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blogdatei icon Samstag, 17. März 2007
[ Pumaentführungen und andere Dummheiten ]
bild neunzeiligIm letzten halben Jahr sind mir im Kino und auf DVD eine Menge Coming-of-age-Filme und ein paar Filme mit recht jungen Protagonisten (etwa die zehnjährige Ofelia in El Laberinto del Fauno oder die Kids aus verschiedenen Erdteilen in Babel) untergekommen, und dabei fiel mir auf, dass all diese Geschichten mit einem Tod oder Beinahe-Tod, einer Krankheit, einem Unfall oder sogar einer (tödlichen) Selbstopferung befasst sind; wenn niemand buchstäblich stirbt, streifen die Filme dennoch unweigerlich das Thema. Warum das so sei, habe ich mich gefragt. Immerhin waren es ja keine Horror- oder Teenieslasherfilme (Scary Movie, Scream usw.), die ich mir angeguckt hatte. Dort muss selbstverständlich immer jemand dran glauben, und wenn es nur als Mutprobe für das junge Publikum ist – dafür werden diese Filme schließlich gemacht. In einem Coming-of-age-Film im engeren Sinn würden doch schon Entzweiungen und Wiedervereinigungen, psychische Verletzungen, Liebeskummer, unkontrollierbare High-Gefühle, holpriges Seelenwachstum und andere Katastrophen ausreichen, um mir zu zeigen, dass ich unter Jugendliche geraten sei. Auch das eine Mutprobe.
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Der erste Erklärungsversuch war nun die Annahme, dass meine Vorlieben mich vielleicht einfach zu »erwachseneren« Coming-of-age-Geschichten mit tragischem Ausgang geleitet hätten und es genug Gegenbeispiele gäbe, die mich im Moment nur nicht genug interessierten (Dinge wie American Pie, High-School-Komödien oder auch Filme, die hauptsächlich von Liebesturbulenzen handeln – nicht, dass ich etwas gegen schöne Liebesgeschichten habe). Aber für eine reine Geschmackssache waren es dann doch zu viele Filme mit transzendentem oder traurigem Ende, von denen ich derartiges nicht unbedingt erwarten musste. An manche Geschichten war ich eher zufällig geraten. Die hatte ich nun bestimmt nicht ausgesucht, um schon wieder mit dem Tod in Kindernähe konfrontiert zu werden; es kam nur dummerweise anders. Um das Rätsel anzugehen, muss ich jetzt zuerst alle Filme aufzählen, die mir zum Thema einfallen. Die Aufzählung wird ziemlich lang, ist aber weder nach Entstehungsjahren noch nach Seherlebnissen chronologisch geordnet (wie im Kopf halt):

Donnie Darko, USA 2001 (der Film endet mit der Selbstopferung Donnies, um »die Welt zu retten«); The Sixth Sense, USA 1999 (ein kleiner Junge sieht die Geister von Toten; sein Therapeut weilt auch nicht mehr unter den Lebenden); Knallhart, Deutschland 2006 (ein Junge erschießt in einer Extremsituation einen anderen und stellt sich dann der Polizei – alles hatte ich erwartet, nur nicht diesen Schuss); Heavenly Creatures, Neuseeland 1994 (zwei dick befreundete Mädchen erschlagen die Mutter des einen Mädchens mit einem Stein, weil die sie voneinander trennen will); Almost Famous, USA 2000 (ein bestenfalls 16-jähriger Rockjournalist rettet einem Groupie mit einer Überdosis Quaaludes im Blut, in das er heimlich verliebt ist, das Leben); El Laberinto del Fauno bzw. Pans Labyrinth, Mexiko/Spanien/USA 2006 (Ofelia stirbt durch einen Pistolenschuss ihres widerlichen Stiefvaters; in der Fantasiewelt des Kindes ist es aber auch ein Selbstopfer – um das kleine Brüderchen zu retten und selbst nicht in dieser schrecklichen Welt bleiben zu müssen); The Dangerous Lives of Altar Boys, USA 2002 (der 14-jährige Tim stirbt bei dem blödsinnigen Versuch, mit Freunden einen Puma aus einem Gehege zu entführen; der Puma ist zudem irgendwie der Schwippschwager von William Blakes »Tyger«); Muriel’s Wedding, Australien 1994 (die Freundin der Protagonistin hat Krebs, ihre ständig gedemütigte und betrogene Mutter begeht schließlich Selbstmord); Requiem, Deutschland 2006 (die Heldin aus der schwäbischen Provinz – eine tiefreligiöse junge Frau, die an epileptischen Anfällen leidet – stirbt am Ende des Films durch Entkräftung infolge eines Exorzismus); und – erst vor einer Woche im Kino gesehen – Brücke nach Terabithia, USA/Neuseeland 2007 (die hübsche, hippieske Leslie Burke, vielleicht gerade zwölf Jahre alt, fällt in einen gar nicht so großen Fluss und ertrinkt; der überlebende Boyfriend gibt sich die Schuld an ihrem Tod).

