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| Michael Schneider / Standbilder im Weg / (8) / (8.3) / (8.3.5) | ||||||||||||||||||||||||||||
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(8.3.5) In der Nacht vom dritten auf den vierten September 2002 starb James Stinson überraschend an Herzversagen. Wer war James Stinson? Ich kannte weder seine Musik noch seinen Namen, habe sein Gesicht nie gesehen, ich hatte nur vor ein paar Jahren bei Kodwo Eshun einiges über seine Musik gelesen, die Musik des Techno/Elektro-Projektes Drexciya aus Detroit, das seit Anfang der 90er Jahre bestand. Dass sein Name nie im Zusammenhang mit der Musik genannt wurde, hatte System, da bei Drexciya die Musiker anonym blieben und nur Platten, Statements für die Presse und Telefoninterviews rausgegeben wurden. Tourneen gab es gar keine, Auftritte waren extrem selten und wurden erst kurz vorher angekündigt. Auf der einen Ebene war das ein ins Extrem getriebenes Exemplar der ursprünglichen Strategien von Techno zur Vermeidung des Egos – nur die Musik sollte als flüssige Maschine auf den Tanzflächen ihre unterschwelligen Botschaften verbreiten, die menschlichen Macher waren uninteressant. Aber auf der anderen Ebene hatten Drexciya eine eigene Welt erschaffen, die sie in allen Stücken auf ihren Platten in immer neuen Details erkundeten, und (hier setzte mein Interesse ein …) dies war oder ist ein submarines Reich, eine Art seitenverkehrtes forgotten realm, eine utopische (oder dystopische) Welt unter den Wassern des Ozeans, zu besichtigen beim DJ ganz in deiner Nähe – eine dämmerige, scharfe, kriegskalte Welt mit einem sehr eigentümlichen Gründungsmythos, wie plausibel oder abgespaced man diesen auch immer finden mag:
»Marine Mutationen im Black Atlantic«, Seite [099].
Afrikanische Sklavinnen … waren störende Fracht … über Bord … sind nicht mehr mit den Aliens an Land verbunden … eine eigene Spezies: der Begriff des Aliens (eigentlich das fremde, angsteinflößende Wesen an und für sich, aber vielleicht auch der dunkelhäutige Fremde in der Wohnung nebenan, der einfach nur seltsame Musik hört), und der Begriff der Amphibien, ihre ursprüngliche Verwandtschaft, oben und unten: es sind verschiedene Spezies und Lebensweisen, zwei Ausformungen einer prinzipiell ganz ähnlichen Tragik, die auf unterschiedliche Verhaltensweisen dem Rest der Menschheit gegenüber zurückzuführen sind. Landaliens sind in diesem Bild die mehr oder minder in die Gesellschaft integrierten Farbigen in den USA von hier und heute, aber mit einer Geschichte, die nicht von ihnen selbst geschrieben wurde – ein Umstand, auf den der schwarze Musiker Sun Ra, bei dem es einige Parallelen zur Gedankenwelt von Drexciya gibt (8.3.6), als einer der Ersten hinwies – und unter der Wasseroberfläche versammeln sich die Schwarzen, die schöne, wilde Aliens auf eigene Faust sein wollten und sein werden, irrsinnig bewusst in ihrer nassen Enklave, berauscht vom treibenden Sauerstoff des Meeres, bewehrt mit Kiemen und elektrischen Harpunen, Luftblasencluster hinter sich her ziehende Guerilla-Gangs mit Kenntnis aller gewaltigen Strömungen, aller verborgenen Höhlen und schimmernden Korallenmessern an den Gürteln, Nachfahren der Creature from the Black Lagoon, dunkel erwartende Indianer –
Fluch-t-raum
Da ist einerseits die Vergangenheit der Farbigen in den USA, und auf welche Weise diese Vergangenheit ins Bewusstsein der Heutigen hineinreicht, soweit alles klar. Der unzufriedene Geist wandert aus dem Körper aus und wird zum Alien unter deinen nassen Füßen (aber was ist das schon, ein Alien? Du bist der Alien, den du suchst, schreibt mit einigem Recht Eshun im gleichen Text). Ist das Meer für die Erfinder dieses Reichs der schwarzen Kiemenmenschen ein klassischer Fluchtraum, der ein Portal ins Unendliche, eine von Blumen umsäumte yellow brick road aus den unschönen Realitäten heraus anbieten soll? Ein Symbol für genug Platz mit genug Ruhe vor der Baggage an Land? Lassen sich nur dort »andere« Gesellschaftsmodelle imaginieren, weil wir eben alle hier oben im Trockenen leben, Freund und Feind? Weil das Meer im Allgemeinen ein Woanders ist, in dem noch der leise Wellenschlag vom Kielwasser des Yellow Submarine aus einem nicht ganz vergessenen, (tatsächlich!) swingenden Zeitalter zu spüren sein mag:
John Lennon & Paul McCartney: »Yellow Submarine«, 1966.
