: ... Raum Zeit Essay:  
   Michael Schneider / Standbilder im Weg / (12)  
 
 
zu Abbildung 1
zu Abbildung 2
Ohne Datum, mit Datum
Für vergrößerte Abbildungen Bilder anklicken

Die beiden Fotos oben stehen in keinem Zusammenhang mit dem im Text erwähnten Bild. Das besagte Bild, dass ich im September 2001 nur ein einziges Mal sah, fand ich erst ein Jahr später zufällig durch einen Link in einem Artikel des Online-Magazins Telepolis wieder.

Links | Quellen
Die Website von Barbara and David P. Mikkelson, die dem Wahrheitsgehalt von Urbanen Legenden nachgeht:
snopes.com
Zwei Seiten Internet-Folklore:
touristofdeath.com
waldoconspiracy.com
Der Artikel bei Wired, der den Fall nach seiner Auflösung zusammenfasste:
»He’s the Real Tourist Guy«
 
(12) Deswegen haben Kidnapper, speziell »Terroristen« aller Couleur in den alten Zeiten versucht, den Beweis für die Entführung ihrer Geiseln z.B. mit einem Halb- oder Ganzkörperfoto des Entführten anzutreten, der eine aktuelle Tageszeitung oder irgendeinen Karton mit lesbarem Datum vor sich hielt (etwa die Bilder von Hanns-Martin Schleyer im Volksgefängnis der RAF: »Seit 31 Tagen Gefangener« – eine eigene Zeitrechnung für diesen Mann). Heute blendet die Kamera Datum und Uhrzeit als digitale Ziffern ein, rechts unten nach Wunsch, in verschiedenen Farben, Größen oder Textstilen, aber ohne notarielle Beglaubigung.
Idee: Einmal, vor mehreren Jahren, lief oder fuhr ich an einer öffentlichen Uhr (mit Zeigern) vorbei, die stehengeblieben war. Das war so eine oben in einer leuchtenden, viereckigen, etwa drei Meter hohen Säule mit Werbung drin. Diese Uhr wollte ich einfach fotografieren, und dem Foto den Titel geben: Uhr, die die falsche Uhrzeit anzeigt (später wurde die Uhr leider repariert, und es kam nicht mehr dazu; ich vergaß die Sache). Mehrere Tage oder Wochen nach dem elften September 2001, als ich im Internet einige wirklich erregte Diskussionen um die Folgen des Anschlags in New York verfolgte (ich nahm an den Diskussionen selbst nicht teil), wurde ich wieder daran erinnert. Irgendwo in einem Posting tauchte ein Foto auf, das angeblich oben auf dem Dach des World Trade Center (kurz vor dem Einschlag eines der Flugzeuge) von einem Touristen gemacht sei. Die Kamera mit dem Foto drin sei in den noch rauchenden Trümmern von Feuerwehrleuten gefunden worden. Es zeigte eine Person (ich glaube, einen Mann), die sich mit dem Rücken an ein Geländer lehnt und in die Kamera schaut, New York von oben im Hintergrund, ein Flugzeug unten ganz nah im Anflug, der Aufprall kann nach der geschätzten Entfernung nur noch ein, zwei Sekunden entfernt sein (man hat gelernt, mediale Bilder zu lesen, die Pixel wieder in physikalische oder mathematische Daten zu übersetzen). Eine digitale Zeit wird irgendwo eingeblendet, das Datum des 11.09.01. Sowohl Fotograf als auch Porträtierter scheinen nichts zu ahnen, das Flugzeug, schön silbern glänzend im Morgenlicht, ziemlich groß und verhältnismäßig scharf, ist nur zufällig mit auf dem Bild (weil es eben in die Schusslinie des Fotografen hineinfliegt).
So sah es aus. Natürlich eine dreiste Fälschung mit Photoshop, ein hoax, dachte ich damals zuerst, da schlägt jemand noch aus anderer Leute Unglück eine Art ästhetisches Kapital, widerwärtig! (das Bild rührte mich trotzdem an) … aber ein bisschen später, schon milder gestimmt: oder dieser Jemand versucht vielleicht, die für ihn unerträgliche Situation in einem Bild, das den ganzen Kuddelmuddel und Schmerz auf einmal beinhaltet, zu bannen oder einzusperren (mitsamt aller Widersprüche, seien sie dem Bildermacher nun bewusst oder nicht). Plötzlich werden Ort und Zeit wieder zu unglaublich wichtigen, das eigene Leben direkt beeinflussenden Größen, plötzlich stehen dieser (erfundene) unbekannte Tourist, dieser (erfundene) unbedarfte Knipser im Brennpunkt der Weltereignisse, und die Tragik liegt darin, dass er (»er, der erfunden ist«) nur zufällig dort ist, nur zufällig in diesem Moment auf den Auslöser drückt, eigentlich