Als die Surrealisten noch recht hatten.

Gespräche mit André Breton

 

 

Der Gedanke an alle menschliche Aktivität macht mich lachen.

Dialog 1: Breton in seiner Wohnung, zappt am Radio, schnappt folgende Worte auf:

radiostimme: .... im Studio den amerikanischen Surrealismusexperten Hal Foster.

foster (mit stark amerikanischem Akzent): Hello.

r: Herr Foster, können Sie uns ihre Hauptthesen erläutern?

f: Mein main interest galt der dunklen Seite der surrealistischen Bewegung um André Breton in den 20er Jahren.

breton (murmelnd): Was ist denn das für ... (dreht lauter)

r: Können Sie das genauer erklären?

f: You see, die story beginnt 1916, im ersten world war. Breton war eine Assistent an der neuropsychiatrischen Klinik in Saint-Dizier. Er behandelte einen Soldaten, der fest daran glaubte, der Krieg sei ein fake, eine Täuschung. Er bildete sich ein, daß die Wunden make-up seien, und die Leichen aus der Pathologie geliehen.

b: Woher weiß er ...

f: Das hat den jungen Breton schwer beeindruckt: da war ein Mensch, der durch einen Schock in eine andere Realität hineinkatapultiert wurde. Und diese Realität war somehow eine Kritik der Wirklichkeit. Sie brachte die Absurdität des Krieges auf den Punkt.

r (betroffen): Ja, unglaublich.

f: Mein Buch ist ein Versuch, diese crazy szene zu verstehen. Mein Interesse gilt dieser anderen esthetic, die die Surrealisten entwickelt haben, eine hysterische, zerstörerische esthetic.

r: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

f: For example ... die Puppen von Hans Bellmer.

r: (fragend) Bellmer, Bellmer, ...

f: Bellmer war ein deutscher Surrealist ....

b: (dazwischen): Ein Perverser, ein Abtrünniger ...

f: ....der menschengroße dolls aus Metall, Gips und Holz gebaut, und sie in drastische Verenkungen fotografiert hat. Ein manic guy. Er hat die Teile des Körpers wie die Wörter eines Satzes immer neu arrangiert. Er bewegt sich zwischen Sadismus und Masochismus, wie es für den Surrealismus typisch war.

b: (dazwischen) Das lasse ich mir nicht bieten. ...

r: SM, ein interessantes Phänomen....

f: Ja, vergessen Sie nicht, welche Rolle die Triebtheorie Sigmund Freuds im Surrealismus spielte.

(in der Zwischenzeit hört man Breton wählen, mit jemanden vom Sender reden ...)

r: ...(nach hinten) wie bitte, nein, das geht jetzt nicht, (zu F) da ist jemand am Telefon, der behauptet, er sei André Breton, ...

f: (entsetzt) Breton? But he died in 1966 .....

r: (nach hinten) Na gut, ich übernehme.(frisch) Hallo, sie sind beim Nachmittagsmagazin .....

b: (am Telefon, aufgebracht): Ich möchte klarstellen, daß Bataille ein Exkrementenphilosoph ist, der über seinen Fetischismus für große Zehen nicht hinauskommt. Diese poupees von Bellmer sind ein perverser Angriff ...

r: Beruhigen Sie sich ...

f: (mischt sich ein) Hold on, hold on. Sie bilden sich also ein, Andre Breton zu sein...

b: Ich bin André Breton, und ich werde den Surrealismus bis in alle Ewigkeit verteidigen.

f: Okok, allright, so, welcome Mr. Breton. Bataille hat ihnen vorgeworfen, daß ihr Surrealismus aus dem Kindheitsstadium nicht herausgekommen ist.

b: Deswegen habe ich ihn aus der Bewegung ausgeschlossen, und mit ihm ...

f: One moment, please. Er meint, daß sie das Oedipus-game spielen: Sie brechen mit bürgerlichen Moralvorstellungen, doch nicht, um sich wirklich zu befreien, sondern um die Strafe des Vaters, also der Gesellschaft zu provozieren.

b: Das ist eine Lüge. Die Welt sollte die Puppen dieses Bellmers sehen: er verstümmelt Frauenkörper! Wir dagegen waren auf der Suche nach dem Wunderbaren, ....

f: ...aber auch den Rausch, die ecstacy, die dem Tod schon näher kommt. Listen: Ihre Bewegung schwankte zwischen dem Lusttrieb und dem death drive, dem Todestrieb. Wieso haben sie dann so eine Angst vor diese Extreme?

b: Ich habe keine Angst, aber alles hat seine Grenzen.