bild achtzeiligThe Virgin Suicides (USA 1999) von Sofia Coppola, der, wie der Titel schon andeutet, von den Selbstmorden fünf minderjähriger Schwestern handelt, habe ich übrigens – leider – noch nie gesehen; er würde aber ganz offensichtlich ins Bild passen, genau wie Zach Braffs Garden State (USA 2004) hineinpasst, über den ich schon an anderer Stelle etwas geschrieben habe (der Film beginnt mit der Nachricht vom Tod der Mutter des 26-jährigen Protagonisten; Bekannte aus seiner Schulzeit arbeiten als Totengräber; er trifft ein schräges Mädchen, das ihm seinen pet cemetery [Hamsterfriedhof] im Garten zeigt). Der einzige in letzter Zeit bewusst wahrgenommene Coming-of-age-Film, bei dem der tatsächliche oder mögliche (nahe, erwartete, gerade noch abgewendete) Tod keine wesentliche Rolle spielt, ist übrigens Ghost World (USA 2001) von Terry Zwigoff; immerhin fährt am Ende die Hauptdarstellerin Thora Birch in einem Bus, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, weil die Buslinie eingestellt ist und die Haltestelle, an der sie wartet, gar nicht mehr bedient wird, aus dem Bild und verlässt damit die Geschichte wie durch ein schwarzes Loch, das sie einsaugt. Päng, Abspann. Diese Symbolik ließe sich leicht als Übertritt in einen anderen Zustand (aus dem man nie wieder zurückkehren kann) deuten, wie auch der Titel des Films zweideutig ist. (Übrigens fällt mir gerade ein, dass man Thora Birchs Rolle in Ghost World durchaus einmal mit der von Claire Fisher aus der HBO-Fernsehserie Six Feet Under vergleichen müsste … diese Idee verfolge ich jetzt aber lieber nicht; mein Hang zu Nebenwegen wird mir langsam selbst unheimlich.)

bild achtzeiligEs ist natürlich nicht immer so, dass der Tod in den anderen oben erwähnten Filmen die jungen Protagonisten in seine Krallen bekommt: manchmal begnügt er sich mit älteren Familienmitgliedern und Erwachsenen oder übt an Tieren, sodass die Kids mit ihm Bekanntschaft machen können; manchmal taucht er nur am Horizont auf, damit man einen flüchtigen Eindruck von ihm bekommt; und manchmal macht sich der Film, in dem der Tod wohnen möchte, auch noch mit verwirrenden Zeichen (vergleiche weiter oben Donnie Darkos Skelettkostüm) über ihn lustig. Plakativ gesagt: Das Coming of age ist oft genug ein Sein zum Tode, aber über die gesamte Jugend triumphieren darf der Gevatter dann doch nicht. Es würde einfach zu sehr den ungeschriebenen Gesetzen des Kinos zuwiderlaufen.

Ich gehe zum Buchregal und erinnere mich daran, dass z. B. Alfred Hitchcock es im Nachhinein (im Gespräch mit Truffaut in den sechziger Jahren) für einen schweren Fehler seines Films Sabotage (1936) hielt, den kleinen Jungen, der darin unwissentlich eine scharfe Bombe mit sich herumträgt, tatsächlich durch deren Explosion sterben zu lassen. »Es ist, glaube ich, sehr problematisch, in einem Film ein Kind sterben zu lassen. Das grenzt schon an Missbrauch des Kinos«, bemerkt Truffaut dazu; Hitchcock pflichtet ihm sofort bei (François Truffaut: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, Heyne Taschenbuch, München 1998, Seite 95). Wie gesagt, das war in den sechziger Jahren. Die Zeiten haben sich inzwischen geändert. Heute kann ein in Guantánamo gefolterter Al-Qaida-Anführer auf allen Kanälen der Mediengesellschaft das »freiwillige Geständnis« ablegen, dass es ihm zwar um die am 11. September 2001 in New York gestorbenen Kinder leid tue; nur befinde man sich halt im Krieg. Da ließen sich Opfer eben nicht vermeiden. Für den Gegner in diesem Krieg, die Regierung der USA, sind soundso viele getötete palästinensische, afghanische, irakische oder libanesische Kinder wohl auch eher die berüchtigten »Kollateralschäden« und weniger das, um was es wirklich geht: vernichtete, viel zu kurze Menschenleben.
