[ Schnipselgeburtstag ]
»Ich ziehe in Richtung Hauptbahnhof, der liegt in der Nähe und ist geöffnet wie ein Kinderbuch, das mich aufnehmen wird.«
[Aus Wilhelm Genazinos neuestem Buch
Mittelmäßiges Heimweh, Carl Hanser Verlag, München/Wien 2007. Schnipsel gefunden via Buchbesprechung von Kristina Maidt-Zinke, Literaturbeilage der
Süddeutschen Zeitung, 20. März 2007, Seite 3.]
»… verwirrende Sammelbilder von europäischen Brücken …«
[Gemeint sind die Euro-Scheine. Interessante Sichtweise aufs liebe Geld in einem
Posting bei
Heise Online, Dezember 2006.]

»Während der Arbeit am Roman
Das steinerne Herz beschäftigt sich Arno Schmidt eingehend mit der Geschichte des Königreichs Hannover – einem Arbeits- und Sammelgebiet, auf dem sich der Protagonist seines Romans mit großer Leidenschaft hervortut. Schmidt hat sich zu vielen seiner literarischen Projekte Karten der jeweiligen Schauplätze bestellt und zu einigen Orten selbst Karten angefertigt. Das Zeichnen half ihm, sich räumlich und zeitlich in die Atmosphäre des geplanten Buches zu versetzen. Auf einem Recherche-Besuch in Ahlden an der Aller ging er die Straßen mit einer Katasterkarte in der Hand ab und verzeichnete die Lage der Straßenlaternen einschließlich ihres gelben Lichtkegels, damit
Das steinerne Herz auch der topografischen Wirklichkeit entspräche.«
[
Info zur Ausstellung
Arno Schmidt? – Allerdings!, Schiller-Nationalmuseum Marbach, Landschaft 2, Raum 3b (Kartografie und Kartomanie), März bis August 2006.]
»Eine Partei ist entweder unbedeutend oder korrupt. Falls eine Partei zu stark geworden ist, haben sich noch immer genügend Leute gefunden, die die Partei von außen und von innen heraus korrumpiert haben. Kein Grund also, irgendeine Partei zu verbieten.«
[Aus einem
Posting bei
Heise Online, Juli 2006.]
»Verräterlumpenschuft (auch: Halunke)«
[Eigene Notiz, irgendwann.]
»Die letzten Nester der feindlichen Widerstandsbewegung wurden systematisch von unseren Truppen ausgehoben. Somit kann unsere Welteroberung als abgeschlossen gelten.«
[Verlautbarung des Generalstabs der Armee des »Gelben Reiches« in Edgar P. Jacobs’
Blake und Mortimer – Der Kampf um die Welt (Band 2), Carlsen Verlag, Reinbek bei Hamburg 1986, Seite 17. Ach, wenn alles so einfach wäre.]

»Am 7. August (1735) wurde die Loge eingeweiht. Man versammelte sich Abends 11 Uhr. Beim Eintritt mußte jede Schülerin ihren Cul de Paris, ihre Bouffante, ihren Schnürleib, ihren falschen Chignon, ihre Goutiens, all ihre Schnurrpfeiffereyen ablegen. Dafür bekam sie den Logenhabit. Diß war eine weiße Levite mit einer gefärbten Schärpe. Nach diesen Schärpen war die Schwesterschaft in sechs Farben eingetheilt: schwarz, blau, violet, rosenfarb, eoquelicot und impossible. Nachdem sie umgekleidet waren: so führte man sie in einen prächtig beleuchteten Tempel, welcher mit 36 Bergeren von schwarzem Tassent besetzt war. Auf einem Thron saß die Oberpriesterin, ganz weiß gekleidet und glänzend wie eine Juno. Zu ihrer Seite zwo besondere Figuren, die sich nicht beschreiben lassen. Waren es Menschen oder Geister: waren sie männlichen oder weiblichen Geschlechts: das ist ungewiß.«
[Wolfgang Bauer, Irmtraud Dümotz, Sergius Golowin:
Lexikon der Symbole, Marix Verlag, Wiesbaden 2004, Seite 510. Das ganze ist ein Zitat aus einer Zeitschrift mit dem unwahrscheinlichen Namen »Das graue Ungeheuer« (Nr. 15, 1785) und findet sich im Artikel über Guiseppe Balsamo, auch
Cagliostro genannt. Schade eigentlich, dass Worte wie »Schnurrpfeifferey« heutzutage nicht mehr benutzt werden (man sagt inzwischen
Accessoire). Toll zudem, dass »impossible« mal eine Farbe war;
Yves Klein hätte seine helle Freude daran gehabt.]
»Der Gouverneur lehnte sich zurück und blickte zu einer Spinne hinauf, die vermutlich irgendjemand in den Kragen fallen würde, bevor der Abend vorbei war.«
[Schnipsel aus der Kurzgeschichte
Würmer von
Theodore Sturgeon, in derselbe:
Hinter dem Ende der Zeit, Goldmann Verlag, München 1982, Seite 74. Schöner Satz, Herr Sturgeon, wirklich. Warum komme ich nie auf sowas?]
»Der Laie weiß schließlich auch, wann er beim Gurken schneiden die Finger bewegen muss, damit es grün bleibt. Auch das hat er lernen müssen.«
[Ohne Link, vermutlich Posting im Forum von
Heise Online, 2005 oder 2006. Ampeln und das Schneiden von Gurken unterscheidet also nur, dass bei Letzterem, vorschriftsmäßig angewandt, niemals etwas rot wird?]
»Du bist des Teufels Zahnweh, Max.«
[Aussage von Hundepolizist Sam in
Sam & Max Hit the Road, einem Adventure-Computerspiel von
LucasArts, 1993. Bezieht sich auf das aggressive weiße Kaninchen, das Partner des Hundes ist; ein Kaninchen fürs Grobe sozusagen. Wunderbar durchgeknalltes Spiel (Warnhinweis auf der Packung: »Empfohlen ab 12 Jahre – Heikler Humor«), nur noch übertroffen vom legendären Adventure
Day of the Tentacle aus derselben Spieleschmiede, ebenfalls 1993. Das waren noch Zeiten im nerdigen Kalifornien, als man ziemlich coole Hamster aus der Tiefkühltruhe, in der sie jahrelang gelegen hatten, herausholen und auftauen musste, damit sie im Laufrädchen Elektrizität erzeugen konnten …]
»Also irgendjemand schwebt hier ganz offensichtlich über der Realität der Dinge.«
[Ohne Link, vermutlich Posting bei
Heise Online, 2005 oder 2006.]
»1001 Baustelle (kennen Sie das auch aus dem eigenen Kopf?)«
[Eigene Notiz.]