 

f: Grenzen, I can´t believe it, gerade sie wollten doch alle Grenzen überschreiten.

b: Um diese Realitäten zu versöhnen, aber doch nicht um .....(stockt, aufgebracht) ...wie kommen Sie überhaupt darauf, den Surrealismus derartig in den Dreck zu ziehen, sie sind wohl selbst ein Sodomist...

r(entnervt, hilflos) : Liebe Hörerinnen und Hörer, wir machen eine kurze Pause mit Musik ....

 

Solange wendet sich der Glaube dem Leben zu, dem Zerbrechlichsten im Leben, im realen Leben, versteht sich, bis dieser Glaube am Ende verlorengeht. Der Mensch, dieser entschiedene Träumer, von Tag zu Tag unzufriedener mit seinem Los, vermag kaum alle Dinge ganz zu begreifen, die er zu gebrauchen gelernt hat und die ihn zu seiner Gleichgültigkeit geführt haben oder zu seiner Anstrengung, denn er hat eingewilligt zu arbeiten, zumindest hat er sich nicht gesträubt, sein Glück zu versuchen (das, was er sein Glück nennt!)

 

 

Dialog 2: Breton, Lewis Carroll und Alice (aus dem Spiegelland) unterhalten sich ....

alice: (plappernd) ...und stellt Euch vor, plötzlich hat sich die Königin vor meinen Augen in ein strickendes Schaf verwandelt.

breton: (unterbricht) Apropos Traum. Findet Ihr es nicht erstaunlich, daß den Ereignissen des Wachseins und denen des Schlafes so äußerst unterschiedliche Wichtigkeit beigemessen wird?

a: Aber was ist der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit?

lewis: Wenn wir wach sind, Alice, regiert die Vernunft. Im Traum dagegen geschieht alles mit einer unglaublichen Leichtigkeit.

b: Unter dem Banner der Zivilisation ist es gelungen, alles aus dem Geist zu verbannen, was als Aberglaube, als Hirngespinst gilt. Der moderne Mensch verurteilt jede Art der Wahrheitssuche, die nicht erklärbar ist.

a: Aber wer sagt denn, was richtig ist?

c: Die Logik, Alice. Sieh mal: Wenn eine Traube keine zwei gleichen Beeren hat, warum soll ich dann diese eine Beere durch alle anderen beschreiben, um daraus eine Beere zum Essen zu machen?

a: Du meinst, im Traum könnte die Beere auch eine ....Seifenblase sein ... und größer und größer werden?

c: Richtig. Aber am Tag ist der Wunsch, zu analysieren, stärker als die Gefühle.

a: Aber Gefühle sind doch sooo schön. Weißt du: Bei uns im Spiegelland schlafen die Philosophen ganz viel. Mein Freund Humptydumpty ist ein sehr berühmter Dichter, aber wenn er sich schlafen legt, hängt er ein Schild an seine Tür, wo draufsteht: der Dichter arbeitet.

b: Ein weiser Mann, Dein Freund.

a: Ich muß Euch jetzt meinen Traum zuende erzählen: Ich stehe mitten im Sturm, als mir plötzlich ein Schal entgegenfliegt. Da sehe ich die Weiße Königin in heller Aufregung durch den Wald rennen.

weiße königin: Butterbrote, Butterbrote....

a: Sie sind doch die Weiße Königin, nicht wahr? Ich fühle mich von Ihnen richtig angezogen.

k: Ja, ja, aber ich finde gar nicht, daß ich richtig angezogen bin.

a: Darf ich ihnen den Schal zurechtziehen?

k: Ich weiß nicht, was er hat. Offenbar ist er schlechter Laune. Ich hab ihn oben festgesteckt und unten festgesteckt, aber nichts ist ihm recht.

