubt demnach nicht mehr daran, dass Demokratie
Probleme löst. Jeder Fünfte hält die Demokratie als Regierungsform nicht für
verteidigenswert. Und immerhin fast jeder Zweite will bei der Bundestagswahl im Herbst
vielleicht zu Hause bleiben.
Ergebnisse, die quer durch alle Altersschichten gelten, wie Serge Embacher von der
Friedrich-Ebert Stiftung betont. Immerhin: Das ausgeprägte Desinteresse der Jugendlichen
an Politik, von dem in der Öffentlichkeit immer mal wieder die Rede ist konnte laut
Embacher "überhaupt nicht" bestätigt werden.
Doch die angehenden Bankkaufleute aus Nürnberg wollten e genauer wissen. Sie befragten
über 600 Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren Und auch wenn die Schüler mit ihren
bescheidenen Mitteln keine statistisch repräsentative Umfrage auf die Beine stellen
konnten, so erreichten sie doch Teilnehmer alle Schularten und gehen davon aus, dass die
Ergebnisse durchaus Rückschlüsse auf einen großen Teil der Altersgruppe erlauben.
"Demokratie ist wichtig"
Heraus kam zunächst einmal Beruhigendes: Immerhin zwei Drittel der Befragten halten es
demnach für wichtig, in einer Demokratie zu leben, und zwar unabhängig vom Geschlecht
oder Schulabschluss. Und rund 70 Prozent denken auch, dass die Demokratie eine gute
Staatsform ist und dass andere Regierungsformen keine Alter native wären. Die große
Mehrheit fühlt sich ausreichend über Demokratie informiert, hat ihr Wissen aus der
Schule (44 Prozent), den Medien oder der Familie. Wie viel von dieser Selbsteinschätzung
zu halten ist, prüften die Schüler mit einer weiteren Frage ab und kamen zu ihrem wohl
erschreckendsten Ergebnis: Jeder Fünfte hielt demnach die DDR für eine Demokratie, unter
den Gymnasiasten liegt dieser Anteil sogar noch höher. Und immerhin 9,2 Prozent glauben,
in einer Diktatur bessere persönliche Chancen zu haben.
Nur gut die Hälfte hält Parlamente für so wichtig, dass man sie "auf keinen
Fall" abschaffen sollte, die anderen sind sich da nicht ganz so sicher. Und jeder
Fünfte wünscht sich mehr extreme Parteien im Parlament, nur die Hälfte lehnt dies ab.
60 Prozent würden den Bundeskanzler gern direkt wählen, 82 Prozent möchten über
umstrittene Gesetze selbst abstimmen. Das Gefühl, mit ihrer Stimme am Wahltag etwas
bewirken zu können, haben dagegen nur 18 Prozent. Und dass sie nur zwischen "
schlecht " und "noch schlechter" entscheiden können, glauben 60 Prozent.
Discobesuche und Alkohol erst ab 21 Jahren? Nur sieben Prozent würden sich gegen eine sie
so direkt betreffende Gesetzesänderung auf politischem Wege wehren. Ich würde
versuchen, meinen Ausweis zu falschen", antworteten dagegen 20 Prozent.
40 Prozent haben kein oder wenig Interesse an Politik, weil sie sich "nicht damit
auskennen", wie jeder Dritte antwortete. Ein Ergebnis, das in den Augen der
Berufsschüler durchaus auch Chancen bietet. Wie sinnvoll politische Bildung ist, haben
sie selbst erlebt. Er habe viel dazugelernt, sagt Sekora. Bislang sei das Thema für sie
immer weit weg gewesen, ergänzen Nadine Graml und Sabrina Dingfelder. "Jetzt haben
wir das Gefühl, was ändern zu können."
Nürnberger Zeitung vom 27. Juni 2009
Demokratie-Umfrage an der Berufsschule 4
Viele Politiker sind unglaubwürdig
Demokratie scheint langsam aus der Mode zu kommen. Eine Studie der
Friedrich-Ebert-Stiftung von 2008 hat ermittelt, dass ein Drittel der Deutschen wenig vom
demokratischen Gesellschaftsmodell hält. Dieses Ergebnis nahmen angehende Bankkaufleute
der Berufsschule 4 zum Anlass für eine eigene Befragung unter Schülern der 9. und 13.