»Seine Überraschung war so groß, als hätte er einen billigen Talmiring ans Licht gehalten und dabei entdeckt, dass er einen kostbaren Solitär in der Hand hielt. Gold- und silberdurchwirkte Wandteppiche bedeckten die Wände mit Ausnahme der drei Fenster, die hinter vergoldetem Schnitzwerk verschwanden. Ähnliche Gewebe verbargen die niedrige Decke und verwandelten sie in einen Nachthimmel mit goldenen und silbernen Sternen. Überall in dem großen Raum waren Sitzkissen und niedrige Tische verteilt. Auf den Tischen brannten unzählige Kerzen, von denen Hunderte in den Wandregalen säuberlich neben Schriftrollen, Krügen, Flaschen und Emailledosen aufgestapelt waren. In dem großen offenen Kamin stand ein kleiner Eisenofen mit reichverziertem Feuertopf. Davor waren drei Pyramiden aufgebaut: Feueranzünder, Holzscheite und glänzend schwarze Kohlebrocken.
Auf einem niedrigen Podium am Kamin stand eine mit Goldgewebe bedeckte Couch. Dort saß eine schlanke, blasse hübsche junge Frau in einem violetten Seidengewand, dessen Gürtel eine Silberkette war. Silberne Haarnadeln mit Amethysten hielten ihre schwarzen Haare zusammen. Um die Schultern trug sie eine Stola aus schneeweißem
Schlangenpelz. Sie beugte sich jetzt zögernd vor und streckte ihre Hand Vlana entgegen, die niederkniete, die Hand ergriff und sie küsste.
Fafhrd nickte zufrieden, als er sah, wie Vlana elegant mit dieser ungewöhnlichen Situation fertig wurde. Während er Vlanas rotbestrumpftes Bein betrachtete, fiel ihm auf, dass der Fußboden überall drei- oder gar vierfach mit kostbaren handgewebten Teppichen bedeckt war. Er drehte sich abrupt nach dem Grauen Mausling um.
›Du bist der Teppichräuber!‹ rief er aus. ›Du bist auch der Kerzendieb!‹ fuhr er fort und bezog sich dabei auf den zweiten sensationellen Diebstahl der letzten Monate. Beide Fälle waren das Tagesgespräch von Lankhmar gewesen, als er und Vlana vor einem Monat hier angekommen waren. […]

Während Fafhrd den zweiten Kelch leerte, nahm er seine Umgebung allmählich deutlicher wahr. Seine erste Verblüffung hatte sich inzwischen gelegt, und er begann festzustellen, wie alt und schäbig der Raum unter der kostbaren Dekoration war. Der Fußboden senkte sich in der Mitte des Raumes fast eine Spanne weit. Nachtnebel kam in einzelnen dünnen Fäden durch das vergoldete Schnitzwerk und bildete verschlungene Arabesken, die sich nur langsam auflösten. Die Steine des großen Kamins waren geschrubbt und lackiert worden, aber der Mörtel bröckelte aus den Fugen. Einige Steine fehlten sogar.«
[Fritz Leiber:
Schwerter im Nebel (Sammelband), Wilhelm Heyne Verlag, München 1992, Seiten 139–140 und 142. Aus der Geschichte
Das Haus der Diebe, in der sich unsere Schurken-Helden Fafhrd und der Graue Mausling zum ersten Mal in der nebligen Stadt
Lankhmar über den Weg laufen, wo man »äußerst selten die Sterne sieht«. Wenn ich mehr zitieren würde, käme das Sechziger-Jahre-Technicolor-Feeling von Leibers langjähriger Saga noch deutlicher heraus, in der überall Geschöpfe herumschleichen, die bei einer Verfilmung nur von
Ray Harryhausen hätten animiert werden können. Altmodisch, gediegen, schön. Haptisch, kupfrig. Zudem ein angenehm angeschmutzter Gegenentwurf zur Humor-, Rausch- und Sexlosigkeit von Tolkiens ungleich erfolgreicherem
Herr der Ringe.]
»Sollen sie halt weniger Kuchen essen! Dann nehmen die Armen auch nicht mehr zu. Gas-Gerd Brioni würde sagen ›Es gibt kein Recht auf Fettheit‹. Und Clement sagt, was der Stammtisch denkt: ›Wer nicht hungern will, soll auch nicht arm sein dürfen‹.«
[
Posting im Forum von
Telepolis, August 2006. Ich werde auch immer dicker, fast allein vom vielen Lesen. Na ja, irgendein Opfer muss man der Kultur schon bringen.]
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