a: Aber er kann nicht gerade sitzen, wenn sie ihn nur an einer Seite befestigen. Und, ach, du meine Güte, in welcher Verfassung ist ihr Haar.

k: Die Bürste ist drin hängengeblieben (seufzend) Außerdem habe ich gestern den Kamm verloren.

a: Sie sollten sich lieber eine Kammerzofe nehmen.

k: Dich würde ich mit Vergnügen anstellen: Zwanzig Pfennig die Woche und jeden dritten Tag Marmelade.

a: (lachend) Ich hab aber keine Lust, bei Ihnen Kammerzofe zu spielen, und Marmelade mag ich auch nicht.

k: Es ist vorzügliche Marmelade.

a: Na, jedenfalls mag

ich heute keine.

k: Du könntest auch keine kriegen, selbst wenn du wolltest. Nach der Vorschrift erhälst du nur Marmelade morgen und Marmelade gestern, doch nie Marmelade heute.

a: Aber manchmal muß es dann auch Marmelade heute geben.

k: Nein, ausgeschlossen. Jeden dritten Tag lautet die Vorschrift, und heute ist nicht der dritte Tag.

a: Ich verstehe sie nicht, das ist schrecklich verwirrend.

k: Die Ursache ist, daß man hierzulande rückwärts lebst. Das macht anfangs etwas schwindlig.

a: Rückwärts leben. Davon hab ich noch nie gehört.

k: Es hat den großen Vorteil, daß das Gedächtnis nach beiden Richtungen funktioniert.

b: (klatscht in die Hände) Wunderbar ...ein wahrhaft surrealistischer Traum.

a: (fragend): Surr...was?

b: Surrealistisch! Die Auflösung der scheinbar gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in eine einzige Realität: Die Sur-Realität.Verstehst du?

a:Ja, bin ja nicht blöd. Typisch Erwachsene. Ich meine, im Traum gibt es Dinge, die gibt es im wirklichen Leben gar nicht. Aber es könnte sie geben, stimmts?

b: Ja, so ungefähr. Aber man kann diese Dinge aus den Tiefen des Traums fischen: mit Hilfe des automatischen Schreibens!

a: Wie? Schreibt dann ein Automat? Klasse, da kann ja nur Unsinn dabei rauskommen.

b: Was gar nicht so schlecht wäre. Es gilt, den kritischen Verstand zu überlisten. Denken verboten.

a: Au ja, das will ich auch ausprobieren....

b: Nur zu: Der erste Satz wird ganz von allein kommen. In jedem Augenblick existiert in unserem Bewußtsein ein unbekannter Satz, der nur darauf wartet, ausgesprochen zu werden.

a: Und der nächste Satz?

 

 

 

Der surrealistische Blick auf die Wirklichkeit ist ein Akt der Revolte.

 

 

Dialog 3: Walter Benjamin interpretiert den Surrealismus

w: Seit Bakunins Anarchismus hat es in Europa keinen radikalen Begriff der Freiheit mehr gegeben. Die Surrealisten haben ihn.

b: ... Fanatismus, die alte Flamme ...

w: Sie sind die ersten, verkalkte Freiheitsideale zu erledigen.Weil ihnen feststeht, daß die Freiheit, die auf dieser Erde nur mit tausend härtesten Opfern erkauft werden kann, in ihrer Fülle will genossen werden, solange sie dauert.

b: ...schneller...

w: Aber wird es ihnen gelingen, die Erfahrung der Freiheit mit dem Diktatorischen der Revolution zu verschweißen?

b: ....(atmen)

w: Die Kräfte des Rausches für die Revolution gewinnen? Mit anderen Worten: Dichterische Politik?

b: ... den Zeiger auf Aktion stellen...

w: Sie denken, bloß nicht, das kennen wir schon?

b: ... an Dummheit grenzende Klarheit, das Leben von Hunden...

