Eine Sendung von Hypertext-Radio
Umfrage: Was bedeutet Identität bzw. Geschlechtsidentität für dich
Die Theorie der Dekonstruktion und ihre bekannteste Vertreterin, Judith Butler sind momentan ebenso hip, wie sie andererseits angefeindet werden. Dabei läßt die Rezeption den Verdacht aufkommen, daß der Dekonstruktionsansatz offensichtlich die unterschiedlichsten Phantasien auslöst. Von der Abschaffung der Frauen ist da die Rede, vom Wechsel der Geschlechtsidentität je nach Lust und Laune, von 24 Stunden Travestieshow live. Auf der anderen Seite wird die eigenständige FrauenLesbenorganisierung kurzerhand als überholt erklärt und jegliche Gruppenbildung als Identitätspolitik verworfen. Kritik wird mit Feindschaft gleichgesetzt und Dekonstruktion mit Abschaffung übersetzt. In diesen Fällen muß unterstellt werden, daß entweder die Texte nicht gelesen, oder aber den Interessen gemäß funktionalisiert wurden. Dabei wird außerdem der Dekonstruktionsansatz seines Kontextes beraubt, wenn völlig ignoriert wird, daß die Theoretikerinnen der Dekonstruktion selbst aus der lesbisch-feministischen Bewegung kommen. Es geht hier nicht darum, Kritik an der Theorie der Dekonstruktion abzuwehren, auch wir halten Kritik an vielen Punkten angebracht, grobe Mißverständnisse allerdings für vermeidbar. Ebensowenig wollen wir abstreiten, daß der Dekonstruktionsansatz für den Feminismus, für Lesben oder die Bewegung der Schwulen eine Herausforderung darstellt. Ohne Reibung keine Wärme.
"Ist es nicht in politischer Hinsicht, so könnten wir einwenden, ganz entscheidend, auf der Existenz lesbischer und schwuler Identität zu bestehen, gerade weil sie von homophober Seite mit Auslöschung bedroht werden? Macht sich die Theorie der Dekonstruktion nicht zur Komplizin politischer Kräfte, die die Möglichkeit schwuler und lesbischer Identität auslöschen wollen? Kann es überhaupt "Zufall sein", daß sich eine solche theoretische Identitätskritik in einem politischen Klima ausbildet, das mit politischen und juristischen Mitteln eine ähnliche Auslöschung homosexueller Identität vornimmt? Ich antworte darauf mit einer Gegenfrage: Sollten wir uns etwa von solchen Vernichtungsdrohungen die Begriffe des politischen Widerstands gegen sie diktieren lassen, und wenn ja, haben dann die VerfechterInnen der Homophobie nicht von vornherein gewonnen?"
Damit bezieht Butler bereits zu diversen Kritikpunkten Stellung, bevor geklärt ist, was es mit der Dekonstruktion überhaupt auf sich hat. Im Mittelpunkt steht hier die Dekonstruktion der Geschlechter, auch wenn sich der Ansatz insgesamt ebenso auf Konstrukte wie sogenannte Ethnien, Rassen usw. bezieht und viele Überschneidungen gegeben sind.
Statements Rommelspacher und Hark
Birgit Rommelspacher:
Identität ist ein vielschichtiger Begriff. Man kann von der persönlichen, der kollektiven, der nationalen, der kulturellen Identität sprechen. Immer geht es darum, sich seiner selbst gewiß zu sein und das gibt Anlaß für sehr viele Mißverständnisse, weil vielfach geglaubt wird, sich seiner gewiß zu sein, sich seiner selbst bewußt zu sein, wäre eine statisch, starre Geschichte. Wenn wir uns mal die persönliche Identität ansehen, sehen wir ja auch, daß ein Bewußtsein seiner selbst ständig im Wandel ist. Daß ich mich heute anders erlebe, als vor 5 Jahren und mich auch in Zukunft anders erleben werde als heute. Trotzdem bin ich gewissermaßen ich selber. Das heißt, es ist immer im Wandel, eine relative Kontinuität. Und das können wir auch auf kollektive Identitäten übertragen, z.B. die kulturelle oder nationale. Der Streitpunkt geht darum, die Identität zu besetzen, zu sagen, die sieht so und so aus, und die haben wir als solche zu verteidigen. Also typisch beispielsweise, deutsche Identität, die in der Regel nationalistisch, rechts oder konservativ besetzt wird und dann von der kritischen Seite abgewehrt wird. Ungeachtet wie die Identität definiert wird, oder wer sie besetzt, es ist ja auch eine Machtfrage, ist es ein Ausdruck der Zugehörigkeit, die jede und jeder, die z.B. in diesem Land aufgewachsen ist, in irgendeiner Form dazu Stellung beziehen muß.
