: ... Raum Zeit Essay:  
   Michael Schneider / Standbilder im Weg / (3)  
 
 
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»Dead Man«: Film und Crew
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Links | Quellen
Jim Jarmusch: »Dead Man«, USA 1995
»Man trifft sie an Tankstellen«, Interview mit Jim Jarmusch. In: die tageszeitung vom 4. Januar 1996
Steven Soderbergh: »Sex, Lies and Videotape«, USA 1989
rottentomatoes.com: About Sex, Lies and Videotape
(kein Autor genannt)
 
(3) »Wie filmt man eine Landschaft von hinten?« ist eine Frage, die Jean-Luc Godard einmal an sich und andere gestellt hat. Eine mögliche Antwort gibt es seit 1995 in dem Film »Dead Man« von Jim Jarmusch zu sehen, der 1996 in einem Interview mit der taz davon erzählte, dass die Crew zuerst Locations für ihren Western gesucht habe, und dann, beim Drehen, die Kamera aber »in die entgegengesetzte Richtung umdrehte«, sodass der Indianer Nobody (Gary Farmer) und William Blake (Johnny Depp) im Film durch die Rückseite der Westernlandschaften ritten:
  »… wir haben uns an solchen Punkten in der Landschaft orientiert, die wie Kalenderblätter oder Postkarten aussahen … und kehrten die Kamera um. Wir filmten die Location, von der aus wir diese tolle Gegend gesehen hatten. Wir wollten nicht zeigen, was man sonst im Kino sieht, sondern von welchem Platz die Kamera es sieht.«  
»Man trifft sie an Tankstellen«.
Hier sehe ich den schönen, wenngleich etwas mechanischen Versuch, die eigenen Vorlieben für eine Blickrichtung, die sich allzu oft nur zu einer stupiden Konvention verfestigen, zu unterlaufen, indem man sich ein Programm auferlegt, das den Blick umbiegt, eine Art Daneben-Filmerei. Dies mag solange prächtig funktionieren, bis das Programm des Umbiegens zu einer neuen Konvention wird.
Interessant ist weiterhin, dass die Kamera jetzt den Ort zeigt, an dem sie eigentlich gestanden wäre, und damit ihren alten Standpunkt – zeitlich verschoben – selbst reflektiert, aber nur um den Preis, den neuen Standpunkt, das Postkartenmotiv, in dem sie nun tatsächlich steht, verbergen zu müssen. Zudem findet ein unbedarfter Zuschauer in den Filmbildern keine sichtbaren Informationen, die darauf hindeuten, dass diese Umkehrung überhaupt stattgefunden hat. Die Film-Kamera kommt nicht umhin, die Welt außerhalb des Fokus zum Off zu machen. Das liegt daran, dass im Fokus einer Film-Kamera ständig etwas geschieht, etwas sich bewegt, etwas Farbe oder Form wechselt. Das unaufhörliche Geschehen im bewegten Bild absorbiert den Großteil der Aufmerksamkeit des Zuschauers und lässt den Rest der Welt (das, was nicht der Film ist) einfach verschwinden. In der Fotografie verhält es sich, wie ich vermute, genau andersherum, weil die Unbewegtheit eines Foto-Bildes zusammen mit seinen unerträglichen Begrenzungen (Rändern) die Imagination des Betrachters viel stärker auf das Außerhalb des Bildes lenkt (2.1).
Bewegliche Ziele (indoor)
Was passiert, wenn der Mensch mit seinem Apparat nicht die Natur, die Landschaft oder Gebäude ins Visier nimmt, sondern andere Menschen? Für einen weiteren Spielfilm ist das Umdrehen der Kamera (die hier eine Videokamera ist) eine konstitutive, in der Spielhandlung an einer entscheidenden Wendung gezeigte und damit ausgestellte Geste. »Sex, Lies and Videotape« von Steven Soderbergh handelt davon, wie sich die Rollen des Vor der Kamera- und Hinter der Kamera-Stehens für die handelnden Personen gegenseitig bedingen, und was beim Tausch der Rollen geschehen kann:
  »Ann Milaney (Andie MacDowell) lives in a comfortable Louisiana home with her lawyer husband, John (Peter Gallagher). She spends her days fretting over the insurmountable problems of the world and her own unfocused sense of melancholy. Although she doesn’t know it, she has a good reason to be upset: John is having a torrid affair with her younger, more extroverted sister, Cynthia (the sexy Laura San Giacomo). When Graham Dalton (James Spader), an old college pal of John’s, comes to visit, all three are momentarily distracted from personal problems and intrigues as they scrutinize the odd outsider. Ann soon discovers that Graham has some strange habits and problems of his own. Plagued by impotency since the calamitous breakup of his last relationship, the young drifter finds sexual gratification by videotaping women willing to talk about their sexual past and fantasies in front of the camera. A chain of attraction and jealousy develops as the four interconnect in several varied pairings, culminating with Ann’s decision to become Graham’s latest subject.«  
»About Sex, Lies and Videotape«.
Blickrichtungen und Positionen im Raum haben hier eine soziale Bedeutung: von der Kamera als Objekt gebannt zu sein, stillgestellt und ausgefragt zu werden auf der einen Seite – und sicher zu sein vor Fragen und Gesehenwerden hinter dem Objektiv auf der anderen. John wird später das Video zu sehen bekommen, das Graham von Ann gemacht hat (Abb.4). In dessen Verlauf verändern sich allmählich die Rollen von Filmer und der Gefilmten, und Ann beginnt Graham auszufragen, bis die Situation schließlich darin kulminiert, dass Ann die Kamera in ihre Hände nimmt, um Graham selbst zu filmen (Abb.5).
Kameras können Macht über das Bild des anderen verleihen, zweifellos. Wenn man an Portraitfotografen alten Stils denkt, die ihre wuchtigen Plattenkameras manchmal als ein Instrument der Herrschaft einsetzen mögen … Batterien von grellen Scheinwerfern schüchtern den zu Portraitierenden ein … es fühlt sich ungemütlich an, auf dem Platz zu sitzen, auf den das Objektiv zielt, und es ist stickig und heiß … man darf sich nicht bewegen, und man soll eine Körperhaltung einnehmen, einen Gesichtsausdruck annehmen, deren Erscheinung man nicht sogleich überprüfen kann (diese Überprüfung wird das Foto sein). Alles in allem kein Paradies für Introvertierte wie Ann. Die Videokamera lockert solch eine altertümliche Szene nur scheinbar auf (durch die Beweglichkeit in der Situation). »Verhalte Dich möglichst natürlich«. »Rede so, wie Dir der Schnabel gewachsen ist«. Aber das Problem bleibt bestehen: ein Bild wird mir gestohlen sein in ferner Zukunft, ich muss jedoch schon jetzt wissen, ob ich mich auf den Raub einlasse. Was aber wird die Zeit bringen? Erst, wenn die Kamera den Besitzer (und damit die mögliche Blickrichtung) wechselt, kann sich eine Situation verändert abbilden.
 
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