Sonntag, 3. August 2003,
11 Uhr, Schlossgarten
Egschiglen
Sounds of Mongolia
Das Ensemble Egschiglen (Schöne
Melodie) wurde 1991 in der der Mongolei von Meisterschülern des Konservatoriums
Ulan Bator gegründet. Auch heute noch bilden vier der Gründungsmitglieder
das Herz des Ensembles. Von Beginn an stellten die Künstler die zeitgenössische
Musik ihres Landes in den Mittelpunkt und erforschten systematisch die klanglichen
Dimensionen dieses Repertoires mit traditionellen Instrumenten der Mongolei
und den Gesangstechniken Zentralasiens.
Die Musik eines Landes wird geprägt durch seine Landschaft und die Lebensweise
seiner Menschen. Die Mongolei im Herzen Asiens ist ein weites Land, ungefähr
fünfmal so groß wie Deutschland. Endloses Grasland geht im Süden
über in die karge Schönheit der Wüste Gobi. Aus den schneebedeckten
Bergen des Altai und des Khangai fließen klare Flüsse durch die Wälder
in die Ebenen. Ein großer Teil der etwas über 2 Mio. Mongolen lebt
noch heute als Nomaden im Einklang und Rhythmus mit der Natur und in Gemeinschaft
mit ihren "Fünf Juwelen": Pferden, Kamelen, Rindern, Schafen
und Ziegen. Die Musik der Mongolen atmet die Weite und Freiheit, die Kraft dieses
elementaren Lebens mit der Natur.
Die Mitglieder des Ensembles Egschiglen sind musikalische Botschafter ihres
Landes. Virtuos bringen die Musiker ihre traditionellen Instrumente zum Klingen:
die Pferdekopfgeige, morin khuur, ein Streichinstrument mit zwei Saiten aus
Pferdehaar, das ähnlich wie ein Cello gespielt wird, Schwanenhalslaute,
tobshur, Hackbrett und fernöstliche Percussion. Und natürlich gehört
zur Musik der Mongolen auch der Khoomii-Gesang, der Oberton- oder Kehlkopfgesang,
bei dem zu einem Grundton gleichzeitig Obertöne zu einer Melodie moduliert
werden.
Die Musik von Egschiglen beeindruckt durch die Vielfalt und Feinheit des Ausdrucks.
In ausgefeilten Arrangements interpretieren sie sowohl traditionelle Lieder
als auch Werke zeitgenössischer Komponisten der Mongolei. Die Stücke
sind oft von kammermusikalischer Feinheit und Transparenz, dann wieder von ganz
ursprünglicher mitreißender Kraft. Mal glaubt man die Hufe der kleinen
zähen Mongolenpferde zu hören, auf deren Rücken Dschingis Khan
das größte Weltreich aller Zeiten begründete. Dann wieder führt
die Musik hinein in die klare Stille der Gobi, wo nur der Wind in den Dünen
singt.
Einerseits sind die mongolischen Klänge für westliche Ohren fremdartig
und geheimnisvoll. Besonders der Khoomii-Gesang versetzt in schier ungläubiges
Erstaunen. Diese tiefen und hohen Töne sollen wirklich gleichzeitig einer
Kehle entspringen? (Ja, sie tun es!) Andererseits aber wirkt die Musik auch
tief vertraut, denn sie bringt elementare menschliche Gefühle zum Ausdruck:
Lebensfreude, Sehnsucht, Trauer, Dankbarkeit. So führen die Musiker und
Musikerinnen von EGSCHIGLEN weit weg in die faszinierende Kultur ihrer fernen
Heimat und zugleich in die gemeinsame Mitte menschlicher Existenz, jenseits
aller kulturellen Unterschiede.
‚Schöne Melodie’ oder auch ‚Wohlklang’ bedeutet
der Name des Ensembles, das den Wohlklang ihrer Kultur in die Welt tragen möchte
und in dem Gleichgewicht aus Tradition und Moderne eine Kunst des Klangs und
der Zeit, die den Wind durchlässt, das Licht und die Ruhe, geschaffen hat.
Nach Jahren der Suche und des Nomadisierens zwischen Ulan Bator, der Hauptstadt
der Mongolei und Röthenbach an der Pegnitz haben die Musiker von Egschiglen
ihre Jurte ordnungsgemäß im Fränkischen aufgeschlagen, um die
europäischen Konzertsäle besser zu erreichen.
