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| Michael Schneider / Standbilder im Weg / (8) / (8.3) / (8.3.6) | |||||||||||||||||||||||||||
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(8.3.6) Der Jazz-Musiker, klare Denker, Elektronik-User, geheime Separatist, ägyptische Pharao, SF-Fan und Herrscher vom Saturn Sun Ra propagierte mit seinem Orchester Arkestra das (geistige) Emigrieren der Schwarzen aus der amerikanischen Gesellschaft mittels der Musik (fasse ich jetzt mal kurz und sicher vereinfachend zusammen). Das Ziel war und ist der Weltraum, space. Der wirklich nette und überaus griffige Slogan Space is the Place, Titel eines seiner Stücke, wurde für einen Film über ihn benutzt und auch die große Biografie Ras von John F. Szwed heißt so – der zentrale Punkt, mit dem sein Anliegen zu beschreiben ist, scheint also das Schaffen von Raum, das würdige Leben in selbstbestimmtem Raum oder das Erreichen von bisher nicht genutztem, neuem Raum zu sein. Dieser Raum liegt irgendwo da draußen (wie die Wahrheit, würde Fox Mulder dazu sagen) auf und zwischen Planeten, die die NASA noch immer nicht erreichen konnte, die noch nicht vermessen und in Besitz genommen wurden, aber das ist nur das Bild, das Sun Ra selbst dafür verwendete: das Versprechen des Raums liegt hier mehr im Akt des Raumschaffens, des Erzeugens von esoterischen Ausblicken – indem man eins seiner Konzerte besuchte oder seine Platten hörte und damit das intergalaktische Raumschiff Arkestra betrat, ging die Reise los, weit weg …
… wir treten in eurer Schleuse auch bestimmt nicht auf die blitzblank gewienerten Schlangenlederschuhe des Begrüßungskomitees, Hand drauf (Sun Ra freut sich): hier ist die Musik ein reisender Container, ein vom Bauprinzip her immer offenes, von solaren Winden angetriebenes Raumschiff, das einfach jeden Passagier mitnimmt, wenn er denn nur zuzuhören imstande ist … da wird einfach mit einer gewissen Nonchalance die reale Eiseskälte des Weltraums und die Ödnis und Lebensfeindlichkeit anderer Planeten im Sonnensystem umgedeutet in etwas sehr nahes, wohltemperiertes und besiedelbares; Sun Ras space kühlt dich nicht bis zum absoluten Nullpunkt aus, nein, du kleiner Mensch heizt ihn einfach mit allen vibrations auf, die durch dich als Medium hindurchgehen (O kalter Tod, wo ist dein Stachel?) – ein ähnliches Raumschiff kennst du doch schon, fährt es mir durch den Kopf: es wurde irgendwann Ende der Sechziger in Frankreich von Pierre Christin erfunden und nach seinen Plänen von Jean-Claude Mézières gebaut (Abb.1), es fliegt nach mehreren Redesigns immer noch mit der gleichen Besatzung (eine Frau, ein Mann: ein Paar), und auch heute, da die Comic-Serie Valerian und Veronique (frz. Valérian agent spatio-temporel) seit einigen Alben stark in ihrer psychedelischen, vielschichtigen Qualität nachgelassen hat (dies eine Atmosphäre, die der Serie scheinbar direkt aus den politischen und gesellschaftlichen Aufbruchszeiten der sechziger Jahre zugeflossen war), drückt sie noch eine ähnlich humorvolle und menschenfreundliche, emanzipatorische Weltsicht wie zu Beginn aus (nur etwas weichgespülter); obwohl die Menschen in der Serie noch ihr vom technokratischen Moloch Galaxity hergestelltes, mit allerlei raffinierten Gerätschaften vollgestopftes Raumschiff und schicke Raumanzüge brauchen, um im All überleben zu können, trifft man dort auch ganz selbstverständlich auf mehrere eigenartige Lebenformen, denen die Kälte und das Vakuum im space einfach nichts anhaben können (Abb.2), genauso wie auf offene und zerbrechliche Gefährte – mehr Fantasy als SF – die nur mit der Geisteskraft der Insassen in der Leere betrieben werden; der Raum verweigert sich hier niemand lange, alle Welt nimmt er irgendwann auf oder an – es ist ja auch das Grundgerüst dieses Comic:
… steht im Klappentext auf der Rückseite der deutschen Alben-Ausgabe des Carlsen Verlags, die 1978 startete (diesen Text gibt es auf den französischen Alben nicht, er ist ein deutsches Eigengewächs, genauso wie der pädagogische Zusatz: KM ab 12 Jahren – Knaben/Mädchen ab 12 Jahren – der noch 81 dort stand; heutzutage ist er von den Covers aller Carlsen-Alben verschwunden) … und siehe da, gleich in der ersten langen Episode La Cité des Eaux Mouvantes von 1968/69 (dt. Die Stadt der tosenden Wasser, Reinbek bei Hamburg 1978) gibt es einen farbigen Bandenführer, Flötenspieler und Plünderer mit Namen Sun Rae, dem von Seiten der Autoren ausgesprochene Sympathie entgegengebracht wird (8.3.6.1) – in der Eindeutschung wurde er leider zu einem wesentlich neutraleren Lester gemacht, »den man nicht stören darf, wenn er Flöte spielt«.
