Spätestens seit 1999, als sein Film 23 NICHTS IST, WIE ES SCHEINT von der Kritik hochgelobt und vom Publikum begeistert aufgenommen wurde, ist Hans-Christian Schmid einer der „Großen“ im deutschen Kino und gleichzeitig die Hoffnung für viele Cineasten; dass nach Jahren der Oberflächlichkeit ein Regisseur es schafft, Anspruch und Form miteinander zu verbinden, über die aktuellen Themen Filme zu drehen, die nicht nur aus dem Moment ihrer Entstehung heraus verstanden werden. Nach vier Kinofilmen seit 1996 lässt sich auf jeden Fall sagen, dass Hans-Christian Schmid die Fähigkeit hierzu besitzt. Deshalb haben wir uns entschlossen, seinem bisher noch „schmalen“ Werk den Schwerpunkt im Monat Oktober zu widmen. Hans-Christian Schmid wird voraussichtlich am 25.10. im Filmhauskino zu Gast sein.Hans-Christian Schmid, 1964 in Altötting geboren, hat als Sohn einer Lehrerin und eines Technikers eine Kindheit, die nach seinen Worten „normaler, als man das sich vielleicht vorstellt“, war. Sein Taschengeld bessert er mit dem Verkauf von Papstplaketten an die Pilger auf und dass der Ort, in dem er aufwächst, sein Leben beeinflusst, zeigen seine ersten Filme wie DIE MECHANIK DES WUNDERS und HIMMEL UND HÖLLE, die das Thema Glauben, Aberglauben und Verführbarkeit aufgreifen. Sein neuester Film REQUIEM wird sich auch mit dem Thema beschäftigen. Schmid studiert an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film zunächst Regie, dann Drehbuch, was seinen Filmen später zu Gute kommt einhelliges Urteil der Kritik ist, dass Schmids Filme nicht nur gut recherchiert und inszeniert sind, sondern auch dass er jede seiner Personen sehr ernst nimmt. Die immer wieder konstatierte Schwäche des deutschen Films an zu wenig entwickelten Drehbüchern ist eine der Stärken von Hans-Christian Schmid und seinem Co-Autor Michael Gutmann, mit dem er seit vielen Jahren zusammenarbeitet.
Als 1995 sein fürs Fernsehen gedrehter Spielfilm NACH FÜNF IM URWALD auf den Hofer Filmtagen gezeigt wird, prophezeit die Kritik dem, der das Rennen um die Kinoauswertung gewinnt „eine fette Verleih-Einnahme. Denn Hans-Christian Schmid erzählt seine Geschichte mit soviel Unbekümmertheit, Frische und Humor, dass man sich verwundert die Augen reibt.“ Mit über 550.000 Zuschauern gehört NACH FÜNF IM URWALD zu den erfolgreichsten deutschen Filmen des Jahres 1996, für Franke Potente bedeutet der Film ihre Entdeckung als gefragte Schauspielerin.Anfang 1999 kommt Schmids erster mit großen Budget für die Kinos gedrehte Film heraus und stößt auf euphorische Kritiken: Rainer Gansera spricht von 23 - NICHTS IST, WIE ES SCHEINT als „großartigen Film, weil er der erste authentische, unter die Haut gehende Film über die achtziger Jahre in Deutschland ist. Lange ist es her, dass ein deutscher Film derart deutlich die Stimmung einer Zeit einzufangen imstande war. Der Blick Schmids ist ganz einzigartig zusammengesetzt aus Neugierde, liebevoller Zuneigung und genauester Beobachtung.“August Diehl als weitere schauspielerische Neuentdeckung Schmids erhält den deutschen Filmpreis als bester Schauspieler.
Zwei Jahre später schließt Hans-Christian Schmid die heute von ihm als „Trilogie vom Erwachsenenwerden“ bezeichnete Themenreihe mit der Verfilmung von Benjamin Leberts Roman „Crazy“ ab. Mit Robert Stadtlober in seiner ersten Hauptrolle erfüllt CRAZY zwar nicht die hochgesteckten Erwartungen nach seinem mutigen Vorgänger, ragt jedoch „immer noch meilenweit über dem Gros deutscher Gegenwartsfilme“ (Claus Löser im film-dienst) hinaus und hat auch an der Kinokasse großen Erfolg.
Im Sommer 2002 ist in der epd Film zu lesen, Schmid hätte versprochen, „nun keine Filme mehr über diese ganz jungen Menschen zu inszenieren. Für Hans-Christian Schmid und Michael Gutmann ist es an der Zeit, den Sprung zu wagen. Wir sind gespannt.“, meint Anke Sterneborg.
Für seinen Film LICHTER recherchiert Schmid zusammen mit Michael Gutmann auf neuem Terrain der Grenze zwischen Ost und West, zwischen Wohlstand und Not: „Was sich in LICHTER verändert hat, ist der Blick auf das soziale Umfeld, auf eine bundesdeutsche Wirklichkeit“, sagt Hans-Christian Schmid. Geblieben ist „der Blick auf die Menschen, den ich mit Michael Gutmann teile. Eine Sympathie für die Figuren, auch wenn es Kleinganoven, Verlierer oder Kriminelle sind. Wir versuchen, diese Figuren in ihrem Scheitern möglichst differenziert zu zeigen, uns immer wieder die Frage zu stellen, warum diese Menschen so sind wie sie sind.“
Aus einem Interview mit Hans Christian Schmid, das Tim Grünewald anlässlich des Kinostarts von LICHTER 2003 führte:
Sie haben mit Dokumentarfilmen begonnen...
