Inge Werth – Menschen im Bett
Fotografien

Städtische Galerie Erlangen
13. Februar – 4. März 2001

Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr, Mo geschlossen

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Zur Ausstellung:
Das Bett ist erst in jüngster Zeit auf gewöhnlich nur zwei Tätigkeiten reduziert worden oder auch drei, wenn wir noch das Krankenlager hinzunehmen. Noch Winston Churchill wusste auf seinem Landsitz den Vormittag rechtschaffend im Bett zu verbringen: Mit der Bearbeitung der Korrespondenz, mit Lektüre und mit umfangreichen Diktaten und wohl auch mit dem ersten Glas Whisky.
Das Bett ist im Industriezeitalter in Misskredit geraten. Wer zuviel seiner Zeit darin verbringt, dem hängt der Dünkel des Faulenzers und Taugenichts nach. Pünktlich um sieben hat der schaffende Mensch sein Lager zu verlassen und an die geordnete Arbeit zu eilen. Wenn er dann am Abend wieder müde in die Federn sinkt, verbleibt meist nur noch eine der gängigen Alternativen, das Schlafen.
Die Fotografin Inge Werth hat seit mehr als zwanzig Jahren ein Projekt verfolgt, das weder das eine noch das andere in den Mittelpunkt stellt. Vielmehr: Das Bett als Lebensraum.

Es gibt, das zeigt dieses Fotoprojekt, bei einigen von uns doch noch eine komplexe Beziehung zum Bett. Es ist dabei wohl erstaunlich, welch immense und doch so unterschiedliche Rolle die Bettstatt spielen kann. In den Fotos von Inge Werth eröffnet sich eine ganze Soziologie des Betts und des Schlafraums, kurzum des intimsten Raums, in den wir uns zurückziehen können. Die Fotografin hat sowohl die Wohnsitzlosen als auch die Betuchten besucht, Alleinlebende und zahlreiche Paare.
Inge Werths "Bettmenschen" geben eine Ahnung vom Sein jenseits harter Bürostühle und vertikaler Tätigkeit. Sie sind gewiss zu einem guten Teil inszeniert, es sei nun dahingestellt, ob direkt durch die Fotografin oder durch die eigene Persönlichkeit der Dargestellten.
Inge Werth trifft dabei stets den richtigen Moment, den sie intuitiv erspürt und der von den Dargestellten meist kaum selbst bemerkt wird. Es ist eine Mischung aus dem sich von selbst ergebenden, aber vom Fotografen zu findenden "entscheidenden Augenblick" eines Cartier-Bresson und einer subtilen Manipulation. Diese sensible Szenografie erst lässt in manchen Themen die Wirklichkeit hervortreten.
Inge Werth hat nicht am Rande des Geschehens fotografiert, sondern immer mittendrin. Manchmal war dabei auch die Peripherie das Zentrum. Von der Bäuerin im Vogelsberg bis zum Gay in Frankfurt entwickelt sich der Einblick in jenen Lebensraum, der am meisten dem öffentlichen Blick verborgen bleibt und der in einer sich scheinbar entortenden Welt zur letzten Konstanten werden könnte.
Es gibt bei diesen Bildern nichts zu erklären. Sie benötigen keine lange Legende und keinen erläuternden Hintergrundtext. Sie sind Erzählung pur. Jeder wird in ihnen beim Betrachten die Geschichte finden, die in ihnen enthalten ist.

Auszüge aus dem Katalog:
Schlafen und das Schlafzimmer haben eine glanzvolle Geschichte. Denn am Anfang menschlicher Zivilisation und Kultur war das Bett. Zwischen dem neolithischen Bärenfell und dem Ikea-Bett der Gegenwart ist der Unterschied so groß nicht. Das Bett war schon am Anfang der Kulturgeschichte gültig und dauerhaft erfunden und lässt sich für das 2. Jahrtausend v. Chr. in Ägypten und im vorderen Orient nachweisen. Fast immer handelte es sich um ein mehr oder weniger erhöhtes Postament mit einer mal weicheren, mal härteren Plattform und diversen Decken zum Wärmen ...
Ihre erste Blüte erlebten die Liegeflächen schon in der Antike, als sie alles andere als nur Schlafplätze waren. Nicht nur die Symposien des Platon fanden im Liegen statt, auch die Mahlzeiten ...
Im europäischen Mittelalter waren die Betten oft über das ganze Haus verteilt, ohne dass es spezielle Schlafzimmer gegeben hätte, die sich erst in der Renaissance mit dem neuen Selbstbewusstsein des Individuums herausbildeten. Die seit dem 17. Jahrhundert entstandenen Alkoven bildeten ein eigenes Raumkompartiment, das ganz vom Bett ausgefüllt war, direkt an den Wohnbereich anschloss und nur mit einem Vorhang abgeteilt wurde ...
Anders als mit dem Bettdesign verhält es sich mit dem sozialen Status quo. Schlafen war für unsere Vorfahren zumeist eine kollektive Angelegenheit, und das nicht nur zwischen Ehepartnern. Unsere gegenwärtigen Vorstellungen von Intimsphäre sind noch relativ jung und entstammen überwiegend dem 19. Jahrhundert. Bis dahin war in Europa das Einzelbett zumeist nur den Fürsten vorbehalten, alle anderen Betten wurden weit ökonomischer ausgenutzt. Sie waren neben der Küche das Zentrum von Häuslichkeit, ja eine Art öffentlicher Ort innerhalb einer Familie oder eines Clans.
Der erfolgreichste Herrscher der Epoche, Ludwig der XIV. in Frankreich, beförderte das Bett sogar zum räumlichen und ideologischen Zentrum in seinem Megaschloss Versailles.
Das Bett und somit das Schlafzimmer sind in der bürgerlichen Moderne gänzlich zur Privatangelegenheit geworden. Das einst Gemeinsame ist heute der Rückzugsort des Einzelnen ...
Dass der Mensch auch am Ort des Schlafes einen enormen Gestaltungsdrang entwickelt, davon zeugen nicht zuletzt die Möbelhäuser auf der grünen Wiese, die in dieser Hinsicht viele Vorgaben anbieten ...
Und auch wer heute alleine ist, der braucht auf den Schlafzimmerblick zum anderen Geschlecht nicht zu verzichten. Das Internet hat eine Flut von Web Cameras hervorgebracht und bietet je nach Geschmack einen mehr oder weniger intensiven Einblick ...
Die Fotografin Inge Werth ist vor 25 Jahren eher durch Zufall ins deutsche Schlafzimmer gekommen. Bei einem Fotoprojekt über das Leben auf dem Land hatte sie eine alte Bäuerin in ihrem Bett sitzend aufgenommen und gespürt, dass hier eine sehr viel persönlichere, offenere und repräsentationsfreiere Aufnahmesituation entstand, als in allen anderen Räumen des Hauses. Im Schlafzimmer ist der Mensch nicht auf Besucher eingestellt. Klaus Klemp

Inge Werth, geboren 1939 in Stettin. Seit 1963 freie Fotografin in Frankfurt a.M.
Fotojournalistische Arbeiten u.a. für "Experimenta I und II" Frankfurt 1971/75; "Allgemeines Sonntagsblatt"; "Christ und Welt"; "Frankfurter Rundschau"; "Der Spiegel"; "Die Zeit" und den "Hessischen Rundfunk".

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, 144 Seiten, 80 Abbildungen, DM 28,–

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