Nürnberger Nachrichten vom 30.07.2002
Events gegen Hemmschwellen
Das besondere Flair beim Klassik Open Air:
Interview mit dem Orchestermusiker Hubert Henn
Interview: Hans-Peter Kastenhuber
Die Nürnberger Klassik Open Airs im Luitpoldhain haben sich zu Publikumsrennern ganz eigener Qualität entwickelt. Die entspannten Konzerte auf der grünen Wiese mit Picknick und Feuerwerk sind ein besonderes Erlebnis. Nürnbergs Generalmusikdirektor Philippe Auguin und die hervorragend disponierten Philharmoniker rissen das Publikum mit einem klug zusammengestellten Programm zu Begeisterungsstürmen hin. Für die Musiker bedeuten Freiluftauftritte ungewohnte Arbeitsbedingungen. Wir sprachen mit Hubert Henn (2. Violine), der seit 25 Jahren bei den Philharmonikern spielt. Der 57-Jährige war schon das dritte Mal im Luitpoldhain dabei.
Ein Konzert von 50 000 Menschen. Fühlt man sich da nicht wie ein Popstar, Herr Henn?
Henn: Als Popstar? Na, ich weiß nicht. Natürlich ist es fantastisch und was ganz anderes als im Orchestergraben. Man fühlt sich zumindest sehr anerkannt.
Ist der Adrenalin-Ausstoß stärker?
Henn: Das glaube ich schon. Insgesamt ist die Stimmung einfach gelöster.
Was macht denn in Bezug auf die künstlerische Arbeit den Unterschied aus zwischen einem Open-Air-Auftritt und einem normalen Konzert?
Henn: Zum Teil benutzen wir andere Instrumente. Vor allem bei der Probe am Nachmittag, wenn die Sonne intensiv scheint, kann man eine sehr wertvolle Geige gar nicht nehmen, weil der Lack leicht beschädigt wird.
Bereitet die aufkommende Luftfeuchtigkeit am Abend Probleme?
Henn: Ja, die Stimmung der Instrumente hält sehr schlecht. Man muss wesentlich öfter nachstimmen.
Die 50 000 im Luitpoldhain sind in Picknick-Stimmung und danken dem Orchester alles, was gespielt wird. Wer pfeift, pfeift vor Begeisterung. Die Möglichkeit des Scheiterns gibt es eigentlich gar nicht. Fehlt einem da nicht sogar etwas, um die nötige innere Spannung aufbauen zu können?
Henn: Nein, man ist sehr entspannt. Es macht Spaß, so einen Erfolg zu erleben und so begeistert gefeiert zu werden. Niveauverlust wegen fehlender Konzentration droht nicht, weil man sich beim letzten Konzert der Spielzeit ohnehin noch mal reinhängt.
Beim Publikum kam die Auswahl der Stücke mit einem großen Anteil an klassischen Gassenhauern – von Mendelssohn-Bartholdys Hochzeitsmarsch, über Smetanas Moldau bis zu Offenbachs Cancan – prächtig an. Fürchtet man als Musiker, dass die Zugeständnisse an den Massengeschmack am Ende zu weit gehen könnten?
Henn: Das möchte ich nicht sagen. Für dieses Ereignis ist ein solches Programm schon das Richtige. Man kann da keine Beethoven-Symphonien spielen. Die Leute, die zu so einer Freiluftveranstaltung gehen, wollen genau so etwas hören. Und wer was anderes will, der kommt einfach zu uns ins nächste Konzert.
Kann man mit der Mischung aus Picknick und Klassikkonzert Hörer-Nachwuchs für die so genannte ernste Musik rekrutieren?
Henn: Also, ich glaube schon. Ich hab es jedenfalls erlebt, dass mich Leute zu Hause begeistert angesprochen haben und gemeint haben: Mensch, das ist ja toll, ihr habt ja hervorragende Sänger, wir gehen jetzt auch mal in die Oper.
Wie geht es Ihnen denn? Wollen Sie nach so einem öffentlichen Triumph überhaupt zurück in den finsteren Orchestergraben?
Henn: Es bleibt einem ja gar nichts anderes übrig. Aber wir haben schließlich auch Symphonie-Konzerte in der Meistersingerhalle, wo wir oben sitzen. Und eigentlich reicht es auch, wenn man so ein Happening einmal am Ende der Spielzeit hat. Nur Freiluftaufführungen, das wär es auch nicht. Denn letztlich ist die künstlerische Qualität bei einem normalen Konzert dann doch höher, weil eben auch der Anspruch allein durchs Programm höher ist. Eine Brahms-Symphonie zu spielen oder ein Tschaikowsky-Klavierkonzert zu begleiten, ist halt schon noch was anderes.
Auf Abstand zur Event-Kultur achtet der E-Musik-Purist also schon?
Henn: Nein, überhaupt nicht. Ich höre auch andere Musik, französische Chansons oder Jazz. Schlager jetzt aber nicht gerade.
Der alte Volksheld Verdi wäre vom Luitpoldhain-Konzert sicher begeistert, weil es seine Musik zurück zum Volk bringt. Ist das eine der wichtigen Funktionen solcher Veranstaltungen, die Klassik aus dem elitären Zirkel zu befreien?
Henn: Das ist sicher nicht schlecht. Mit Verdi passiert das ja in der Arena von Verona seit jeher. Aber nat ürlich merken wir, dass uns im normalen Konzertpublikum vor allem die jungen Leute fehlen. Da liegt der Schnitt doch zwischen 40 und 60. Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass in den Schulen der Musikunterricht immer mehr zu wünschen übrig lässt. Um jungen Menschen über ihre Hemmschwelle hinweg zur klassischen Musik zu helfen, kann so ein Event wie im Luitpoldhain sehr wichtig sein.
