Marguerite Duras gehört zu den bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts in Frankreich. Leider wird hierzulande häufig vergessen, dass sie parallel zu ihrem literarischen Werk, das mehr als 60 Bücher umfasst, auch als Filmemacherin tätig war. Zwischen 1966 und 1984 drehte sie 19 Filme nach eigenen Drehbüchern. Wir möchten mit sieben Filmen an die Drehbuchautorin und Regisseurin erinnern, die dieses Frühjahr 90 Jahre alt geworden wäre.
Marguerite Duras wird 1914 in einem Vorort von Saigon geboren und verbringt Kindheit und Jugend in Französisch-Indochina. 1932 geht die "Vietnamesin" oder "Einheimische", wie sie sich selbst nennt, nach Paris, um Jura und Politologie zu studieren. Man kann ihre Texte, Filme, Interviews als Portraits der "weißen Rasse", Beschreibungen der "Alten Welt" sehen; als Wiedergabe künstlicher Zeremonien, als Studien über Zivilisation. Ihr erster Roman "Les Impudents (Die Schamlosen)" erscheint 1943. Anfang der 50er Jahre hat sich Marguerite Duras als Schriftstellerin etabliert und gilt bald als wichtige Vertreterin des Nouveau Roman. 1957 wird erstmals eines ihrer Werke fürs Kino adaptiert, zwei Jahre später schreibt Duras das Drehbuch für Alain Resnais" als Meisterwerk der Nouvelle Vague gefeierten Film HIROSHIMA MON AMOUR. Was HIROSHIMA MON AMOUR mit Duras" ab 1966 entstehenden eigenen Filmen verbindet, ist die Verweigerung des Prinzips des Geschichtenerzählens. Marguerite Duras verabscheute den kommerziellen, narrativen Film, das "eitle Konsumentenkino". Mit ihren eigenen Filmen beabsichtigte sie, die filmischen Gewohnheiten aufzubrechen und damit die Erwartungshaltung der Zuschauer zu unterwandern.
Das "andere" Kino der Marguerite Duras ist arm an Handlung. Die übliche narrative Dramaturgie vom Rätsel zu seiner Lösung wird außer Kraft gesetzt. Die Figuren werden nicht erklärt, ihre Handlungen weder begründet noch gedeutet. So entstehen keine "Charaktere", Personen mit Geschichte und Beruf, mit denen man sich identifizieren könnte. Die filmische Umsetzung entspricht der Armut an Handlung und Psychologie. Die Kamerabewegungen sind äußerst sparsam, die Zahl der Einstellungen pro Film gering. Das wichtigste Kennzeichen der Filme von Duras ist jedoch die "Stimme im Off" eine radikale Trennung von Bild und Ton mit der Einführung von nur über die Stimme anwesenden Personen.
Duras' filmisches Werk kann als Versuch verstanden werden, der Literatur im Film gegen das Genre der Literaturverfilmung zu ihrem Recht zu verhelfen. Und zwar eben nicht als Bebilderung von Literatur, sondern als Literarisierung des Films im Sinne einer Dominanz der literarischen Sprache, die dem Zuschauer, wie die Lektüre der Schrift, gestattet, seine eigenen Bilder hervorzubringen."Ich sehe den Film als eine Unterstützung des Geschriebenen. Anstatt auf weißem Papier zu schreiben, schreibt man auf Bilder. Man spricht, und dann setzt man das Gesprochene auf das Bild." Marguerite Duras 1982
Die Reihe ist eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Bureau du Cinéma, Berlin. Unser besonderer Dank gilt Nathalie Streiff und Anne Vassevière.