Schmid: Mit vielen. Ich habe Dokumentarfilm studiert und von 1985 bis 1992 Dokumentarfilme an der Filmhochschule München gedreht. Zum Beispiel 1986 über Joschka Fischer als ersten grünen Umweltminister in Hessen; außerdem einen Film über Spielsüchtige und einen über Partnersuchende.
Wenn man sich ihre aktuellen Film LICHTER ansieht, merkt man das deutlich.
Schmid: Ja, auch bei 23 NICHTS IST SO, WIE ES SCHEINT kam der Anstoß eigentlich von einem Artikel im „Spiegel“. Ich verfolge wohl einen Ansatz, nach Geschichten zu suchen, die in der Wirklichkeit wurzeln.
Gab es bei NACH FÜNF IM URWALD auch einen konkreten Bezug zur Wirklichkeit?
Schmid: Das ist über weite Strecken meine Geschichte; es stecken viele persönliche Details darin. Ich hatte damals die Gelegenheit, für den Südwestfunk ein Debüt in Dritten zu drehen, und dachte mir: Was kann ich erzählen? Was habe ich erlebt? Mit was kenne ich mich aus? Mit Kleinstadtverhältnissen, mit dem Aufbruch von einer Klein- in eine Großstadt wie München. Das kennt man ja, wenn man angefangen hat zu studieren.
CRAZY beruhte auf dem autobiographischen Roman und Bestseller von Benjamin Lebert.Schmid: Das war die einzige Roman-Adaption. Ich empfand Leberts Geschichte als persönlich nah, weil ich nach dem Abitur ein Jahr in England gelebt und in einem Internat als Aushilfslehrer unterrichtet habe. diese Internatswelt interessierte mich. Berührungspunkte mit meiner Biografie gibt es fast immer. So war es bei „23“ nicht nur der Zeitungsartikel, sondern ein Freund, dem Ähnliches passierte. Über ihn hatte ich viele Einblicke, wie sich dieses Abdriften in eine Scheinwelt mit Illuminaten und Verschwörungen anfühlt. (...)
An „23“ interessierte sie weniger die Verschwörungstheorie als vielmehr die Personen, die darin verwickelt sind?
Schmid: Mich interessierte das persönliche Schicksal von Karl Koch viel mehr als alles andere; der Rest war mehr oder weniger ein Spiel, sich mit so einer Tehorie zu beschäftigen. Ich bin viel zu sehr Realist, um mehr dahinter zu sehen als ein interessantes Gedankenspiel. die Zahl 23 taucht einfach überall auf, wenn man es möchte. Ich bin sicher, dass das auch mit der 17 funktionieren würde. Karl Koch würde dagegen sagen: „Nee, auf keinen Fall“. (...)
Sie setzen in LICHTER häufig die Handkamera ein. Was halten sie von „Dogma 95“?
Schmid: Eine gute Promotion, aber nicht viel mehr. Ich bin gegen jedes Dogma. Für junge Filmemacher war es eine Befreiung, als man sah, dass Filme auf Mini-DV gedreht und im Kino gezeigt werden können. Das ist eine gute Entwicklung. Aber EHEMÄNNER UND EHEFRAUEN von Woody Allen ist drei Jahre vor „Dogma“ komplett mit der Handkamera gedreht worden. Lars von Trier provoziert sehr, sehr gut. (...)
Also handelte es sich bei der Handkamera in LICHTER um eine pragmatische Entscheidung?
Schmid: Absolut. Die Handkameraarbeit abgesehen davon, dass man eine gewisse Wirklichkeitsnähe erzeugt ist für die Arbeit mit Schauspielern wunderbar. Das passt nicht zu jedem Thema und jedem Film, aber wenn man das machen kann, dann ist das wie eine Befreiung. Plötzlich hat man 70 Prozent der Zeit eines Tages für die Schauspielarbeit zur Verfügung. Umgekehrt sind es nur 30, und der Rest geht für Lichtaufbau, Schienenlegen und Technik drauf. Das hat mir sehr geholfen.
Zum Abschluss noch ein Zitat über das Geschichten-Schreiben aus einen Interview mit Hans-Christian Schmid über LICHTER aus dem Kinomagazin von 3-sat am 6.8.2003:
„Wenn man schreibt, kommt es darauf an, sich die Geschichten so vorzustellen, dass man das Gefühl hat, dass sie sich wirklich so zugetragen haben könnten. Ich glaube, in dem Moment, wo der Zuschauer zumindest das Gefühl hat, wie kommen die denn auf diese oder jene Geschichte, wie kommen die denn auf diesen Matratzenverkäufer, die müssen doch so jemanden gekannt haben, ist man eigentlich schon auf dem richtigen Weg. Immerhin ist es dann schon so glaubwürdig, dass der Zuschauer nicht von Hause aus sagt, diese Figur ist nur wie eine Behauptung, ich glaube so was nicht. Bei jeder Geschichte oder bei jeder Figur gibt es die Verpflichtung, als Autor möglichst genau zu sein und sich möglichst genau immer wieder die Frage zu stellen, ob die Figur unter diesen Umständen so oder so handeln würde.“


