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30. Oktober - 21. November 1999 Städtische Galerie Erlangen, Marktplatz
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Johan Lorbeer, der 1950 in Minden geboren wurde, lange Zeit in Nürnberg lebte und dort auch die Akademie besuchte, wirkt heute in Berlin. Er ist vor allem durch sein performerisches Werk bekannt geworden. Die Ausstellung dokumentiert in Teilen dieses performerische Werk mit Videos und Foto-Serien und sie gibt einen Einblick in sein bildnerisches Werk, das der Künstler vielfach als einen Kommentar zur Malerei der Moderne sieht. |
Die Künste der Gegenwart zeichnen
sich aus durch Vernetzungen und Grenzüberschreitungen, nicht nur zu
den jeweils anderen Künsten, sondern zu vielen Lebensbereichen. Bildende
und Darstellende Kunst, Musik und Literatur, aber auch Kunst, Wissenschaft
und Alltag sind heute nicht selten vereint unter dem Aspekt der Inszenierung
in einem Kunstwerk auf Zeit. Zu den wichtigsten Inszenierungs-Formen der
Kunst der Gegenwart gehört die Performance.
Deren Anfänge waren in Verbindung
mit Happening und Aktionskunst bestimmt von dem Wunsch, die Kunst
in das Leben einzubringen. Der Künstler wurde zum Agierenden vor Ort
und unmittelbar vor seinem Publikum. Er befreite sich vom Zwang der traditionellen
Mittel und Sparten mit einer künstlerischen Form, die sich zwischen
Bildender und Darstellender Kunst bewegt und deren Herkunft bestimmt ist
von Bild und Statik einerseits, von Handlung und Dynamik andererseits.
Johan Lorbeer begann sein performerisches
Werk in den späten siebziger Jahren. In unterschiedlichen Formen und
Ausdrucksweisen hatten und haben in diesem Werk Elemente der Bildenden
Kunst stets einen wichtigen Stellenwert. Handlung ist eingefroren zu einer
"lebenden Skulptur", deren Präsenz in der Zeit auch abhängig
ist von der Durchhaltekraft ihres Protagonisten.
Mit Konstruktionen, die seinen Körper
so abstützen,daß er eine längere Zeit bestimmte Haltungen
einnehmen kann, schafft er Skulpturen im Grenzbereich zwischen Bild und
Aufführung. Diese Konvergenz zwischen Bild und Handlung unterscheidet
Lorbeer von anderen zeitgenössischen Performern.
Erst auf den zweiten Blick wird deutlich,
daß die Farbe in den "Bildern", die Lorbeer mit seinem Körper
herstellt, eine wichtige Rolle spielt. Er bezieht sich auf die konstruktiv-konkrete
wie auf die monochrome Malerei. Dabei hängt es vom Bewußtsein
des Betrachters ab, ob die Farbe als integraler Bestandteil des Bildes
angesehen wird oder ob der Bezug wie ein ironischer Kommentar oder als
Teil eines Konzeptes gesehen wird.
Vielfältig sind die stilhistorischen
Bezüge zur Kunst der Moderne, zur konstruktiv konkreten ebenso wie
zur konzeptuellen Kunst oder zur monochromen Malerei. Darüberhinaus
sind es parodistische, anarchische, subversiv-kritische Elemente, die beide
Teile des Werks, mitunter selbst- und wechselseitig-reflexiv, verbinden.
Bekannt geworden ist Johan Lorbeer mit
jenen Arbeiten, die er "Still Life Performances" nannte, und die ab Mitte
der achtziger Jahre entstanden. Die Bilder, die er darin entwirft, verblüffen
durch die Konfrontation des in ihnen festgehaltenen banalen Bewegungs-Momentes
mit einer Dauer, die diesen Momenten, den Naturgesetzen nach, widerspricht.
Die "stehenden Bilder" Johan Lorbeers
benötigen in ihrer Fokussierung auf den Widerspruch zur Realität
eben diese zu ihrer Vermittlung. Die Videoarbeiten, in die der Künstler
manche seiner Performances "übersetzt", können das Präsenzerlebnis,
das der Betrachter in der Realität hat, leider kaum ersetzen. Deshalb
hat Johan Lorbeer die Dokumentation seines performerischen Werkes in der
Ausstellung mit einer Live-Performance ergänzt.