Die Betonung lag in den Sechzigern auf dem »and we lived beneath the waves« (und wir und sie lebten nicht schlecht: Ringo war der geborene Hebelheber, singen konnten sie alle, und mit spontanem Harmoniegesang ließ sich auch so einiges auf der Welt wieder in Ordnung bringen, das U-Boot war rund und bunt, im gefährlichen, zuerst ausweglosen Meer der Löcher ging kein Reisender verloren, nur ein Loch wurde mitgenommen, worauf ein Beatle sagen konnte: jetzt hab ich ein Loch in der Tasche) – in diesem bullig-schnurrigen, melodisch tuckernden submarine (Abb.1) ging es genauso feucht-fröhlich zu wie in all den seltsamen Meeren drumherum. Und durch die Luft konnte das Ding auch fahren. Das hat nie jemand in Frage gestellt.
Drifting into a Time of No Future
Und wie sieht es in der Welt der Drexciyans aus? Einige Track- und Plattentitel: Aqua Worm Hole, Beyond the Abyss, Bottom Feeders, Bubble Metropolis, Danger Bay, Deep Sea Dweller, Digital Tsunami, Doctor Blowfins Water Cruiser, Positron Island, Powers of the Deep, Red Hills of Lardossa, Song of the Green Whale, Soul of the Sea, Temple of Dos de Agua, Under Sea Disturbances, Wave Jumper … und die Wesen, die dort leben: Drexciyan Warriors, Darthouven Fishmen, Sea Snakes und Mutant Gillmen – ein Interview mit Drexciya in einem Melody Maker von 1995 erklärt, warum:
Das Wasser also als ein befreiendes, entgrenzendes und immer bewegtes Medium für alles, was darin kreucht und fleucht (im Rückblick und von außen besehen ist das vielleicht auch parallel zu der rauschhaften Boomzeit zu denken, die damals in Wirtschaft und Internet herrschte), und aufgenommen wird live: live/lebend bei Drexciya und lived/lebten bei den Beatles; jeweils ist ein gemeinschaftliches, ein soziales Leben gemeint, eher familiär (im Sinne von Wahlverwandtschaft) und beschützt bei den Beatles, eher als durchaus wehrhafte Community von Leuten, die offen für die Einflüsterungen des sie umgebenden Elements sind, bei Drexciya; dort unten ist eine versteckte, aber vollständige Gesellschaft mit eigenen Städten, Fahrzeugen, Verkehrswegen, Regeln, Technologien und so weiter. Only in your mind, aber immerhin … man kann sich einklinken.
[Deutlicher wird auch, wie dies selbstgewählte Bild des »Unterwasser Seins« zurückwirkt auf die Bedingungen, unter denen weitere Musik entstehen kann, und wie man diese Musik hören wird können, wie offen sie für Veränderungen und Unerwartetes sein wird; neben den vielen Möglichkeiten der Technik und des Studios sind doch vor allen Dingen die Annahmen der Musiker darüber wesentlich, wie man denn diese Möglichkeiten nutzen könnte, und scheinbar ist die Autosuggestion einer Welt unter Wasser hilfreich bei einem offeneren Umgang mit dem Equipment und dem Material der Klänge. Hier ist auch genau einer der Punkte, wo sich realer Raum, reales Leben und imaginärer Raum, imaginäres Leben treffen, im momentanen Bewusstsein von Handelnden und Produzierenden, on the fly.]
Sieben Jahre später … das Sonar amerikanischer (und anderer) U-Boote lässt die Hirne von unschuldigen Walfamilien platzen (das ist gewiss ein Nebenkriegsschauplatz, aber noch im Meer der Beatles konnte aus einer Walschule eine »University of Whales« werden), man hört, der Kabeljau sei überfischt und irgendein Pressesprecher der NASA betont allen Ernstes, dass der Weltraum im Allgemeinen ein gefährlicher Ort sei (all das landet in den Zeitungen auf der bunten Seite, dem Vermischten, dem Weltspiegel, und nur Havarien von Öltankern schaffen es auf Seite drei) … in solchen Zeiten kann auch der Ozean kein sicherer Platz für die Phantome Drexciyas sein. Ein Interviewfetzen, vermutlich von 2002:
Derek Beere: Interview mit Drexciya.
