ernst
jandl –
a komma punkt
Städtische Galerie Erlangen
11. August – 2. September 2001
Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr
Zur Ausstellung
Wenige Wochen vor seinem
75. Geburtstag ist im vergangenen Jahr Ernst Jandl in seiner Heimatstadt Wien
gestorben. Er war der wichtigste experimentelle Dichter nach dem Krieg, Sprachkomödiant
und -zersetzer, der erste Slam-Poet, poetischer Utopist und rebellischer Melancholiker,
der auch in hohem Alter nichts von seiner Radikalität verloren hat. Seine
Poesie hat er mit Witz und ungeheurem Ernst betrieben, eine nie erlahmende Neugier
trieb ihn an, Formen zu suchen und zu erproben, auf die vor ihm noch niemand
gestoßen ist. Kein experimenteller Autor hat einen ähnlichen Bekanntheitsgrad
erreicht wie er. Seine Lyrik lebte vor allem im Vortrag, und keiner konnte sie
so pointiert rezitieren wie Jandl selbst. Die Lesungen begeisterten ein immer
größer und jünger werdendes Publikum und ließen ihn zum
Rockmusiker unter den Dichtern werden. Wie aber sind seine Gedichte entstanden?
Wann ist bei Jandl die Entscheidung gefallen, sein Leben ganz für das Schreiben
einsetzen zu wollen? Die Ausstellung zeichnet in sicht- und hörbaren Texten
und Bildern Jandls Weg zu einem Lyriker nach, der wie kein anderer das Gedicht
aus seinem Material, der Sprache, heraus revolutioniert hat.
Eine Ausstellung der Literaturhäuser Wien und München, konzipiert
und gestaltet von Klaus Siblewski, Klaus Meyer, Costanza Puglisi und Florian
Wenz. In Zusammenarbeit mit dem Luchterhand Literaturverlag.
Ernst Jandl, geboren am
1.8.1925 in Wien. Höhere Schule, nach 1943 Militärdienst, 1946 Entlassung
aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft, danach Studium der Germanistik
und Anglis-tik an der Wiener Universität. 1949 Lehramtsprüfung, danach
- mit zeitweisen Beurlaubungen - Lehrer an allgemein bildenden höheren
Schulen in Wien; 1950 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über die
Novellen Arthur Schnitzlers. Literarische Veröffentlichungen seit 1952.
1952/53 als Deutschlehrer in England. Seit 1954 Freundschaft und Zusammenarbeit
mit Friederike Mayröcker. 1970/71 als Gast des DAAD (Berliner Künstlerprogramm)
in West-Berlin; im Herbstsemester 1971 als Visiting German Writer an der University
of Texas in Austin; 1972 - gemeinsam mit Friederike Mayröcker - im Auftrag
des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kunst Vortragsreise
durch die Vereinigten Staaten. 1982 und 1983 Auftritte mit der NDR-Studio-Big-Band
beim 7. New Jazz Festival in Hamburg und beim Steirischen Herbst in Graz. 1984
Stiftungsdozentur für Poetik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität,
Frankfurt am Main. Seit 1984 Auftritte mit Musikern des Vienna Art Orchestra.
Ernst Jandl war Mitglied der Sozialistischen Partei Öster-reichs (seit
1951), der Akademie der Künste Berlin (West) (seit 1970), des Forums Stadtpark
Graz, und - als ihr Mitbegründer - der Grazer Autorenversammlung (seit
1973). Er war korrespondieren-des Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache
und Dichtung, Darmstadt (seit 1981) und Mitglied des Österreichischen Kunstsenats
(seit 1984). Ernst Jandl starb am 9.6.2000 in Wien.
Preise u.a.: Hörspielpreis der Kriegsblinden (1968), gemeinsam mit Friederike
Mayröcker; Georg-Trakl-Preis (1974); Mülheimer Dramatikerpreis (1980);
Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur (1984); Georg-Büchner-Preis
(1984); Preis der Deutschen Schallplattenkritik (1985); Peter-Huchel-Preis (1990);
Kleist-Preis (1993); Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (1995).
Die Tafeltexte zu den sieben Gruppen der Ausstellung
1. Jandl und die Familie
Ernst Jandl wuchs in Wien in einer rasch größer werdenden Familie
auf (1929 und 1932 Geburt der Brüder Robert und Hermann Jandl). Das Geld
ist knapp, der Vater, Zeit seines Lebens Bank-beamter, wird in Folge der Weltwirtschaftskrise
von Lohnkürzungen getroffen. Die Mutter, eine ausgebildete Lehrerin, überwacht
streng die Erziehung ihres ersten Sohnes: Ernst geht ins Schot-tengymnasium,
eine Eliteschule. 1932 bricht erstmals das Nervenleiden (Myasthenia gravis)
der Mutter aus, das 1940 mit dem Tod endet. Sie beginnt Gedichte und kürzere
Prosa zu schreiben, ihr Katholizismus nimmt fundamentalistische Züge an.
Wie die Mutter will auch Ernst Jandl Lehrer und vor allem Dichter werden.