Klassen.
Das Planspiel "Demokratielabor" und eine Projektwoche zur Wechselwirkung
zwischen Armut und Rassismus wurden bereits an der B 4 durchgeführt. Die Befragung zum
Demokratieverständnis von Jugendlichen bildet Teil drei des ganzjährigen
Schülerprojekts Auslaufmodell Demokratie?". Als Projektkoordinator
federführend ist Peter Kührt. "Für die Befragung standen uns nur vier Tage zur
Verfügung. Vieles geschah deshalb in der Freizeit der Berufsschüler erläutert der
Studiendirektor.
Befragt wurden Angehörige unterschiedlicher Schularten, beide Geschlechter sind gleich
stark vertreten. Der Fragebogen ist in fünf Komplexe gegliedert. 616 Bögen konnten
letztendlich ausgewertet werden.
Die Einstiegsfrage lautet: "Glauben Sie, dass es für
Jugendliche in Deutschland von Bedeutung ist, dass sie in einer Demokratie leben?"
62,8 Prozent antworteten mit " Ja ". Mehr als 80 Prozent stuften Demokratie als
"gute Staatsform" ein. Sogar 85 Prozent gaben an, ihr Wissensstand bezüglich
Demokratie sei gut bis ausreichend. Schule, Medien und Familie wurden als wichtigste
Informationsqellen angegeben.
67,4 Prozent der über 18-Jährigen gehen nach eigenem Bekunden regelmäßig zur Wahl,
egal ob Abiturient oder Hauptschüler. Fast zwei Drittel sahen die wichtige Funktion der
Parlamente. Die Politiker der etablierten Parteien stuften etliche als zu glatt und
unglaubwürdig ein. 20 Prozent wünschten sich extreme Gruppierungen in die Parlamente.
Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wurde als zentrales politisches Ziel
eingestuft. Fast 30 Prozent der Befragten sahen hier Nachholbedarf. 82,7 Prozent
forderten, dass die Bevölkerung über umstrittene Gesetze selbst abstimmen darf. Auf die
Frage "Haben Sie das Gefühl, mit Ihrer Stimme am Wahltag tatsächlich etwas zu
bewirken?", antworten 17,9 Prozent mit "Ja".
Neue Politiker mit Charisma wie Barack Obama braucht das Land, meinten gut 40 Prozent. 82
Prozent würden akzeptieren, wenn in ihren Lieblingsserien "mehr aktuelle, politische
Themen vorkommen würden". Ein Engagement von Promis bei politischen Veranstaltungen
favorisierten hingegen wenige. Überhaupt kein Interesse an Politik hatten 10,4 Prozent,
bei 30,5 Prozent war der Wissensdurst kaum ausgeprägt. Das Desinteresse wurde mit
"keine Zeit oder "zu komplex" begründet.
Außerdem hagelt es harsche Kritik an Politikern ("Kein Bezug zur Jugend",
"geldgeile Säcke"). "Diskothekenbesuch sowie Alkoholkonsum in der
Öffentlichkeit erst ab dem 21. Lebensjahr?" Bei dieser Frage erhitzten sich die
Gemüter. Mit dem Fälschen. seines Ausweises liebäugelte jeder Fünfte. Viele
entschieden sich letztendlich für Resignation: Die Antwortmöglichkeit "Ich kann
sowieso nichts daran ändern", kreuzen 46 Prozent der Jugendlichen an.
Thomas Susemihl
Nünberger Nachrichten vom 30.04.2010
Schüler machen Geldanleger fit
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| Bank-Azubis entwickelten Internetplattform samt Risiko-Test |
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NÜRNBERG - Wie lege ich mein Geld an? Welche Anlageform ist für mich die richtige?
Und was sind eigentlich Hybridanleihen? Eine neue Internetplattform will all diese Fragen
beantworten. Entwickelt haben sie Schüler der Berufsschule B4.
Ein paar Mausklicks bringen es an den Tag: Ich bin ein »Spaziergänger«, will mein dank
der Kurseinbrüche auf dem Aktienmarkt ohnehin stark geschrumpftes Restvermögen so sicher
wie möglich anlegen und am liebsten jederzeit darüber verfügen können. Schließlich
weiß man ja nie. Vom Wagemut eines »Drachenfliegers«, der kein Risiko scheut und dafür
möglicherweise hohe Renditen einfährt, bin ich weit entfernt.
