: ... Raum Zeit Essay:  
   Michael Schneider / Standbilder im Weg / (8)  
 
 
T.A.R.D.I.S
Drinnen größer als draußen: die T.A.R.D.I.S (Time And Relative Dimension In Space)

Links | Quellen
Gaston Bachelard: »Poetik des Raumes«, Frankfurt am Main 1987 (frz. »La poétique de l’espace«, Frankreich 1957)
* creative misreading …
Edgar Allan Poe: »Die Grube und das Pendel« (engl. »The Pit and the Pendulum«). In derselbe: »Der entwendete Brief«, Augsburg 2000
John Clute: »Science Fiction, The Illustrated Encyclopedia«, London 1995
Chris Columbus: »Harry Potter and the Philosopher’s Stone«, USA 2001
James Tiptree jr. (Pseudonym für Alice Sheldon): »Und ich erwachte und fand mich hier am kalten Berghang«. In dieselbe: »10.000 Lichtjahre von zuhaus«, München 1975

Abbildung:
spiritsspace.com
 
(8) Zu der – erst einmal nur ungenau definierten – Vorstellung eines »Draußen« findet man zum Beispiel einiges bei dem französischen Autor Gaston Bachelard; man lese das Kapitel »Die Dialektik des Draußen und des Drinnen« in seiner »Poetik des Raumes«, einer Art »Theorie des ›Widerhalls‹ von Literatur im Geiste des Lesers«, wie es im Klappentext so schön heißt –
[Mir war, als ich während der neunziger Jahre in einer Fußnote irgendeines Textes auf dies Buch aufmerksam wurde, der »Raum« im Titel wesentlich stärker ins Auge gesprungen als die »Poetik«*. Neugierig geworden, vermutete ich anfangs eine poetische Analyse unserer Wahrnehmungen des Raums, konkret etwa eine sensible Untersuchung von räumlichen Eigenheiten, die z.B. den Charakter eines Zimmers ausmachen oder den einer Landschaft, den eines bestimmten Weges oder eines bestimmten Treppenhauses, eines Tonnengewölbes oder einer mit Holzpaneelen abgehängten Decke, die sich auf die Bewohner niedersenkt wie eine bleigraue Wolkendecke, unerbittlich wie Poes pendulum … Funktionen und Eigenschaften des Raums habe ich erwartet: Enge, Weite, steil, weich, Gestrüpp, wellig, schrundig, hohe Türen, offene Fenster … wie das zu beschreiben wäre, was wir dabei fühlen könnten – und bekam beim Lesen der Poetik etwas, das auf den ersten Blick (aber eben nur auf den ersten Blick) anmutete wie das genaue Gegenteil: die Analyse von Geschriebenem, von Druckerschwärze auf Papier, von poetischen Bildern, die mit Raumempfindungen korrespondieren, sie darstellen oder erst in uns auslösen … Textwissenschaft, die zwischen Idolatrie und Deutung ihres Gegenstandes hin- und herwandert, seltsame Kunst.]
Text <—> Raum
Bachelard zitiert das Prosagedicht »L’espace aux ombres« (»Der Raum der Schatten«) von Henri Michaux:
  »Der Raum, aber Ihr könnt nicht begreifen, dieses fürchterliche Drinnen-und-Draußen, das der wahre Raum ist.
Manche bäumen sich ein letztes Mal auf, machen eine verzweifelte Anstrengung, um nur in ihrer eigenen Einheit zu sein. Übel bekommt es ihnen. Ich habe so einen getroffen.
Von der Strafe zerstört, war er nur noch ein Lärm, aber ein gewaltiger.«
 
»Die Dialektik des Draußen und des Drinnen«, Seite 215.
Ersetze »Gewaltiger Lärm« durch »Weißes Rauschen« oder Verteilt- und Verstreutsein in Raum und Zeit – schon landet man, wenn man lustig ist und es nicht ganz so biergenau nimmt, wieder bei Kurt Vonneguts Version einer Zeitfalle (6). Das nennt man dann einen Rückwärtswirbel (oder Chuzpe).
Der Bezug, den ich herstellen will, scheint etwas weit hergeholt sein, da Bachelard über Poesie und damit über innere, mit Emotionen verknüpfte Bilder des Drinnen und Draußen schreibt, die durch Worte hervorgerufen werden können. Aber diese uns innewohnenden Bilder grundieren eventuell auch die Wahrnehmung der äußeren, »physischen« Räume oder auch »Zonen« (8.1). Dieser Überlagerung der äußeren Räume mit den inneren Bildern gilt mein Interesse gerade im Zusammenhang mit der Fotografie, da sie als scheinbar objektives Medium nie das zeigt, »was man eigentlich gesehen hat«. Oder sehen wollte. (Die Sprache ist voller räumlicher Bestimmungen, und ich komme kaum umhin, ständig »außen«, »innen«, »darin« usw. zu sagen, wobei ich mir bewusst bin, diese Begriffe verschwommen, wie alltagssprachlich, einzusetzen. Man betrachte alle Orts- und Raumbestimmungen in diesem Essay als dasjenige, worüber schreibend nachgedacht wird, nicht als etwas, das fein säuberlich definiert schon vor dem Schreiben vorläge, ich erschreibe mir Raum).
Das Inhaltsverzeichnis der Poetik listet Kapitel mit ihren Titeln auf, Vorstellungen, Dispositionen und teils unbewusste Raummodelle werden in Begriffe gefasst, die vielleicht grundlegende Kategorien für unsere inneren Bilder vom Raum sind:
 