Soweit die Wissenschaftlerin Birgit Rommelspacher, die sich mit Antisemitismus und Rassismus und in Auseinandersetzungen in der Frauenbewegung und dem Feminismus beschäftigt hat. Einen ganz anderen Ansatz zur Identität vertritt Sabine Hark, Soziologin und Herausgeberin und Autorin des Buches Grenzen lesbischer Identität.
Das Thema der Identität ist ja in
den letzten Jahren gerade im politischen Diskurs sehr zentral geworden. Viele
Bewegungen beschäftigen sich mit ihrer eigenen Identität, viele der politischen
Konflikte bis hin zu militärischen Konflikten werden als Identitätskonflikte
verhandelt.
Für die Frauen- und Lesbenbewegung ist in den letzten Jahren zentrales Thema
gewesen, die Frage wer sind überhaupt Frauen, wer sind Lesben, wer sind diejenigen,
die durch diese Bewegung, durch diese Politik vertreten werden sollen und welche
fühlen sich tatsächlich von diesen Begriffen, von diesen Namen angesprochen
und was verstehen sie jeweils darunter. Das ist in den letzten 10 Jahren zu
einem weitgehend offen ausgetragenen Konflikt geworden, in dem verschiedene
Deutungen, verschiedenen Definition dessen, was jeweils darunter zu verstehen
ist, wer eine Frau ist, wer eine Lesbe ist, in intensiver Auseinandersetzung
miteinander stehen. Kritisiert wird es aus der Sicht der Dekonstruktion deswegen,
weil Identität ein sehr totalisierendes, verallgemeinerndes Konzept ist. Das
ist im übrigen eine Kritik, die auch schon in der Kritischen Theorie der Frankfurter
Schule sehr prominent von Adorno vertreten worden ist, aus einer psychoanalytischen
Richtung, die gesagt haben, wenn man mit Identität operiert, dann heißt das
immer, daß man versucht zu verallgemeinern, daß man versucht, Differenzen auszulöschen,
gleich zu machen, weil was ist Identität anderes als, wie Becker-Schmidt einmal
so schön gesagt hat, der Bann der Einerleiheit. Also der Gleichgültigkeit dessen,
daß alles gleich gemacht wird.
Zitat aus dem Buch "Stone Butch Blues" von Leslie Feinberg , S. 28-29
Exkurs Nr. 1: Was gilt es überhaupt zu dekonstruieren?
Die Entlarvung der Geschlechterbiologie
und der Heterosexualität als gesellschaftliche Konstrukte wurde von Butler und
anderen Dekonstruktions-Theoretikerinnen radikalisiert, wenn auch nicht erfunden.
Die Philosophin und Schriftstellerin Monique Wittig stellt fest:
"Das Geschlecht wird als unmittelbar Gegebenes, als sinnlich Gegebenes, als physikalische Merkmale aufgefaßt, die zu einer natürlichen Ordnung gehören. Aber was wir für eine physische, unmittelbare Wahrnehmung halten, ist nur eine kulturell erzeugte, raffinierte und mythische Konstruktion, eine imaginäre Formation, die die physikalischen Merkmale - die an sich so neutral sind wie andere, aber durch ein Gesellschaftssystem markiert werden- durch das Netz der Beziehungen reinterpretiert, in dem sie wahrgenommen werden."
