HOMMAGE AN EGON GÜNTHER
Seit dem Jahr 1999 wirkt Professor Egon Günther als Tutor beim Nürnberger Autorenstipendium. Dieser Wettbewerb ermöglicht jungen Drehbuchautoren ein Stipendium, das von erfahrenen Autoren begleitet wird. Wir nehmen den 80. Geburtstag von Egon Günther deshalb gerne zum Anlass, eine kleine Hommage einem der bedeutendsten und heute noch vitalen deutschen Regisseure zu widmen. Wir freuen uns sehr, dass Egon Günther am 21. April im Filmhaus Nürnberg zu Gast sein wird. Nach Schlosserlehre, Kriegsgefangenschaft und Flucht studierte Egon Günther in Leipzig Pädagogik, Germanistik und Philosophie (bei Ernst Bloch). Seit 1953 veröffentlichte er Erzählungen und Romane. 1958 geht er als Dramaturg und Szenarist zur DEFA. 1964 bekommt er mit Lots Weib die Chance für sein Debüt und gehört seither zu jenen Regisseuren, deren Filme sich durch Konfliktorientierung, formale Innovation, insbesondere Bildverfremdung auszeichnen.
Als ihm 1978 die nichtrealistische Bildsprache eines seiner Filme zum Vorwurf gemacht wurde, reagierte er mit dem Austritt aus dem Verband der Filmschaffenden der DDR. Er verließ schließlich, auch aus anderen Gründen, das Land (behielt jedoch die DDR-Staatsangehörigkeit) und arbeitete in den folgenden Jahren nur noch an westdeutschen Film- und Fernsehproduktionen mit. Erst 1990 kehrte er in die DDR zurück. 1991 drehte er bei der untergehenden DEFA Stein, ein geniales Requiem auf die verspielten Chancen der DDR. 1998 entstand Die Braut über eine große Liebe zwischen Christiane Vulpius und Johann Wolfgang von Goethe. 1999 folgte der Fernsehzweiteiler Else. Für sein Nietzsche-Projekt fand sich allerdings kein Produzent und für Unkenrufe fehlte das Geld. Egon Günther dazu: „Heute redet mir überhaupt keiner mehr in meine Filme herein, weil ich keine machen darf.“
ABSCHIED
DDR 1968, 107 Min., Regie: Egon Günther,mit: Rolf Ludwig, Jan Spitzer, Heidemarie Wenzel u.a.
Im August 1914, im allgemeinen Freudentaumel über den bevorstehenden Krieg, trifft der 17-jährige Münchner Bürgersohn Hans Gastl eine Entscheidung: Er wird diesen Krieg nicht mitmachen. Dieser Entschluss bedeutet eine Wende in seinem Leben, Abschied von seiner Klasse, seiner Familie. Seine Vorstellungen vom „Anderswerden“ sind noch nebulös, doch sie verbinden sich mit einem sinnvollen Leben in einer gerechten Gesellschaft. Regisseur Egon Günther und Autor Günter Kunert verfilmten den autobiographischen Entwicklungsroman des Dichters und vormaligen DDR-Kulturministers Johannes R. Becher als modernes satirisches Spektakel, antibürgerlich und pazifistisch zugleich. Diese Haltung stieß bei den DDR-Oberen auf erhebliches Misstrauen. Abschied wurde nach wenigen Wochen Laufzeit abgesetzt und nur noch für Einzelvorführungen zugelassen.
Fr., 20.4. um 19.15 Uhr
DIE SCHLÜSSEL
DDR 1974, 97 Min.,Regie: Egon Günther,
mit: Jutta Hoffmann, Jaecki Schwarz, Magda Zawadzka u.a.
Die junge Arbeiterin Ric und ihr Freund Klaus unternehmen eine Ferienreise nach Krakau. Das Paar erlebt zunächst unbeschwerte Tage. Doch während sich Ric in ihrer unkomplizierten Art Entdeckungen und Begegnungen hingibt, reagiert Klaus ganz anders, ist gereizt und macht seine Partnerin schlecht. In der fremden Umgebung beginnt Ric allmählich ihre Beziehung zu dem ihr intellektuell überlegenen Klaus in einem neuen Licht zu sehen: Dieser wird nach dem Studium seinen Weg machen, sie Arbeiterin bleiben, wozu sie sich bekennt. Dieses Bekenntnis aber lässt sie um den Bestand ihrer Liebe fürchten.Die Schlüssel wurde nach seiner Fertigstellung fast zwei Jahre auf Eis gelegt, denn seine unangepasste, originelle Machart war den Funktionären ein Dorn im Auge. Günthers Film erhielt zudem Auslandverbot und wurde nie im DDR-Fernsehen gezeigt. Heute wird er als eine der aufregendsten und künstlerisch dichtesten DEFA-Produktionen der gesamten 70er Jahre bezeichnet.Egon Günther ist bei dieser Vorstellung im Kino zu Gast.
Sa., 21.4. um 19.15 Uhr
STEIN
Deutschland 1991, 107 Min.,Regie: Egon Günther,
mit Rolf Ludwig, Franziska Herold, Eveline Dahm u.a.
Der einst berühmte Schauspieler Ernst Stein ist 1968 aus Protest gegen den Einmarsch in die CSSR während einer Aufführung des „König Lear“ von der Bühne abgegangen für immer. Gut zwanzig Jahre hat er in selbst gewählter Isolation in seinem Haus am Stadtrand von Berlin gelebt. Man sagt, er sei ein bisschen irre. Er öffnet keine Briefe mehr, führt stundenlange Telefonate mit einer imaginierten Geliebten in Italien, erhält nur Besuch von Jugendlichen und Kindern, die den Alten behüten und denen seine Villa ein Refugium der freien Entfaltung bietet. Als Stein nach zwanzig Jahren seine Isolation durchbricht und nach Berlin geht, strudelt er mitten in die Unruhen des Oktobers 1989.Für seine geniale Reflektion über die verpassten Chancen in der DDR, kehrte Egon Günther an den Ort seiner größten Erfolge, ins Babelsberger Filmstudio zurück. Stein erhielt den Fellini-Preis der UNESCO, doch im frisch wiedervereinten Deutschland ging der Film unter. Vielleicht ist die Zeit erst heute reif, ihn zu entdecken.
So., 22.4. um 19 Uhr