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Jetzt kann man fragen, woran es liegt, dass dem Tod regelmäßig Nebenrollen in neueren Coming-of-age-Geschichten angeboten werden – mehr, als das meinem Gefühl nach noch vor zwanzig Jahren der Fall war. Richtig beantworten kann ich die Frage aber nach wie vor nicht; mir bleibt nur, bei jedem Film genauer hinzugucken. Zwar habe ich eine Vermutung, aber sie passt eher auf Geschichten, die mit einer offenen oder versteckten Selbstopferung enden (Donnie Darko, Laberinto, mit Abstrichen Dangerous Lives und Requiem): Wenn du dich nicht in die Gesellschaft einfügen kannst, junger Rebell oder junger Verzweifelter, wenn die Lage unerträglich ist und in der Welt ein giftiger Wurm, dann fliehe sie, indem du Selbstmord begehst oder dich vorsätzlich tödlicher Gewalt aussetzst (ich rede, fällt mir auf, flapsig, weil ich sonst selbst nicht mit solch extremem Verhalten umgehen könnte, und sei es auch fiktional). Umschreibung: Das wäre das Werther-Prinzip ohne Liebeskummer, das Christiane-F.-Prinzip ohne Heroin, das Live-fast-die-young-Prinzip von Sid Vicious, das Prinzip der tragischen Oper. Die Erklärung scheint sogar in Maßen auf die realen und letztendlich selbstzerstörerischen Bluttaten von deutschen 18- oder 19-jährigen wie Robert Steinhäuser (Erfurt 2002) und Sebastian Bosse (Emsdetten 2006) zu passen, die von Medien, Politik und noch bescheuerteren Dummbatzen (den sogenannten »Experten«) so gern auf gewalttätige Computerspiele und rein persönliche Probleme dieser Jungs geschoben werden. Verlogener und bräsigster Unverstand der Honoratioren, wenn man sich z. B. den (für das Alter des Jungen) ziemlich hellsichtigen Abschiedsbrief von Sebastian Bosse einmal vorurteilslos durchliest!

Für die restlichen Filmgeschichten greift dieser Ansatz aber nicht. Jugend geht zwar mit psychischen Gefährdungen, Prüfungen und Gefühls-Turbulenzen einher, okay (wenn ich da an meine Pubertät denke … Hilfe!). Ist man zwischen zehn und zwanzig, teufeln nicht nur die Hormone auf einen ein, sondern man soll sich auch noch in diese blöde vorgegebene Situation – Gesellschaft genannt – hineinfinden, also in ein Konglomerat aus rigiden Zwängen, unverständlichen Reglementierungen, verdächtigen Konsumangeboten und Scheuklappen, ein übles System, an dem man doch gar keine Schuld trägt (und an dem man möglichst auch in Zukunft keine Schuld tragen will). Cul-de-sac. Dass dieser multidimensionale Prozess selten ohne Verletzungen oder Verbiegungen abgehen kann und manchmal sogar fehlschlägt, leuchtet ein. Aber warum muss in neueren Filmen so oft jemand dabei sterben, und wenn es nur der Nachbar vom Nachbar ist? Muss das so pathetisch sein (Todesschilderung als ultima ratio des Filmemachers zur Gefühlserzwingung beim Zuschauer)? Ist andererseits maßloses Pathos und Verzweiflung über die Ungerechtigkeit in der Welt (wen erwischt es, wer kommt davon, wer entscheidet das) vielleicht sogar genau das richtige Vehikel zur Darstellung jugendlicher Verwirrtheit? Oder müsste man auf jegliches Pathos verzichten und nur die nackten, unschönen Fakten berichten (wie es etwa Kids von Larry Clark oder City of God von Fernando Meirelles tun, die die eher gutsituierte middle class der anderen Erzählungen sowieso weit hinter sich lassen)?