Aufgrund der Tatsache, daß die Entstehung des Patriarchats bis heute nicht sicher geklärt ist, könnten wir uns rein theoretisch genauso gut mit der Situation konfrontiert sehen, daß die Menschen in die Kategorien große und kleine Ohren, glatte und lockige Haare usw. eingeteilt werden. Leider sind auch diese Beispiele nicht völlig abwegig, da insbesondere die deutsche Geschichte für derartige Konstrukte ein grausames Beispiel darstellt. Manche mögen jetzt einwenden, daß allein die Feststellung von Unterschieden noch kein Problem wäre und daß der Feminismus schon lange darauf hingewiesen habe, daß erst die Bewertung der Differenz das Übel ausmache. Damit wären wir bei der Unterscheidung biologisches und soziales Geschlecht, sex und gender. Allerdings gilt es auch diese Konstruktion, die für den Feminismus zunächst einen Fortschritt darstellte, zu dekonstruieren. Denn der Fortschritt entpuppte sich bald als Wölfin im Schafspelz. Die Soziologinnen Regine Gildemeister und Angelika Wetterer betonen:
"Die Unterscheidung und zugleich implizite Parallelisierung von sex und gender kann nachgerade als Musterbeispiel einer geglückten Selbst-Naturalisierung betrachtet werden. Sie stellt ein begriffliches Instrumentarium bereit, mit dessen Hilfe und impliziter Logik die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit ihre Hegemonie bis ins Feld der schärfsten Kritikerinnen ihrer Folgen ausdehnt und festigt".
Mit dem Begriff gender wird zwar auf die Geschlechtersozialisation verwiesen, allerdings liegt diesem sozialen Geschlecht wiederum das biologisch, eben sex zugrunde. Der Biologismus wurde letztendlich nur verlagert und der Gegensatz von Natur und Kultur wird beibehalten. Einmal mehr zeigte sich hier, wie schwer es ist, den herrschenden Dualismus des Zweigeschlechtersystems zu durchbrechen. Einen Bruch mit diesen vertrauten Gewißheiten vollzieht nun der Dekonstruktionsansatz.
Exkurs Nr. 2: Diskursanalyse
Unsere Sprache, aber auch unser Denken
und Handeln ist von binären Strukturen geprägt. Sogenannte Binarismen bestehen
aus zwei sich gegenseitig ausschließenden Einheiten und erhalten ihre Bedeutung
immer erst, wenn sie zum anderen Teil in Beziehung gesetzt werden. Beispiele
finden sich überall: Natur/Kultur, passiv/aktiv, Materie/Diskurs, Körper/Geist,
weiblich/männlich etc. Die hier zuerstgenannten Begriffe, also Natur, passiv,
Materie und Körper sind innerhalb dieses gegensätzlichen Verhältnisses immer
"weiblich" konnotiert, was gleichbedeutend damit ist, daß sie den "männlich"
besetzten Begriffen wie Kultur, aktiv, Diskurs und Geist untergeordnet sind.
Der dekonstruktive Feminismus analysiert und problematisiert diese Strukturen.
Ziel ist es also, aufzuzeigen, wie diese binären Konzepte von "Kultur" und "Natur"
oder "männlich" und "weiblich" entstehen.
Judith Butler ist zwar nicht die erste, die im feministischen Kontext auf diese
immanenten Geschlechterhierarchien verweist. Ihr Hauptkritikpunkt zielt jedoch
darauf ab, daß diese Binarismen auch innerhalb feministischer Theorie und Politik
immer wieder reproduziert werden. Dies geschieht dann, wenn sich auf einen spezifisch
"weiblichen" Körper bezogen wird - von dem angenommen wird, daß er allen Frauen
gemeinsam ist und als unhinterfragbare Prämisse gesetzt wird. Die binäre Opposition
zwischen "weiblich" und "männlich" bleibt so bestehen und wird vor allem als
"natürliche" begriffen. Dekonstruktion meint allerdings nicht auflösen oder
verabschieden, wie es oft mißverstanden wird, sondern in Frage stellen.
"Eine Voraussetzung in Frage zu stellen, ist nicht das gleiche wie sie abzuschaffen; vielmehr bedeutet es, sie von ihren metaphysischen Behausungen zu befreien, damit verständlich wird, welche politischen Interessen in und durch diese metaphysische Plazierung abgesichert wurden."