Konto oder Anleihe?
Nur ein paar Fragen galt es zu beantworten, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Damit
weiß ich jetzt auch, dass für mich allenfalls Tagesgeldkonten, Tagesanleihen und
ähnlich sichere Geldanlagen in Frage kommen - große Gewinne sind da leider nicht drin.
Was sich jetzt so einfach und spielerisch liest, hat Christina Kubitza, Nina Berger,
Melanie Tröster und ihre Mitschüler eine ganze Menge Zeit gekostet. Ein Jahr lang hat
die Gruppe an dem Projekt gearbeitet, anfangs, sagt Kubitza, »haben wir gedacht, dass wir
es nie schaffen«.
Doch die Motivation bei den angehenden Bankkaufleuten, die demnächst ihre Prüfung
ablegen, war groß. Sie alle erleben tagtäglich, wie sehr das Ansehen ihrer Branche in
jüngster Zeit gelitten hat. Als die Schülerinnen in der Fußgängerzone Passanten
fragten, wie die Banken das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen könnten,
verschwiegen sie sogar, wo sie arbeiten, um wenigstens überhaupt eine Antwort zu
bekommen.
70 Prozent haben kein Vertrauen in Banken
Ihr Lehrer Peter Kührt, der die Projektgruppe leitet, hat die passende Zahl dazu: 70
Prozent der Deutschen haben demnach kein oder nur wenig Vertrauen in die Beratung der
Banken, alle wünschen sich mehr Transparenz und Aufrichtigkeit.
Und dazu wollen die Schüler mit ihrem »Anlage-Navigator« beitragen, der viel mehr
bietet als den unterhaltsamen Selbsttest im Internet. Nicht »Zocker oder Profis«,
sondern »ganz normale Leute« sollen sich schnell und leicht verständlich im Internet
informieren können, sagt Kührt. Deshalb hat das Team Beschreibungen zahlreicher
Geldanlagen erarbeitet und diese den jeweiligen Anlegertypen zugeordnet. Auf
»Einschätzungen und Mutmaßungen« habe man dabei verzichtet. Die Nutzer finden zudem
Videos und Power-Point-Präsentationen, die die jeweiligen Begriffe veranschaulichen. Denn
einfache und verständliche Produktinformationen gibt es aus Sicht der Schüler bislang
noch zu selten.
Die Profis überzeugt
Auch die bisherigen Risiko-Klassifizierungen fanden die jungen Leute verwirrend. Deshalb
griffen sie auf das Bild eines Berges zurück, um die verschiedenen Typen zu beschreiben.
»Je höher man kommt, desto höher ist auch die Fallhöhe«, sagen sie.
Mit ihrer Arbeit konnten sie sogar die Profis überzeugen. Die Seite sei »sehr
gelungen«, sagt Stefan Hertel von der Sparkasse Fürth. »Ein paar Bereiche müsste man
aber noch vertiefen.« Doch das Internetangebot sei in jedem Fall eine gute Vorbereitung
vor dem Termin mit einem Bankberater, da ist sich Hertel mit seinem Nürnberger Kollegen
Ansgar Hofmann einig. Ähnlich sieht es Christoph Hommel von der Verbraucherzentrale, der
vor allem die anschauliche Darstellung lobt.
Silke Roennefahrt |
Nünberger Zeitung vom 06.05.2010
| Wie Spaziergänger und Drachenflieger investieren |
Bank-Azubis entwickelten Internet-Plattform
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»Welcher Anlagetyp sind Sie?« Diese Frage hört man vom Anlageberater in der Bank
häufig. Die Reaktion der Kunden ist fast immer gleich: ahnungsloses Schulterzucken. Die
Frage, ob man nun eher der konservative oder der risikobereite Geldanleger ist oder eine
der Stufen dazwischen, ist schwierig zu beantworten. Damit Geldanleger selbstbewusster in
solche Gespräche gehen können, haben die Bank-Azubis der Kaufmännischen Berufsschule 4
eine neuartige Internetplattform entwickelt, die jetzt online ist. Unter www.anlage-coach.de erhalten Anleger
Auskunft über ihren Anlagetyp und die dafür geeigneten Geldanlagen.