auch auf etwas ganz anderes gezielt hat, und dass er dabei zufällig vom Leben zum Tode befördert wird (kurz: dass er nur Objekt, nicht Subjekt der Geschichte sein kann – oder höchstens ein Dokumentarist, sich also nur ein technisches Bild, einen Index von der eigenen Situation anfertigen kann – und dass es ihn zudem gar nicht gibt, im Gegensatz zum einstürzenden Hochhaus, macht die Sache vollends unüberschaubar). Zufällig ist es an diesem Punkt der technischen Entwicklung von Kameras State of the Art, den Auslösezeitpunkt in Zahlen einzublenden (Menü: Optionen), als Signet oder Unterschrift zu jedem Schnappschuss unverbrüchlich gehörend: wann hat jemand gelacht, in der Nase gebohrt, das Gesicht abgewendet, ich war wirklich dabei, ich kann es auf die Sekunde genau beweisen. That’s life! Ein Katalog der Uneigentlichkeiten nach Maßgabe einer mechanischen Zeit, obwohl gerade das Gegenteil, die Authentizität, die haptische Greifbarkeit des eigenen Lebens angestrebt wird. Alles kursiv, in Klammern, in Anführungszeichen und in Frage gestellt, mit eingeblendetem falschem Datum, falscher Uhrzeit, falschem Ort, bequem am Computer editiert (dachte ich) –
Der Urheber des Bildes – ein verquerer, etwas angekränkelter Gott – hat versucht (denke ich heute), in gewisser Weise Subjekt der Geschichte zu sein, auf die einzige Art, die für ihn vorstellbar war. At home.
Update: Waldo the Danger Boy
Seit Ende November 2001 steht fest, dass es sich bei dem von mir nur aus der Erinnerung beschriebenen Bild tatsächlich um eine Fälschung handelt. Mich erreichte diese Information aber erst im Gefolge der Flut von Gedenk-Texten und anderen Memorabilia im September 2002, da ich seit jener einen flüchtigen Sichtung in den Wirren des Herbstes 2001 weder dem Bild noch Informationen über seine Echtheit ein weiteres Mal begegnet bin, in keinem Medium. Schon die Tatsache, dass das Bild sich nahezu ausschließlich im Internet von Inbox zu Inbox verbreitete und später nicht (oder nur zeitweilig) in die offiziellen Kanäle gelangte, spricht für eine der vielen urbanen Legenden oder einen JPEG-Hoax, der sich aus dem Glauben an ein indexikalisches Zeichen speist, welches ein Opfer (unknown, aber mit einem Gesicht) und das Werkzeug der Täter in ein einziges, auf einen bestimmten Moment komprimiertes Bild zusammendenkt: Nur was in ein Bild passt, kann zur Legende werden.
Wenn ich mir heute mit etwas Abstand dieses Bild anschaue, scheinen die wesentlichen Motive wie auf einer Bühne aufzutreten: da haben wir den Ort und das Datum, das sich nähernde Flugzeug, ein sichtbares Opfer sowie einen Fotografen (jemand muss das Foto gemacht haben, ein Selbstauslöser ist eher unwahrscheinlich). Nun fallen als erstes beim heutigen Kenntnisstand die beiden Opfer des Fotos in einer Person zusammen: Der Fälscher, ein Ungar namens Peter, benutzte ein Foto, auf dem er selbst abgebildet ist und das einige Jahre zuvor auf dem Dach des World Trade Center aufgenommen wurde. Der eigentliche Urheber des Souvenir-Fotos, das als Grundlage der Montage dient, ist also nicht der Fälscher (und spielt auch im folgenden Internet-Trubel überhaupt keine Rolle mehr, da er auf dem Bild nicht zu sehen ist – obwohl die Existenz des Fotos impliziert, dass der Fotograf bei der Katastrophe ebenfalls ums Leben kam). Stattdessen fälscht der am Geländer Portraitierte im fernen Ungarn seine eigene Vergangenheit und Gegenwart, indem er das Datum des Auslösens auf den 11.09.01 verlegt, dieses ins Foto einblendet und das Flugzeug in das Foto einmontiert. Die fertige Fotomontage schickt er als Private Joke einige Tage nach dem Anschlag per Mail an ein paar Freunde.
