KOMM-Bildungsbereich

Pressestimmen – ‘Der Hesselberg ...’

Ein Ort der bösartigen Reden — Altmühlbote – 11.04.11

In Gunzenhausen läuft eine Ausstellung über den Hesselberg in der NS-Zeit

GUNZENHAUSEN — Eine für die Region sehr wichtige historische Ausstellung hat Stadtarchivar Werner Mühlhäußer nach Gunzenhausen geholt: “Der Hesselberg — ein ‘heiliger’ Ort der Täter”. Nach dem Nürnberger Kunst-und-Kultur-Quartier ist das Stadtmuseum die zweite Station der mit zahlreichen Bildern, Tondokumenten und Filmen aufwendig aufbereiteten Sicht auf eine prominente Stätte nationalsozialistischer Selbstdarstellung, denn hier hat Julius Streicher die Frankentage als Massenveranstaltung mit großem propagandistischem Aufwand inszeniert. Bis zum 1. Mai kann die Ausstellung im Stadtmuseum besucht werden.


Bürgermeister Joachim Federschmidt freute sich nicht allein über den großen Publikumszuspruch zur Ausstellungseröffnung, sondern besonders darüber, dass sich bereits viele Schulen für Klassenbesuche angemeldet haben. Unbequem und ehrlich, nicht anklagend, sondern Geschichte aufzeigend sei die Dokumentation, lobte das Stadtoberhaupt die Ausstellungsmacher Rainer Büschel und Ulrich Kuhnle. Einen beachtenswerten Beitrag zur Problematik der Erinnerungskultur lieferte Gastredner Dr. Thomas Greif mit seinem Beitrag “Ungeliebte Erinnerung. über den schwierigen Umgang mit den Täterorten des ‘Dritten Reiches’” (siehe eigenen Artikel).
Der Soziologe Ulrich Kuhnle und der Politologe und Journalist Rainer Büschel arbeiten ehrenamtlich für den KOMM-Bildungsbereich und haben sich als Initiatoren vieler Ausstellungsprojekte bewährt. Den Anstoß für die Ausstellung über die Frankentage und den Hesselberg gab die 2007 veröffentlichte Doktorarbeit von Dr. Thomas Greif “Frankens braune Wallfahrt — der Hesselberg im Dritten Reich”. Hier wird die Geschichte der von 1933-1939 jährlich stattfindenden Frankentage aufgezeigt. Mit der Sammlung historischer Dokumente und Zeitzeugenbefragungen hat sich Greif eines “weißen Flecks auf der historischen Landkarte” angenommen, wie Rainer Büschel erläuterte. Die inhaltliche Vorarbeit Greifs ist ebenso in die Ausstellung eingeflossen wie Dokumente und Tafeln, die das Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zur Verfügung gestellt hat. Werner Mühlhäußer konnte Exponate aus dem Fundus des Stadtarchivs beisteuern. Rainer Büschel dankte auch Hans Spatz aus Ein-Gen, der aus seiner umfangreichen privaten Sammlung Exponate beigesteuert hat.

