Sex and the Cinema
Do. 6.7. bis Di. 9.8.
Fast so alt wie das Kino selbst ist auch der Sexfilm, und er wurde, wo sonst, in Frankreich erfunden; schon aus der Zeit um die Jahrhundertwende haben sich kurze Filme erhalten, in denen Frauen sich ausziehen oder nackt auftreten. Daraus entwickelte sich in der Folge der Pornofilm im eigentlichen Sinne. Jahrzehntelang fast ausschließlich für ein männliches Publikum gedreht, spiegelt er auch dessen Bedürfnisse bzw. gelegentlich Angstvorstellungen wider und nimmt so einen bestimmten Platz im Herrschaftsverhältnis der Geschlechter zueinander ein. Erst in den 60er Jahren entstand vom Umfang her so etwas wie eine Pornoindustrie, die nun allerdings in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern mit Macht immer mehr in die allgemeine Öffentlichkeit eindrang ein Prozess, der weiterhin anhält. Im Kino ist der Pornofilm tot, seit er in den Videomarkt abwanderte, aber durch das Internet nahm die Pornoindustrie erneut einen zuvor nicht geahnten Aufschwung. Und so können Sie heute am späten Abend selbst im Free TV stundenlang (Soft-)Sexszenen sehen, die noch vor 40 Jahren keine Filmzensur der Welt auch nur in homöopathischen Dosen fürs Kino hätte durchgehen lassen.
Die Filmzensur war in den ersten 60 Jahren der Kinogeschichte auf eine Weise rigide, wie es sich Nachgeborene, die in einer schon durch die Reklame sexualisierten Welt aufgewachsen sind, wohl nur schwer vorstellen können. Es versteht sich, dass angesichts von Zensurvorschriften wie dem Production Code der Filmindustrie im klassischen Hollywood, der es selbst verheirateten Paaren auf der Leinwand nicht gestattete, im selben Bett zu schlafen, an die Entstehung von so etwas wie Sexfilmen, wenn sie denn öffentlich im Kino laufen sollten, nicht zu denken war (was natürlich nicht heißt, dass es keine Erotik im klassischen Kino gibt aber es musste sich dabei eben indirekter Darstellungsweisen bedienen).Ende der 60er Jahre begannen die Dämme der Filmzensur zu brechen, und sie hat seitdem im Grunde nur noch Rückzugsgefechte geführt wenn es auch nicht an Versuchen eines sexualfeindlichen Backlashs fehlte und fehlt. Brustwarze um Brustwarze, Schamhaar um Schamhaar und Penis um Penis wurden die Grenzen des Erlaubten Jahr für Jahr zentimeterweise weiter verschoben; seit einigen Jahren ist es auch im Mainstreamfilm möglich, Hardcoreszenen zu zeigen, sogar gespielt von richtigen, seriösen Schauspielern. Ein Sieg der Kräfte, die für die Befreiung der Sexualität kämpften? Gewiss, aber auch ein Sieg, dessen man sich nicht uneingeschränkt erfreuen mag, denn im selben Prozess wurde die Sexualität auf eine allumfassende Weise kommerzialisiert und damit banalisiert, und so ist ihr Bild wie nie zuvor in der Geschichte auch zu einem Bestandteil im Diskurs der Macht geworden.
Das Programm „Sex and the Cinema“ versucht, einige Aspekte des Sexfilms und der Darstellung von Sexualität im Film mit ausgewählten Beispielen aus der Geschichte und Gegenwart des Kinos zu beleuchten. Hardcore-Filme sind ebenso vertreten wie Softsexstreifen, Außenseiterfilme ebenso wie Mainstreamproduktionen, kommerzielle Massenware ist genauso dabei wie künstlerisch Anspruchsvolles. Der Möglichkeiten hätte es so viele gegeben, dass eine solches Programm auch ziemlich anders aussehen könnte, aber nicht zuletzt spielte für die Auswahl auch die Verfügbarkeit von Kopien bzw. deren Verfügbarkeit zu einem bezahlbaren Preis eine Rolle. Einige der ausgewählten Filme dürfen als Meisterwerke ihrer Gattung oder ihrer Regisseure gelten, andere wären eher gegen den Strich zu lesen, das heißt, dass in ihnen auch etwas zu entdecken ist, was über die triste Spekulation hinausgeht, der sie sich verdanken. Die westdeutschen Sexfilme der Zeit zwischen Ende der 60er und Anfang der 80er Jahre sind hingegen ausschließlich von soziologischem oder zeitdiagnostischem Interesse. Ganz ausgeklammert wurde das Thema Sexualität im Horrorfilm, obwohl in diesem Bereich die finstersten Beispiele für eine Zelebrierung der sexuellen (und sonstigen) Erniedrigung von Frauen zu finden wären. Die Einführungen, die an drei Abenden stattfinden, sollen einige der hier angerissenen Aspekte etwas vertiefen.