Obwohl es nicht von ihm beabsichtigt war, verbreitet sich das Bild durch das Internet in Windeseile über Peters Freundeskreis hinaus, und schnell bildet sich eine Art Kult um die damals noch nicht identifizierte Person auf dem Dach des WTC. Der Kult oder auch die Betroffenheit all derer, die das Bild als Anhang einer Mail in ihrem Postfach vorfinden, erklärt sich aus der wahrnehmbaren Tragik eines Menschen, der, scheinbar ohne es zu ahnen, im Herannahen seines Todes fotografiert wird. Also möchte man zumindest herausfinden, wen es da erwischt hat, und die Suche im Internet beginnt. Die Spekulationen blühen, keine Information ist verifizierbar. Ende Oktober 2001 gibt sich ein Brasilianer namens Penteado fälschlicherweise als derjenige aus, dessen Konterfei in dies Bild einmontiert worden sei, und impliziert damit, dass es sich um einen Fake handelt, da er selbst nie oben auf dem WTC war (12.1). Damit ist einerseits eine reale und noch lebende Person mit dem Bild assoziiert, andererseits der Glaube an die Echtheit der abgebildeten Situation ins Wanken gebracht. Kann das Bild zu diesem Zeitpunkt nur für denjenigen funktionieren – einen Betrachter emotional ergreifen – der an seine Echtheit glaubt? Oder lässt sich ein ästhetischer oder einfach lebenspraktischer Gewinn (zum Beispiel, dass einem das Herz nicht mehr so schwer ist) gerade aus der Ahnung ziehen, dass es sich nicht um eine Art versehentliches Snuff-Foto, sondern um einen Hoax handelt?
Der Fall des noch immer unbekannten Accidental Tourist dreht langsam ins Absurde. Der geheimnisvolle Mann bekommt in den Diskussionen um sein Schicksal unter anderem die Namen Tourist Guy und Waldo the Danger Boy verpasst, und Bildersammlungen wie Tourist of Death oder Waldo Conspiracy entstehen im Netz, bei denen Peters Gesicht und Körper in Abbildungen aller möglichen Katastrophen einmontiert werden (Abb.3), womit sich die ironische Frage, warum dieser unglückliche Tourist so much trouble verursache, wo auch immer er gehe und stehe, in einer Art Contest der Bildbearbeitung für Laien wieder und wieder beantwortet: »One Man, One Backpack, Infinite Possibilities« nennt sich das bei Waldo Conspiracy (12.2). Nach und nach ändert sich damit der Status des Portraitierten, und dem Danger Boy wird zugleich Unsterblichkeit, die Möglichkeit der Zeitreise, die Tolpatschigkeit des Gespanns Laurel & Hardy und ein Charakter nahe dem Forrest Gump des Tom Hanks (nur abgründiger) zugeschrieben, es entsteht also eine neue mediale Figur, deren reale Existenz (oder deren realer Tod) nicht mehr überprüft werden muss oder kann, da sie schon ganz und gar zu einem Bild geworden ist, mit dem sich hantieren lässt – und mit dem sich viele aufgrund einer Differenz zwischen der Machart der jeweiligen Fotomontage und dem Inhalt des Abgebildeten identifizieren können. Die Anteilnahme der ersten Wochen wird nach und nach von einer gewissen Abgebrühtheit und trockener Ironie überlagert; mit jeder neu zur Sammlung hinzukommenden Fotomontage vergewissert man sich gegenseitig, selbst noch am Leben zu sein (12.3). Und unser Stellvertreter, der Tourist of Death, kommt dabei auf seiner Reise durch die Welt der Bilder ganz schön rum.
Gleichzeitig gibt es natürlich Leute, die als Hobbyforscher darangehen, das Bild auf seine Echtheit zu überprüfen und die damit in gewisser Weise Bildexegese betreiben. Es ist der Versuch, das Bild buchstäblich zu nehmen: das ursprüngliche Foto des Flugzeugs, das Peter ausschnittsweise in sein Urlaubsfoto einmontiert hatte, wird identifiziert, und der Fotograf dieses Bildes meldet sich. Dem schon erwähnten Brasilianer wird mit Photoshop virtuell Peters Kappe aufgesetzt, um herauszufinden, ob er der Abgebildete sein könnte (eine Bild-Fälschung zieht also weitere nach sich – zum Schluss stimmen die Gesichtszüge der beiden zwar überein, ihr Adamsapfel aber nicht). Und alle unstimmigen Details wie zum Beispiel differierende Schattenwürfe, unpassende Kleidung für den strahlenden, warmen Septembertag, die Schriftart der Datumsanzeige, ein falscher Flugzeugtyp sowie die Tatsache, dass das Aussichtsdeck des WTC zur Zeit des Anschlags für Touristen noch gar nicht geöffnet war, werden penibel aufgelistet. Wirklichkeitspartikel fliegen durch die Gegend und drehen Kapriolen in den Köpfen.
 
  Trennlinie unten  
 
Nach oben Impressum