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17. Juli - 8. August 1999 Städtische Galerie Erlangen, Marktplatz
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Die folgenden Anmerkungen von Werner Krebber
sind keine Interpretationen, sondern Hinweise auf Themenkomplexe im Werk
von Herbert Martius.
Raum 1: "Krieg "
Aquarelle, 1943-1945 / Winterkrieg, 1950
/ Feuerwerk, 1972 / Selbstbildnis, 1949 / Kriegszeichnungen, 1943-1945
Krieg, das weiß Herbert Martius
aus eigener Erfahrung, bringt weit mehr erschütterndes Elend mit sich,
als sich in computerspielgleichen Videoaufzeichnungen von Bombenangriffen
einfangen läßt. Das "Feuerwerk", das sich durch Bomben und Granaten
über Menschen und Häuser legt, bringt zwar Licht und Farbe, hellsten
Glanz und Schein, bedeutet aber Tod, Leid und Verwüstung. Gestern
wie heute ...
Raum 2: "Weiher "
Linoldrucke in Farbe, 1965 / Druckplatte
"Weiher" kommt eigentlich von dem lateinischen
Wort "vivarium", das einen Fischbehälter bezeichnete. Und "vivarium"
selbst ist wiederum von "vivius", lebendig, entlehnt ... Der Blick
auf das Wasser und auf den Schilf am Rande der Ufer lädt heute wieder
zur Ruhe ein, nachdem viele menschliche Eingriffe die Ökologie - quasi
als Wiedergutmachung - in ein besseres Gleichgewicht bringen konnten. Und
das so gereinigte Wasser lädt auch zur Besinnung auf jene Urkräfte
ein, ohne die Leben nicht möglich wäre.
Raum 3: "Midas"
Aquarelle, 1972
"Erst wenn der letzte Fluß vergiftet,
der letzte Baum gerodet, der letzte Fisch gefangen, das letzte Stück
Luft vergiftet ist, werdet ihr feststellen, daß man Gold nicht essen
kann!" Noch gar nicht so lange ist die Zeit her, als überall Aufkleber
mit dieser Mahnung der kanadischen Cree-Indianer zu finden waren. Heute
ist diese Aussage scheinbar wieder vergessen. Doch die Wahrheit dieses
Gedankens hat eine lange Geschichte. Auch in der griechischen Mythologie
ist sie zu finden:
Die Geschichte von Midas ist ebenso "alt"
wie "modern": König Midas bekommt ein ungewöhnliches Geschenk,
das er sich selbst gewünscht hat. "Alles, was ich anfasse, soll zu
Gold werden", hatte er zum Gott des Weines gesagt, der Midas belohnen wollte.
So wurde der grünende Zweig der Steineiche ebenso zu Gold wie die
Erdscholle, die Kornähre, der Apfel vom Baum. "Kaum kann sein Sinn
die eigenen Hoffnungen fassen: Alles stellt er sich golden vor ..." heißt
es in der Sage. "Wollte er Speisen mit gierigem Biß zerkleinern,
überzog rötliches Metall die Speisen, kaum daß der Zahn
sie berührte. Hatte er den Spender der Gabe, den Weingott, mit reinem
Wasser vermischt, so hätte man flüssiges Gold durch seine Kehle
rinnen sehen können. Entsetzt über das neuartige Unheil, wünscht
der arme Reiche seinen Schätzen zu entfliehen. Was er eben noch erfleht
hat, haßt er. Selbst die größte Fülle kann seinen
Hunger nicht stillen; brennender Durst dörrt ihm die Kehle aus, und
wie er es verdient, quält ihn das verhaßte Gold ..." (zitiert
nach Ovids "Metamorphosen").
Die Geschichte von Midas und seinem selbst
gewählten Schicksal steht stellvertretend für jenen scheinbar
unbegrenzten Fortschrittsglauben, der nach dem Krieg eine Zeit lang den
Gang der wirklichen Welt bestimmte. Schon damals jedoch wurden auch die
Grenzen des Wachstums angemahnt.
Raum 4: "Der Schatz"
Linol-Drucke in Farbe, 1965 / Keine Auflage
/ Druckplatte
"Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln
auf Erden", heißt es im Matthäus-Evangelium, "da sie die Motten
und der Rost fressen" (6,19-20). Schätze haben etwas Trügerisches.
Immer wieder findet sich in Sagen das Motiv, daß ein Schatz, den
man gefunden oder bekommen hat, sich zu bedeutungslosem Material verwandelt.
Ist es einerseits die Sehnsucht danach, etwas Greifbares in die Hand zu
bekommen, etwas, das einem in besonderer Weise gefällt, scheint andererseits
auf den Materialien gleichermaßen ein Fluch zu liegen. Nichts ist
sicher, was uns oft als sicher erscheint. Träume werden zu Ent-Täuschungen.
Doch auch das Gegenteil kann richtig sein.
Aus scheinbar Wertlosem kann etwas werden, entstehen, das wertvoll ist.
Sei es, weil es an eine bestimmte Situation, an einen besonderen Menschen,
an eine Region erinnert, die für einen selbst eine besondere Bedeutung
hat.
Der wahre Wert von Schätzen zeigt
sich aber zumeist erst in der Rückschau.
Raum 5: "Propheten - Märtyrer -
Menschen"
Arbeiten in Mischtechniken, 1968 / Druckplatte
Menschen, die als Propheten oder Märtyrer
gelten, zeichnen sich durch besondere Wesenszüge aus. Ein Mensch,
der die Hand in die Höhe hebt und Orientierung bietet. So scheint
es. Und ein anderer Mensch, der die Hand nach unten hält, in die Tiefe
stürzt und aus Verzweiflung schreit. Auch so kann es sein. Denn diese
Menschen stehen oft in einer sehr ambivalenten Spannung.