2. Jandl und der Krieg
Ernst Jandl hat seine Jugend während des 2. Weltkrieges verbracht. Er fürchtete,
zum Militär eingezogen zu werden und sein Leben an der Front zu verlieren.
Mit Beginn des Krieges ist Jandl 14 Jahre alt und ihm bleiben noch 4 Jahre an
einem Wiener Gymnasium. Ihn beschäftigen Musik und Literatur. In einer
Anthologie von 1926 stößt er jeweils auf drei Gedichte von Johannes
R. Becher, Wilhelm Klemm und August Stramm. Verse wie diese würde er auch
gerne schreiben. Nach dem Abitur 1943 muss er jedoch zum Militär einrücken
und von da an beschäftigt ihn nur noch eine Frage: wie überleben?
3. Jandl und Friederike
Mayröcker
Ernst Jandl lernt während der 5. Österreichischen Jugendkulturwochen
in Innsbruck 1954 Friederi-ke Mayröcker kennen. Sie besitzt bereits den
Ruf einer Autorin von Rang, und er würde gerne mit einer Autorin zusammenleben.
Zwei Ehen müssen geschieden werden, ein Versuch, in einer gemeinsamen Wohnung
miteinander leben zu wollen, scheitert; ohne sie möchte er nicht leben.
Zusammen schreiben sie preisgekrönte Hörspiele, Friederike Mayröcker
wird zu seiner literarischen Verbündeten, aber unterschiedlicher können
zwei Autoren nicht sein.
4. Jandl und das Experiment
1956 entstehen erste Texte, mit denen es Jandl gelingt, an radikale Formen der
Poesie anzuknüp-fen, wie er sie bei Gertrude Stein, den Expressionisten
oder dem Zeitgenossen Eugen Gomringer kennen gelernt hat. Jandl zerlegt die
Sprache in ihre Einzelteile und entwickelt einen neuen Typus von Gedichten:
Sprechgedichte. 1957 publiziert er einige davon: Ein Entrüstungssturm bricht
los. 1966 erscheint endlich der Band "Laut und Luise" im Schweizer
Walter Verlag: Der Verleger des Buchs muss daraufhin mit Jandl den Verlag verlassen.
Diese Gedichte werden jedoch den Ruhm des Avantgardisten Jandl begründen
helfen.
5. Jandl und Lesungen
Ernst Jandl muss sein Werk gegen äußersten Widerstand durchsetzen.
Lesungen helfen ihm dabei. In Lesungen kann er seine lange ungedruckt gebliebenen
Gedichte einem Publikum vorstellen, das an "moderner Poesie" interessiert
ist. Nach einer Lesung 1964 in Stuttgart lernt er Helmut
Heißenbüttel kennen, der seine Gedichte herausgeben möchte.
1966 kommt nach einer Lesung der Verleger Klaus Wagenbach auf ihn zu und schlägt
ihm vor, eine Schallplatte mit Gedichten (von Jandl vorgetragen) zu veröffentlichen.
Jandl ist der erste Autor, der zuerst durch eine Platte berühmt wird. 1972
nutzt er einen Auftritt, der vom Fernsehen direkt übertragen wird, zu einer
einzigartigen kulturpolitischen Initiative: Er verliest eine Erklärung,
die zur Gründung einer Interessenvertretung für Autoren führt.
6. Jandl und Jandl
Ernst Jandl wollte nie ein "freier" Schriftsteller werden. Der Beruf
als Lehrer machte ihn unabhängig von Moden und dem Literaturbetrieb. Entgegen
seinem eigenen Wunsch schlug 1976 jedoch der Versuch fehl, nach mehreren Jahren
Urlaub in der Schule wieder Fuß zu fassen; er lässt sich pensionieren.
In seiner Dichtung entdeckt Jandl niemand anderen als Jandl. Hatte er bisher
"ich" zu sagen vermieden, spricht er in seinen Gedichten ab Mitte
der 70er Jahre fast nur noch von sich: in einer von ihm entwickelten "heruntergekommenen"
Sprache, in "idyllen", "stanzen" und in Theater-stücken,
"Aus der Fremde" zum Beispiel.
7. Jandl und die Musik
Wichtige Eindrücke empfängt Ernst Jandl durch die Musik. Seine ganze
Leidenschaft gehört dem Jazz; viele seiner Gedichte haben einen "drive"
und unbezwingbaren Rhythmus, der auch im Jazz vorkommt und diese Gedichte von
allem Romantischen in der Poesie absetzt. Jandls Medium ist deshalb nicht nur
das Buch, sein Medium sind auch Platten. Nicht ohne Grund werden seine Auftritte
wie Shows von Rockmusikern gefeiert und haben ihn Musiker seit Anfang der 80er
Jahre verstärkt entdeckt: Jazzer, Komponisten aus dem Bereich der E-Musik
und in jüngster Zeit Erfinder von Computerspielen. Jandls unverwechselbare
Stimme hat sich von ihrem Autor zu emanzipieren begonnen.
Zur Ausstellung liegt der
Band „ernst jandl. a komma punkt" vor, 215 Seiten, ca. 280 s/w Abbildun-gen,
Luchterhand Verlag, DM 78,–
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