17. Juli - 8. August 1999  

Städtische Galerie Erlangen, Marktplatz 1 
Öffnungszeiten: Di, Do, Fr 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr, Sa und So 10-17 Uhr 

Zum Künstler
Herbert Martius wurde am 9. Juli dieses Jahres 75 Jahre alt. Geboren 1924 in Erlangen, lebt und arbeitet er in dieser Stadt bis heute. Sein Schaffen ist vielseitig, und in seiner Breite und Fülle wohl nur wenigen bekannt. Die Annahme des Kulturpreises, den ihm die Stadt 1989 verleihen wollte, lehnte er ab. Er hätte stattdessen gerne einen öffentlichen Auftrag bekommen.
Zu seinem runden Geburtstag zeigt die Städtische Galerie Erlangen eine umfassende Retrospektive, zusammengestellt und eingerichtet vom Künstler selbst. Zu sehen sind aus der Zeit von 1943 bis heute Öl- und Acrylbilder, Aquarelle, Mischtechniken, Collagen, Zeichnungen, Linoldrucke, Farbplastiken und eine Foto-Dokumentation von seinen Arbeiten an privaten und öffentlichen Gebäuden, vielfach in Email-Malerei.
Die für den jungen Herbert Martius entscheidende Erfahrung war, wie für viele Künstler seiner Generation, der 2. Weltkrieg. Gleich nach dem Abitur wurde er Soldat. 1949 erst kam er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Seither ist seine optimistische Aufgeschlossenheit für die Welt verbunden mit einer stets wachen Skepsis gegenüber jeglichem Schein. Den Grenzen des Wachstums, den Schattenseiten der kapitalistischen Weltordnung, der Gefährdung des ökologischen Gleichgewichts gilt sein Blick ebenso wie den Schönheiten dieser Erde, hierorts und auch auf seinen Reisen insbesondere in Länder der sogenannten 3. Welt. In seinen Arbeiten findet dies Ausdruck vor allem in der Darstellung von Mythen und Allegorien, in imaginären Landschaften und Bild-Erzählungen. Midas und Ikarus, Isaak Babels Odessa und der babylonische Turm gehören zu den Figuren und Orten, in denen sich diese Sicht fokussiert. Die Abstraktion in seinen Arbeiten dient der Fortschreibung seiner Gedanken ins Metaphysische, der Darstellung von Träumen und Visionen. 
Über die Region hinaus bekannt wurde Herbert Martius vor allem auch mit seinen Email-Arbeiten an privaten und öffentlichen Gebäuden, so mit dem sogenannten "Emailhaus", einem Studentenwohnheim in Rüsselsheim, dessen gesamte Außenfassade von rund 1000 m² Fläche er 1990/91 gestaltete.
In Erlangen hat er 1983/84 in städtischem Auftrag an der Außenwand der Brucker Eichendorffschule das Email-Mosaik "Aus dem Leben eines ..." realisieren können, außerdem 1994 den "Winddreher", die "bespielbare Plastik", ein Fliesenmosaik im Brucker Kindergarten an der Sandbergstraße und 1994 auch ein Wandrelief im "Haus des Handwerks", das ein 1965 von ihm dort bereits geschaffenes Werk aus Acryltafeln ergänzt.

Zur Ausstellung
Die folgenden Anmerkungen von Werner Krebber sind keine Interpretationen, sondern Hinweise auf Themenkomplexe im Werk von Herbert Martius.
Raum 1: "Krieg "
Aquarelle, 1943-1945 / Winterkrieg, 1950 / Feuerwerk, 1972 / Selbstbildnis, 1949 / Kriegszeichnungen, 1943-1945
Krieg, das weiß Herbert Martius aus eigener Erfahrung, bringt weit mehr erschütterndes Elend mit sich, als sich in computerspielgleichen Videoaufzeichnungen von Bombenangriffen einfangen läßt. Das "Feuerwerk", das sich durch Bomben und Granaten über Menschen und Häuser legt, bringt zwar Licht und Farbe, hellsten Glanz und Schein, bedeutet aber Tod, Leid und Verwüstung. Gestern wie heute ...

Raum 2: "Weiher "
Linoldrucke in Farbe, 1965 / Druckplatte
"Weiher" kommt eigentlich von dem lateinischen Wort "vivarium", das einen Fischbehälter bezeichnete. Und "vivarium" selbst ist wiederum von "vivius", lebendig, entlehnt ...  Der Blick auf das Wasser und auf den Schilf am Rande der Ufer lädt heute wieder zur Ruhe ein, nachdem viele menschliche Eingriffe die Ökologie - quasi als Wiedergutmachung - in ein besseres Gleichgewicht bringen konnten. Und das so gereinigte Wasser lädt  auch zur Besinnung auf jene Urkräfte ein, ohne die Leben nicht möglich wäre.

