Neue Technologien,
von der Genforschung bis hin zum virtuellen Raum des globalen elektronischen
Kommunikationsnetzes verändern die Wirklichkeit und damit auch unser
Bewußtsein. Die Frage nach der eigenen Identität, nach dem
Ich in der Welt, ist heute wieder hochaktuell, bedingt durch die zunehmende
Mobilität und Geschwindigkeit, der unbegrenzten Weite des virtuellen
Raumes und der Parallelität von Echtzeit und virtueller Zeit.
Die Ausstellung KENNEN WIR UNS? in der Kunsthalle Nürnberg befaßt
sich mit der Erforschung, Konstruktion und Projektion von Beziehungen
zwischen dem Individuum und der Welt. Bildet sich die Identität
des Einzelnen in der Rollenhaftigkeit unserer Existenz überhaupt
noch ab? Gibt es überhaupt noch einen festen Standpunkt, von dem
aus sich die Welt modellhaft erschließen läßt? Ist nicht
gerade durch das Internet eine Bühne entstanden, auf der fiktive
Charaktere, fiktive Identitäten, fiktive Körper und Geschlechter
kreiert werden ?
Ein Beispiel für die komplexen Geschichten, die hier alle gleichzeitig
erzählt werden, bildet die Arbeit Better Living Through Remote Access
des Kanadiers Tony Brown, die er so beschreibt:
Bei Better Living klinkt man sich mit seinem Modem in einen kommerziell
betriebenen Kanal, einen sogenannten chat-channel für Erwachsene,
ein. Man weiß nicht, mit wem man es zu tun hat und wo der Partner
wohnt; man kennt lediglich seine TCP-Nummer, die man nur unter größten
Schwierigkeiten verfolgen kann. Diese Nummer läuft über einen
Server, der sie verschlüsselt. Dadurch nimmt der Teilnehmer einen
fiktiven Namen und eine fiktive Identität an. Das ist der Moment,
in dem eine Person von einer Nummer zu einem Namen überwechselt,
der auf ein bestimmtes Geschlecht und sexuelle und emotionelle Präferenzen
schließen läßt. Es kommen immer mehr Leute hinzu, fast
jede Sekunde schaltet sich jemand Neues ein. Ihre Namen blinken automatisch
auf dem Bildschirm in Realzeit auf: ich treffe keine Wahl wie bei der
früheren Arbeit, ich klinke mich lediglich in einen Kanal ein. Da
können dann bis zu dreihundert Personen beteiligt sein, die die
unterschiedlichsten Namen annehmen von Sexy Suzy und Super Hard-One bis
zu Nipple Vampire und Ready to Watch TV . Warum haben die Leute eigentlich
diesen Wunsch, solch ein riesiges komplexes Netz von technologischen
Schnittstellen zu durchqueren, um mit irgendeinem anderen menschlichen
Wesen, womöglich auf der anderen Seite unseres Planeten, virtuellen
Sex zu haben?