Die 23 Azubis der Projektgruppe »Anlage-Coach« stellten gemeinsam mit Projektleiter
Peter Kührt ihre Internetplattform vor. Expertenwissen steuerten Thomas Bieler (ING DiBa,
Frankfurt), Stefan Hertel (Sparkasse Fürth), Ansgar Hofmann (Sparkasse Nürnberg) sowie
der Verbraucherschützer Christoph Hommel bei.
»Viele Kreditinstitute haben durch die Finanzkrise große Vertrauensverluste erfahren.
Deshalb haben wir uns damit beschäftigt, wie man das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen
kann«, erklärt Kührt. Die Lösung war schnell gefunden: Bessere
Risikoklassen-Einteilungen und bessere Produktinformationen müssen her.
Seit September haben die Azubis gegrübelt, wie man diesen Forderungen und Wünschen der
Anleger gerecht werden könnte. Ihre Antwort: Die Internetplattform, die speziell
unerfahrenen Anlegern dabei helfen soll, schnell zu ermitteln, welche Anlageformen sich
für sie eignen und bei welchen Vorsicht geboten ist. Auf der pfiffig gemachten,
benutzerfreundlichen Website muss der Nutzer 20 Fragen beantworten. Zum Beispiel, wie
lange er sein Geld anlegen und welche Rendite er erzielen möchte. Die Sicherheit spielt
eine wichtige Rolle: Ist ein Kapitalschutz mit Einlagensicherung gewünscht oder kauft der
Anleger eher spekulativ und nimmt dabei auch einen Totalverlust seines Kapitals in Kauf?
Nach Beantwortung aller Fragen ermittelt das System den Anlegertyp. Acht unterschiedliche
Typen haben sich die Azubis ausgedacht, die spielerisch das Risikoverhalten der Anleger
zeigen sollen. Es beginnt mit dem »Spaziergänger«, der unter der Risikoklasse
»konservativ« läuft. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er sich absolute Sicherheit und
Berechenbarkeit der Geldanlage wünscht. Zudem möchte er jederzeit in vollem Umfang über
sein Geld verfügen können. Allerdings hat er dadurch auch keine hohen
Renditeerwartungen. Ihm empfiehlt das Programm, Girokonten, Tagesgeldkonten oder
Kreditkartenkonten zu eröffnen.
Auf der zweiten, etwas riskanteren Stufe, steht der so genannte »Nordic-Walker«. So wie
sich der Sportler auch einmal in höheren Gefilden bewegt, jedoch stets auf dem Boden
bleibt, verhält sich auch der ihm wesensverwandte Anleger: Er legt zwar immer noch
konservativ an und möchte hundertprozentige Sicherheit, kann aber über sein Geld erst
bei Fälligkeit verfügen, etwa bei Festgeldanlagen.
Über Typenklassen wie »Wanderer«, »Bergsteiger« oder »Gipfelstürmer« gelangt man
zum risikofreudigsten, hoch spekulativen Anlegertyp: Der »Drachenflieger« geht volles
Risiko, um einen großen Gewinn machen zu können. Auf der Website heißt es über ihn:
»Eigentlich möchte er sein Kapital in kürzester Zeit verdoppeln oder verdreifachen.
Dazu ist er bereit, ein immens großes Risiko einzugehen und den möglichen Totalverlust
seiner Anlage in Kauf zu nehmen.«
Anlegern dieser Kategorie empfehlen die Azubis, auch Aktien von kleinen, völlig
unbekannten ausländischen Unternehmen oder Optionsscheine mit in ihr Depot zu nehmen.
Informationen über die diversen Geldanlageformen können ebenfalls auf der Website
eingeholt werden.
Peter Kührt und sein Team sind mächtig stolz auf das gelungene Projekt. »Ich finde die
Plattform gut, weil sie eine Stütze für den Anleger darstellt und ihm einen Anhaltspunkt
bietet«, sagt die Auszubildende Alexandra Heubach. Ihr Kollege pflichtet ihr bei.
»Außerdem kann man hier sicher sein, wirklich unabhängige Informationen zu erhalten.