w: Nun, ein Exkurs in die Dichtung wird die Dinge klären. Denn: Was ist das Programm der bürgerlichen Parteien? Ein schlechtes Frühlingsgedicht. Der Sozialist sah jene schönere Zukunft darin, daß alle handeln, als wären sie Engel, und jeder soviel hat, als wäre er reich, und jeder so lebt, als wäre er frei. ...Von Engeln, Reichtum, Freiheit keine Spur. Alles nur Bilder.

b:... weiße Fluten...

w: Und der Bildersatz dieser sozialdemokratischen Vereinsdichter?(verächtlich, spöttisch) Der Optimismus.

b: ....(atmen)..

w: Dagegen die Surrealisten: Sie haben die Organisierung des Pessimismus zur Forderung des Tages gemacht.

b: ... gefährliche Landschaften...

w: Mißtrauen in das Geschick der Literatur, Mißtrauen in das Geschick der Freiheit, Mißtrauen in das Geschick der europäischen Menschheit, vor allem Mißtrauen, Mißtrauen und Mißtrauen in alle Verständigung: zwischen den Klassen, zwischen den Völkern, zwischen den Einzelnen.

b: ...eine Saison in der Hölle...

w: Den Pessimismus organisieren heißt, die moralischen Bilder aus der Politik herausbefördern - und in den Raum des politischen Handelns eintreten.

b: .... boxen statt dichten...

w: Dieser Raum ist gedanklich nicht auszumessen.

b: .weiter ...

w: Die Künstler müssen sich in diesem Raum positionieren.

b: ... eines Tages...

w: Ja, sollte die Konsequenz nicht vielleicht die Unterbrechung einer Künstlerlaufbahn sein?

b: ...mehrere, zugleich geführte Leben...

w: Die Surrealisten sind heute die einzigen, die das begriffen haben.

b: ...(atmen)...

w: Desto dringlicher scheint mir die Forderung: Aufwachen aus dem Dornröschenschlaf! und - sich an die Freiheit erinnernd - handeln. Denn der Traum ist die Schwester der Tat!

 

 

Wenn er sich einige Hellsichtigkeit bewahrt hat, dann kann er nicht anders, als sich nun wieder seiner Kindheit zuzuwenden, die ihm, sosehr sie auch durch die Bemühungen seiner Dresseure verpfuscht sein mag, dennoch als von Zauber erfüllt scheint. DasFehlen jeglichen sonst üblichen Zwanges läßt ihm dort die Hoffnung auf mehrere, zugleich geführte Leben; an diese Illusion klammert er sich; nur noch von der augenblicklichen, extremen Leichtigkeit aller Dinge will er wissen. Jeden Morgen brechen Kinder ohne Bangen auf. Alles ist nahe, die schlimmsten materiellen Bedingungen sind großartig. Die Wälder sind weiß oder schwarz, man muß niemals schlafen gehn.

 

 

 

 

 

Dialog 4: Breton im Wachsfigurenkabinett Musee Grevin, vor der Figur einer Frau stehend ...

breton( laut denkend): Ich hab mein Herz an dich verloren. Diese Geste, mit der du seit einem halben Jahrhundert dein Strumpfband hochziehst... dein Kleid ist verstaubt, aus der Mode gekommen...deine Verewigung erschüttert mich .....

Wachsfigur: Was gaffst Du so, wohl noch nie ne echte Frau gesehen?

b: Mon dieux, wer spricht mit mir?

w: Na wer wohl, das Objekt Deiner Begierde (lacht heiser)

b: Sie...

w: Ja, ich, Mann. Ich kenne dich genau, dich und deine surrealistischen Freunde. Oft genug habt ihr euch vor mir aufgebaut und eure Reden geschwungen. (ahmt Breton nach) Die

geheime Sehnsucht des Menschen ist es, und davon bin ich überzeugt, eine einzige Liebe zu erleben ....

b: Aber das sind ja meine Worte ..

w: Worte ja, nichts als Worte. Aber mach nur weiter, du bist eine amüsante Abwechslung in diesem muffigen Kabinett.

b: Ich ... ich bin überzeugt davon, daß nur eine Amour fou uns über unsere Bedingtheit als Mann herausheben kann.

w: Ist ja niedlich. Aber laß dir was sagen von einer Frau, die Generationen vorbeischlendern sah: Es ist eine große Grausamkeit, sich einem einzigen Wesen hinzugeben. Hast wohl

ein bißchen Angst vor der Ausschweifung?

