Michael Haneke ist der derzeit bedeutendste deutschsprachige Filmregisseur und einer der wichtigsten Autorenfilmer Europas. 1942 in München geboren, gehört er zur Generation des Neuen Deutschen Films, drehte seinen ersten Kinofilm jedoch erst 1989, mehr als 20 Jahre nach den Debüts der gleichaltrigen Kollegen Herzog, Wenders, Fassbinder, und zu einem Zeitpunkt, als der Junge Deutsche Film bereits wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwunden war.Zentrale Themen von Hanekes Werk sind die zunehmende Kommunikationsunfähigkeit, mediale Beeinflussung und Entfremdung in der postindustriellen Gesellschaft, ein „Dasein ohne Liebe“ (Jean Améry), und Gewalt als letzte, unsinnige Konsequenz. Im Gegensatz zur Abbildung von Gewalt in den Massenmedien und im Genrekino, wird Gewalt bei Haneke als das dargestellt, was sie letztlich ist: nicht konsumierbar. Michael Hanekes Filme verstören, werfen Fragen auf, ohne Antworten zu geben; es sind Filme, die nicht im Kino enden. Haneke, Kind eines deutsch-österreichischen Schauspielerehepaars, studierte Psychologie, Philosophie und Theaterwissenschaft in Wien. Von 1967 bis 1970 war er als Redakteur und Fernsehdramaturg beim Südwestfunk in Baden-Baden beschäftigt, seit 1970 ist Haneke frei schaffender Regisseur und Drehbuchautor. Als Theaterregisseur inszenierte er zwischen 1970 und den späten 80er Jahren an zahlreichen deutschen und österreichischen Bühnen. Als (Fernseh-)Filmregisseur realisierte Michael Haneke seit 1974 insgesamt zehn TV-Produktionen.Erst mit dem Wechsel zum Kinofilm aber hat Haneke eigenen Angaben zufolge seine genuine Filmsprache gefunden. Der vom Fernsehen abgelehnte Film DER SIEBENTE KONTINENT wurde 1989 in der Quinzaine des réalisateurs beim Filmfestival in Cannes uraufgeführt und brachte dem 47-jährigen Regisseur die Anerkennung, der erste Auteur des österreichischen Nachkriegskinos zu sein. DER SIEBENTE KONTINENT ist der Auftakt zu einer Trilogie, die Michael Haneke „Vergletscherung der Gefühle“ oder auch „Bürgerkrieg“ betitelt hat: „Wir alle leben in einem permanenten Bürgerkrieg, ein Krieg der Acht- und Lieblosigkeit, den wir alle täglich und jeder gegen jeden austragen.“
Haneke beschreibt in den Filmen DER SIEBENTE KONTINENT, BENNY’S VIDEO (1992) und 71 FRAGMENTE EINER CHRONOLOGIE DES ZUFALLS (1994) den Verlust von Nähe, Körper und Sprache, Lebensmöglichkeiten und Welterfahrung in den hochindustrialisierten Ländern. Die Verdinglichung der Welt, Vereinsamung, emotionale Verödung und unbewusste Entfremdung führen in den drei Filmen zu irrationalen Gewaltausbrüchen: Durch Suizid, Mord, Amok wird dem „unlebbaren Leben“ ein Ende bereitet. Haneke entledigt sich dabei aller Mittel des Genrefilms und bietet weder ein Happy-End, identifikationstaugliche Figuren, eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse oder eine geschlossene Erzählung, die die Illusion einer abbildbaren, sinnvollen und erklärbaren Welt erlaubt. Der Schrecken bleibt bestehen, ohne sogleich in den bekannten Antworten der Soziologie, Religion oder Psychologie kanalisiert zu werden. Lange Einstellungen, der Verzicht auf „schöne“ sinnstiftende Bilder und die den Erzählfluss fragmentierenden Schwarzblenden irritieren die Sehgewohnheiten des Zuschauers zusätzlich.
Haneke wendet sich mit seiner Bildsprache gegen eine Überwältigung des Publikums. Die, seinem wichtigsten Bezugspunkt, Robert Bresson zugeschriebene „fast körperliche Aversion gegen jede Form des ästhetischen Betrugs“ und der „Respekt vor der Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen“ gelten ebenso für Haneke selbst. Seine ästhetische Konzeption verlangt Aktivität im Sehen und zielt auf Erkenntnis ab. Der Zuschauer soll durch Vermeidung individualpsychologischer Muster und der Verweigerung von Interpretationshilfen direkt mit seinen eigenen Ängsten, Aggressionen und Lebenslügen konfrontiert, und, wie es Haneke zugespitzt formuliert hat, „zur Selbständigkeit vergewaltigt“ werden.„Die Filme spielen in einer Welt, die zugleich unzweifelhaft die unsrige ist, und zugleich ihre eigene negative Utopie. Es gibt hier keine liebenswerten Relikte, keine Nischen mehr, in denen sich eine andere Form von Wahrnehmung noch halten könnte“, hat Georg Seeßlen Hanekes Werk beschrieben. Den ihm von anderer Seite in diesem Zusammenhang häufig vorgeworfenen „Pessimismus“, weist der Regisseur zurück: „Die Hoffnung liegt nicht im Film, sondern im Umstand, dass er existiert und den Zuschauer zu einer Haltung jenseits von Resignation und Zynismus auffordert, an seine Fähigkeit erinnert, ‘Nein’ zu sagen. Wenn es eine Utopie geben sollte, die man ernst nehmen kann, so muss es eine negative sein. Eine Utopie des Schrecklichen und der Zerstörung, die so weit geht, dass sie Widerstandskräfte mobilisiert.“ Das Filmhaus zeigt im September alle Kinofilme von Michael Haneke.Wir bedanken uns für die Unterstützung folgender Kooperationspartner:

Deutsch-Französisches Institut, Erlangen

Französische Botschaft & Bureau de Cinema