Butler nimmt eine Diskursanalyse vor. Diskurs steht dabei in enger Verbindung mit Sprache. Welches Verständnis von Sprache liegt dem aber zugrunde? Der dekonstruktive Feminismus kritisiert die herkömmliche Vorstellung von Sprache als Repräsentation oder anders ausgedrückt die Vorstellung Sprache würde Wirklichkeit abbilden. In diesem Modell wird immer zwischen Sprache und einem der Sprache vorgängigem Sein unterschieden. Das vorgängige Sein, wir können es auch als Natur bezeichnen, existiert unabhängig von Sprache oder Kultur. So entstehen zwei scheinbar voneinander abgegrenzte Bereiche. Auf der einen Seite die Materie, das vorgängige Sein oder die Natur und auf der anderen Seite die repräsentierenden Zeichen also Kultur. Sein, Materie oder Natur wird als ontologisch, d.h. wesenhaft (oder auch essentiell) verstanden. Ein Zeichen, ein Wort entspricht dann identitätslogisch dem vorgängigem Wesen oder einer Substanz und bildet dieses ab. Bedeutungen werden durch dieses Denken als objektiv festgeschrieben und es entsteht der Eindruck, als ob es die eine Wahrheit, im Sinne einer identischen Abbildung gäbe. Stellt sich die Frage, wie Sprache dann funktioniert wenn nicht als Repräsentation. Der dekonstruktive Feminismus geht davon aus, daß ein Gegenstand (Signifikat) erst durch den Akt des Bezeichnens (Signifikation) diskursiv hergestellt wird. Die Betonung liegt hier auf "diskursiv", denn natürlich existieren Gegenstände materiell auch schon vorher. Die Bedeutung jedoch, unser Zugang zu bestimmten Objekten, zur Welt generell haben wir nur durch sprachliche Vermittlung. Sprache ist immer zwischengeschaltet. Das heißt nichts anderes, als daß es für uns nichts gibt, was der Sprache und Kultur vorgängig wäre. Übertragen auf die Geschlechter, wäre es sinnlos zu fragen, was eine Frau "an sich" ist, da "Frau-Sein" immer nur in unseren begrifflichen Vorstellungen von "Frau-Sein" erscheint und durch diese Vorstellungen bestimmt ist. Es gibt demzufolge gar keine Frauen vor dem Begriff "Frau" und keine Männer vor dem Begriff "Männer". Dieser Modus von Sprache wird auch als performativ bezeichnet, d.h. wenn wir von etwas sprechen, wird das zur Existenz gebracht, wovon die Rede ist. Die angeblichen Beschreibungen, "wie die Männer sind" oder "wie die Frauen sind", sind keine Beschreibungen, sondern Zuschreibungen oder Effekte der diskursiven Praxis. Butler will damit deutlich machen, daß es keinen Körper ohne Norm gibt, daß Körper immer schon diskursiv geformt, das heißt mit gesellschaftlicher Bedeutung durchsetzt sind. Bedeutung entsteht in Machtverhältnissen und Diskursen. Das, was als "normal" und sichtbar verstanden wird, hat diese Bedeutung nur auf Kosten dessen, was damit gleichzeitig als unbedeutend, unsichtbar, unmöglich oder unnormal gilt.
Die Vorstellung von Bedeutung, die auf etwas vorgängiges referiert also qua Natur gegeben ist, entsteht dann, wenn gesellschaftlich historische Prozesse der Bedeutungsherstellung nicht zur Kenntnis genommen werden. Damit ist auch der zentrale Gedanke des Poststrukturalismus beschrieben, nämlich daß die kulturellen Systeme des Westens durch eine Fixierung ihrer Resultate und ein Vergessen bestimmt sind, also für Natur gehalten wird, was Gesellschaft ist. Kultur gibt sich als Natur. Diese Fixierung zu scheinbarer Natürlichkeit - ob sie ´imaginär` (Lacan), ´ideologisch` (Barthes) oder ´metaphysisch` (Derrida) genannt wird - gilt es aufzubrechen (...).
