Filmland Georgien
Fr. 29.9. bis Di. 31.10. im Filmhaus Nürnberg In den 60-er Jahren des vorigen Jahrhunderts kreiste ein Gerücht von Cineast zu Cineast: In Georgien entstehen Filme, deren Poesie und Bildersprache man gesehen haben müsste, wenn man weiter mitreden wollte. Später konnten die Filmverrückten die Filme in Filmclubs oder in den ersten Programmkinos tatsächlich sehen. Kinobesessene Freaks brachten sie in die Bundesrepublik. Die Ansicht war berauschend: nicht die Landschaften des südlichen Kaukasus, nicht die Kostüme gaben den Filmen ihre Wucht, auch nicht die städtischen Kulissen, nicht einmal die faszinierenden Schauspieler…Es schien, als wäre es ein paar Leuten gelungen, die Tradition ihrer nationalen Poesie und ihrer Musik mühelos in Sequenzen bewegter Bilder zu übersetzen. Georgische Filmemacher hatten einen emotionalen Symbolismus erfunden, obwohl das wahrscheinlich ein Widerspruch in sich selbst ist. (Prof. Dr. Hark Bohm, Cinema Georgien, 2005).Die georgische Filmindustrie wurde fast gleichzeitig mit den Filmen der Gebrüder Lumiere gegründet. 1896 wurde in Tiflis das erste Kino Georgiens eröffnet, der erste georgische Film - eine Dokumentation der Reise des Schriftstellers Akaki Tsereteli 1912 gedreht.
Die Stummfilmzeit zwischen 1916 und 1930 brachte eine Reihe Filmstars hervor. Mit K. Mikaberidzes „Meine Großmutter“ - einer komödiantischen Satire auf die Sowjetische Bürokratie - erlebte der georgische Film Ende der 1920er Jahre seine erste Blüte. Die ersten Vorführungen zogen soviel Publikum an, dass einige Enthusiasten sofort Kameras und Chemikalien kauften, Laboratorien gründeten und mitten in Tiflis ein großes Studio errichteten. 1930er und 1940er Jahren unterdrückte der Stalinsche Terror alle kritischen und originellen Tendenzen.Im Zuge der Entstalinisierung während der 1950er Jahre überraschte Georgien durch neue kritische Filme. Viele Regisseure strebten nach einer neuen Wahrhaftigkeit. Weil die sowjetische Zensur unverändert präsent war, suchten sie nach Parabeln, Mythen und Epen, um Gleichnisse zur Gegenwart zu erzählen. Auf der Grundlage der georgischen Literatur, Kunst und Musik entwickelten sie eine neue Bildersprache. In den Studios des Kartuli-Pilmi (Georgischer Film) entstanden in den 1960-er und 1970 Jahren mit internationalen Preisen geehrte Meisterwerke. Es waren zumeist verspielte Komödien und böse Satiren. Sie ignorierten die traditionelle Erzähltechnik, zeigten dafür poetische Bilder, eine große Vielfalt und dramatische Übersteigerungen bis hin zur surrealen Groteske. Die Zensur zog immer wieder unliebsame Filme aus dem Verkehr. „Pirosmani“ von Giorgi Schengelaja (1969) verschwand für zwei Jahre im Archiv, Otar Iosselianis Filme wurden mehrfach unterdrückt, denn sie ignorierten die Obrigkeit und taten so, als ob es das sowjetische Regime gar nicht gäbe. Oft wurden bereits die Drehbücher verboten. Zu den besonders verfolgten Autoren gehörte Sergej Paradschanow, dessen Skripte regelmäßig abgelehnt wurden.Bei Kartuli pilmi wurde grundsätzlich in georgischer Sprache gedreht. Wie in der Planwirtschaft üblich, musste jährlich eine festgelegte Anzahl der Filme (ca. 30) fertig gestellt werden. Für Regisseure gab es viel zu tun. Bis in die 1970er Jahre hinein wurden sie am Staatlichen Filminstitut (WGIK) in Moskau ausgebildet; seit 1972 gibt es eine Filmfakultät am Schota-Rustaweli-Theaterinstitut.
Nach der staatlichen Unabhängigkeit Georgien 1991 wurde die Filmzensur abgeschafft. Mit dem Niedergang der georgischen Wirtschaft ging es aber auch mit der Filmwirtschaft bergab. Immer mehr Regisseure zogen ins Ausland. Neben Frankreich (O. Iosseliani, M. Kobachidze) hat sich Deutschland als ein Standort des georgischen Films im Ausland etabliert.Wir freuen uns, das Filmland Georgien zum ersten Mal in Nürnberg mit den Meilensteinen der georgischen Filmgeschichte präsentieren und zum Start der Filmreihe den georgischen Regisseur und Schauspieler Gela Kandelaki am 29. 9. und 30. 9. bei uns im Filmhaus begrüßen zu dürfen!