B: Angst? Nichts könnte mutiger sein als das. Allein die erwählte Liebe entwickelt eine revolutionäre Kraft.

w: Olala

et: Die Liebe von der ich spreche, ist das große Versprechen, das fortbesteht, nachdem es erfüllt worden ist.

w: (lacht) Das große Versprechen! Viel weiter bist du wohl noch nicht gekommen. In dir steckt ein Methaphysiker. Die Liebe - der heilige Glanz. Mach die Augen auf: Hinter deinen Phantasien verbergen sich reale Frauen aus Fleisch und Blut.

b: Reale Frauen? Aber Sie sind doch aus ..Wachs?

w: Na, wenn schon. Das Sexappeal des Unorganischen, das hat dich doch immer angem

acht.

b: Also, ich verbitte mir diese Obszönitäten ...

w: Schon gut, bist eben etwas zart gestrickt. Reden wir von der Bourgeoisie, dein Lieblingsthema - was hat die wohl mit den Frauen gemacht?

b: Sie ins Private verbannt.

w: Sehr gut. Oder sie zu Objekten gemacht: sieh mich an! Die echten Frauen, die sich mit dir abgeben würden, ignorierst du. Kommst lieber zu mir, weil ich so schön stumm bin.

b: Ignorieren? Im Bereich der Poesie haben wir versucht, der Frau einen wachsenden Anteil einzuräumen, indem wir uns Figuren wie Sophie von Kühn, Diotima, Kätchen von Heilbronn, Aurelia, zugewendet haben

w: Oh, der Leichenduft der Jahrhunderte!

b: Darüber hinaus gehören unserer auch Bewegung auch einige Surrealistinnen an.

w: Eure Ehefrauen, Eure Musen.

b: Fini, eine ausgezeichnete Malerin, Meret Oppenheimer, Leonora Carrington...

w: Und warum träumst du dann davon, dich eine ganze Nacht im Gustave-Moreau-Museum einschließen zu lassen, umgeben von Allegorien des Weiblichen? Oder Dein Genosse Aragon, der von der erotischen Gewalt jener Frauen schwärmte, bei denen alle Männer, mit denen sie Liebe machen, sterben.

b: Woher wissen Sie, wovon ich träume?

w: Ich weiß mehr, als Du denkst, Süßer. Eine Avantgarde wollt ihr sein, aber ihr seit eine blinde Vorhut, zurückgefallen in die Traditionen, die ihr auflösen wolltet. Ihr habt was verwechselt, würde ich sagen.

b: (arrogant) Und was soll das bitte sein?

w: Ihr geilt euch daran auf, DAS WEIBLICHE, was immer das sein soll, ästhetisch zu verwerten. Und dabei behauptet ihr, der Frau Anerkennung zu verschaffen. Findest Du das nicht lächerlich?

b: B: Ich glaube eher, SIE verwechseln etwas. Was war wohl die größte unbewußte Angst des Bürgers im 19. Jahrhundert?

w: Du wirst es mir gleich sagen.

b: Die Frau als Dämonin, als Todesbringerin. Wild durch die Straßen ziehend, am Rande des Wahnsinns. Dieses Bild haben wir hervorgeholt aus den Tiefen einer anderen Realität. Wir halten der Gesellschaft einen Spiegel vor.

w: Du tust immer so, als wärst du kein Bürger ... Ich beginne mích zu langweilen.

pb: Halt, bleiben Sie noch einen Augenblick bei mir.

w: Du bist gut, ich kann ja nun wirklich nicht weggehen.

+b: Wir haben uns mit aller Kraft auf die Seite des Menschlichen geschlagen, ... pardon ...hören sie mir überhaupt noch zu ...(breton tritt auf die wachsfigur zu, die wieder erstarrt ist) madame ...so hören sie doch.....