Eine grundlegende Annahme von Judith Butler ist es, daß die Gesellschaft in der wir leben, durch den "Diskurs der Zwangsheterosexualität" strukturiert ist. Dieses binäre Machtregime kennt nur "Männer" und "Frauen" und läßt dazwischen nichts zu. Vielmehr bringt es die eindeutige Trennung in "männliche" und "weibliche" Subjekte erst hervor. Stellen wir uns ein komplexes Machtsystem vor, das durch den Diskurs der Zwangsheterosexualität gebildet wird. In diesem System werden Subjekte als geschlechtliche hervorgebracht und erscheinen dann als "natürliche". Foucault hat gezeigt, daß es sich dabei um nichts natürliches handelt, sondern die Geschlechtsidentitäten das Ergebnis von historischen Machtbeziehungen sind, die die Vorstellung von wahren Geschlechtern erst produzieren. Geschlechter, Frauen und Männer, als die wir existieren und wie wir sie wahrnehmen und darstellen sind also nichts natürliches, immer schon gegeben, sondern Effekt oder Folge eines Sexualitätssystems. Wir könnten auch sagen, sie sind etwas historisch gewordenes. Dieses Sexualitätssystem verlangt von den Körpern, daß sie die Geschlechtsidentität als Wesensbestimmung annehmen. Die als natürlich gesetzte Zwangsheterosexualität könnte ohne die Unterscheidung in weibliche und männliche Geschlechtsidentität nicht existieren. Das Vertrauen darauf, daß es nur Frauen und Männer gibt strukturiert unseren Alltag und die meisten Menschen denken im Traum nicht daran, sie in Frage zu stellen. Unsere Geschlechtsidentität besteht aus drei Teilen. Der weibliche oder männliche Körper, dem eine weibliche bzw. männliche Geschlechtsidentität zugeordnet wird, sowie ein gegengeschlechtliches Begehren. Diese "Wahrheit des Sexes", wie Foucault es genannt hat, verlangt, daß es kontinuierlich und kohärent eine Zuordnung zu einem Geschlecht geben muß. Eine Identität außerhalb oder dazwischen ist kaum möglich bzw. nur unter extremsten Bedingungen, wie es Studien zur Transsexualität seit den 80er Jahren verdeutlicht haben.
Rommelspacher:
Die Geschlechtsidentität ist natürlich die Selbstzuordnung zu der Frage,
ob man Frau oder Mann ist, was keineswegs so eindeutig ist, was auch keineswegs
von Anfang an mit der Geburt oder der Biologie gegeben ist, sonst würde man
ja nicht die geschlechtsspezifische Erziehung, die Erziehung hin zu einem bestimmten
Geschlecht betreiben und unsere Gesellschaft zieht es vor, Eindeutigkeiten und
Polaritäten, entweder Mann oder Frau zu sein. Die Problematik, die darin liegt,
ist die ständige Labilität die da drin steckt, das sieht man z.B. daran, wenn
Männern vorgeworfen wird, sie würden weiblich sein, wie stark das Irritationen
oder Agressionen hervorruft oder Homosexualität, wie oft die auch als Provokation
empfunden wird. All diese Beispiele zeigen, wie wenig eindeutig oder stabil,
sondern wie konflikthaft und prekär die Zuordnung zu einem Geschlecht für den
Einzelnen ist, sonst würde er sich durch solche anderen Phänomene nicht so provoziert
und verunsichert fühlen.
Feinberg S. 332
EXKURS Nr. 3: Vorwürfe und Probleme:
Der Butler-Boom, wie die breite Rezeption
des Dekonstruktionsansatzes entsprechend seiner bekanntesten Vertreterin Judith
Butler genannt wird, hat ebenso große Begeisterung wie scharfe Kritik hervorgebracht.
Ein Teil der Vorwürfe, die nach der Veröffentlichung "Gender trouble" / zu dt.
"Das Unbehagen der Geschlechter" erhoben wurden, dürften sich mit dem Buch "Bodies
that matter" / zu dt. "Körper von Gewicht" erübrigt haben.
"Zu einem großen Teil habe ich also Bodies that Matter geschrieben, um das
Verständnis von Geschlecht als freies Spiel zu stoppen. Ich denke, ich habe
Bodies that Matter nur geschrieben, um diese spezifische Lektüre von Gender
Trouble zu korrigieren."
Butler ist also nicht - wie oft fälschlich angenommen - der Ansicht, die Geschlechtsidentität
unterliege einer freien Wahl und könne nach Belieben geändert werden. Niemand
kann sich außerhalb der gesellschaftlich ´äußerst dominanten Normen stellen.
Allerdings ist die Heterosexualität ständig auf ihre Bestätigung durch Wiederholung
angewiesen. Hier liegen nun die Möglichkeiten einer subversiven Praxis, indem
die Konstrukthaftigkeit der heterosexuellen Kategorien erkannt und geschwächt
oder unterlaufen werden. Diese subversive Praxis versteht Butler nicht als individuelle,
sondern als politischen Kampf.
