Gisèle Celan-Lestrange und
Paul
Celan
Zeichnungen, Grafiken, Gedichte
Städtische Galerie Erlangen
13. Februar – 7. März 2001
Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr
Abb. rechts: Gisèle Celan-Lestrange, Paul Celan,
Kestner-Gesellschaft, Hannover 1964
Zur Ausstellung
Paul Celan zählt zu den bedeutendsten
deutschsprachigen Dichtern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Obwohl
seine Lyrik immer wieder als schwer zugänglich, hermetisch, ja unverständlich
hingestellt wurde, hat sie bis heute kaum etwas von ihrer Faszination verloren;
zu kaum einem deutschsprachigen Autor nach 1945 gibt es so viele
literaturwissenschaftliche Untersuchungen, seine Gedichte sind immer wieder
Gegenstand künstlerischer Bemühungen in Musik und bildender Kunst, mehr und
mehr werden nicht nur einzelne Texte, sondern ganze Gedichtbände in andere
Sprachen übersetzt.
Geboren ist Paul Celan als Kind jüdischer Eltern am 23. November 1920 in
Czernowitz in der Bukowina, einem Ort, der durch kulturelle Vielfalt und
sprachliche Polyphonie geprägt war. Hier verbringt Celan seine Jugend, hier
beginnt die intensive Auseinandersetzung mit der deutschen, französischen,
englischen, rumänischen und russischen Literatur, hier entstehen die ersten
Gedichte. Das Jahr 1941 markiert den entscheidenden Bruch in Celans Leben: Im
Verlauf der nun einsetzenden Judenverfolgungen verlieren seine Eltern ihr Leben,
der Sohn überlebt in einem rumänischen Arbeitslager. Über Bukarest und Wien
geht er 1948 nach Paris. 1952 heiratet er die Graphikerin Gisèle Lestrange,
Beginn einer intensiven und wechselvollen Künstler- und Lebensgemeinschaft. In
Paris intensiviert er die dichterische Arbeit, ist aber auch als Übersetzer und
von 1959 bis zu seinem Tode als Deutschlehrer an der Ecole Normale Supèrieure
tätig. Die Beziehungen zur deutschen Literaturszene verstärken sich, Celans
Arbeiten werden bei S. Fischer und später bei Suhrkamp verlegt, er wird zu
einem bekannten und anerkannten Autor. Celan erhält 1958 den Literaturpreis der
Freien Hansestadt Bremen, 1960 den Büchnerpreis, die begehrteste deutsche
literarische Auszeichnung, 1964 den großen Kunstpreis des Landes
Nordrhein-Westfalen. Die Freude über die breite Akzeptanz wird freilich immer
wieder getrübt, durch Auseinandersetzungen mit Kollegen (Gruppe 47, Johannes
Bobrowski u.a.), durch als ungerecht empfundene kritische Rezensionen (z.B. zu Sprachgitter),
vor allem durch die Plagiatsvorwürfe, mit denen ihn die Witwe des Lyrikers Yvan
Goll seit 1953 verfolgt. Diese Vorwürfe haben sich als völlig gegenstandslos
erwiesen, für Celans psychische Verfassung hatten sie jedoch fatale Folgen, sie
haben ein Leben bis zum Ende überschattet. Ab 1962 werden Aufenthalte in
psychiatrischen Kliniken erforderlich, 1967 verlässt er die Familie. Weder die
intensiven Kontakte zur Pariser Kulturszene um die Zeitschrift "L'
Ephémère" noch die Reisen nach Deutschland und Israel (1969) können die
zunehmende Verdüsterung dieses Lebens verhindern. Im April 1970 sucht Paul
Celan den Tod in der Seine.
Celan hat ein quantitativ und qualitativ bedeutendes Werk hinterlassen, das
bislang immer noch nicht vollständig ediert ist. Es besteht neben der Lyrik aus
wenigen, allerdings ungemein anspruchsvollen Prosatexten (z.B. Gespräch im
Gebirg, die erwähnten Literaturpreisreden, ein Rundfunkessay über Mandel´štam,
die Jené-Arbeit, die Aphorismen Gegenlicht), aus einer Vielzahl von
Übersetzungen. Dominierend ist natürlich das lyrische Werk. Bevorzugter
Gegenstand dieser Lyrik sind die Katastrophen der jüngsten Geschichte,
insbesondere die Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums, die im
gewaltsamen Tod der Eltern ihre für Celan so furchtbare Konkretisierung erfahren hat. Kaum jemand
in der deutschsprachigen Literatur nach 1945 hat diese Erfahrung so umfassend,
so radikal, so differenziert Zur-Sprache-gebracht wie Paul Celan. Es gehört zu
den diese dichterische Existenz letztlich zerreißenden Widersprüchen, dass sie
sich in der deutschen Sprache artikulieren musste, also in der Sprache
derjenigen, die für den Holocaust verantwortlich waren, in der Sprache
derjenigen, welche die Mutter ermordeten, die Mutter, die dem jungen Celan den
Zugang zur deutschen Sprache und Literatur eröffnet hatte. So verwundert es
auch nicht, dass Celan diese Sprache – und das ist ein weiterer Schwerpunkt
seiner Dichtung – einer tiefgreifenden Befragung nach ihrer Legitimation
unterzogen hat, einer Befragung nach Schuld und Versagen im Rahmen ihrer
Instrumentalisierung während der NS-Zeit, einer Befragung, die eine
tiefgreifende, umfassende und hochreflektierte Auseinandersetzung mit der
deutschen Literatur einschließt. Ausdruck dieses Fragens nach Sagbarkeit bzw.