bild achtzeiligComing-of-age-Geschichten im Kino haben (finde ich) den Vorteil, dass man ihnen manche Ungereimtheit oder Ungeschicktheit leichter verzeiht, weil sie eben von jungen Menschen handeln, deren Leben selbst noch so viel Ungereimtes enthält, das sich erst später – vielleicht nur außerhalb der erzählten Geschichte, vielleicht sogar nie – wird klären lassen. Und manchmal erlebe ich sogar, dass ein Film wie Richard Kellys Donnie Darko gerade durch die Lücken in seiner Logik und ein paar hanebüchene Plotsprünge zu einer wahrhaftigeren, magischeren Schilderung der unruhigen Jugendzeit wird, als er es mit einem vollkommen konsistenten, nach Hollywood-Art gestrickten Drehbuch (»Man nehme erstens eine dysfunktionale Familie, zweitens einen bebrillten Protagonisten mit Kontaktproblemen …«) je hätte werden können. Die Wirren des Plots und einige unglaubwürdige Details bilden dann (unter anderem) den Struggle und die grandiose himmelstürmerische Vermessenheit des – in diesem Fall ziemlich jungen – Debütregisseurs ab, der seine eigenen unausgegorenen, quasi »kindlichen« Handlungs-Vorstellungen ordnen will und sich dazu eines Themas annimmt, das ihm eigentlich noch eine Nummer zu groß ist:

»It’s easy to theorize that, had Kelly been a more experienced screenwriter and director, he could have corrected the climax’s flaws. However, this has to be weighed against the possibility that an older director might be too far removed from the slings and arrows of outrageous adolescence to have remembered teenage life in such sharp and telling detail.«
[Lawrence Person: »Donnie Darko: The DVD«, ein sehr ausführlicher und guter Review des Films bei locusmag.com.]

Das ist liebevoller gemeint, als es zunächst klingt; Donnie Darko hat auch mich wegen der jugendlichen Chuzpe des Regisseurs beeindruckt und tut es noch. Ich saß mehrmals vor der hinreißenden Partyszene gegen Ende des Films und dachte mir: Scheiße, es fühlt sich einfach dermaßen richtig an – so, wie ich selbst war mit 16, 17, 18 … wie macht der Mann das nur (außer, dass er an dieser Stelle denkbar passendste Musik [Joy Divisions Love Will Tear Us Apart; Under The Milky Way Tonight von The Church] verwendet, die bei mir zudem mit bittersüßen Erinnerungen verbunden ist)? Die Erklärung hat auch schon andere Leute beschäftigt, und hier (jetzt, heute) ist nicht der Platz, um näher darauf einzugehen. Aber ganz allgemein glaube ich: Eine Sequenz »geglückter Ungereimtheiten« wie Donnie Darko kann auf künstlerischer Ebene am ehesten funktionieren, wenn Verwirrung und Rebellion, die Unmöglichkeit, sich sang- und klanglos, ohne Brüche, ohne Wunden in eine als bescheuert erlebte Umwelt einzufügen, sowieso die Probleme des Protagonisten und das Thema des ganzen Films sind. Dann kann der Plot von mir aus gern ein wenig an den Logikschnittstellen holpern, denn in Donnies Kopf ist auch nichts ganz klar. Form follows function. (Das ist übrigens der Grund, warum mich der Director’s cut von Donnie Darko nicht sonderlich interessiert und ich hier auch nur über die erste Version des Films, die letzten August im deutschen Fernsehen gesendet wurde, spreche: Im Director’s cut versucht der Regisseur nämlich nachträglich – also aus einer erwachseneren Perspektive –, die schönen Stolpersteine der ursprünglichen Version, die doch gerade für Magie und Mystery zuständig sind, wieder einzuebnen.)
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Coming-of-age-Geschichten haben demzufolge manchmal den Nachteil, dass sie zwangsläufig von Erwachsenen, also Nicht-Jugendlichen erzählt werden, die die Darstellung der adoleszenten Erlebnisse zu Rückprojektionen ihrer eigenen Vorstellungen und Erinnerungen an Kindheit nutzen (bzw. nutzen müssen; man kann sich eben nicht einfach jünger machen, als man ist). Dann versinkt die Erzählung eventuell in Sentimentalität und Verklärung, wie schön doch früher alles war; dann kann etwas lehrerhaft und puritanisch (das Disney-Modell) oder im Gegenteil sogar oversexed wirken (das Larry-Clark-Modell); vielleicht bürdet man der Geschichte und den kindlichen Hauptdarstellern auch zu viel eigene Altersweisheiten auf oder schmiert die Pickel auf der Glaubwürdigkeitshaut dick mit Clearasilschminke zu. Alle genannten Filme tappen aber nicht sehr in diese Falle, höchstens in kleinen Portionen, die für mich eher charmant wirken. So wird etwa in Brücke nach Terabithia das für die Geschichte ansonsten nicht wichtige christliche Moment in manchen Szenen ein wenig zu stark in den Vordergrund gestellt, weil ein Produzent des Films gläubiger Presbyterianer ist und auch noch Disney als Geldgeber mitmischt. Dem Gesamteindruck einer Geschichte über zwei Außenseiter, die sich eine Fantasiewelt erschaffen, in die sie durch ein über einem Waldflüsschen hängendes Seil gelangen können, tut es keinen Abbruch, und der Schmerz, die Hilflosigkeit und die Schuldgefühle des Jungen, als seine Freundin in genau diesem Flüsschen ertrinkt, während er mit seiner Musiklehrerin (zum ersten Mal in seinem Leben) ins Museum geht, bleiben genauso echt.