Desweiteren existiert die Annahme, Butler wolle die Frauen abschaffen, da der
Ansatz der Dekonstruktion das Geschlecht, und damit eben auch die Frauen als
Konstrukt entlarve. Diese Annahme wird einerseits von Feministinnen als Vorwurf
formuliert, von anderer Seite dagegen als Argument gegen Feministinnen und Frauenorganisierung
unter Berufung auf Butler vorgebracht. Als ein Beispiel aus dem linksradikalen
Spektrum kann die heftige Debatte um die Ausgabe Nummer 8 der autonomen Szene-Zeitung
Arranca gelten, die vor allem in der Interim geführt wurde. Dabei spricht eine
Szenegruppe im Zusammenhang mit einer FrauenLesbengruppe von -Zitat- deren Feminismusvariante
und von Identitätsfeminismus. Diesem sobezeichneten Identitätsfeminismus werden
Überlegungen entgegengestellt, die die gemischte Gruppe als dekonstruktivistisch
bezeichnen, mit denen sie Identitäten auflösen wollen und die real existierenden
Herrschaftsverhältnisse leugnen. Die Soziologin Sabine Hark nimmt zu derartigen
Funktionalisiserungsereignissen Stellung:
Es geht in der Kritik aus der Dekonstruktion an Identitätspolitischen Konzepten nicht darum, es grundsätzlich zu verwerfen und damit jegliche Form der Organisierung zu skandalisieren, sondern es geht lediglich darum, die verallgemeinernden und letztendlich totalitären Tendenzen zu kritisieren. Es muß darum gestritten werden und man muß das selbst als Teil des politischen Prozesses begreifen.
Butler selbst betont:
"Offenbar ist es wichtig, von Anfang an eine starke Unterscheidung zu treffen zwischen der Inanspruchnahme von Geschlecht als dem Grund oder der Fundierung einer politischen Bewegung und der Inanspruchnahme von Geschlecht als Begriff ohne den der Feminismus nicht auskommt. Ich meine, der Feminismus braucht die Kategorie "Frauen", und es wäre tragisch, wenn er diese Kategorie verlieren würde; der Feminismus würde aber auch darunter leiden, wenn die Kategorie als etwas Fundierendes und unveränderlich Feststehendes aufgefaßt würde. Ich meine, daß es keine endgültige Antwort auf die Frage gibt, wer wir sind, und daß die Unmöglichkeit, eine definitive und inklusive Antwort zu liefern, politisch durchaus vorteilhaft ist. Das bedeutet, die Kategorie "Frauen" bleibt ein Ort der Auseinandersetzung."
Feinberg S. 13
Den Ausgangspunkt der Überlegung, die Kategorie der Frauen zu hinterfragen bildeten für Butler - wie auch für andere Theoretikerinnen und vor allem auch für viele feministischen Aktivistinnen - die Kritik an dem feministischen Repräsentationsanspruch für alle Frauen. Zu Beginn der Frauenbewegung waren es vor allem Lesben, die die Ignoranz der heterosexuellen Frauen kritisierten. In den 80er Jahren protestierten Schwarze Feministinnen gegen das angeblich kollektive "Wir Frauen", das die weiße, christliche Mittelstandsfeministin aus westlichen Staaten zur Grundlage hat und zur Norm erhebt. Für den Feminismus gilt es nun, sich mit dieser Kritik auseinanderzusetzen und anzuerkennen, daß sich auch das Sprechen und Handeln unterdrückter Gruppen innerhalb der herrschenden Regeln vollzieht. In diesem Sinne betont Butler:
"Identitätskategorien haben niemals nur einen deskriptiven, sondern immer auch einen normativen und damit ausschließenden Charakter (...). Freilich kann man fragen, ob es nicht dennoch einen Komplex von Normen geben muß (...). Die einzige mögliche Anwort auf diese Frage ist eine Gegenfrage, nämlich: Wer sollte diese Normen festlegen, und welche Anfechtungen werden sie im Gegenzug hervorrufen?(...)Das heißt nicht, daß es keine Grundlage gibt, als vielmehr, daß es, wo immer diese liegen mag, auch stets ihre Erschütterung, einen Protest dagegen geben wird."