I haven’t been anywhere: virtuell war ich zwar überall, real leider nirgends … (vor lauter Arbeit an der Musik und dem Verwaltungskram, wie es kurz darauf im Interview heißt, kamen die Musiker aus Detroit gar nicht raus). Und der Ausweg aus dem menschlichen Schlamassel (unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft) soll in einer großen Flut bestehen, die alles hinwegfegt, nun ja, wieder ein Bild des Wassers (in anderer Erscheinungsform), aber das ist einigermaßen biblisch – zu biblisch, finde ich, etwas stark Moralisches und sicher auch irgendwie Berechtigtes überlagert die Offenheit des alten Untersee-Konzepts. Da ist eine kleine Resignation: früher dealten sie mit unserer personality und versuchten uns den mind zu öffnen, 2002 dagegen laden sie uns mit dem Ausflugsdampfer MS Arche Noah auf kurze Reisen ins Anderswo ein, »aber dann husch husch ins Körbchen, back to where you belong« –
Diving Submarines in Civilization
Weswegen begeben sich denn andere Sucher ins Wasser? Die Militärs mit ihren U-Booten, um sich vor dem Feind zu verbergen (eine zivile Nutzung von U-Booten ist, außer vielleicht im Film, unvorstellbar). Touristen tauchen im Korallenriff, vermutlich wegen so etwas wie »Natur« und »Erlebnis«. Jacques Cousteau und Hans Hass verbrüdern sich mit Delphinen und Pinguinen, um sich mit Delphinen und Pinguinen zu verbrüdern. Selbstmörder gehen ins Wasser, manchmal (wenn sie dumm sind, es gibt schönere Tode, glaube ich). In James Camerons The Abyss geht es im Ozean durch einen Sturm und die Havarie eines U-Boots ziemlich weit runter, bis zum Boden des Marianengrabens oder eines ähnlichen Abgrunds, und in der mystischen, kargen Sohle des Grabens (und kurz vor seinem Ende) wird der Film dann unter der tatkräftigen Mithilfe von friedliebenden Aliens ganz schön kitschig (»… Tiefer, tiefer, irgendwo immer tiefer gibt es ein Licht …«, flüsterte Kate Bush – wen auch immer zitierend – am Ende von Hello Earth). Oder die Legende vom untergegangenen Land Atlantis, ein gemeinsames, einsames Leben unter Wasser aus Zwang, Moral, Griechentum und Schicksal. Oder es geht, deutlich banaler, »Die Menschheit« in einer SF-Geschichte auf Tauchstation, weil es oben einfach zu eng wird:
»Die Tiefen«, Seite 95.
(Und dort unten verändern sich die Menschen und sie werden verändert, besonders die Kinder, die mit dem Wasser aufwachsen und keine andere Umgebung mehr kennen: im weiteren Verlauf handelt Die Tiefen von der Verunsicherung einer Mutter über ihre Tochter, die sie zu Unrecht im unendlichen Meer verlorengehen sieht, in einem Element, das sie nicht versteht, einem Raum, dem sie misstraut.)
1957 erscheint in Paris die Aufsatzsammlung Mythologies (Mythen des Alltags, 1964) von Roland Barthes, in der er verschiedene Details damaliger Alltags-Kultur wie etwa Werbung für Kosmetik, Vorlieben für bestimmte Konsistenzen von gebratenem Fleisch oder auch einfach die »Form des neuen Citroën« in einer Art soziologischem Verfahren auf die hinter diesen Phänomenen liegenden Denk- und Empfindens-Modelle hin befragt. Darin heißt es unter anderem über Jules Vernes ebenfalls zuerst in Paris erschienene Romane Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer (1869/70) und Die Geheimnisvolle Insel (1874/75):
»Nautilus und Trunkenes Schiff«, Seite 39.
Star beider Romane ist natürlich die Gestalt des Kapitän Nemo, eines mehrdeutigen Unterwasserhelden (oder Schurken), einer schillernden Figur ohne Fischschuppen (dafür im Paletot), die sich in so vielen Kindheiten und Spielzeugeisenbahnerherzen Europas vielleicht gerade aufgrund ihrer nie aufgelösten Widersprüche einnisten konnte, lange bevor etwa Prinz Namor, der Sub-Mariner – The Avenging Son of Atlantis – 1940 auf dem Cover eines amerikanischen Marvel Mystery Comics als eine ähnlich ambivalente Person aus den dunklen Wassern auftauchte (8.3.5.1).