Dem sogenannten Kunstwerk und seiner Aura,
so wie es gegenwärtig in der Öffentlichkeit propagiert wird,
steht Lorbeer skeptisch gegenüber. So hat er auch seine Ausstellung
in Erlangen bewußt im Werkstatt-Charakter eingerichtet.
Zu den Arbeiten der Ausstellung
Die bildnerischen Arbeiten folgen keiner
chronologischen Ordnung, sondern sind nach ästhetischen und inhaltlichen
Gesichtspunkten so gruppiert, daß ein Werkstattcharakter deutlich
bleibt. In ihrer Zusammenschau sind diese Arbeiten als Kommentare zur modernen
Kunst zu sehen, zur konstruktiv konkreten ebenso wie zur konzeptuellen
Kunst oder zur monochromen Malerei. Parodistische, anarchische und subversiv-kritische
Elemente sind beabsichtigt.
Speziell für die Städtische
Galerie entstand die Arbeit "Farbmischtabelle des Deutschen Maler- und
Lackierhandwerks". Eine erste Variante dieser Arbeit entwarf Lorbeer 1993
für das Künstlerhaus Bethanien in Berlin. Hiervon berichtet auch
das Video. Die in der Städtischen Galerie ausliegenden Relikte stammen
von einer zweiten Variante für die Ausstellung in der Stadtgalerie
Saarbrücken. Für die Städtische Galerie hat Lorbeer die
Relikte zusammen mit der Kohle-Zeichnung an der Wand, die den Vorgaben
der Tabelle folgt, in einen neuen Kontext gebracht. Zu diesen Arbeiten
schreibt Christian Janecke im Katalog u.a.: "Mit seiner Skepsis gegenüber
Farbsystemen und Reduktionen der Farbe zur Monochromie, genauer: seiner
Skepsis gegenüber den letztlich willkürlichen Entscheidungsgrundlagen
der Maler, die indes mit der Rhetorik letzter Konsequenz und Nuancierung
verbrämt werden, steht Lorbeer natürlich nicht alleine da: Bereits
die konzeptionelle Weiterentwicklung minimalistischer Ansätze in den
70er Jahren hatte etwas von dieser Skepsis verinnerlicht, hatte sich zum
dreisten Nominalismus subjektiv zufälliger Wahl eines endlos variierten
Prototyps von Farbverwendung bekannt. Die nachträgliche Remystifizierung
bereits vorgefärbter Tuchbahnen Blinky Palermos oder die Ausbeutung
jener von den Urhebern gar nicht intendierten Bedeutungsaufladung monochromer
oder reduziert geometrischer Paletten im Neo Geo sind in den 80er Jahren
Ausdruck einer nurmehr verhaltenen Skepsis, die positive Setzungen nicht
ausschließt ...
In den 90er Jahren setzt Lorbeer seine
Reprisen monochromer bzw. konkreter Tradition fort, nicht ohne jetzt den
Ready-made-Charakter der Farbe stärker hervorzuheben. Seit die Malerei
sich, z.B. mittels bereits präparierter Farben, später in Tuben,
aus ihrer handwerklichen Fundierung löst, müssen sich die Vertreter
der 'reinen Farbe', später der Monochromie, dem Verdacht entgegenstellen,
als Kunst zu verkaufen, was es an jeder Ecke gibt; und angesichts der schier
endlos differenzierten Palette der Farbindustrie muss sich der Befürworter
der Monochromie die Argumente für seine Nuancierungen, für die
intendierte Sensibilisierung der Betrachter genau überlegen. Kein
Wunder, dass kontextbewusste Künstler sich also für das Trittbrettfahren
bei der unfreiwilligen Kunstproduktion durch Alltagsfarbgestaltung interessieren."
Die Videos in den Räumen der Städtischen
Galerie zeigen "Performance-Skizzen", sowie Dokumentationen von Performances.
Lorbeer bezeichnet jene Video-Filme als "Skizzen", auf denen er Haltung,
Gestus, Kleidung und Versatzstücke der späteren Performances
in ihrer Wirkung ausprobiert und einstudiert.
Zur Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit
dem Institut für moderne Kunst Nürnberg, der Stadtgalerie Saarbrücken
und dem Kunstverein Ingolstadt ein Katalog erschienen, 96 S., 73 Abb. s/w
und farbig, Ausstellungspreis: DM 28,-.
Zu beziehen bei der Städtischen
Galerie Erlangen.