 

 

 

Die Bedrohungen häufen sich, man gibt nach, man gibt einen Teil des zu erobernden Landes auf. Und jener Phantasie, die keine Grenzen kannte, erlaubt man nur noch, sich nach den Gesetzen einer willkürlichen Nützlichkeit zu betätigen; diese untergeordnete Rolle durchzuhalten, ist sie nicht lange fähig, und um das zwanzigste Lebensjahr zieht sie es im allgemeinen vor, den Menschen seinem lichtlosen Schicksal zu überlassen. Selbst wenn er später ab und zu versucht, sich auf sich zu besinnen, weil er gespürt hat, daß er allmählich immer weniger Sinn im Leben findet, da er unfähig geworden ist, eine außerordentliche Situation, die Liebe etwa, zu erleben – es wird ihm kaum gelingen. All seinen Gesten wird es an Weite, all seinen Ideen an Kühnheit fehlen.

 

 

 

Dialog 5: Andre und Simone Breton in ihrer gemeinsamen Wohnung.

sinome (eindringlich): andre !

andre (gelangweilt): simone ?

s (auf reaktion wartend): andre !!

a (will es endlich wissen): simone !!!

s: ich komm heute abend mit.

a: wohin?

s: tu nicht so ! ich will einmal dabei sein !

a: wie stellst du dir das vor ? du, als einzige frau dort ?

s: na und ?

a: es geht nicht, bitte...

s: wieso nicht ? nur weil ich eine frau bin ? ich dachte ich seid auf der suche nach den frauen. und bitte sehr, ich biete mich an !

a: es ist nicht das, was du denkst...

s: sondern ?

a: es ist ... die suche im allgemeinen nach dem weiblichen mysterium. das bist nicht unbedingt du, kannst du das verstehen ?

s: glaub' ja nicht, du kannst mich hintergehen. ich weiß alles über nadja !

a: oh, mon cherie, nadja ist eine schizophrener fall, dem mein interesse allein aufgrund dieser tatsache gilt.

s: das muß ja ein großes interesse sein, daß du gleich mit einer verrückten ins bett springst und deinen freunden von ihren schamlippen berichtest !

a: simone ! ich bin nicht bereit dieses gespräch auf so einem niveau mit dir weiterzuführen. es geht hier um einen sehr komplexen sachverhalt...

s: dann können wir ja heute abend weiterreden

a: (energisch) nein !

s: ich lasse das nicht mehr mit mir machen!

a: simone, bitte, verderb' mir nicht den ganzen abend, bevor er angefangen hat.

s: du bist so kalt, andre, ich habe das gefühl, daß ich nur dazu da bin, dich auszuhalten.

a: liebes, nicht doch! du dramatisierst! ich liebe dich doch so sehr... aber du mußt verstehen, daß frauen bei den treffen unsere phantasie einschränken.

s: (bitter) liebe

a: mein kind, bitte, sei nicht so böse.

 

s: ...

a: kannst du mir noch zehn franc geben ? ich muß eine flasche bordeaux kaufen für heute abend

 

 

 

 

- Würden Sie bitte das Fell von der Kaffeetasse nehmen? Der Kaffee schmeckt nach Kuh.

- Danke, ich möchte keine Milch.

- Heiß hier.

- Nehmen Sie ihren Kopf ab. Dann würde die Architektur ganz anders aussehen.

 

 

 

Die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen...... Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt habt, auf diese Weise mit dem elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen - der gehört selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig auf Schußhöhe.

 

 

 

 

Dialog 6: Breton und Elsa Triolet an einem Cafétisch in Paris.

elsa triolet: ...vielleicht würden Sie ihre Meinung ändern, wenn Sie wie ich die Revolution in Moskau erlebt hätten, lieber André.

breton: Ich habe sie erlebt.

et: Ja, an einem Pariser Cafétisch.

b: Wenn ICH von Revolution spreche, dann meine ich die IDEE der Revolution, eine permanente Revolution des Geistes.

et: Idee? Wollen Sie nun eine Revolution oder wollen Sie nur davon träumen?

b: Ohne eine Befreiung des Geistes kann es keine wirkliche Veränderung geben.

et: Und ohne wirkliche Veränderung keine Befreiung.