Die
Musiker
Tume – Tumenbayar Migdorj
moriin Khuur (Pferdekopfgeige), Gesang
Tumruu – Tumursaihan Yanlav
moriin khuur (Pferdekopfgeige), aman khuur, Gesang
Uugan – Uuganbaatar Tsend-Ochir
ih khuur (Bass)
Boogi – Batbold Wandansenge
Percussion, denshig, Gesang
Amra – Amartuwshin Baasandorj
Khoomii-Gesang, tobshuur (Schwanenhalslaute)
Saran – Sarangerel Tserevsamba
Yoochin (Hackbrett), Gesang
Ariunaa Tserendavaa
Tanz
Im sehr melancholischen
„Helengiin barya“ folgt Tumursaihan Yanlav mit seiner moriin khuur
(Pferdekopfgeige) den Serpentinen-Schleifen des Flusses Herlen, gelegen im zentralen
Osten der Mongolei. In „Hartai sarlag“, „Uils dundaa sain“,
„Elstiin ganga“ und „Yan Tai Wan Göögöö“
finden sich Referenzen an den traditionellen Stil. In der Interpretation des
„moriin khuur konzert“, einem zentralen Werk der neuen mongolischen
Musik, geschrieben von dem 1996 verstorbenen Komponisten Hangal, kappt Egschiglen
die Nabelschnur der Tradition und genießt eine neue Freiheit. Das Werk
wurde von EGSCHIGLEN vollständig neu bearbeitet für ausschließlich
traditionelle mongolische Instrumente. „Manduhai“ stammt vom mongolischen
Komponisten Janzannorov, einer der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen
mongolischen Musik und Lehrer der Musiker von Egschiglen. Mit „Talin salhi“,
einer Improvisation, die interessanterweise auf einer japanischen Melodie beruht,
und von den Abenteuern Dschingis Khans berichtet, wird der Bruch mit der Norm
endgültig vollzogen. Das Ergebnis ist der allererste rootsorientierte Rap
in der mongolischen Geschichte. „Setgeliin egshig“, ein Instrumentalstück,
entstand Anfang der 70er Jahre und ist damit eine der ersten Kompositionen neuer
klassisch-mongolischer Musik. „Haramgui“ ist eine Vokalimprovisation
auf khöömii. Der Sänger Amra moduliert zwischen den verschiedenen
Arten dieser Gesangstechnik, die ein komplexes Zusammenwirken von Bauch-, Zwerchfell-
und Brustatmung, von Stimmbändern, Stimmritze und Kehlkopfknorpel, von
Zunge, Lippen und Mundhöhle erfordern.
Welch ein Weg, den die Gruppe seit 1991, dem Jahr ihrer Gründung zurückgelegt
hat. Zunächst interpretierten sie die ersten modernen mongolischen Kompositionen,
geschrieben von ihren in der sowjetischen Schule ausgebildeten Landsleuten.
Ohne großen Erfolg, da ihre Gastspiele im Westen vorwiegend vor Liebhabern
traditioneller Folklore stattfanden. Seitdem widmet sich Egschiglen der Kunst
der Volksmusiken aus der Welt der Steppe, den Motiven der schamanischen und
lamaistischen Traditionen. Im Laufe der Zeit stellt sich bei der Gruppe einen
neue Sprache zwischen dem Gesang und den Instrumenten ein. Kompositorische Bruchstücke
und Orchestrierung wandeln nach und nach die Lieder in wunderbare fließende
Strukturen um. Die Konzerte Egschiglens ähneln bald kristallisierenden
Symphonien und münden auf ihrer neuesten CD „Zazal“ in einer
Expression errungener Freiheit, verschworener Betrachtung von verwurzelten Traditionen
und geistiger Wanderung zwischen Ost und West. Von nun an vereint das poetische
und kompositorische Universum dieser mongolischen Nomaden ihre Experimentierbegierden,
die der lebhaften Begeisterung ihrer kontinuierlichen Streifzüge Ausdruck
verleihen. Keinesfalls getrieben von der Dringlichkeit der Modernität und
der Welt.