: ... Raum Zeit Essay:  
   Michael Schneider / Standbilder im Weg / (8) / (8.1)  
 
 
zu (8.1) Abb.1
zu (8.1) Abb.1
»La Jetée«, 1962:
Die Zone hinter der Maske

Links | Quellen
Chris Marker: »Sans Soleil«, Frankreich 1982
Birgit Kämper, Thomas Tode (Hg.): »Chris Marker, Film-Essayist«, München 1997
The Chris Marker World Wide Web Site, geschrieben von Adrian Miles, der leider seit neun (!) Jahren kein Update dieser Seite gemacht hat. Aber immer noch verfügbar …
–> Marker selbst hat meines Wissens keine Homepage. Oder er rückt den URL nicht heraus. Das würde zu diesem verborgen lebenden und arbeitenden Mann passen.
Andrej Tarkovskij: »Die versiegelte Zeit, Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films«, Berlin 1986

 
(8.1) Wo hört die Savanne auf, wo fängt die Steppe an? Was genau ist ein »Zonenrandgebiet«? Die nicht (allein) vom Menschen erbaute Welt, die man hier auch stark vereinfachend Landschaft nennen kann, trennt ihre Bereiche (Räume, Gebiete, Zonen) nicht so streng. Eigentlich gar nicht. Der Mensch trennt, um Ordnung in den Saftladen Natur zu bringen, und er verräumt die getrennten Teile gern in rechtwinklige Kästen und Schachteln, und sei es nur in Gedanken, auf dem Papier, im RAM und auf der Festplatte (auch der Fotoapparat ist – zumindest der Absicht nach – solch eine Schachtel zum handlichen Verräumen der Welt, erzeugt jedoch im Gegenteil ihre endlose und unübersichtliche Vervielfältigung).
Der Einteilung des Raums in Kategorien wie »Innen« und »Außen« liegt auch der Glaube zugrunde, dass Grenzen etwas Paradigmatisches und Substantielles wären, dass die Hirnschale das Hirn von der Umgebung trennt, Häuserwände die Wohnungen innen von der Natur draußen. Und natürlich sind diese Kategorien immer relativ: das eine »Außen« wird immer zu einem »Innen«, bezogen auf irgendetwas noch Größeres, Umfassenderes, und so wird man durch die Umstände gezwungen, einen allergrößten Raum anzunehmen (Universum, All), der alle anderen, relativ kleineren Räume beinhalten soll. Dieser äußerste Raum, das absolute Außen sozusagen, kann aber nur geglaubt werden: um seine Existenz zu überprüfen, müsste man sich ja außerhalb dieses Außen stellen können, damit es sich in seiner Gesamtheit betrachten ließe – was definitionsgemäß unmöglich ist.
Zonen: für diese undefinierten »Gebilde« oder Zustände (die wohl irgendwas mit unserer Vorstellung von Raum zu tun haben mögen, wenn wir gerade mal nicht rechtwinklig denken) gibt es mindestens zwei Spezialisten. Einer ist Chris Marker, der andere Andrej Tarkovskij. Für Zonen gilt bei Marker: nicht nur der Raum, auch die Zeit besteht aus Zonen – Erinnern ist Zeitreisen zu Fuß und Burroughs’ Cut Up, kreative Elektrizität – Stecker rein, Stecker raus: Sans Soleil – und eingefrorener Drogentraum – La Jetée (Abb.1). Raum-Zonen und Zeit-Zonen überlagern sich, durchdringen sich, verschieben sich, beinhalten sich, reiben sich aneinander, bilden Teilmengen oder Bruchkanten aus. Sans Soleil: Reisen im Raum sind möglich, man sollte aber zumindest einen Fotoapparat, Schreibzeug und eine Videokamera dabeihaben (sonst gehen den bereisten Zonen die Gedanken und der Geist verloren, die sie für die dem historischen Raum Unterworfenen beinhalten – Zonenbewohnern und darin Reisenden). La Jetée: Zeitreisen kann man nur in den Intervallen zwischen unbewegten Bildern, und jedes Bild verweist auf Details einer Zone (räumlich oder zeitlich), deren Reminiszenz oder Souvenir es ist. Foto-Bilder sind geschlossene Systeme, in denen Momentaufnahmen von Zonen aufbewahrt werden, Goldfischgläser, aus deren Wasser längst der Sauerstoff entwichen ist, mit darin treibenden Kadavern (doch Sprache belebt sie). Sans Soleil: bei bewegten Film-Bildern gibt es doch noch etwas Sauerstoff, auch hier tritt Sprache hinzu. Als tatsächliche Zone wird hier – neben all den »unausgesprochenen« Zonen des Films – ein Ort außerhalb unseres Raumes, unserer historischen Zeit angenommen, in dem elektrische Erinnerungen, technische Bilder endlos zirkulieren und sich dabei ständig transformieren.
Schließlich Immemory, die CD-ROM, die Marker 1997 für das Centre Pompidou in Paris erstellt hat: hier wimmelt es von Zonen, und durch Wurmlöcher fällt man unvermutet oder selbstverschuldet (interaktiv) von einer Zone in die andere. Wieder grüßt Alice – und hier zusätzlich die Grinsekatz, die aber den Namen Guillaume-en-Egypte trägt (8.1.1).
Für Tarkovskij wiederum ist Film »versiegelte Zeit« (Buchtitel), und so behandelt er die eingefangenen Zeit-Universen in den bewegten Bildern als Reliquien, jede Sequenz des Films als Schrein für nahezu Heiliges, Unwiederholbares, ansatzweise Bedeutungsschwangeres. Wieder die Schachtel, in der die endlose, grenzenlose, fließende Natur (Nicht-Schachteliges) untergebracht wird. Eine explizit angesprochene Zone taucht auf in Stalker (8.1.2), sie ist gefährlich für Menschen, unvorhersehbar verwinkelt, nicht nur dreidimensional räumlich gedacht (obwohl als unwegsames Gelände voller überbordender Vegetation dargestellt), doch in ihrem Zentrum soll es ein Zimmer geben, in dem die Wünsche der Menschen in Erfüllung gehen – das heißt, die Zone erstreckt sich, ob wir wollen oder nicht, bis in unsere Köpfe:
  »Doch die Zone ist auch ein vielfältiger, aleatorischer Raum … So denkt man an eine Grauzone, diese ›Atmosphäre‹, dieses ›Dazwischen‹, zusammengesetzt aus ineinander verschachtelten grauen Zonen … Man denkt dabei auch an die so zahlreichen Zonen in L’espace aux ombres von Henri Michaux (starke, schwache Zonen, Zone F, Zone J, Warte- oder Zufluchtszonen, Zonen, die unendlich sind). Die Zone, das ist die Welt der Heimsuchung par excellence, der neuen Heimsuchungen, die mit dem ›Problem der Technik‹ entstanden sind und denen man schutzlos ausgeliefert wäre, hätte man nicht die Macht, sich der Technik zu bedienen, um noch weitere, immer neue Metamorphosen zu erzeugen …«  
Raymond Bellour: »Eloge in h-moll – ›Zapping Zone‹«. In: »Chris Marker, Film-Essayist«, Seite 130.
Zonen können also überall und jederzeit aus einem Winkel auftauchen, unheilvoll wie The Fog – Nebel des Grauens (8.3.1) mäandern sie in unser Leben und unseren Kopf hinein, oder wir stolpern in ihr Gebiet (obwohl wir gewarnt waren). Unsere Gegenwehr besteht darin, ihnen mit z.B. elektronischen Mitteln ins Gesicht zu schauen, uns ein Bild von ihnen zu machen – das Bild bleibt verschwommen (8.1.3).
 
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