Barthes schreibt weiter:
»Nautilus und Trunkenes Schiff«, Seite 39.
Abgesehen von der Freude, dass solche Sätze heute noch einen Punkt treffen: Jeder von uns ist schon einmal warm eingepackt und gut gepolstert mit Kapitän Nemos Schiff, dem U-Boot Nautilus – von Crackern, Snacks und milder Beleuchtung umgeben – durch die Wasser gereist, sei es auf den Illustrationen der Bücher (Abb.2) oder mithilfe einer der Verfilmungen plus einem Fernsehsessel (Vernes Romane waren ja von Anfang an mit zahlreichen Bildern versehen, die das eigentlich schon ausführlichst im Text Beschriebene immer weiter ausdeuteten und dabei unsere Imagination lenkten; man kam gar nicht umhin, zu sehen, und es gefiel einem auch, was man da sah: Victorian Dream Machine, Time Machine, Junggesellenmaschine, Maschine zum Durchpflügen der Meere, mit Komfort und Sicherheitsabstand – dort ist das Meer und hier bin ich – schöne Erfahrung des Reisens ohne den Arsch zu bewegen: Nemo war der erste Couchpotato).
Grenzen
Abgeschlossen, eingerichtet: Wie grenzt man sich denn bei Verne im Wasser ab? Mit dicken Wänden, Schutzanzügen, Schotten, Druckkammern oder einer veritablen Taucherglocke, also mit Räumen, die man planend um sich baut, mit beweglichen, navigierbaren, anziehbaren Räumen, die aus Gusseisen, Verstrebungen, Scharnieren, Schraubverschlüssen und Nieten bestehen, entstanden aus heikler, solider, wehmütiger und überzeugter Ingenieursarbeit dem Flüssigen entgegen – konstruierte Körperhüllen groß und klein. Damit reist man durch die Wasser, ohne sich selbst zu verlassen (Abb.3). Man liest, dass vorn am Bug der Nautilus ein metallener Rammsporn drohe, und vermerkt fast wohlig die entfernte Verwandtschaft eines U-Boot-Schotts mit all den mannshohen Tresortüren aus Fifties- und Sixties-Filmen, hinter denen wohl das Gold der Amerikaner liegt.
Dann gibt es mit Nieten umstandene Bullaugen in den Wänden, und einen Stapel schwerer Taucherhelme im Kabinett, die deinen Kopf wie eine verwunschen geäderte Welt bergen werden, einen kostbaren und weichen Reichsapfel, der nicht ins Draußen fallen darf (9) … und wieder sind dort rundliche oder ovale, mit feinem Atemdampf beschlagene Fenster, durch die unsere Augen spähen. Verzerrungen im Panzerglas, schön gerahmte Welt, ein narrensicheres Aquarium der Exilanten und Verschwinder – im übrigen sind auch im Safaripark (oder dem Slum) die Autofenster geschlossen zu halten: das Personal wäre Ihnen sehr verbunden. Zuwiderhandlungen werden wir ahnden, und Fehlverhalten führt zu einem nassen Grab; eine strenge Scheidung sei dein Dasein, solange du es wagst, in dies Meer hinabzutauchen.
Das Schiff gegen den Raum
Es ist, als leugne oder vernichte Vernes Schiff Nautilus kraft der Gesamtheit seiner victorianischen Kuschelecken und einer fast schon beängstigenden metallenen Starrheit das unmittelbare Erleben all der grenzenlosen (und haltlosen) Räume, die sich jenseits seines Rumpfes befinden. Die Passagiere treten auf der Stelle, während die Schraube das Wasser bewegt. Roland Barthes:
»Nautilus und Trunkenes Schiff«, Seite 41.