Raum 3: "Midas"
Aquarelle, 1972
"Erst wenn der letzte Fluß vergiftet, der letzte Baum gerodet, der letzte Fisch gefangen, das letzte Stück Luft vergiftet ist, werdet ihr feststellen, daß man Gold nicht essen kann!" Noch gar nicht so lange ist die Zeit her, als überall Aufkleber mit dieser Mahnung der kanadischen Cree-Indianer zu finden waren. Heute ist diese Aussage scheinbar wieder vergessen. Doch die Wahrheit dieses Gedankens hat eine lange Geschichte. Auch in der griechischen Mythologie ist sie zu finden:
Die Geschichte von Midas ist ebenso "alt" wie "modern": König Midas bekommt ein ungewöhnliches Geschenk, das er sich selbst gewünscht hat. "Alles, was ich anfasse, soll zu Gold werden", hatte er zum Gott des Weines gesagt, der Midas belohnen wollte. So wurde der grünende Zweig der Steineiche ebenso zu Gold wie die Erdscholle, die Kornähre, der Apfel vom Baum. "Kaum kann sein Sinn die eigenen Hoffnungen fassen: Alles stellt er sich golden vor ..." heißt es in der Sage. "Wollte er Speisen mit gierigem Biß zerkleinern, überzog rötliches Metall die Speisen, kaum daß der Zahn sie berührte. Hatte er den Spender der Gabe, den Weingott, mit reinem Wasser vermischt, so hätte man flüssiges Gold durch seine Kehle rinnen sehen können. Entsetzt über das neuartige Unheil, wünscht der arme Reiche seinen Schätzen zu entfliehen. Was er eben noch erfleht hat, haßt er. Selbst die größte Fülle kann seinen Hunger nicht stillen; brennender Durst dörrt ihm die Kehle aus, und wie er es verdient, quält ihn das verhaßte Gold ..." (zitiert nach Ovids "Metamorphosen").
Die Geschichte von Midas und seinem selbst gewählten Schicksal steht stellvertretend für jenen scheinbar unbegrenzten Fortschrittsglauben, der nach dem Krieg eine Zeit lang den Gang der wirklichen Welt bestimmte. Schon damals jedoch wurden auch die Grenzen des Wachstums angemahnt.

Raum 4: "Der Schatz"
Linol-Drucke in Farbe, 1965 / Keine Auflage / Druckplatte
"Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden", heißt es im Matthäus-Evangelium, "da sie die Motten und der Rost fressen" (6,19-20). Schätze haben etwas Trügerisches. Immer wieder findet sich in Sagen das Motiv, daß ein Schatz, den man gefunden oder bekommen hat, sich zu bedeutungslosem Material verwandelt. Ist es einerseits die Sehnsucht danach, etwas Greifbares in die Hand zu bekommen, etwas, das einem in besonderer Weise gefällt, scheint andererseits auf den Materialien gleichermaßen ein Fluch zu liegen. Nichts ist sicher, was uns oft als sicher erscheint. Träume werden zu Ent-Täuschungen.
Doch auch das Gegenteil kann richtig sein. Aus scheinbar Wertlosem kann etwas werden, entstehen, das wertvoll ist. Sei es, weil es an eine bestimmte Situation, an einen besonderen Menschen, an eine Region erinnert, die für einen selbst eine besondere Bedeutung hat.
Der wahre Wert von Schätzen zeigt sich aber zumeist erst in der Rückschau.

Raum 5: "Propheten - Märtyrer - Menschen"
Arbeiten in Mischtechniken, 1968 / Druckplatte
Menschen, die als Propheten oder Märtyrer gelten, zeichnen sich durch besondere Wesenszüge aus. Ein Mensch, der die Hand in die Höhe hebt und Orientierung bietet. So scheint es. Und ein anderer Mensch, der die Hand nach unten hält, in die Tiefe stürzt und aus Verzweiflung schreit. Auch so kann es sein. Denn diese Menschen stehen oft in einer sehr ambivalenten Spannung.
Gerade heute, in einer Zeit unübersichtlicher, globaler Strukturen, suchen viele Menschen nach Halt, Sinn, Orientierung. Je stärker das Gefühl eigener Ohnmacht wird, desto größer ist die Bereitschaft, sogenannten Sinnstiftern zu folgen. Doch es ist Vorsicht geboten. Denn es ist zwar wichtig, daß Menschen die Stimme
erheben und deutlich machen, wo etwas falsch läuft. Und es ist notwendig, Perspektiven aufzuzeigen, wohin der Weg auch führen könnte. Doch es gibt zu viele falsche Propheten, deren irrige Wegweisungen Menschen zu Märtyrern werden lassen.

