Germano Almeida 

Lesung mit

Germano Almeida
Kapverden

Montag, 16. November 98, 20 Uhr  
Lesesaal der Stadtbücherei Erlangen 

Seine Teilnahme an den 4. Internationalen Literaturtagen im vergangenen Jahr mußte Germano Almeida aus gesundheitlichen Gründen leider absagen. Jetzt kann er seinen Besuch mit einer Lesung in Erlangen nachholen:

Das Vermächtnis der Inseln

"Die Verlesung des eigenhändig von ihm aufgesetzten Testamentes von Senhor Napumoceno da Silva Araújo dauerte einen ganzen Nachmittag lang. Als er auf der Seite 150 angelangt war, gestand der Notar, daß er müde war, und unterbrach sogar die Lektüre, um ein Glas Wasser zu erbitten. Und als er es in kleinen Schlucken trank, stöhnte er, der Verstorbene habe im Glauben, ein Testament zu verfassen, eher seine Memoiren geschrieben."

Beim Notar in Mindelo auf der kapverdischen Insel Sao Vicente heißt es an diesem Tag im Jahr 1984 für die anwesenden vier Herren: Haltung bewahren. Testamente sind zu verlesen und seien sie 387 Seiten lang. Drei Vorleser teilen sich taktvoll in die Last - bis einem doch der Kragen platzt: "In der Hölle schmoren soll der verdammte Alte!"

Carlos, der Neffe des mit 86 verstorbenen Herrn Napumoceno, fühlt sich um sein Erbe geprellt. Je weiter man in Germano Almeidas Roman "Das Testament des Herrn Napumoceno" (dt. 1997) vorankommt, desto besser kann man den Neffen verstehen.

"Das Testament ..." ist Germano Almeidas erster Roman. Er hat ihn auf Sao Vicente geschrieben und dort 1989 im eigenen Verlag Ilhéu Editora herausgebracht. Ausgaben in Portugal und Brasilien folgten, dann Übersetzungen ins Französische und nun auch ins Deutsche. Die portugiesische Kritik reagierte begeistert: "Eine Sternstunde der kapverdischen Literatur" (Ilse Pollack). Almeidas Erzählen erinnert an den Brasilianer Jorge Amado. Das Besondere: "Er beherrscht alle Spielarten der literarischen Komik". Der Film zum Roman, eine französisch-brasilianisch-portugiesische Koproduktion unter Regie von Francisco Manso, wurde diesen August als bester Film auf Brasiliens wichtigstem Filmfestival in Gramado ausgezeichnet.

Germano Almeida wuchs auf Boa Vista auf, einer der "Provinz"-Inseln der Kapverden. Nach Militärdienst und Jura-Studium in Lissabon kehrte er 1977 nach Kap Verde zurück - 1975 war das Land unabhängig geworden - und eröffnete in Mindelo eine Anwaltskanzlei. Er war Mitbegründer der oppositionellen Zeitschrift "Ponto & Virgula" und unterstützte in den 80ern die Demokratiebewegung gegen die Einparteienherrschaft der PAICV (Partido Africano da Independência de Cabo Verde).

Das Staatsmonopol der Unabhängigkeits-Rebellen von einst endete 1990. Im selben Jahr veröffentlichte Almeida "O Meu Poeta" (Mein Dichter), eine großangelegte Satire auf Bereicherungs-Praktiken, Opportunismus, soziale Stagnation in Kap Verde nach 1975. Symbolfigur ist ein Dichter mit Wendehals: impotent in Bett und Sprache, ansonsten aber immer obenauf. Auch der landestypische Don Juanismus bekommt sein Fett weg.

Wie lebendig die Götter und Geister Afrikas auf den Kapverden sind, erzählt Almeida in dem Roman "A Ilha Fantástica" (Die fantastische Insel - 1994). Und der Roman "Os Dois Irmaos" (Die zwei Brüder - 1995) zeigt an einem Brudermord, den die Dorfgemeinschaft fordert und feiert, daß der Ehrencodex der Sexualmoral tödlich sein kann.