Unscheinbares Paradox: es muss ja immer schon ein kleiner, mir vertrauter Raum vorhanden sein, aus dessen Sicherheit heraus ich andere Räume mit Ignoranz strafen kann. Meine Verneinung unendlicher, entgrenzender Räume bejaht zugleich einen Raum, der mit Händen zu erreichen ist, in dem alle meine Möbel stehen (aber das wird mir zuhause gar nicht klar: statt meinen kleinen Raum im Geiste an die anderen Räume anzuschließen, ihn als einen engen Verwandten oder eine Teilmenge der großen Räume anzusehen, mache ich ihn mit Fenstern dicht). Wenn nun mein kleines behagliches Haus reist, wird das Paradox deutlicher: eine feste Burg ist unser Schiff (mit der lustigen Schraube hintendran, die uns mühelos überall hin bringt). Landschaften und Möglichkeiten gleiten an den Schießscharten vorbei, ein Panorama zu erforschender Räume tut sich auf, aber ich verharre glücklich in den eigenen vier Wänden. Jenseits des Glases sind Phänomene, die ich für Bilder halten kann, und die besonderen Eigenschaften meiner wässrigen Umgebung sind mir kein Anlass, aus trockener Zeit geerbte Sichtweisen zu verändern. Unser Herr Niemand (lateinisch: Nemo) will raus aus der Gemeinschaft der Menschen, aber macht es sich im Ozean bequem wie inmitten von Paris, er guckt auf Tintenfische, Rochen, Perlmuschelfelder, Korallenriffe und die ganz neuen Dinge, für die es keine Namen gibt, genau wie auf den Eiffelturm oder Les Halles. In der Schiffsbibliothek steht all das positivistische Wissen des Jahrhunderts: wie gehe ich mit Kraken oder Seeräubern um? Was tun, wenn die Hülle meines Schiffs ein Leck hat? Maschinenschäden leicht behoben mit »Erster Hilfe« von Doktor Dulle. Seerecht, Geographie, Philosophie. Ein Who is Who in Elektrizität und Dampf.
Und es gibt einen Zusammenhang zwischen Gemütlichkeit at home und dem Versammeln von Büchern, Wissen und schönen, ruhenden Gegenständen (Gemälden, wissenschaftlichen Präparaten, Möbeln aus Holz) an eben diesem Ort, die Dinge oder Sachverhalte in der Welt außerhalb von Nautilus und Nemo abbilden sollen. In der Nautilus wuchert seit langer Zeit ein Mikrokosmos von ausgestopften Zeichen, die auf ein Außen verweisen (oder daran erinnern), das gar nicht mehr benötigt wird – oder es wird kurzfristig in diesem Außen geforscht, um ein Wissen als Trophäe heimzutragen, welches es einem ermöglicht, wegen dieser Erkenntnis nicht mehr raus ins kalte Wasser zu müssen. Der gewitzte Schriftsteller kann diesen Mikrokosmos des Wissens und der gesammelten Dinge an Bord auch zurück auf das, »was nicht die Nautilus ist«, projizieren, er kann ihn ins Meer hineinschreiben, obwohl lediglich die Sichtweisen der Nautilusbewohner auf diese Zone eines scheinbar bekannten und beherrschbaren Raumes gemeint sind. Die Bibliothek als geistiges Zentrum der Nautilus, die Präparate von Meerestieren oder ein filigraner Zimmer-Springbrunnen im Salon, dem eine riesige Muschelschale als Becken dient (8.3.5.2) beschreiben nahezu vollständig Vernes Sicht auf dieses »fremde Andere« des Schiffes. Verne (und damit Nemo) war …
»Nautilus und Trunkenes Schiff«, Seite 39 und 40.
Dies also scheint der Leitspruch Vernes zu sein: Im Kampf gegen das Fremde, Unverständliche und Unendliche ist schon jedes Mittel recht, und wenn du den Feind nicht besiegen kannst, dann verbünde dich mit ihm – hol ihn ins Haus und stopfe ihn aus.
Ortswechselapparate zum Sitzenbleiben
Damit wir uns recht verstehen: Verne war ein großer Schriftsteller und Seismograph des 19. Jahrhunderts (und ist, gemessen an der Zahl seiner Leser, bis zum heutigen Tag auch immens populär). Man soll deswegen nicht so tun, als sei die positivistische Weltsicht, die sich in all seinen Romanen zeigt, durch die Zeitläufte weggespült worden, sodass wir Heutigen einen sauberen Schnitt zwischen Vernes erforschter, komfortabler Welt und uns ziehen könnten. Interessanter ist doch etwas, das mich heute noch trifft, und das scheint mir bei Verne in der Gemütlichkeit, dem Heimeligen, dem Konzept eines Hauses mit Antrieb zu liegen, das uns unbeschädigt durchs Unendliche bringt, während sich innen die verplombten Proben des Fremden im Regal anhäufen (wo sie langsam verstauben). Häuser mit Antrieb nennt man heute Auto, Flugzeug oder Wohnmobil, und Proben findet man zuhause in Fotos, Fernsehen, DVD (8.3.5.3), sie verstecken sich in Büchern und Zeitschriften, stehen als peruanischer Baumarkt-Kaktus auf dem Fensterbrett, bilden kleine unerkannte Hausaltäre im Regal oder breiten sich wohlgeordnet im Dunkel der zugeschlagenen Seiten von Sammelalben aus –
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