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HOMMAGE AN KEN LOACH

Als diesjähriger Schirmherr der Perspektive – des 5. Nürnberger Filmfestivals der Menschenrechte wird Ken Loach zur Eröffnung am 1. Oktober im Festsaal des Kulturzentrum K4 einen Ehrenpreis erhalten. Anlass genug, den engagierten Sozialrealisten, der zu den besten europäischen Regisseuren zählt, auch mit einer Hommage zu ehren. Die Auswahl der Spielfilme und Dokumentationen, die im Filmhaus präsentiert werden, erfolgte unter Mitwirkung von Ken Loach selbst. Die Filme markieren wichtige Stationen seines Filmschaffens. Ken Loach wurde am 17. Juni 1936 in Nuneaton, Warwickshire, in Mittelengland geboren. Er studierte Jura in Oxford und avancierte schon bald zum Präsidenten des dortigen experimentellen studentischen Theaterclubs. Nach seinem Militärdienst wirkte er als Schauspieler in einem Wandertheater. 1961 erhielt Loach ein einjähriges Stipendium bei ABC TV, 1963 ging er als Regiepraktikant zu BBC und konnte die Regie einiger Folgen der Serie „Z-Cars" übernehmen. Fasziniert vom italienischen Neorealismus, entwickelte Loach gemeinsam mit Tony Garnett das Konzept für die Fernsehspielreihe „The Wednesday Play“. Diese Reihe stellt in der Entwicklungsgeschichte des „Dokudramas“ einen Höhepunkt dar: Zur besten Sendezeit wurden gesellschaftspolitisch relevante Themen und Stoffe aufgegriffen, die aus dem direkten Umfeld der Zuschauer stammten. Die Unterschiede zwischen Fiktion und Dokumentation waren fließend. Die Geschichten waren gut recherchiert und bezogen bewusst Stellung und klagten Missstände offen an. Statt mit den schweren elektronischen Fernsehkameras im Studio, wurde mit beweglichen 16mm-Kameras an Originalschauplätzen gedreht. Sein Fernsehspielfilm CATHY COME HOME sorgte 1966 für soviel öffentliche Diskussion, dass sogar die Obdachlosen-Gesetze geändert wurden. Seinen ersten Kinofilm konnte Loach 1967 mit POOR COW verwirklichen. Es folgten 1969 der bis heute legendäre, kunstvoll fotografierte und gestaltete Film KES, 1971 FAMILY LIFE. Sein politisches Engagement und die klare Parteinahme für die unterprivilegierte Bevölkerung Englands wurde Ken Loach von seinen Produzenten zunehmend übelgenommen. Hinzu kam sein offenes Bekenntnis, Sozialist zu sein. Man erschwerte ihm in den 1970er Jahren und anschließend während der Ära Thatcher durch Sendeverbote und Zensurmaßnahmen das Arbeiten. Zu den TV-Produktionen, die nicht ausgestrahlt wurden, zählte u.a. die packende Dokumentation über den Bergarbeiterstreik in Orgreave WHICH SIDE ARE YOU ON? (1984). Ken Loach bemerkte dazu später, dass er genauso viel Zeit damit verbringe seine Filme zu verteidigen, wie sie zu produzieren. Erst Ende der 1980er Jahre, nach der Thatcher-Ära, konnte er an alte Erfolge anknüpfen. Sein kraftvoller Film RIFF-RAFF wurde 1991 als bester europäischer Film ausgezeichnet. Es folgte 1993 RAINING STONES und 1994 LADYBIRD, LADYBIRD, der den beeindruckenden Kampf einer Mutter um das Sorgerecht für ihre Kinder schildert. Mitte der 90er wendete sich Loach der Geschichte sozialrevolutionärer Bewegungen zu: dem Spanischen Bürgerkrieg in LAND AND FREEDOM (1995) und der Nicaraguanischen Revolution in CARLAS SONG (1996). Der Film bildete gleichzeitig den Auftakt zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem schottischen Drehbuchautoren Paul Laverty, mit dem Loach in MY NAME IS JOE (1998) ins Arbeitermilieu zurückkehrte. Den folgenden Film BREAD AND ROSES (2000) realisierte Loach erstmals in den USA. In THE NAVIGATORS (2001) zeigte Ken Loach die drastischen Folgen der Privatisierung der britischen Eisenbahn. Der mehrfach preisgekrönte Film SWEET SIXTEEN (2002) führte Loach zurück nach Glasgow. Es folgten die Episodenfilme 11:09:01 (2002) und TICKETS (2005). Mit THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY, für den ebenfalls Laverty das Drehbuch schrieb und der 2006 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, schilderte Ken Loach mit gewaltigen Bildern den Beginn des irischen Untergrundkampfs in den 1920er Jahren.
Dass Ken Loach mit seinen 71 Jahren nicht ans Aufhören denkt, macht schon der witzig-kraftvolle Dokumentarfilm von Toby Reisz, CARRY ON KEN, deutlich. Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig stellte Loach vor kurzem bereits seinen neuen Film über eine osteuropäische Arbeitsagentur vor: IT’S A FREE WORLD.
Loach ist der große Meister des englischen Sozialrealismus’ und sozialpolitischen Diskurses, der in stilistisch unverwechselbaren packenden Spielfilmen und TV-Arbeiten, die auch ein großes Publikum ansprechen, das Schicksal der Menschen aus der Arbeiterklasse in engagierte und packende Erzählungen mit dem Impetus der Aufklärung über Entrechtung und Ausgrenzung verbindet. Loach ist häufig wegen seines Anklagegestus’ angegriffen worden, geht aber unbeirrbar seinen Weg, die Missstände der Gesellschaft aufzuzeigen. Dabei gelang es Loach in seinen besten Filmen, den für das englische Kino typischen Galgenhumor, den Witz und die Schlagfertigkeit der Proletarier einzubinden. In der Regel gibt es bei Loach kein Happy End, aber wohlwollende Aussichten in die Zukunft; es bleiben trotz der Misere die Hoffnungen und Träume im Vordergrund.