Pier Paolo Pasolini (19221975)

gehörte als Schriftsteller, Filmregisseur, Schauspieler, Journalist, Maler und Zeichner zu den herausragenden Künstlern des 20. Jahrhunderts. Die Klarheit und Schärfe seines Werks, in dem die Themenkomplexe Gewalt, Politik, Religion, Sexualität, Andersartigkeit und Tod eine zentrale Rolle einnehmen, provozierte wütende Kritik und Ablehnung. Pasolini war Zeit seines Lebens heftigen Anfeindungen ausgesetzt; mehrfach wurde ihm wegen angeblich „blasphemischer“ oder „pornographischer“ Inhalte seiner Schriften und Filme der Prozess gemacht. Seine häufig als skandalös empfundenen Äußerungen sowie die radikale Gesellschaftskritik führten zur Etablierung eines neuen Adjektivs in Italien: „pasolinisch“.
Seinen ersten Film ACCATTONE ...

...realisierte Pasolini 1961, 19 Jahre nachdem er als Schriftsteller in der Öffentlichkeit hervorgetreten war. Die Motive, sich dem Film zuzuwenden, erklärte er einige Jahre später mit den Worten: „Die geschriebene und gesprochene Sprache basiert auf Zeichen, die die Realität evozieren. Das Kino dagegen drückt die Realität mit der Realität aus, und ist daher eine von den anderen völlig verschiedene Sprache, eben weil sie nicht symbolisch ist. Die Objekte und die Personen sind genau diejenigen, die ich mit dem audiovisuellen Medium reproduziere. Ich liebe das Kino, weil ich mit dem Kino immer auf der Ebene der Realität bleibe. Es ist eine Art persönliche Ideologie, ein Idealismus, ein Zwang, mitten in den Dingen zu sein, im Leben, in der Wirklichkeit“.ACCATTONE greift die Realität der „ragazzi di vita“, der „Lebe-Jungen“, in den verslumten Vororten Roms auf, wie sie Pasolini bereits in seinem Roman
Ragazzi di vita 1955 beschrieben hatte. Die Darsteller ausschließlich Laien suchte sich der Regisseur vor Ort, in den Borgate, den Elendsvierteln selbst. Pasolini war fasziniert von der Sinnlichkeit und der direkten, unkomplizierten Art der „sottoproletari“, ihrer „vorchristlichen Vitalität, dem vorkatholischen Barbarentum“, und erhoffte sich erfüllt vom Hass auf die eigene Herkunft, das Kleinbürgertum das Subproletariat als revolutionäre Gegengesellschaft. Wie schnell diese Utopie durch die allgemeine Verbürgerlichung in Italien an Rückhalt in der Realität verlieren würde, nahm Pasolinis nächster Film MAMMA ROMA (1962) thematisch vorweg: Die dem „sottoproletario“ entstammende Titelfigur träumt vom Kleinbürgerglück.
Einmal noch, in einem der schönsten Filme Pasolinis, ...
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..sollten das italienische Subproletariat und die armen Bauern die Hauptrolle spielen, in DAS ERSTE EVANGELIUM MATTHÄUS (1964). Nach einer Ortsbesichtigung in Palästina (1963) hatte Pasolini befunden, die historischen Stätten seien bereits von der Moderne verdorben und entschieden, seinen Christus-Film in Süditalien zu drehen. DAS ERSTE EVANGELIUM MATTHÄUS bezieht seine große Kraft aus der unmittelbaren Gegenwart der Körper und Gesichter der Menschen des italienischen Südens. Die sonnenverbrannten Gesichter, die Gegenstände des Alltags, die Arbeitswerkzeuge sind echt; die historische Konkretheit des Landes, der Volksmassen machen diesen Jesus glaubhaft: Fern und unnahbar ist er doch mitten unter ihnen, sanft und gewalttätig geht er seinen Weg durch eine unversöhnliche Welt, durch die Unversöhnlichkeit von unterdrücktem Volk und verkommener Macht. Der folgende Film, GROSSE VÖGEL, KLEINE VÖGEL (1965) bezeichnet den Übergang von einem national-volkstümlichen Werk zu einem ambivalenteren, „schwierigeren“ Werk-Typus. Verzweifelt über die kulturelle Assimilierung der Arbeiterklasse sowie deren Betäubung durch den immer weiter um sich greifenden Konsumismus, fragte sich Pasolini: „Wie kann man sich dem Kino als Medium der Massenkultur widersetzen? Indem man aristokratisches Kino macht: unkonsumierbar. Ich versuche, eine Sprache zu schaffen, die den mittleren Konsumenten, den Mann von der Straße, in eine Krise versetzt.“ In Opposition zur Kulturindustrie entstanden zwischen 1967 und 1969 neben dem enigmatischen Meisterwerk TEOREMA vier Filme, die sich mit der griechischen Mythologie beschäftigen. Die NOTIZEN ZU EINER AFRIKANISCHEN ORESTIE (1968/69), eine Eloge auf das Archaische, Erdverbundene drehte Pasolini in Tansania und Uganda. Immer häufiger reiste er zu jener Zeit in die Dritte Welt, wo er den einzigen Alliierten verortete in seiner immer stärker werdenden Verzweiflung angesichts eines total werdenden „Neokapitalismus“. In der Dritten Welt fand Pasolini noch eine von Liebe und Demut geprägte Kultur der Armut, die seines Erachtens in den industrialisierten Gesellschaften einem hedonistischen Nihilismus Platz gemacht hatte.

