tony brown

Neue Technologien, von der Genforschung bis hin zum virtuellen Raum des globalen elektronischen Kommunikationsnetzes verändern die Wirklichkeit und damit auch unser Bewußtsein. Die Frage nach der eigenen Identität, nach dem Ich in der Welt, ist heute wieder hochaktuell, bedingt durch die zunehmende Mobilität und Geschwindigkeit, der unbegrenzten Weite des virtuellen Raumes und der Parallelität von Echtzeit und virtueller Zeit.
Die Ausstellung KENNEN WIR UNS? in der Kunsthalle Nürnberg befaßt sich mit der Erforschung, Konstruktion und Projektion von Beziehungen zwischen dem Individuum und der Welt. Bildet sich die Identität des Einzelnen in der Rollenhaftigkeit unserer Existenz überhaupt noch ab? Gibt es überhaupt noch einen festen Standpunkt, von dem aus sich die Welt modellhaft erschließen läßt? Ist nicht gerade durch das Internet eine Bühne entstanden, auf der fiktive Charaktere, fiktive Identitäten, fiktive Körper und Geschlechter kreiert werden ?
Ein Beispiel für die komplexen Geschichten, die hier alle gleichzeitig erzählt werden, bildet die Arbeit Better Living Through Remote Access des Kanadiers Tony Brown, die er so beschreibt:
Bei Better Living klinkt man sich mit seinem Modem in einen kommerziell betriebenen Kanal, einen sogenannten chat-channel für Erwachsene, ein. Man weiß nicht, mit wem man es zu tun hat und wo der Partner wohnt; man kennt lediglich seine TCP-Nummer, die man nur unter größten Schwierigkeiten verfolgen kann. Diese Nummer läuft über einen Server, der sie verschlüsselt. Dadurch nimmt der Teilnehmer einen fiktiven Namen und eine fiktive Identität an. Das ist der Moment, in dem eine Person von einer Nummer zu einem Namen überwechselt, der auf ein bestimmtes Geschlecht und sexuelle und emotionelle Präferenzen schließen läßt. Es kommen immer mehr Leute hinzu, fast jede Sekunde schaltet sich jemand Neues ein. Ihre Namen blinken automatisch auf dem Bildschirm in Realzeit auf: ich treffe keine Wahl wie bei der früheren Arbeit, ich klinke mich lediglich in einen Kanal ein. Da können dann bis zu dreihundert Personen beteiligt sein, die die unterschiedlichsten Namen annehmen von Sexy Suzy und Super Hard-One bis zu Nipple Vampire und Ready to Watch TV . Warum haben die Leute eigentlich diesen Wunsch, solch ein riesiges komplexes Netz von technologischen Schnittstellen zu durchqueren, um mit irgendeinem anderen menschlichen Wesen, womöglich auf der anderen Seite unseres Planeten, virtuellen Sex zu haben?

29.6. bis 20.8.2000 

Eröffnung
28.6. um 20 Uhr 

KENNEN WIR UNS?
Eija-Liisa Ahtila, Tony Brown, Kevin Clarke, Dunja Evers, Astrid Klein und Björn Melhus
Kunsthalle Nürnberg
Lorenzer Straße 32, 90402 Nürnberg, Telefon: 0911.231 2853

e-mail: kuh@stadt.nuernberg.de 

Di - So 10.00 bis 17.00 Uhr, Mi 10.00 bis 20.00 Uhr
Mo geschlossen

 

KENNEN WIR UNS?