Laut Kodwo Eshun hat Sun Ra schon in den fünfziger Jahren, als er sein Arkestra formierte, begriffen, dass man nicht vom anderen Stern zu kommen braucht, um ein Alien (8.3.5) in der eigenen neighbourhood zu sein. Er zitiert Ra:
»Das Omniversum synthetisieren«, Seite [185].
Auch bei Toop finde ich etwas, einen Dialog zwischen Sun Ra und einer skeptischen Schwarzen in einem seltsamen Film, einer »einzigartigen Mischung aus Bibelfilm, Blackxploitation und Science-Fiction« aus dem Jahr 1974:
»Wenn die Erde dich langweilt …«, Seite 43.
Und zur Herkunftslegende heißt es:
»Wenn die Erde dich langweilt …«, Seite 40.
Die persönliche Vergangenheit, Gegend einer ungewissen Herkunft, die es – was ihre Fremdartigkeit betrifft – locker mit einem Leben on First Class Planet Saturn aufnehmen kann, taucht später in Toops Beschreibung von Sun Ras Musik als das Malen von grandiosen Landschaften und zeitlosen Reichen (8.3.2) auf, verwandelt an der Oberfläche der Sprache und in das Gegenbild von nur scheinbar naiven Wunschträumen gepackt:
… schließlich der folgerichtige Schritt vom alles verwandelnden Raumtraum zu einigen Erzeugern dieser Raumerlebnisse im realen Leben (Instrumente genannt), according to Toop:
»Wenn die Erde dich langweilt …«, Seite 44–45.
Fremde, neue Räume (die am Zeithorizont aufscheinen) wirken als ein Maelstrom, der jetzt und hier alle der Zukunft naheliegenden Bereiche in sich hineinzieht – so unterliegen zwangsläufig auch die Instrumente, die man benutzt, um in die Zukunft oder woandershin zu schauen, einer schleichenden alienation, und dies geschieht durch den Einsatz von Hall, Echos (8.3.3.2) und Effekten (aus der Fläche wächst es nach hinten, nach vorne in den Raum … und sonstwohin); lustige, aber kratzende und beißende Ton-Tiere entstehen da, (vielleicht) in Spiralen abstürzende Engel und seltsame glitzerfarbige Cluster aus einem Paralleluniversum. Verzehrendes Getöse, Silberschweife und furzende Schweine im Weltall. Quietsch … Schräääng!
Alienation bedeutet in diesem Fall für Ra, Instrumenten (gottseidank) eine Gewalt anzutun, die sie dem akustischen Charakter nach und nach entfremdet, der ihnen von ihren Erfindern zugedacht wurde. Dies wirft ein Licht darauf, dass alienation auf immer und ewig ein gewalttätiger Prozess bleiben wird – du kannst Instrumente quälen, bis sie sich (und dich) nicht mehr wiedererkennen, sagt die Musik: aber es wird an einem anderen Ort sein.
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