15. Juni bis 9. Juli
während des Comic-Salons: Do 12-19
Uhr, Fr/ Sa 10-19 Uhr, So 10-18 Uhr
sonst: Di-Fr 10-18 Uhr, Sa, So 10-17 Uhr
Zur
Ausstellung
Der Franzose Jean Giraud alias Moebius gilt weltweit als unumstrittener
Kultstar der Comic-Kunst. Unter Jean Giraud, seinem Geburtsnamen, zeichnet
er Western-Comics, mit der Hauptperson Leutnant Blueberry. Unter dem Pseudonym
Moebius schafft er neue Welten zwischen Fantasy und Scienc Fiction. Der
Schwerpunkt der Ausstellung liegt in diesem Bereich. Die Blätter stammen
u.a. aus dem "Incal" und der "Hermetischen Garage", den "Gärten der
Edena" und der "Irren von Sacré Coeur". Dazu kommen Einzelblätter,
Illustrationen und Skizzen und eine eigens für die Ausstellung von
der Städtischen Galerie produzierte DVD mit 100 Meisterwerken von
Moebius, die von ihm selbst direkt über Computer koloriert wurden
und aus mehreren Jahren stammen. Dabei bewahrt die DVD alle Feinheiten
und Qualitäten der Originale. Viele dieser Arbeiten sind hier erstmals
zu sehen, und noch nie zuvor veröffentlicht worden. Für die Ausstellung
hat Didier Moulin, Ausstellungsgestalter aus Paris, das Szenarium geschaffen.
Im Programmheft des Salons heißt es zur Kunst von Moebius:
Das Gesicht von Leutnant Blueberry! Man studiere einmal, was im Laufe
der Zeit mit diesem Gesicht passiert, und man wird etwas über die
Befreiung eines Handwerkers zum Künstler erfahren und zugleich über
die Entwicklung der Bildergeschichte vom Massenmedium zur Comic-Kunst.
In den ersten Bänden der Western-Serie von Jean Giraud hat das Gesicht
kaum Charakter. Es ist ein austauschbares Stereotyp. Profil und "en face"
passen nicht zusammen. Ein paar Bände später ist aus dem Gesicht
immerhin ein Abklatsch des Filmschauspielers Jean-Paul Belmondo geworden.
Nun kann man es zwischen den vielen anderen Figuren identifizieren.
Weitere Bände und Jahre später zeigt das Gesicht mehr als Charakter.
Es kann zu einer Landschaft werden, deren Struktur durch kurze Striche
und Punkte von Feder und Rapidograph gekennzeichnet ist. Mit den realen
Landschaften in Girauds Western-Zyklus hatte sich etwas ganz Ähnliches
ergeben. Aus Kulissen sind sie zu Organismen geworden. Aus kolorierten
Flächen verwandelten sie sich in raffinierte Farbzonen der "couleur
directe". Jijé, Förderer und zunächst Vorbild Girauds,
der nie über das Handwerk und damit über ein Medium allenfalls
für Jugendliche hinaus wollte, hatte die Comics Girauds da längst
als "entgleist" bezeichnet. Ihrem Aufbruch in eine neue Qualität mochte
er nicht vertrauen.
Jean Giraud ist maßgeblich an diesem Aufbruch beteiligt. Er gehört
zu den einsamen Spitzen internationaler Comic-Kunst, ist nicht nur in Europa
eine Kultfigur, sondern auch in Amerika und Japan hoch geschätzt.
Und das geht kaum einem anderen französischen Zeichner so. Der Marvel
Verlag veröffentlicht Girauds Werk. Für Marvel hat er die Superheldenfigur
des Silver Surfers gezeichnet.
