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| Michael Schneider / Standbilder im Weg / (2) / (2.1) | ||||||||
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(2.1) Auf eine gewisse Weise sind Gitter, die Raster von Fassaden, Fensterlöcher, glatt sperrende Hauswände, Zäune, perspektivische Fluchten, Garagentore, Hauseingänge, schattige Winkel oder Dunkel im Gebüsch, also die halb durchsichtig, halb opaken »Wirklichkeiten« mit ihren eingewebten Löchern ein rau geschmirgeltes Spiegelbild des fotografischen Prozesses, und die Linse definiert die Symmetrieebene dieser Spiegelung.
Es müssen scheinbar Dinge, Räume, Körper vorhanden sein, um sie in diesem Prozess abzubilden. Aber Objekte sehen heißt doch genauso Objekte konstruieren und herstellen. Die Fotografie erschafft die Illusion von Materialität und Raum mithilfe des Immateriellsten, das ich mir vorstellen kann: Licht, Moment und Motivation (erst später dann: einer Menge Handarbeit und einer Menge Chemie). Robert Musil sagt irgendwo im Mann ohne Eigenschaften: »wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben«, ein fürwahr bekannter Satz (Gilles Deleuze machte später in den sechziger Jahren daraus die für uns unbedingte Forderung: »Möglichkeiten – oder ich ersticke«).
Der Wirklichkeitssinn der Fotografie-Hardware könnte bestehen aus: materiell sein, räumlich sein, gleichartig zum Abgebildeten sein. »Wär’ das Aug nicht sonnenhaft, die Sonne könnt’ es nie erblicken« (Goethe, nach meiner Erinnerung im Prometheus). Wie kann man den Möglichkeitssinn des Fotoapparats finden? Geht sowas? Es wird doch ein sogenanntes Wirkliches fotografiert, und die Fotografie erzeugt und beglaubigt dieses Wirkliche erst mit ihrer Zeugenschaft. Wenn das Abgebildete über sich hinaus träumt, dann tut es das in einem Kopf, dem die Wirklichkeit des Fotos nicht genügt (vielleicht mit Recht). Von der Wirklichkeit zur Möglichkeit und zurück: Was wäre die Wirklichkeit? Die besteht doch nur im Wahrnehmen von Oberflächen. Was auf meine Sinne wirkt, worum ich herumgehen kann, was mir seine Schauseite zeigt. Erst später kommt der Punkt, an dem ich von den mir sichtbaren Kulissen (2.1.1) des Wirklichen hinter deren Oberfläche weiterspinne und verräumliche, materialisiere und mit Gewicht belege, glaube.
Wenn ich, in einem Brachgelände stehend, Häuser fotografiere, wird die gezeigte Situation im Foto zum Rand der Stadt, auch wenn die Brache sich mitten in der Stadt befindet. Genauso bin ich im Fotoabzug immer in ein System von Wegen eingebunden, wenn meine Kamera auf der Straße, dem Gehweg, dem Radweg stand, d.h. wenn im Vordergrund des Abzugs Asphalt, Schotter, Kies zu sehen ist, wenn überhaupt ein Weg zu sehen ist. Meine Welt wird dann von Wegen durchzogen sein, bis in die Unendlichkeit. Was im Bild an Andockpunkten zu sehen ist, möchte weitergehen und muss sich an die Synapsen andocken, weil der Fotoabzug gerade durch seine Ränder zum Guckkasten und zum virtuellen Fenster in die Weite wird. Was von links, rechts, oben und unten begrenzt wird, erzeugt einen komplementären Sog nach vorn, nach hinten und ins Imaginäre. Aus dem auf einem fotografischen Bild Gesehenen extrapoliert das Hirn ganz unwillkürlich eine Restwelt, weil man der Restwelt beim Bildergucken zwangsläufig den Rücken kehren muss.
Etwas kommt zur Linse rein, das später an die Ränder des Abzugs drückt und wieder raus will. In alle Richtungen.
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