"Auch meine letzten Filme sind so barock und so extrem wie meine anderen Sachen, aber ich entferne mich immer mehr von einem Genre und einer Ästhetik, die mir immer sehr gut gefallen hat: dem Pop; also sehr viele Farben und sehr dramatische Farben. Zurzeit ändert sich meine Farbpalette, das Licht in meinen letzten Filmen ist anders als früher aber meine Filme werden immer farbig sein die Farbe muss vibrieren im Bild." Pedro AlmodóvarDas Enfant Terrible, der Meister des Visionären, des Schrillen und schließlich zum Oscarpreisträger gekürte Star-Regisseur Pedro Almodóvar ist heute der im Ausland bekannteste und erfolgreichste spanische Filmemacher.
1951 in einem kleinen Dorf in La Mancha geboren, hat sich Almodóvar schon als Kind und Jugendlicher als Außenseiter gefühlt und nicht selten im Kino seinen Sehnsüchten freien Lauf gelassen. Ein mehrjähriger Aufenthalt in einem katholischen Internat und dessen Auswirkungen auf seine Persönlichkeit hat Almodóvar später in einigen seiner Filmen gekonnt verarbeitet. 1968 ging er nach Madrid, besaß aber nicht genügend Geld, um an der Universität ein Filmstudium beginnen zu können. Die Filmhochschule wurde von Franco gerade geschlossen. Almodóvar arbeitete zu dieser Zeit für die spanische Telefongesellschaft und erkundete nach Feierabend die Subkultur der Hauptstadt, die ihn auch zu seinem ersten Langfilm PEPI, LUCI, BOM UND ANDERE MÄDCHEN AUS DER CLIQUE (1980) inspiriert hat.Dem Film vorausgegangen ist eine Serie von meist stummen Super-8 und 16mm Streifen aus der schwulen Subkultur, häufig Pornosatiren, die er auf Szeneparties und in Galerien gezeigt hat.
Mit PEPI, LUCI, BOM UND ANDERE MÄDCHEN AUS DER CLIQUE gibt der Jungfilmer Almodóvar den künftigen Ton für seine nächsten Filme an: anarchistisch, visionär und schrill. Seine ersten Langfilme LABYRINTH DER LEIDENSCHAFTEN (1982), MATADOR (1986) sind stark vom Einfluss des Underground geprägt. Tabubrüche, grelle Überzeichnungen und schräge Figuren kennzeichnen seine Filme: lesbische Nonnen, drogensüchtige Popstars, nymphomanische Hausfrauen und durchgeknallte Transvestiten bevölkern seine Szenarien. Almodóvar macht diese Figuren aber nicht zu reinen Karikaturen, seine Zuneigung für seine Protagonistinnen ist stets spürbar.
Almodóvars Drang nach Selbstverwirklichung und Freiheit stammt noch aus der spanischen Übergangszeit von der Diktatur zur Demokratie. Dieser Drang kommt vor allem in seinen verzweifelten Frauenfiguren zum Ausdruck, die immer wieder im Zentrum seiner Filme stehen. Ob schwangere HIV-positive Nonne, lesbische Haushälterin, vergewaltigte Popmusikerin, drogenabhängige und drittklassige Schauspielerin, aus der Bahn geworfene Schriftstellerin, verzweifelte Mutter eines verunglückten Sohnes, eine liebeskranke Stierkämpferin oder eine geheimnisvolle Ballerina Almodóvars Herz gehört den Frauen. Wie kein anderer versteht er es, glaubwürdige weibliche Figuren zu entwickeln, deren meist melodramatische Schicksale die Zuschauer zum Lachen und zum Weinen bringen. Spätestens seit seinem Film FRAUEN AM RANDE DES NERVENZUSAMMENBRUCHS (1987) hat er es dann geschafft: Er ist er der Exportschlager Nummer Eins der spanischen Filmindustrie, und "almodóvaresk" ist längst ein Adjektiv der Filmkritiker geworden, um ihr Unverständnis visueller Opulenz, mediterranem Temperament oder schriller Handlung gegenüber zu beschreiben. Auch dem deutschen Cineasten wurde Almodóvar zum Synonym für modernen spanischen Film. Dies verfestigt sich in den nächsten Jahren mit Filmen wie FESSLE MICH! (1990) oder KIKA (1993). Mit den Oscarauszeichnungen für seine letzten beiden Filme ALLES ÜBER MEINE MUTTER (1999) und SPRICH MIT IHR (2002) ist er endgültig im filmischen Olymp angekommen.Gewiss: Mit der sozialen Realität Spaniens haben seine Filme wenig zu tun; Almodóvar schreibt seine Drehbücher selbst, Geschichten in einer Märchenwelt der Subkultur oder Tragödien und Leidenschaften in einem Mittelstand der Medienmacher. Seine Filme spielen virtuos und ernsthaft mit den Klischees der Leidenschaften eine Gratwanderung zwischen Tragik, Kitsch und Komik. Er ist kein spanischer Fassbinder, kein Chronist der spanischen Gesellschaft nach Francos Tod. Und doch sind seine Filme in ihrer fiebrigen Überhöhung subkultureller Milieus, in ihren grellen Bonbonfarben und ihren melodramatischen Exzessen Zeitdokument einer ganz besonderen Alltagskultur und eines kulturellen Überschwangs.
So ist es kein Wunder, dass sein neuester Film DIE SCHLECHTE ERZIEHUNG (LA MALA EDUCACIÓN), der im Mai in Cannes Premiere feiert, mit Spannung erwartet wird.



