Tim Burton ist seit 20 Jahren der eigenwilligste Erfolgsregisseur Hollywoods und zählt, in Zahlen gemessen, mittlerweile zu den erfolgreichsten Filmemachern aller Zeiten. Seine Filme sind moderne Märchen für Erwachsene und mit Ausnahmen für Kinder. Dass Märchen nicht nach dem Muster gängiger Hollywood-Klischees erzählt werden müssen, um ein Publikum zu finden, hat Burton mit seinem Glauben an die Vereinbarkeit von großem Unterhaltungskino und persönlicher künstlerischer Vision immer wieder bewiesen. Und mit seinem vorwiegend düster gefärbtem fantastischen Universum, bevölkert von Sonderlingen, Exzentrikern und Freaks aller Art, in dem die Monster zumeist empfindsamere Seelen aufweisen als die der Norm entsprechenden Menschen, ist Burton der Einzug der Subversion in die Massenkultur gelungen.
1958 in Burbank, Kalifornien, geboren und dort in einer Mittelschicht-Vorstadtsiedlung aufgewachsen, wie man sie in zahlreichen seiner Filme wiederfinden kann, entwickelt Burton frühzeitig ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber dem vermeintlich Normalen: "Ich sah mich als Frankenstein und meine Nachbarn als die Dörfler, die ihm böse wollen. Deshalb hatte ich nie Angst vor Monsterfilmen. Das Unheimliche war für mich schon immer die lächelnde Maske der Normalität. Es gibt nichts Schlimmeres als etwas, das sich als "Normal" ausgibt." Burton flüchtet aus dem "gruseligen Kleinbürger-Kosmos", in dem er sich "umgeben von Mutanten" und "lebendig begraben" sieht, in seine Fantasie und in fantastische Filme, die bis heute eine Quelle seiner Inspiration darstellen: die klassischen Horrorfilme der Universal-Ära in den 30er und 40er Jahren, die Monster- und Science-Fiction-Filme der 50er sowie Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen mit dem von Burton verehrten Vincent Price. Ab 1976 studiert Burton am renommierten California Institute of the Arts, drei Jahre später erhält er eine Festanstellung als Zeichner bei Disney Productions. Dass er dort nicht unbedingt der richtige Mann am richtigen Platz ist, weiß Burton spätestens nachdem er monatelang niedliche Füchse für den Animationsfilm "Cap und Capper Zwei Freunde auf acht Pfoten" (1981) zeichnen muss. Er realisiert drei Kurzfilme für Disney (VINCENT, 1982, HANSEL AND GRETEL, 1982 und FRANKENWEENIE, 1984), dann trennen sich die Wege. 1985 dreht Burton seinen ersten langen Kinofilm, in dem die Hauptperson Pee-wee sich stellvertretend für alle kommenden Protagonisten von Burtons Filmen folgendermaßen beschreibt: "I'm a loner, a rebel, there are things about me you wouldn't understand. Things you couldn't understand. Things you shouldn't understand."
Alle Filme Burtons kreisen um den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, Nonkonformität und Anpassungsdruck, handeln von Maskerade und Spaltung der Persönlichkeit, unverstandenen Außenseitern und deren Flucht in die eigene Fantasie. Die Geschichten, die Burton erzählt, erscheinen oft wie ein postmodernes Echo auf eine Erfahrung, wie sie auch die romantischen Künstler am Vorabend der Moderne in ihren Werken verarbeitet hatten: auf die Erfahrung eines Verlusts an (positiv verstandener) Naivität, an Harmonie des Individuums mit sich selbst oder aber mit der Gesellschaft, die streng überwacht, was nützlich und "normal" ist. Gesellschaftskritisch im vordergründigen Sinn sind Burtons Filme nicht. Seine Figuren sind stets Kunstgeschöpfe, die in keinem konkreten gesellschaftlichen Rahmen agieren. Ihr Lebensraum ist die Kulisse. Burtons Kino lebt weniger von den Geschichten als von den fantastischen Bilderwelten. Die kaum nacherzählbaren Filme beziehen ihre Energie von der Macht und Gewalt der großen Bilder; eine Eigenschaft, die sie mit dem Kino Federico Fellinis teilen: "Ich glaube, der Grund, weshalb ich Fellinis Filme immer mochte, liegt darin, dass er den Geist und die Magie des Filmemachens einzufangen verstand. Er schuf Bilder, die man erfühlen konnte, auch wenn man sie nicht genau verstanden hatte."
Das Filmhaus zeigt in einer umfassenden Retrospektive alle Langfilme Tim Burtons darunter in Nürnberger Erstaufführung sein erster Film PEE-WEE'S BIG ADVENTURE (1985) und seine neueste Arbeit CHARLIE UND DIE SCHOKOLADENFABRIK (2005) in amerikanischer Originalfassung. Die Reihe wird vervollständigt durch drei frühe Kurzfilme sowie zwei Regiearbeiten von Henry Selick (NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS, 1993 und JAMES UND DER RIESENPFIRSICH, 1996, zu sehen im Rahmen unseres Kinderkinoprogramms vom 2. bis 4.9.), an denen Burton als Produzent, Produktionsdesigner und, im Fall von NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS, als Autor der Story und Schöpfer der Charaktere maßgeblich beteiligt war.

