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HOMMAGE À ANOUK AIMÉE

11. bis 31.5.2006 „Die beste Schauspielerin der Welt“ nannte Federico Fellini Anouk Aimée – mit der Einschränkung „nach Giulietta Masina“, seiner Ehefrau. Dass Anouk Aimée trotz ihrer großen schauspielerischen Begabung und einem „Jahrhundertgesicht“ (Wilfried Wiegand) nicht zu entsprechendem Weltruhm gekommen ist, versuchte ein französischer Kritiker einmal so zu erklären: „Sie ist Greta Garbo, die noch ihren Stiller sucht, Marlene Dietrich, die ihren Sternberg noch nicht gefunden hat.“ Tatsächlich aber hat Anouk Aimée sich nie ausreichend für Ruhm und Glanz der Filmwelt interessiert, um eine vergleichbare Karriere zu machen. Gelegenheiten dazu gab es.

Auch wenn niemand für ihre Karriere die Funktion eines Sternberg oder Stiller übernahm, sind drei Regisseure, mit denen sie mehrfach zusammenarbeitete und ihre größten Erfolge feierte, für Anouk Aimées Biofilmographie von ganz besonderer Bedeutung: Federico Fellini, Jacques Demy und Claude Lelouch. Ein vierter Name muss gesondert aufgeführt werden, weil er nie einen Film gedreht hat – und doch zu den bedeutendsten Autoren des französischen Films zählt. Jacques Prévert war es, der Anouk Aimée 1947 bei den Dreharbeiten zu Marcel Carnés nicht vollendetem Film La fleur de l’âge den so treffenden Namen verlieh: „Er meinte, ich solle mich doch so nennen, wie er mich sähe, viel geliebt, beliebt, aimée.“ Im übrigen sei der Name Françoise Sorya Dreyfus für eine Schauspielerin in Frankreich nicht gerade vorteilhaft. Weniger als 50 Jahre zuvor hatte die durch antisemitische Ressentiments motivierte Dreyfus-Affäre (1894-1906) die 3. Republik erschüttert. Der Vorname ist Anouk Aimée von ihrer ersten Filmrolle in LA MAISON SOUS LA MER (1946) geblieben.

Der erste größere Erfolg ist ebenfalls mit dem Namen Jacques Prévert verbunden. Prévert schrieb das Drehbuch zu André Cayattes DIE LIEBENDEN VON VERONA (1948) und hatte Anouk Aimée für die Hauptrolle der Julia vorgeschlagen. In den darauffolgenden Jahren drehte Anouk Aimée vor allem in Großbritannien, Mitte der 50er Jahre entstanden auch drei Filme in der Bundesrepublik. Zu den Höhepunkten ihrer französischen Filme in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts zählen Franjus MIT DEM KOPF GEGEN DIE WÄNDE (1958) und die Zusammenarbeit mit Gérard Philipe in MONTPARNASSE 19 (1958). Die bedeutendsten Filme entstanden in den 60er Jahren. Fellinis DAS SÜSSE LEBEN geriet 1960 zum Skandalerfolg, und Jacques Demy gab ihr als „Lola“ im gleichen Jahr die Gelegenheit, ihre bis dahin charakteristische Rolle der geheimnisvollen melancholischen Schönheit zu variieren. Man erlebt Anouk Aimée im gleichnamigen Film als lebensfrohe, singende Tänzerin in einer ganz neuen körperlichen Präsenz. „Lola“ ist bis heute eine der Rollen geblieben, der sich Anouk Aimée am nächsten fühlt. Die auf den Erfolg des Films in Frankreich folgenden Offerten französischer Regisseure lehnte Anouk Aimée allesamt ab. Die nächsten fünf Jahre drehte sie ausschließlich in Italien, einem Land, dessen Kinematographie ihr „weniger dünkelhaft“ als die französische erschien. Die Rückkehr 1966 mit Claude Lelouchs EIN MANN UND EINE FRAU war triumphal. Der Film wurde mit Preisen überhäuft, Anouk Aimée mit dem Golden Globe Award und dem British Academy Award ausgezeichnet und von Hollywood umworben. Sie drehte drei Filme in den USA, schlug einen Siebenjahresvertrag in Hollywood aus, ging nach London und zog sich 1969 für sieben Jahre völlig aus dem Filmgeschäft zurück. Wieder war es Claude Lelouch, der sie 1976 gewinnen konnte, das erste Mal seit zehn Jahren in einer französischen Filmproduktion mitzuwirken.

Seither gab es keine größeren Pausen mehr in Anouk Aimées Filmographie, seit den 80er Jahren allerdings auch immer weniger große Rollen. Ein bedauerliches Phänomen, das leider viele Schauspielerinnen ab einem gewissen Alter trifft.

Wir ehren Anouk Aimée, das „Zauberwesen des Kinos“ (Fritz Göttler), mit einer kleinen Auswahl ihrer insgesamt mehr als 70 Filme und hoffen, sie am 12. und 13. Mai im Filmhaus begrüßen zu dürfen. Anouk Aimée ist zu den Vorführungen von Demys LOLA und Fellinis ACHTEINHALB (1963) eingeladen.

Für die Bereitstellung ihrer Kopien möchten wir der Cinémathèque Suisse in Lausanne (Regina Bölsterli) sowie der Cinémathèque Royale in Brüssel danken. Unser Dank gilt weiterhin Catherine Delvaux, Brüssel und dem Bureau du Cinéma der Französischen Botschaft Berlin (Laurence Lochu-Louineau, Anne Vassevière).