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Als Betrachter, der weniger werten denn eher verstehen will, bin ich eigentlich schon froh und zufrieden, wenn ich spüre, dass ein Filmemacher es ohne Anbiederung und größere Peinlichkeiten schafft, sich selbst und uns im Kinosaal ein wenig in die Haut der Kinder, der Mädchen, der Jungs, der pubertären Monster, der rebellischen oder angepassten Gören schlüpfen zu lassen und ihrer Probleme mit der Welt teilhaftig zu werden. Kids haben es sowieso schon schwer genug mit dem Erwachsenwerden und mit den Erwachsenen; wenn zusätzlich auch noch die Geschichten, die wir uns über sie (und für sie) erzählen, dumm, betrügerisch und (auf eine Business-as-usual-Weise) schlichtweg verlogen wären, wirkte das wie ein Hohn. So finde ich es denn zunehmend schön, wenn ein Regisseur in diesem Genre knapp an der Bändigung des eigenen Sentiments vorbeischrammt und damit Schwächen zeigt oder den Film wie ein Laufställchen mit teils unnützen Spielsachen zumüllt, weil er damit wiederum das Kind in sich ein wenig von der Leine lässt (eine ad-hoc-These, die man natürlich diskutieren kann). Demnächst versuche ich einfach mal, diese meine Beobachtung an The Dangerous Lives of Altar Boys (2002) von Peter Care zu belegen. Denn diesem Film, der (wie Donnie Darko für Kelly) Cares Debüt als Regisseur war, wird z. B. von einigen amerikanischen Kritikern (etwa hier) vorgeworfen, dass er in seine ansonsten glaubhafte 70er-Rebellionsgeschichte aus der amerikanisch-katholischen Provinz unnötig viele Verweise auf die Hochkultur, speziell auf Bücher und Gedichte des angelsächsischen Renitenzlings, Gnostikers und Visionärs William Blake eingebaut und dabei sowohl der Gedankenwelt der Kids zu viel aufgebrummt als auch (Sakrileg!) eine gründliche Deutung Blakes verfehlt hätte. Ich empfinde das nicht so. Gute Nacht – bis hoffentlich demnächst in diesem Theater. Kann ein paar Wochen dauern, vielleicht ist der Text aber auch schon am nächsten Mittwoch zu lesen … ich lege mich einfach nicht mehr auf Termine fest.
Permalink  |  23:50 Uhr  |  E-Mail
[ Meine »Freunde & Links«-Liste … ]
… musste leider um einen Link, der noch im Februar hier zu finden war, gekürzt werden, da die betreffende private Site (zum Film Brazil von Terry Gilliam) einfach aus dem Netz verschwunden ist. Ich kann auch keine neue Webdresse finden, es handelt sich also nicht um einem Umzug des Projekts. Vielleicht hat der Betreiber einfach das Interesse verloren (oder sein Geld, Haus, Hund und Hof). Schade, vorbei. Es gab da eine Menge DVD-Screenshots in guter Qualität und sinnige Hintergrundinformationen zu diesem großartigen Film, ohne den meine Pubertät vielleicht anders verlaufen wäre – na gut, ich übertreibe leicht, aber nur, um auf den folgenden Blogeintrag vorzubereiten, in dem es um die Jugend im Film gehen wird. Nebenbei: der Link zur Blade-Runner-Site funktioniert zwar noch, aber deren Betreiber weist inzwischen darauf hin, dass sie ja nun schon sooo lange im Netz stände und langsam in Rente gehen müsse: »2019: Off-World has officially gone into retirement«. Immerhin hat er die wichtigsten Texte dort gelassen und bietet auch noch weiterführende Links an.
Permalink  |  20:49 Uhr  |  E-Mail
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