Unsagbarkeit ist die zunehmende Reduktion und Verknappung in Gestalt von
Ellipsen, Zäsuren und Leerstellen, in der Semantisierung von Satzzeichen, in
der Separierung von Silben u.a. Zugleich ist dieses (nur äußerlich) reduzierte
Sprechen Ausdruck des Bemühens, die Sprache von sie bedingenden Kontexten, von
Instrumentalisierungen (wie z.B. im Rahmen der NS-Propaganda) zu lösen, sie
´freizusetzen´ wie es in der Büchner-Preis-Rede heißt. Und dieses
´Freisetzen´ wiederum ist Bestandteil der Suche nach einer neuen Wirklichkeit
in Sprache. Als Schöpfungen eines Dichters, der „mit seinem Dasein zur
Sprache geht, wirklichkeitswund und Wirklichkeit suchend" – so Celan
anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen –
sind seine Gedichte Daseinsentwürfe, Entwurf einer Welt in Sprache, die
allein für den verfolgten, vertriebenen Dichter und Juden Paul Celan Heimat
sein kann.
Gisèle
Celan-Lestrange gehört auf Grund ihres hohen handwerklichen Könnens und ihrer
genuinen Bildsprache zu den bemerkenswertesten französischen Graphikerinnen und
Zeichnerinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Celan hat die aus
altem bretonischen Adel stammende Gisèle Lestrange 1951 kennengelernt und im
folgenden Jahr geheiratet. Gisèle Lestrange, 1927 in Paris geboren, dort 1991
gestorben, hat ihre Ausbildung in Paris erhalten, 1945-59 in der „Akademie
Julian" in Malen und Zeichnen, 1954-57 im Radieren bei Johnny Friedländer,
der vor allem durch seine hohes handwerkliches Können erfordernde, abstrakten
Farbradierungen bekannt geworden ist. Ab Ende der 50er Jahre hat Gisèle
Celan-Lestrange selbstständig gearbeitet und ihre Arbeiten sowohl in
Einzelausstellungen als auch in Gruppenausstellungen insbesondere in Frankreich
und in Deutschland vorgestellt. Es sind vor allem Arbeiten in Schwarz-Weiß, den
Grauton betonend, erst zu Beginn der 80er Jahre kommt es zur „späteren
Eroberung der Farbe" – wie es ein Freund der Familie, Christoph Graf
Schwerin – ausgehend von einem Interview mit Gisèle Celan-Lestrange –
genannt hat. Es ist eine Kunst, die geprägt ist von kristallinen Strukturen,
durch fadenförmige, die Vertikale betonende Linien, die sich nicht selten zu
Gittern bzw. Geweben verbinden, geprägt durch die Akzentuierung von
Leerstellen, durch das gleichzeitige Erscheinen verschiedener Schwarz- und
Grautöne. Wieland Schmied, derzeitiger Präsident der bayerischen Akademie der
Schönen Künste – einer der besten Kenner dieses Werkes und verantwortlich
für die erste große Celan-Lestrange-Ausstellung im Kestner-Museum Hannover
1964 –, hat diese Bilder als eine besondere, spirituelle Auseinandersetzung
mit der Natur, als „Eisblüte auf Glas, transparente Versteinerung"
bezeichnet.
Die 1952 begründete Lebensgemeinschaft der Künstler hat deutliche Spuren in
beider Werk hinterlassen: So korrespondiert die Hell-Dunkel-Schattierung der von
Paul Celan konstatierten Tendenz der Dichtung zur „graueren Sprache"
(erkennbar an dem Gedicht „Weißgrau" im Band „Atemkristall"), so
sind Gemeinsamkeiten unübersehbar in der Betonung der Linien, in deren
Bündelung zu Netzwerken, in der Gestaltung von kristallinen Strukturen, in der
Verwendung von Motiven (z.B. von Griffel und Nadel, die Nadel wird zum Analogon
des Schreibens), u.a.m. Besonders augenfällig sind die Korrespondenzen in den
gemeinsam erarbeiteten Bänden „Atemkristall" und „Schwarzmaut",
in denen Gedichten Paul Celans Graphiken von Gisèle zugeordnet sind, Ausdruck
einer intensiven schöpferischen Auseinandersetzung, einer dialogischen „Entsprechung"
wie es Paul Celan genannt hat. Die Sprache ist nicht Erklärung des Bildes und
das Bild ist nicht Illustration des Gedichts; die Verschränkung beider ist
vielmehr Ausdruck des Bemühens, das eigentlich Unsagbare bzw. nicht
Darstellbare gemeinsam anschaubar zu machen. Es ist eine Korrespondenz, welche
die Nähe betont und die Distanz nicht verschweigt, ein besonders intensiver
künstlerischer Dialog, in dessen Rahmen und Verlauf ihr Werk als Teil seines
Sprechens ebenso Kontur gewinnt, wie sich seine Worte ihren Linien
anzunähern scheinen.
Katalogbuch, geänderte und verbesserte Neuauflage: 71 Seiten, über 40 Abbildungen, DM 28,-
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