An den Filmen "Alien", "Dune", und "Tron" hat er mitgearbeitet. Insbesondere
für die Gattung des Erwachsenen-Comics wurde Giraud wichtig. Er hat
1975 zusammen mit Jean-Pierre Dionnet, Philippe Druillet und Bernard Farkas
in Frankreich das Magazin "Métal Hurlant" (auf Deutsch "Schwermetall")
gegründet und damit den wesentlichen Anstoß für die Emanzipation
der Comic Strips gegeben. Er selbst, 1938 in Fonteney-sous-Bois bei Paris
geboren, ist mit diesem Medium ohne das in Deutschland dabei so häufige
schlechte Gewissen groß geworden. Nachdem er einen Lernkurs für
Zeichnen absolviert hatte, trat er im Alter von 16 Jahren in die Ecole
Supériere des Arts Appliqués ein. Mit 18 veröffentlichte
er seinen ersten Comic, "Frank et Jérémie", einen Western.
Unvermeidlich für die Comic-Revolution der 70er Jahre war die
Aufspaltung Jean Girauds in "Gir", wie er seine Abenteuergeschichten signierte,
und Moebius, ein neues Pseudonym. Moebius versuchte mit neuem Strich das
ganz andere und gewann dem Zeichner, der bisher meist fremde Szenarios
umgesetzt hatte, den Autor hinzu. Moebius öffnete die Panels in jeder
Hinsicht. Er unterwarf den Rhythmus der Seitenaufteilung ganz den Erfordernissen
der Erzählung und hielt sich an keine Norm mehr. Die kurzen Federschläge,
die Körpern und Gegenständen Volumen geben und sie manchmal geradezu
in Luft aufzulösen scheinen, wurden das Kennzeichen von Moebius. Moebius
verließ die vertrauten Landschaften des Abenteuers, um im Kosmos
nach neuen, merkwürdigen Welten zu suchen. Spielten seine ersten Geschichten
noch satirisch mit dem Material der Science-Fiction, so tendiert schon
die episodische, immer wieder in neue Winkel fortgesetzte Geschichte um
die Hermetische Garage des Jerry Cornelius zu einer philosophischen Haltung.
Moebius löst Sinn und Zusammenhang irritierend aber vergnüglich
auf. Dabei kann sein perfektionierter Strich jede Pointe setzen. Tritt
zum Beispiel der amorphe Held Major Grubert in einem Bild im besten amerikanischen
Comic-Realismus auf, so reitet er im nächsten als naive Kinderkritzelei
davon. Moebius mutet seinen Lesern Erwartungsenttäuschungen zu und
überrascht sie mit verblüffenden formalen und inhaltlichen Wendungen.
In kosmische Dimensionen führt diese Haltlosigkeit in dem von Alexandro
Jodorowsky getexteten Zyklus über den Incal, eine universelle Kraftquelle.
In Momenten bringt Moebius, zeitweise selbst von esoterischen Gedanken
angerührt und Experimenten mit bewusstseinserweiternden Drogen nicht
abgeneigt, die Incal-Geschichte in die flirrende Spiritualität esoterischer
Darstellungen. Vor drohenden Abstürzen in Eso-Kitsch rettet ihn allerdings
seine Ironie.
Während Gir immer noch am großen Epos des Leutnant Blueberry
arbeitet, ist die Zeichnung für Moebius inzwischen zur allerpersönlichsten
Artikulation der Welterfahrung im Tagebuch geworden, verfremdet durch kosmische
Perspektiven und als Psychodrama inszeniert mit einem Personal aus abertausend
Skizzenblättern und ausgeführten Bildern. Moebius kann auf die
Narration der Comic-Erzählung längst verzichten. Er malt Ansichten
von Seelenlandschaften im Einzelbild. In dem pornografischen Band "Des
Engels Kralle" (Text: Jodorowsky) stellt er sich schließlich in die
Tradition des schmerzhaften Surrealismus und entwirft Bilder des kalkulierten
Schreckens – als wären sie mit dem Skalpell gezeichnet.
Kontakt:
Städtische Galerie Erlangen
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