Zeit von 1933 untersucht
Mit dem “Mythos Berg” beschäftigt sich der erste Teil der Ausstellung. Als Ziel für Wallfahrten und als Festort wurde der Hesselberg bereits in früheren Epochen der Menschheitsgeschichte genutzt. Stellvertretend sei hier das Schwedenfest von 1932 erwähnt. Hier wurde der 300. Jahrestags des Besuchs des Schwedenkönigs Gustav-Adolf gefeiert. Es war dies in den 30er-Jahren die letzte Großveranstaltung, bei der Hakenkreuzfahnen und nationalsozialistische Propaganda keine Rolle spielten.
Seit 1928 bereits versuchte der frühe Weggefährte Hitlers und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes “Der Stürmer”, Julius Streicher, den Hesselberg als “Berg der Franken” für seine Zwecke zu vereinnahmen. Anfangs kamen etwa 3000 Anhänger. Ein Foto-Dokument zeigt, wie Streicher einen Wagenanhänger als improvisiertes Podium nutzte.
1931 schob das Bezirksamt Dinkelsbühl der Veranstaltung noch einen Riegel vor und verhängte ein Uniformverbot. In der Ausstellung ist zu sehen, mit wie viel Selbstbewusstsein der Gauleiter Streicher und seine Anhänger damals in Lederhosen und weißen Hemden sich um das Verbot herumlaviert haben. Nach der Machtergreifung wurden die Frankentage als Großveranstaltung mit hohem logistischem und propagandistischen Aufwand in Szene gesetzt. Zur Sonnwendfeier am Vortag traf sich vor allem die nationalsozialistisch gesinnte Jugend. Der Frankentag selbst hatte zwar einen an der Tradition der Bergmessen angeknüpften Volksfest-Charakter, doch waren Sport-, Musik- und Folkloredarbietungen dazu angetan, auf die Hauptkundgebung einzustimmen. Hier wurde — so zeigt es die Ausstellung eindrucksvoll — nationalsozialistische Propaganda in schärfster Rhetorik vorgebracht und antisemitische Hassreden geschwungen. Dies bestätigt auch ein Blick auf die Rednerliste: Sechsmal ergriff Julius Streicher das Wort, zweimal stand Reichsminister Hermann Göring auf der großen Tribüne, und einmal war Reichsorganisationsleiter Robert Ley Hauptredner.
An zwei Hörstationen können sich die Ausstellungsbesucher von der bissigen Rhetorik und den judenfeindlichen Inhalten der Reden selbst ein Bild machen. Distanzieren und nur den Unterhaltungsteil der Frankentage mitnehmen, das konnte wohl kaum ein Festteilnehmer. Die Veranstaltung am “Berg der Franken” sollte vielmehr die Massen auf Judenhass, Kirchenfeindlichkeit und auf Germanentum und Volksgemeinschaft einschwören. So war auch der “Bauerngruß”, bei dem ein Bauer aus der Region Brot und Schinken an Streicher überreichte, eine Demonstration der Solidarität mit dem brauen Gedankengut.
1932 wurde Adolf Hitler eigens zum Frankentag eingeflogen. Der an Grippe erkrankte Führer beließ es aber bei einem kurzen Auftritt, was die Anhänger der Bewegung nicht daran hinderte, diesen Auftritt mit einer Postkarte zu glorifizieren. Bis zu 100 000 Menschen kamen zu den Frankentagen. Es gab auf dem Berg sogar ein eigens eingerichtetes Postamt und Erinnerungsabzeichen.
Dokumentarfilme des Nürnberger Dokumentationszentrums und der Medienwerkstatt Franken sowie Aufzeichnungen von Zeitzeugen-Interviews von Thomas Greif bieten weitere Einblicke in die Geschichte der Frankentags am Hesselberg.
Wie Vereine und der Sport im Nationalsozialismus instrumentalisiert wurden, zeigen die Ausstellungsmacher am Beispiel des Segelsports am Hesselberg. Zeigt eine Fotografie aus den späten 20er-Jahren noch eine fröhliche Gruppe von Männern und Frauen beim Vereinstreffen, so zieht in den 30ern auch beim Segelflug militärischer Drill ein.
Über die Frankentage hinaus wollten die Nationalsozialisten den Hesselberg für weitere propagandistische Projekte nutzen. So waren die Planungen für eine Adolf-Hitler-Schule schon weit gediehen, wurden aber mit dem Kriegsbeginn Makulatur. Die Baracken für die Arbeiter waren aber bereits erstellt und wurden bis zum Mai 1945 als Umsiedlungslager, zuerst für zwangausgesiedelte Bessarabier, später für die Kärtner Slowenen genutzt.

Der Mantel des Schweigens
Ein Anliegen von Thomas Greif haben die Ausstellungsmacher auf der letzten Ausstellungswand aufgegriffen: Diese zeigt, wie der einstige Täterort, der in einer Reihe mit Nürnberg als “Stadt der Reichsparteitage” und München als “Hauptstadt der Bewegung” als Ort der Propaganda im großen Maßstab steht, in den vergangenen 60 Jahren in Vergessenheit geriet. In der Nachkriegszeit war die Verlockung wohl groß, die nationalsozialistischen Fahnenmeere und die eigene Begeisterung für die Bewegung zu verdrängen. Für eine selbstkritische Erinnerungskultur hat das Trio Greif-Büschel-Kuhnle einen ersten Schritt getan.