Gerade heute, in einer Zeit unübersichtlicher,
globaler Strukturen, suchen viele Menschen nach Halt, Sinn, Orientierung.
Je stärker das Gefühl eigener Ohnmacht wird, desto größer
ist die Bereitschaft, sogenannten Sinnstiftern zu folgen. Doch es ist Vorsicht
geboten. Denn es ist zwar wichtig, daß Menschen die Stimme
erheben und deutlich machen, wo etwas
falsch läuft. Und es ist notwendig, Perspektiven aufzuzeigen, wohin
der Weg auch führen könnte. Doch es gibt zu viele falsche Propheten,
deren irrige Wegweisungen Menschen zu Märtyrern werden lassen.
Raum 6: "Ikarus"
Acryl, 1972
Die mahnenden Worte des Vaters an seinen
Sohn Ikarus waren eigentlich klar und deutlich: "Halte dich auf mittlerer
Bahn, Ikarus, damit nicht, wenn du zu tief fliegst, die Woge die Federn
schwer mache oder, wenn du zu hoch emporsteigst, das Feuer sie versenge."
Doch die Mahnung des Daedalus, von der Ovid im
VIII. Buch der "Metamorphosen" berichtet,
bleibt unbeachtet. Nicht folgenlos. "Es ist kein Wunder, daß Ikarus
dem Überschwang zum Opfer fiel, denn der Überschwang ist die
naturgegebene Sünde der Jugend, während der Mangel die des Alters
ist. Freilich wählt die Jugend unter den beiden unheil- und schmerzvollen
Wegen den besseren. Denn die Sünden des Mangels werden zu Recht für
schlimmer gehalten als die Sünden des Überschwangs. Im Überschwang
nämlich liegt etwas Erhabenes, etwas, das wie der Flug eines Vogels
mit dem Himmel Verwandschaft hält, während der Mangel wie ein
Reptil auf dem Boden kriecht." So der englische Philosoph Francis Bacon
zu Anfang des 17. Jahrhunderts.
Gibt es den "Goldenen Weg", den "Mittelweg"
für menschliche Existenz? Was ist Schuld? Ist der Generationenvertrag
ein Bündnis zwischen Alt und Jung, der Verständigung statt Auseinandersetzung
bringt? Auf welchen Weg sollen wir uns machen, um weiter zu kommen?
Viele Fragen sind es, die sich an den
Mythos von Ikarus anschließen lassen. Von der Antike aus bis in die
Gegenwart hinein haben Dichter, Philosophen und Maler versucht, diesem
Mythos Gestalt zu geben, ihn einzufangen.
Dabei geht es nicht um Mittelmaß,
um Durchschnitt, um Kompromisse. Es geht jeweils um die sorgfältige
Abwägung der Güter.
Raum 7: "Geschichten aus Odessa von
Isaak Babel"
Collagen
"Im Grunde könnte man alles, was
Babel geschrieben hat, als 'Geschichten aus Odessa' bezeichnen," schrieb
Horst Bienek über Isaak Babel. 1894 geboren, war Babel zuerst als
Soldat in Rumänien und später als Reporter in Petrograd und Tiflis
tätig, wobei er lernte, seine "Gedanken klar und nicht umständlich
auszudrücken...", wie er in einer Autobiografie schrieb. Berühmt
wurde er vor allem durch seine Erzählbände "Die Reiterarmee",
"Geschichten aus Odessa" und "Geschichten". Babel wurde zu einem der populärsten
Schriftsteller der Sowjetunion. Dies vor allem unter dem Schutz von Maxim
Gorki, der Babel über Jahre förderte. "Odessa ist überall
gegenwärtig, der Geist jener Stadt, in der das Russische mit dem Jüdischen
konfrontiert war, sich aber auch vermischte, das Judenviertel der Moldawanke
mit den gelehrten Spinozas, den chagallschen Geigern, den Kaufleuten, Dieben
und Gaunern, den, von 'Leidenschaften durchwühlten Gebäuden des
Chassidismus'... auch der Rotarmist Babel, der in grellen Bildern und schrillen
Sätzen Terror, Trauma und Tod des Bürgerkriegs beschreibt, kommt
davon nicht los," so Bienek. In Babel zeichnet er einen Mann, der zwiegespalten
ist, einen Mann, der gläubiger Jude und träumender Revolutionär
war. So heißt es in Babels Erzählung "Gedall": "Die Revolution?
Sagen wir ja zu ihr; sollen wir aber deshalb zum Sabbat nein sagen? So
begann Gedall und band mich mit den seidenen Gebetsriemen seiner rauchgrauen
Augen.
'Ja, rufe ich der Revolution zu, ja, rufe
ich ihr zu, aber sie versteckt sich vor Gedall und schickt nur die Erschießung
voraus...'"
Raum 8: "Ölbilder und Plastiken"
Abdeckerei / Fluß der Vergessenen
/ Eisland
Memento I / Memento II
Für einen Gefangenen / Stunde Pans
Unruhige Nacht / Drohendes Unheil / Später
Herbst
Raum 9: "Photodokumentation / Diaschau"
Arbeiten an privaten und öffentlichen
Gebäuden
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog,
64 Seiten, 51 Abb., DM 35,-, und ein Siebdruck, DM 120,-; in Kombination
mit Katalog DM 150,-.
Zu beziehen beim Künstler, Lorlebergplatz,
91054 Erlangen