Wir wollen nichts verkaufen, sondern nur informieren«, erklärt Moritz Stubka.
Auch die Experten loben das »zeitintensive Projekt«, in dem viel Know-how stecke. »Der
Test ist eine gute Vorbereitung für die Anleger, bevor sie sich beraten lassen. Denn dann
können sie zumindest schon einmal sagen, zu welchem Typ sie gehören«, sagt Stefan
Hertel, Leiter des Private Banking der Sparkasse Fürth. Das ahnungslose Schulterzucken
gebe es in Zukunft dann wohl seltener.
www.anlage-coach.de
Kerstin Fellenzer
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Antenne Bayern vom 04.05.2010
Nürnberger Berufsschüler ermitteln die besten Anlagetipps
Da vielen Bankkunden oftmals schon bei der Beratung der Kopf
schwirrt, haben Nürnberger Bank-Azubis mit ihrem Onlineprojekt "Anlage Coach"
dem Fachchinesisch vieler Banken den Kampf angesagt.
Auf ihrer Internetplattform haben die Berufsschüler die wichtigsten Fragen und Antworten
von Anlagekunden pfiffig zusammengefasst. Projektteilnehmerin Christina Kubitza sieht die
Plattform als Chance für die Kunde ganz flexibel zu sein und zu sehen auf welcher Stufe,
sie sich eigentlich bewegen.
Das Projekt ist wie ein Quiz aufgebaut. Mit maximal zehn gestellten Fragen kann man am
Ende ermitteln, welche Anlagestrategie optimal für einen selbst ist.
Sollten Sie Interesse an diesem Projekt haben, dann schauen sie doch auf der Webseite der
Nürnberger Berufsschüler vorbei: www.anlage-coach.de
Quelle: Antenne Bayern - Nachrichten aus Bayern
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Geldanlegen in Zeiten der Krise
Berufsschüler landen mit Online-Plattform
Anlage-Coach" Volltreffer
Schüler der Kaufmännischen Berufsschule 4 haben zusammen mit ihrem
Lehrer Dr. Peter Kührt eine Website entwickelt, die bereits für einiges Aufsehen gesorgt
hat. Binnen kurzem hat es der Internet-Ratgeber Anlage-Coach" auf Seite 1 der
Suchmaschine Google geschafft. Offenbar gibt es ein überwältigendes Interesse der
Menschen in Deutschland nach verständlichen Erklärungen und nach unabhängiger, fairer
Information", ist Dr. Kührt überzeugt. Er musste miterleben, wie die Finanz-,
Banken- und Vertrauenskrise auch die Auszubildenden im Bankgewerbe, die ihre theoretische
Ausbildung an der städtischen Berufsschule bekommen, schwer belastete. Die Probleme
wurden im Unterricht intensiv thematisiert, die Arbeit mündete schließlich in ein neues
Projekt des engagierten Lehrers, der in der Vergangenheit immer wieder mit
aufsehenerregenden Experimenten von sich und seiner Schule reden gemacht hat.
Im letzten halben Jahr haben bis zu 70 Auszubildende verschiedener
Nürnberger Banken an der Ausarbeitung und Umsetzung des Projekts Anlage-Coach"
mitgewirkt. Bankazubis erleben die Auswirkungen der Finanzkrise täglich am
Schalter", betont Dr. Kührt. Die Vertrauenskrise der Kunden ist elementar. Bei
Probeinterviews für unser Projekt in der Breiten Gasse wurden die Schüler von Passanten
so beschimpft, dass sie sich nach drei Interviewversuchen nicht mehr zu sagen trauten,
dass sie bei einer Bank arbeiten", berichtet er aus der Praxis.
Die neue Online-Plattform hat es in sich: Der Selbsttest verrät in
maximal zehn Schritten, welcher Anlegertyp man ist, auf Basis eines sehr konservativ
angelegten und verbraucherfreundlichen Rechenmodells, betont Dr. Kührt. Wir haben
bessere, trennschärfere und verbraucherfreundlichere Risikoklassen als das
Wertpapierhandelsgesetz und alle Banken zusammen", erklärt der Lehrer. Das Angebot
bietet zusätzlich verständliche Produktbeschreibungen für alle Geldanlagen, die für
Kleinanleger in Frage kommen, in Text, Bild und Ton. Auch bevor städtische Bedienstete
die Club-Anleihe zeichnen, sollten sie den Selbstcheck beim Anlage-Coach"
machen", empfiehlt der Lehrer.
tom
Betrifft: 2/10, Hrsg.: Der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg,
Nürnberg 2010
Welcher Anleger-Typ sind Sie?