Raum 6: "Ikarus"
Acryl, 1972
Die mahnenden Worte des Vaters an seinen Sohn Ikarus waren eigentlich klar und deutlich: "Halte dich auf mittlerer Bahn, Ikarus, damit nicht, wenn du zu tief fliegst, die Woge die Federn schwer mache oder, wenn du zu hoch emporsteigst, das Feuer sie versenge." Doch die Mahnung des Daedalus, von der Ovid im
VIII. Buch der "Metamorphosen" berichtet, bleibt unbeachtet. Nicht folgenlos. "Es ist kein Wunder, daß Ikarus dem Überschwang zum Opfer fiel, denn der Überschwang ist die naturgegebene Sünde der Jugend, während der Mangel die des Alters ist. Freilich wählt die Jugend unter den beiden unheil- und schmerzvollen Wegen den besseren. Denn die Sünden des Mangels werden zu Recht für schlimmer gehalten als die Sünden des Überschwangs. Im Überschwang nämlich liegt etwas Erhabenes, etwas, das wie der Flug eines Vogels mit dem Himmel Verwandschaft hält, während der Mangel wie ein Reptil auf dem Boden kriecht." So der englische Philosoph Francis Bacon zu Anfang des 17. Jahrhunderts.
Gibt es den "Goldenen Weg", den "Mittelweg" für menschliche Existenz? Was ist Schuld? Ist der Generationenvertrag ein Bündnis zwischen Alt und Jung, der Verständigung statt Auseinandersetzung bringt? Auf welchen Weg sollen wir uns machen, um weiter zu kommen?
Viele Fragen sind es, die sich an den Mythos von Ikarus anschließen lassen. Von der Antike aus bis in die Gegenwart hinein haben Dichter, Philosophen und Maler versucht, diesem Mythos Gestalt zu geben, ihn einzufangen.
Dabei geht es nicht um Mittelmaß, um Durchschnitt, um Kompromisse. Es geht jeweils um die sorgfältige Abwägung der Güter.

Raum 7: "Geschichten aus Odessa von Isaak Babel"
Collagen
"Im Grunde könnte man alles, was Babel geschrieben hat, als 'Geschichten aus Odessa' bezeichnen," schrieb Horst Bienek über Isaak Babel. 1894 geboren, war Babel zuerst als Soldat in Rumänien und später als Reporter in Petrograd und Tiflis tätig, wobei er lernte, seine "Gedanken klar und nicht umständlich auszudrücken...", wie er in einer Autobiografie schrieb. Berühmt wurde er vor allem durch seine Erzählbände "Die Reiterarmee", "Geschichten aus Odessa" und "Geschichten". Babel wurde zu einem der populärsten Schriftsteller der Sowjetunion. Dies vor allem unter dem Schutz von Maxim Gorki, der Babel über Jahre förderte. "Odessa ist überall gegenwärtig, der Geist jener Stadt, in der das Russische mit dem Jüdischen konfrontiert war, sich aber auch vermischte, das Judenviertel der Moldawanke mit den gelehrten Spinozas, den chagallschen Geigern, den Kaufleuten, Dieben und Gaunern, den, von 'Leidenschaften durchwühlten Gebäuden des Chassidismus'... auch der Rotarmist Babel, der in grellen Bildern und schrillen Sätzen Terror, Trauma und Tod des Bürgerkriegs beschreibt, kommt davon nicht los," so Bienek. In Babel zeichnet er einen Mann, der zwiegespalten ist, einen Mann, der gläubiger Jude und träumender Revolutionär war. So heißt es in Babels Erzählung "Gedall": "Die Revolution? Sagen wir ja zu ihr; sollen wir aber deshalb zum Sabbat nein sagen? So begann Gedall und band mich mit den seidenen Gebetsriemen seiner rauchgrauen Augen.
'Ja, rufe ich der Revolution zu, ja, rufe ich ihr zu, aber sie versteckt sich vor Gedall und schickt nur die Erschießung voraus...'"

Raum 8: "Ölbilder und Plastiken"
Abdeckerei / Fluß der Vergessenen / Eisland
Memento I / Memento II
Für einen Gefangenen / Stunde Pans
Unruhige Nacht / Drohendes Unheil / Später Herbst

Raum 9: "Photodokumentation / Diaschau"
Arbeiten an privaten und öffentlichen Gebäuden

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, 64 Seiten, 51 Abb., DM 35,-, und ein Siebdruck, DM 120,-; in Kombination mit Katalog DM 150,-.
Zu beziehen beim Künstler, Lorlebergplatz, 91054 Erlangen

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