An der Schwelle zu den 1970er Jahren nahm Pasolinis filmisches Schaffen erneut eine scharfe Wendung. Die zwischen 1970 und 1974 realisierte „Trilogie des Lebens“ ist eine optimistische Feier der Sexualität in ihrer vorbürgerlichen Derbheit und natürlichen Freiheit. 1975 widerrief Pasolini den Versuch, „den Eros in einem menschlichen Milieu darzustellen“, nachdem er einsehen musste, dass die Darstellung der sexuellen Freiheit auf die Seite der Konsumindustrie gewechselt war. Sein letzter Film DIE 120 TAGE VON SODOM (1975) brach radikal mit allen bisherigen Arbeiten und ist das glatte Gegenteil dessen, was in der Trilogie des Lebens gefeiert wurde: Sexualität als Ausdruck von Macht in einer totalisierten Welt. Der Pessimismus des Films fand seine Entsprechung in Pasolinis
Freibeuterschriften der Zeit. Die italienischen Proletarier, auf die er gehofft hatte, im Kampf gegen den bürgerlichen Staat, waren zu Kleinbürgern geworden, für Pasolini „die eigentliche, negative Existenzform des Menschen“. Die bürgerliche Herrschaft war total und ließ keine Alternative mehr zu. Prophetisch beschrieb Pasolini ein neues Zeitalter, die Zerstörung des Menschlichen in einer globalen Welt des Konsums und der Standardisierung, die Formung des Menschen zum optimalen Konsumenten. Mehr als 30 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod in Ostia gibt es nun im Filmhaus die in Nürnberg bislang umfangreichste Retrospektive mit Filmen von Pier Paolo Pasolini zu sehen. Vom 31. Mai bis 4. Juli präsentiert das Filmhauskino alle langen und mittellangen Arbeiten des Regisseurs in der ungekürzten untertitelten Originalfassung. Unser Dank gilt unseren Kooperationspartnern: Centro Studi Archivio Pier Paolo Pasolini, Bologna, Cinecittà Holding, Rom, Associazione „Fondo Pier Paolo Pasolini“, Rom, Nürnberger Laienforum für Psychoanalyse e.V. sowie dem Italienischen Konsulat Nürnberg und dem Istituto Italiano di Cultura, München.