Jean-Pierre Léaud hat wie kein anderer Schauspieler den modernen französischen Film der 60er und 70er Jahre geprägt. Sein unnachahmliches Spiel von eckiger Gestik, abrupten Ton- und Stimmungsänderungen, hektischer Betriebsamkeit und einer beeindruckenden Körperlichkeit hat er an keiner Schauspielschule gelernt. Léaud ist der tragikomische Antiheld der Nouvelle Vague: ein unsicherer wie trotziger, schüchterner wie eloquenter junger Mann, der ständig auf der Suche ist. Er spielt dabei nie vorher existierende Figuren, Rolle und Darsteller vermischen sich mit der Persönlichkeit des Regisseurs.Léauds Filmographie ist eng mit dem Namen François Truffaut verbunden. Truffaut engagiert den 14jährigen 1958 für die Rolle des Antoine Doinel in seinem autobiographisch gefärbten Debüt LES 400 COUPS (SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN). Der Film gewinnt in Cannes den Großen Preis für die beste Regie und ist der erste Welterfolg eines Regisseurs der Nouvelle Vague. Truffaut wählt Léaud aus, weil er in ihm eine wildere Reproduktion seiner selbst entdeckt: "ein asozialer Einzelgänger am Rand der Revolte" (F.T.). Zwölf Jahre später wird er ihm seinen Film über einen Jungen widmen, der außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft aufwächst: L’ENFANT SAUVAGE (DER WOLFSJUNGE).
Es ist der Leiter der Cinémathèque Française, Henri Langlois, der François Truffaut dazu animiert, die Geschichte des Antoine Doinel fortzuführen. Bis 1979 entstehen noch vier weitere Doinel-Filme mit Jean-Pierre Léaud in der Hauptrolle. Doinel/Léaud wächst und altert vor der Kamera. Dabei entwickelt sich die Kunstfigur Antoine Doinel mehr und mehr zu einer Synthese der beiden Personen Truffaut und Léaud: ein romantischer, etwas ungeschickter junger Mann, der seine Schüchternheit hinter seinem offensiven Auftreten versteckt und sich weigert, erwachsen zu werden. Die Revolte des Antoine Doinel bleibt aus. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Akzeptanz ist stärker als sein Unbehagen gegenüber der kleinbürgerlichen Lebensform. Nach der Heirat Doinels in DOMICILE CONJUGAL (TISCH UND BETT, 1970) spielt Léaud in LES DEUX ANGLAISES ET LE CONTINENT (ZWEI MÄDCHEN AUS WALES, 1971) und LA NUIT AMÉRICAINE (DIE AMERIKANISCHE NACHT, 1973) erstmals andere Rollen unter der Regie François Truffauts. 1979 tritt er in L’AMOUR EN FUITE (LIEBE AUF DER FLUCHT) ein letztes Mal als Antoine Doinel auf. Der Film ist der schwächste der Reihe. Sein Regisseur scheint das Interesse an der Figur verloren zu haben. Antoine Doinel ist erwachsen geworden.
Neben der Vaterfigur Truffaut zählt Jean-Pierre Léaud drei weitere Personen zu seiner cinématographischen Wahlfamilie: "Truffaut ist mein Vater, Langlois mein Großvater, Godard mein Onkel und Eustache mein Bruder."
Im Frühjahr 1968 gibt Léaud in der Realität den Revoltierenden. Zusammen mit Truffaut ist er einer der Hauptinitiatoren der Protestaktionen gegen die Abberufung Henri Langlois’ als Leiter der Cinémathèque Française. Im April gibt die französische Regierung nach und setzt Langlois wieder ein. Die „Affäre Langlois“ geht den Ereignissen vom Mai 68 unmittelbar voraus.
Jean-Luc Godard und Jean Eustache geben ihm Gelegenheit, in ihren Filmen seine oppositionelle, rebellische Kraft zum Ausdruck zu bringen. In den zunehmend politischen Filmen Godards der zweiten Hälfte der 60er Jahre ist Léaud sein bevorzugter Darsteller. Zwischen 1965 und 1968 ist er in sieben seiner Filme zu sehen. Der Auftritt als Revolutionär St. Just in WEEKEND (1967) ähnelt dabei in bemerkenswerter Weise den Dokumentaraufnahmen vom Frühjahr 68, die den Agitator Léaud vor dem Palais de Chaillot zeigen, wie er wild gestikulierend die Wiedereinsetzung Langlois’ fordert.
Eustache schreibt 1972 für ihn die Rolle des Alexandre, der sich aus Enttäuschung über die nicht eingelösten Versprechen des Mai 68 in eine Verweigerungshaltung zur bürgerlichen Gesellschaft begibt, aber letztlich erkennen muss, dass er für seinen alternativen Lebensentwurf zu schwach ist und ihn der Weg des Überlebens in die Kleinbürgerlichkeit führt. Léaud sieht in LA MAMAN ET LA PUTAIN (DIE MAMA UND DIE HURE) den Beginn einer neuen Ära des avantgardistischen französischen Films. Tatsächlich markiert Eustaches Film das Ende der Erneuerungsbewegung, die 15 Jahre zuvor mit LES 400 COUPS ihren ersten großen Erfolg feiern konnte. LA MAMAN ET LA PUTAIN ist der letzte Film der Nouvelle Vague und markiert auch einen Einschnitt in Léauds Filmographie. Von den Erfahrungen im Ausland enttäuscht (Pasolini, Bertolucci) und an dem in seinen Konventionen erstarrten französischen Kino desinteressiert, wird Léaud bis zum Ende des Jahrzehnts nur noch in drei Filmen mitwirken.
Nach dem Tod Eustaches 1981 und Truffauts 1984 ist Godard der letzte Verbliebene seiner selbst gewählten Ersatzfamilie. Die einzige Hauptrolle des Jahrzehnts spielt er unter seiner Regie in dem Fernsehfilm GRANDEUR ET DÉCADENCE D’UN PETIT COMMERCE DE CINÉMA (GLANZ UND ELEND EINES KLEINEN KINOUNTERNEHMENS, 1986). Kleinere Rollen übernimmt er u.a. in Filmen von Catherine Breillat, Philippe Garrel und Agnès Varda. Die erste wichtige Hauptrolle in einem Kinofilm spielt er erst wieder 1990 in Aki Kaurismäkis I HIRED A CONTRACT KILLER. Seine letzten großen Auftritte sind das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Olivier Assayas (IRMA VEP, 1996), Lucas Belvaux (POUR RIRE!, 1997) und Bertrand Bonello (LE PORNOGRAPHE, 2001).
Bis heute ist Jean-Pierre Léaud dabei seinem Anspruch treu geblieben, nur mit Vertretern des Autorenfilms zusammenzuarbeiten.
Für die freundliche Unterstützung beim Zustandekommen der Retrospektive bedanken wir uns beim Bureau du Cinéma in Berlin (Nathalie Streiff und Anne Vassevière), beim Institut Français de Munich (Bernard Diss und Christine Zurmeyer) sowie beim Ministère des Affaires Étrangères in Paris (Janine Deunf, Bureau du Film).