Lehrer Dr. Peter Kührt über Spaziergänger" und
Gipfelstürmer"
betrifft: Das Fachchinesisch der Bankberater hat in der Vergangenheit
so manchen Anleger in die Irre geführt. Wie führt der Anlage-Coach" der
Berufsschüler der B4 Anleger aus dem Labyrinth heraus?
Dr. Kührt: Wir haben einfache und verständliche Beschreibungen für
über 50 Geldanlagen als Text und Video. Für komplizierte Anlageformen findet der User
vertonte und animierte PowerPoint-Präsentationen. Und wir sagen klar und
unmissverständlich, welches Risiko mit jeder Anlage verbunden ist.
betrifft: Worauf müssen Anleger achten?
Dr. Kührt: Wer sein Geld sicher zurück will, kann sich je
nach gewünschter Laufzeit nur als Spaziergänger" (Tagesgeld,
Spareinlage, Kreditkartenkonto), Nordic-Walker" (Festgeld) oder
Wanderer" (Sparbrief, Bundesschatzbrief, Bundesanleihe,
Inhaberschuldverschreibung einer Bank) betätigen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.
Gegenüber Bankberatern sollten Anleger ihr Anlageverhalten immer als
konservativ" (Risikostufe 1 nach dem Wertpapierhandelsgesetz) angeben. Nur dann
ist sichergestellt, dass die Berater eine Anlage empfehlen, bei der das einbezahlte Geld
auch sicher wieder zurückfließt. Bei allen anderen Risikostufen ist die Höhe der
Rückzahlung ungewiss.
betrifft: Spaziergänger, Nordic-Walker, Wanderer? Was hat es damit
auf sich?
Dr. Kührt: Der Online-Check unterscheidet acht verschiedene
Anlagecharaktere vom vorsichtigen Spaziergänger" bis hin zum
risikobereiten Drachenflieger" die sich die Schülerinnen und Schüler
ausgedacht haben.
betrifft: Wo würden Sie sich selbst ansiedeln?
Dr. Kührt: Ich bin, wie vermutlich die meisten Menschen, als Anleger
eine gespaltene Persönlichkeit: Hinsichtlich des weit überwiegenden Teils meines
Vermögens bin ich stockkonservativ, also Spaziergänger" bis
Wanderer". Mit einem kleinen Teil meines Geldes bin ich allerdings auch zu
größeren Wagnissen und zum denkbaren Totalverlust meiner Anlage bereit (zum Beispiel
Aktien, Aktienfonds = Gipfelstürmer"). Ein Drachenflieger", der
sogar Verluste über seine Anlage hinaus riskiert, würde ich aber selbst durch einen
Lottogewinn nicht werden.
betrifft: Worauf basiert der Anlage-Coach"?
Dr. Kührt: Wir haben darauf geachtet, dass unser Programm objektiv
rechnet und kalkuliert und ohne Mutmaßungen und Spekulationen auskommt. Entscheidend ist,
was man maximal verlieren kann. Wenn Sie uns also sagen, dass Sie Ihren Kapitaleinsatz
oder gar ein Vielfaches davon riskieren wollen, dann können Sie durchaus
Gipfelstürmer" oder Drachenflieger" werden und Aktien und
Optionsscheine kaufen. Wollen Sie dies aber nicht, dann dürfen Sie auch nur die für Sie
geeigneten Anlagen tätigen.
tom
Betrifft: 2/10, Hrsg.: Der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg,
Nürnberg 2010
Abendzeitung Nürnberg, 07.07.2010
(erster Artikel in einer Boulevardzeitung - genau zwischen "Das Sex-Schwein...",
"LKW zermalmt Autofahrerin..." und "Sex im Beichtstuhl?..."!!!)