Babett Guthmann

Braune Geschichte nicht "wegvergessen" — Altmühlbote – 11.04.11

Der Historiker Dr. Thomas Greif plädiert für die dauerhafte Auseinandersetzung mit einem unliebsamen Thema

GUNZENHAUSEN (bag) — An die Propagandamaschinerie der Frankentage erinnert am Hesselberg heute lediglich ein dürftiges Hinweisschild. In seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung “Hesselberg — ein ‘heiliger’ Ort der Täter” hat der Historiker Dr. Thomas Greif das Thema “Ungeliebte Erinnerungen — über den schwierigen Umgang mit den Täterorten des ‘Dritten Reiches’” aufgegriffen.


Er informierte im Markgrafensaal des Haus des Gastes über den Stand der Erinnerungskultur im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Und er zeigte, wie an anderen Täterorten neue Maßstäbe für eine “symbolische Distanzierung” und “dauerhafte pädagogisch-didaktische Auseinandersetzung” vor Ort gesetzt worden sind.
Zwei Fragen gibt es mittlerweile in der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus: Einmal wird weiter geforscht und gefragt, wie es denn gewesen sei, zum zweiten ist der Umgang mit der brauen Vergangenheit längst zum eigenen Forschungsgegenstand geworden. In der wissenschaftlichen Literatur — so Thomas Greif — spricht man von der “zweiten Geschichte des Nationalsozialismus”.
In vier Phasen könne man den Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus unterteilen, so der Redner: Nach einer Phase der politischen Säuberung durch die Siegermächte waren in den frühen 1950ern, während des Kalten Krieges, Diskussionen oder gar juristische Aufarbeitung von Schuld unerwünscht. Seit den späten 50er-Jahren macht Thomas Greif eine Phase der Vergangenheitsbewältigung aus, die mit dem Frankfurter “Auschwitz-Prozess” einsetzte und sich durch die kritischen Fragen der 1968er-Generation zuspitzte.
“Erst 1979 begann der Massenmord an den europäischen Juden, der unter deutscher Verantwortung geschehen war, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit einzusickern — nicht durch wissenschaftliche Publikationen, die es zum Thema schon länger gegeben hatte, sondern durch die US-amerikanische Fernsehserie ‘Holocaust’”, informierte der Historiker.
In einer vierten Phase der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geht es nicht mehr um die Abrechnung mit lebenden Tätern oder um das Auffinden von Zeitzeugen. Mit dem Wegfall der personenorientierten Auseinandersetzung gewinnen nach Ansicht des Redners Dokumentationszentren und temporäre Ausstellungen an Bedeutung.
Während es einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber gebe, dass der Erhalt von KZ-Bauten und deren museale Erschließung dem Gedenken an die Opfer Rechnung trage, sei die Erinnerungsarbeit an Orten, an denen die Täter ihre Verbrechen geplant oder sich und ihre Ideologie öffentlich zelebriert hätten, schwieriger zu gestalten.
Das Münchner Institut für Zeitgeschichte wird von Thomas Greif zitiert, das sich mit der “Herausforderung, an die Taten zu erinnern, ohne den Tätern ein Denkmal zu setzen”, befasst hat. Als solche Erinnerungsorte der Täter nennt Thomas Greif jene Villa, in der die “Wannsee-Konferenz” 1942 die generalstabsmäßige Planung der Ermordung der europäischen Juden diskutierte. Hier gebe es erst seit dem 50. Jahrestag der Konferenz eine Gedenk- und Bildungsstätte. Ähnlich verhält es sich mit der “Dokumentation Obersalzberg” oder dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.
In Nürnberg, findet Thomas Greif, sei das Problem des Umgangs mit einem Täterort vorbildlich: “Die wissenschaftliche Erschließung und eine temporäre Ausstellung haben dort den Weg für ein dauerhaftes Erinnerungskonzept geebnet.”
In Bezug auf die Erinnerungsarbeit am Hesselberg seien nun zwei Schritte getan: die wissenschaftliche Vorarbeit durch Greifs Doktorarbeit, die jetzige Umsetzung in eine medial gut aufbereitete Ausstellung. Und Schritt Nummer drei? Thomas Greif: “Eine pädagogisch-didaktische Auseinandersetzung mit dem ‘heiligen Berg’ der Nationalsozialisten sollte folgen, schließlich eine wie auch immer geartete symbolische Distanzierung von den braunen Umtrieben.”