Dieser Forderung Butlers nach einer gewissen Risikobereitschaft, nach Offenheit und Pluralität hält die lesbische Autorin und Aktivistin Lena Laps entgegen:
"Ich denke, daß die theoretische Entwicklung der zunehmenden Entfernung von "klassisch" feministischen Standpunkten im alltäglichen Bewußtsein dazu beiträgt, daß Feminismus als überholt erscheint. Ein komplexes und gefährliches "Spiel" ist das "Geschlechterspiel". Es wird nicht mehr recht deutlich, wer letztendlich die Regeln konstruiert, dekonstruiert, rekonstruiert."
Den Vorwurf der Unklarheit in der Analyse macht auch die Wissenschaftlerin Evelyn Annuß. Sie macht die Defizite in Butlers Ansatz vor allem daran fest, daß der kritische Bezug auf die aktuellen ökonomischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen fehle.
"Eine Differenzierung von ideologischen wie kulturellen Vergesellschaftungsformen und deren materiellen Bedingungen findet nicht statt. ....Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnisse sowie deren politische Bearbeitung erscheinen im Anschluß an sprechakttheoretische Ansätze lediglich als Benennungsprobleme; die Suche nach Handlungsmöglichkeiten bewegt sich auf einer rein symbolischen Ebene."
Desweiteren wirft Annuß dem Dekonstruktionsansatz vor, dem Wandel von Identitäts- und Lebensformen und Geschlechterollen, wie er von der aktuellen Globalisierung gefordert wird, entgegenzukommen:
"nicht zuletzt angesichts der derzeitigen Flexiblisierung der Arbeitskraft im postfordistischen Produktionszusammenhang (...) entspricht dieses Konzept den momentanen gesellschaftlichen Erfordernissen in den kapitalistischen Metropolen."
Statement Günther Jacob:
"Wer sich in eine Identität begibt, kommt darin um!" Dieser Satz stammt von dem Musikjournalisten Günter Jacob. Wie sieht dieser Tod aus und welche Alternativen gibt es?
Ich habe versucht zu argumentieren, daß es aus der Identitätslogik prinzipiell keine Möglichkeit gibt, diese beliebig zu verlassen, daß es keinen Raum außerhalb dieser Identität gibt. Ich kann als Position natürlich nur wiedergeben, was sich in der Position in den letzten Jahren abgezeichnet hat. Daß es erstens überhaupt als Problem erkannt wurde. Es war im Grunde bis Mitte der 80er als Problem auch in der Linken nicht bewußt. Man ist auch in der Linken sehr unbewußt mit Identitätsprozessen umgegangen und man kann ja auch rekonstruieren, wie es dazu kam, daß es hinterfragt wurde. Die Frauenbewegung und andere Bewegungen haben den Impuls gegeben und ich habe in dieser Diskussion vertreten, daß nach Möglichkeiten zu suchen wäre, wie man widerständige Formen finden könnte, die möglichst ein unbewußtes Wir vermeiden und mit diesem Wir, das sich immer wieder bildet in diesem Zusammenhang kritisch umgehen und es möglichst immer wieder dekonstruieren. Dabei habe ich das Problem aufgeworfen, daß es nicht beliebig als Programm durchführbar ist, sondern die Gefahr besteht, daß es umkippt in ein Spiel der Codes, in dem Machtstrukturen nicht ignoriert, aber unterschätzt werden und da hab ich als Beispiel die Ausländergesetzgebung genannt oder jetzt die neuen Passgesetze für die MigrantInnen der 3. Generation. Man kann nicht über Identität, der Diskurs droht dann wirklich ins kulturelle umzukippen, man kann nicht über Identität reden, ohne diese harten Fakten zuerst zu thematisieren. Im Grunde denke ich, daß man sich über diese ganzen Sachen vorverständigen müßte über die Identität, die per Gesetz und per ökonomischer Struktur als Zwangsidentität zuerst gegeben ist.
Feinberg S. 231
Exkurs Nr. 4: Tod des Subjekts:
Mit dem Vorwurf, Butler wolle die
Frauen abschaffen, eng verbunden ist die Kritik an der Dekonstruktion des Subjektes.