Süddeutsche Zeitung, 21.07.2010 (Wirtschaftsteil, S. 35)
Aufsehen bei Bankern
Berufsschüler betreiben erfolgreich Portal für Geldanleger
Nürnberg - Mit einem eigenen Internetportal für Geldanleger sorgen
seit einigen Wochen 23 Nürnberger Bank-Berufsschüler in der deutschen Bankenwelt für
Furore. Ihr Internet-basiertes Beratungssystem ist so einfach und transparent, dass es
einige Banken demnächst in ihrer Kundenberatung einsetzen wollen. Nach maximal zehn
Antworten weiß der Anleger bei www.anlage-coach.de, ob er bei der Geldanlage eher der Typ
Spaziergänger", der das Risiko scheut, Wanderer" mit geringer
Risikobereitschaft oder der ganz wagemutige Drachenflieger" ist. Klare, auch
für den Laien verständliche Risikokategorien für Geldanlagen - das war dem
Projektinitiator, dem Nürnberger Berufsschullehrer Peter Kührt, von Anfang an wichtig.
Unsere Hoffnung ist, dass anlage-coach.de breit kommuniziert wird." Über den
Erfolg von anlage-coach.de ist Kührt aber immer noch erstaunt: Für ein
Schülerprojekt ist das einfach der Hammer." Annika Willer sprach mit der
Projektleiterin Carolin Wabra, 21, die eine Ausbildung .bei der Stadtsparkasse Nürnberg
macht.
SZ: Woher kam die Idee für das Projekt?
Wabra: Wie es eben bei vielen Schulprojekten ist: zuerst vom Lehrer.
Der meinte: Ihm reiche es mit der Finanzkrise, ob wir nicht Lust hätten, mal etwas Neues
zu versuchen. Und wir haben es schließlich auch selbst ganz stark gemerkt: Wir alle haben
2008 mit der Aus-bildurig angefangen, mitten in der Finanzkrise. Da steht dann jemand am
Schalter, hebt sein ganzes Geld ab, und sagt: Jetzt lege ich's lieber unters
Kopfkissen, als dass ihr mir wieder Mist damit baut." Das war ganz drastisch, so
etwa: Ihr seid daran schuld, dass ich mein Geld verloren habe.
Und welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?
Wir haben das hautnah mitbekommen, wie Kunden zu viel Vertrauen in
ihre Bankberater haben und am Ende bedröppelt dastehen. Wir wollen die Kunden richtig
aufklären. Viele wissen zu wenig über die Produkte, vielleicht gerade noch, was
Sparbuch, Girokonto und Tagesgeld sind.
Was können Sie da anderes liefern als ein Beratungsgespräch?
In Beratungsgesprächen bleibt oft nicht genug Zeit, nicht jeder
sagt, wenn er etwas nicht versteht. Die Konditionen und Risiken sind oft anders, als die
Kunden denken. Nicht jeder liest das Kleingedruckte. Und dabei ist es nun mal so: Der
Bankberater hat auch eigene Ziele, und der Kunde bekommt nichts geschenkt,
Sie selbst werden ja auch Beratungsgespräche führen müssen...
Mir persönlich reicht es erst einmal mit verkaufen, gerade deshalb
hat mir das Projekt so gut gefallen. Wir haben über 50 Produkte erklärt, saßen ewig an
dem Test, welche Fragen man stellt, wie man die Anlagetypen einteilt.
Gut informierte Kunden werden es den' Bankberatern wohl nicht
leichter machen, etwas zu verkaufen.
Ja, das ist eine zweischneidige Sache. Aber am Ende. stehen beide
besser da: Wenn ein Anlagegeschäft schiefläuft, ist das auch für den Berater nicht gut.
Man muss auch unsere Banken loben, die haben uns sehr bei dem Projekt unterstützt. Man
merkt einfach, dass Banker als Berufsgruppe nicht mehr gut dastehen und Banken das
Vertrauen ihrer Kunden zurückgewinnen müssen.
Und was für ein Anlagetyp sind Sie?
Ich bin der Spaziergänger! Ganz konservativ und spießig: Aber ich
bekomme mein Geld zu 100 Prozent wieder, und das ist mir am meisten wert!
Süddeutsche Zeitung, 29.07.2010 (Beilage für Schule, Hochschule und
Weiterbildung, S. 28)

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