I.    Das Haus. Vom Keller zum Dachboden. Der Sinn der Hütte
II.    Haus und All
III.    Die Schublade, die Truhen und die Schränke
IV.    Das Nest
V.    Die Muschel
VI.    Die Winkel
VII.    Die Miniatur
VIII.    Die innere Unermesslichkeit
IX.    Die Dialektik des Draußen und des Drinnen
X.    Die Phänomenologie des Runden
 
»Poetik des Raumes«, Seite 5.
Es fällt auf, dass die angesprochenen Vorstellungskomplexe entweder einen rechtwinkligen, von Menschen gebauten Raum oder einen etwas nebulöseren, mehr der Natur zugeordneten, in Feldern, Zonen, Höhlungen, Rundungen organisierten, im Extremfall unendlichen und damit grenzenlosen Raum, in dem äußere und innere Losigkeit eventuell zusammenfallen, adressieren. Kapitel IX rekapituliert scheinbar Kapitel II auf grundsätzlicherem Niveau (8.2), Kapitel X abstrahiert Kapitel IV und V. Kapitel VI erzählt von einer Schnittstelle zwischen Innen und Außen, manmade und Natur (Ast – Gabelung – bildet Winkel – darin Nest …). Kapitel VIII deutet an, dass ein Raum innen größer sein kann, als er von außen erscheint (ich beziehe mich hier nur auf die Überschriften und ihre Anmutung, nicht den konkreten Inhalt der Kapitel). Über eine berühmte Zeitmaschine der Fernsehgeschichte, die aussah wie eine blaue englische Polizeinotruf-Telefonzelle, die TARDIS des Doctor Who, schrieb John Clute:
  »It may have been born out of budgetary requirements  –  after all, a time machine that looks like a police call box was hardly going to bankrupt the BBC  –  but it proved to be an inspiration of genius. Like portals in fantasy tales, the TARDIS in Doctor Who is a door into a world bigger inside than outside; not only that, it takes the Doctor anywhen, whenever he wants.«  
»Science Fiction, The Illustrated Encyclopedia«, Seite 60.
Also nichts wie rein in Alices Kaninchenbau, mag man denken – oder durch die Spiegel gehen, verletzungsfrei – irgendwo hin, wo drinnen mehr Platz ist, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt, Horatio. Bei Licht besehen trifft das natürlich auch auf so manches Buch zu (und nicht nur auf die Unendliche Geschichte oder Borges). Im realen Raum mag es einem zu stickig und zu eng sein, oder im Gegenteil zu unüberschaubar, zu vast – in die innere Unermesslichkeit kann man ja immer noch emigrieren, um sich dort ein wenig die Beine zu vertreten oder auch ein kuschliges Plätzchen zu suchen (8.3).
Interessant ist für mich auch die Idee des Winkels als eines Ortes von rudimentärer Geborgenheit, einer unvollständigen, nicht ganz fertig gewordenen Raumdefinition, oder einer Situation, die sich unverhofft irgendwo in the rough auftut, im Haus bevorzugt da, wo nicht gestaubsaugt wurde (Harry Potter wohnt z.B. bei den Dursleys in solch einem Winkel, bzw. einer Mischung aus Winkel und Schrank: »Mr Harry Potter, The Cupboard under the Stairs«, sind die von den Eulen an ihn überbrachten Briefe adressiert). Für eine Maus wäre ein cupboard wohl ein Haus, für einen Mensch ist es nur ein Winkel (mit Tür) – wenn man darin wohnen soll.
So machen es die Außerirdischen