Butler nimmt selbst zu diesem Einwand Stellung: "Man hört immer wieder den Refrain:
Gerade jetzt, wo Frauen anfangen, die Stelle von Subjekten einzunehmen, kommen
die postmodernen Positionen daher und verkünden, daß das Subjekt tot ist. Einige
sehen hierin eine Verschwörung gegen die Frauen und andere rechtlose Gruppen,
die gerade erst beginnen, in ihrem eigenen Namen zu sprechen. Doch was bedeutet
dies genau? Und was machen wir mit der äußerst starken Kritik des Subjekts als
eines Instruments der westlichen imperialistischen Hegemonie, wie sie von Gloria
Anzaldua, Gayatri Spivak und verschiedenen anderen Theoretikerinne des postkolonialen
Zeitalters vertreten wird? "Zweifellos geht es hier um die Warnung, daß wir
nicht im Kampf für Freiheitsrechte und Demokratisierung gerade die Herrschaftsmodelle,
die uns unterdrückt haben, übernehmen, weil wir nicht begreifen, daß eine Funktionsweise
der Herrschaft die Regulierung und Produktion von Subjekten ist." Allerdings
betont Butler auch hier, daß Dekonstruktion nicht mit Abschaffung gleichzusetzen
ist: "Die Konstruktion des Subjekts als politisches Problem zu begreifen ist
nicht dasselbe, wie das Subjekt einfach abzutun. Das Subjekt zu dekonstruieren
heißt nicht, es zu verneinen oder zu verwerfen (...), sondern in Frage stellen
(...)"
Trotz allem bleibt ein Stück weit fraglich, ob in dem aktuellen Klima des Roll
back gegen feministische und andere fortschrittliche Positionen bis hin zu offener
rassistischer, sexistischer und homophober Gewalt die Bereitschaft und Fähigkeit
existiert, sich offensiv mit derartigen Konzepten auseinanderzusetzen. Zu fragen
ist in diesem Zusammenhang auch, welche Gruppen überhaupt die Mittel anzuwenden
in der Lage sind, die Butler herausarbeitet. Indem die Dekonstruktion als Gegenposition
zu hegemonialen, also allgemein vorherrschenden Gesetzen gesetzt wird, werden
marginale Schauplätze vernachlässigt. Evelyn Annuß gibt zu Bedenken:
"Im "radikaldemokratischen" Ringen um symbolische Repräsentation sind keinesfalls alle marginalisierten Gruppen gleichermaßen erfolgreich. Fragwürdig ist die von Butler geforderte Subversion (...) also auch insofern, als dabei nur diejenigen Chancen haben, die in der Konkurrenz um Signifikation nach Maßgabe ihres sozialen Kapitals mithalten können."
Feinberg S. 453
Literatur:
Annuß Evelyn, Radikal Queer?, Faust
1997/2
Benhabib Seyla, Butler Judith, Cornell Drucilla, Fraser Nancy, Der Streit um
Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1994
Butler Judith, Der Begriff "Frau" als Ort der politischen Neuverhandlung, Frankfurter
Rundschau 27.7.
Feinberg Leslie, Träume in den erwachenden Morgen, Berlin 1996.
Grenzen lesbischer Identität. Aufsätze, hrsg. von Sabine Hark, Berlin 1996.
Lorey Isabell, Immer Ärger mit dem Subjekt: theoretische und politische Konsequenzen
eines juridischen Machtmodells: Judith Butler/ Isabell lorey. Tübingen: Ed.
diskord 1996.
Vom Gender Trouble zum Happy End. Ein Gespräch mit Judith Butler. WochenZeitung
Zürich Querfeldein. Beiträge zur Lesbenforschung, hrsg. Marti Madeleine u.a.,
Bern, Zürich, Dortmund 1994
ABMOD: Das war "Gender trouble - von
der Dekonstruktion und ihren Mißverständnissen", eine Sendung von Hypertext
Radio.
Die Musik war von team dresch "Fake fight", von sleater kinney "hart factory"
und von dem Sampler free to fight die Band one five one mit "real defense".
Die Zitate wurden unter anderem entnommen aus:
"Das unbehagen der Geschlechter" sowei "Körper von Gewicht" von Judith Butler
der Ausatzsammlung "Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der
Gegenwart." Sowie dem Roman "Träume in den erwachenden Morgen" von Leslie Feinberg.
Eine ausführliche Literaturliste könnt Ihr gegen Rückporto bei uns anfordern.
Adresse: Redaktion Hypertext, Radio Z, Kopernikusplatz 12, 90459 Nürnberg.
Die Redkation der Sendung:
Martina Prießner, Michaela Baetz, Ingrid Pfrogner, Thomas Hartmann, Jochen Kast.