b: Der Mensch kann sich mit der Befriedigung der materiellen Wünsche nicht zufriedengeben. Probleme wie Liebe, Traum, Wahnsinn und Mythos stellen sich auch für den Marxisten.

et: Aber das ist doch der Gipfel...Es geht um Unterdrückung und Ausbeutung und Sie behaupten, die Revolution kommt mit der Liebe ...

b: Wenn der Marxismus diese Realitäten ignoriert, wird es zu neuen blutigen Konflikten kommen.

et: (zynisch) Und, was schlagen Sie vor?

b: Wir erstreben, wenn ich das so sagen darf, eine Bewußtseinskrise schwerwiegendster Art auszulösen.

et: ...mich interessieren die Mittel der politischen Arbeit...

b: Wir beabsichtigen, den Menschen die Brüchigkeit ihrer Ansichten vor Augen zu führen. Die Hohlräume, auf die sie ihre wackligen Häuser gebaut haben.

et: Was nicht verändern kann, ist Humbug.

b: Begreifen Sie doch endlich: WIR arbeiten nicht GEGEN den Marxismus. Trotzdem behandeln Sie und ihre Genossen uns wie seltene Tiere. .... Ich bin es leid, mich zu verteidigen.

et: Nun, wenn sie Marxist sind, brauchen Sie kein Surrealist zu sein.

b: Oh doch: Ich beabsichtige, unsere Experimente fortzuführen, ohne jede Gängelung, nicht ein einmal der marxistischen.

et: Von mir aus: Spielen Sie weiter! Soll doch die Schlange tausend Jahre leben, die mich nicht beißt...

b: (indigniert) Wir spielen in keinster Weise.

et: Aber wer ist denn in der Lage ihre Schriften zu verstehen? Ihre Produkte sind eine Demütigung für die, die keinen Zugang zu solch elitärem Geplänkel haben.

b:Ich wiederhole mich, der Surrealismus ist kein abgeschlossenes Werk. Der Surrealismus ist eine Geisteshaltung.

et: Sie sind ein Zyniker, Breton. Erklären sie das mal den Arbeiterinnen und Arbeitern in der Fabrik.

b: Mir scheint, Sie trauen dem Proletariat nicht viel zu ... oder sie gehen davon aus, daß auch in der kommunistischen Gesellschaft die Menschen wie Roboter funktionieren, weit entfernt von ihren eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten.

et: Was wissen Sie schon von den Sehnsüchten des Proletariats?

b: Ich weiß um meine Sehnsüchte.

et: Mein lieber André, WIR verändern die reale Welt. Danach kümmern wir uns um den Rest. Vielleicht kommen wie dann auf Sie zurück.

 

 

 

 

Die Schönheit wird wie ein Beben sein – oder sie wird nicht sein.

 

 

 

Gesprochen haben

Andre Breton:Henning Bormann

Walter Benjamin: Peter Deutschmann

Die weiße Königin/Simone Breton: Sarah Hassenpflog

Frau in Wachs: Petra Kleeberg

Zitate: Doris Kleilein

Lewis Carroll: Jan Liebscher

Elsa Triolet: Alina Manoukian

Radiosprecherin/Titel: Martina Prießner

Alice: Sabine Westermayer

Hal Foster: Thomas Unger

 

Literatur

10 Rosalind Krauss: The Optical Unconscious, MIT Press, Cambridge/London, 1996

11 Heribert Becker (Hrsgb.): Es brennt! Politische Pamphlete der Surrealisten, Edition Nautilus, Hamburg, 1998

12 Hal Foster: Compulsive Beauty, MIT Press, Cambridge/London, 1995

13 Unda Hörner und Wolfram Kiepe (Hrsgb.): André Breton. Entretiens – Gespräche, Verlag der Kunst, Amsterdam, 1996

14 Walter Benjamin: Der Sürrealismus – Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz, aus: Angelus Novus, Ausgewählte Schriften 2, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main, 1988

15 Andre Breton: Die Manifeste des Surrealismus, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1986

16 Andre Breton: Nadja

17 Julien Levy: Surrealism, Reprint nach The Black Sun Press, New York 1936; Da Capo Press, New York 1995