Was sehe ich, was fühle ich, wenn ich »nach draußen« schaue? Und wenn die Kamera an gleicher Stelle etwas anderes sehen muss, sehen kann: mit welcher Sprache lässt sich diese Differenz beschreiben? Wie sich in die Position der Kamera begeben, um die Sache endlich einmal von der anderen Seite zu betrachten? Nur blöd auf die Oberfläche der Fotos zu glotzen ergibt keinen Unterschied zu unserer sonstigen Wahrnehmung der Welt – unsere Projektionen können sich ja auf alles richten, sei es flach oder nicht. Der Verdacht besagt: Wir brauchen das Außen entweder als Gegenüber oder als Spiegel (8.4). Daran ist ja nichts Schlimmes – das Außen schaut als scheinbar Eigenständiges zurück (Fall 1), oder eben nicht (Fall 2), und man kann sein Leben unter beiden Voraussetzungen leben, ohne in Schwierigkeiten zu geraten (arbeiten, lieben, Gedichte schreiben oder eine Hängematte aus Baumwolle aufspannen). Aber wie kommt man in den Spiegel rein, ohne am Spiegelbild hängenzubleiben?
Über das Verhältnis von Menschen und Außerirdischen lässt Alice Sheldon einen Menschen folgendes sagen:
  »Mann, es steckt tief in uns … eine Art Cargokult der Seele. Wir sind so gemacht, dass wir nach außen träumen. Sie lachen uns deswegen aus. Sie haben es nicht.«  
»Und ich erwachte und fand mich hier am kalten Berghang«, Seite 14–15.
Das ist ein erster Anhaltspunkt: die Außerirdischen träumen nicht nach außen (wie wir), und dies scheint ihnen uns gegenüber Vorteile zu verschaffen. Wir sind (frei nach Sheldon) dazu verdammt, etwas in unsere Umgebung hinein zu interpretieren, und sobald wir in Kontakt mit Wesen kommen, die diese Unschärfe in ihrer Wahrnehmung nicht besitzen, müssen wir uns in unsere Träume zurückziehen (wäre meine Interpretation).
Nun, wir haben – ganz ohne Science-Fiction – Kontakt mit solcherart Wahrnehmenden: es sind die verschiedenen Apparate, mit denen wir Bilder aufzeichnen, von denen wir glauben, es seien »unsere«. In Wahrheit gehorchen diese Bilder nicht unseren Träumen, wir träumen sie uns auf eine gewaltsame Weise so, wie wir sie brauchen: Die roten Augen des Fotografierten bei Aufnahmen mit Blitzlicht kann man heute mit einem Knopfdruck beseitigen, der ein elektronisches Programm der Bildfälschung in Gang setzt. Wir sagen uns dann: Die roten Augen kämen ja auch vom Blitzlicht und seien kein natürliches Attribut des Portraitierten, wir seien also berechtigt, die Röte der Augen im Bild wieder zu entfernen. Aber der Betrug an der Aufzeichnungsweise des Apparates bleibt dennoch bestehen. Das Blitzlicht abzuschalten würde das Problem nicht lösen, wir hätten ein unscharfes oder zu dunkles oder sonstwie nicht zufriedenstellendes Bild erzeugt, das zu einer anderen Nachbearbeitung Anlass gäbe. Ein Bild, das unseren Wünschen nicht entspräche.
Einsamer Scanner im Außen sein
Es ist also ein Kuckucksei in unserem Nest, und wir haben es selbst hineingelegt – ein methodischer Zweifel in Form von Apparaten, die unsere Wahrnehmung hinterfragen, obwohl wir das nicht wollen. Sie sehen die Welt da draußen anders, weniger parteiisch, wenngleich sicher nicht »neutral«. Sie erzeugen Bilder, die in der Sprache der Physik, der Chemie, der Informatik geschrieben sind. Wir lesen sie durch den Filter unserer Wünsche, der eigentlich eine Art Übersetzung ist – von den konkreten Silbersalz-Kristallen, von der konkreten Abfolge von Nullen und Einsen da draußen hin zum Imaginären einer Person – und können uns so über ihren wahren Charakter täuschen. Wir sind voller innerer Bilder, die sich wie eine Staubschicht über die technischen Bilder legen. Um auf die andere Seite des Spiegels zu gelangen, bleibt uns nur, das Menschsein aufzugeben, die Staubschicht wegzuwischen, selbst zum Apparat zu werden. Das würde bedeuten, im Draußen, in Zeichen, in Formeln aufzugehen, Kristall zu werden und die Lücke zwischen 0 und 1, Entwicklerbad und das Papier, leere Kammer und geschliffenes Glas – unbewegt.
So einen Menschen habe ich noch nie getroffen.
 
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