: ... Raum Zeit Essay:  
   Michael Schneider / Standbilder im Weg / (8) / (8.3) / (8.3.6)  
 
 
Sun Ra
»Space is the Place«
Sun Ra in leichtem Ornat und auf dem Cover von »Space is the Place«

Links | Quellen
Herman Poole Blount, lebte seit den Fünfzigern als Sun Ra, geboren irgendwann in Birmingham, Alabama – oder auf einem »little-known planet just past and left of Saturn called Varicon«, gestorben 1993
Arkestra: da ist der Begriff der Arche drin, die eins von jeder Art mitnehmen kann in die rettenden Räume; auch bei Lee Scratch Perry findet sich der Begriff in Gestalt seines Black Ark Studio, und bei Drexciya gibt es die Arche Noah
Sun Ra and his Intergalactic Solar Arkestra: »Space Is the Place«, Blast First Video 1994 (der Film ist von 72)
John F. Szwed: »Space Is the Place, The Life and Times of Sun Ra«, Edinburgh 1997
Chris Carter: »The X-Files«. Seit 1993 im US-Fernsehen, später in Deutschland als Akte X, mit Gillian Anderson und David Duchovny, der als Fox Mulder immer gerne sagte: »Die Wahrheit ist irgendwo da draußen« –
Pierre Christin und Jean-Claude Mézières: »Valérian agent spatio-temporel«, Frankreich 1967. Seither 18 Alben, eine kürzere Episode, sieben Kurzgeschichten, sowie ein Atlas, der einige fiktive Rassen des Universums beschreibt. In Deutschland zuerst im Comic-Magazin ZACK, 1973 bis 74, ab 1978 dann in der Alben-Ausgabe bei Carlsen
Kodwo Eshun in Hypertext Radio, Radio Z Nürnberg, am 22. Juli 1999
Kodwo Eshun: »Das Omniversum synthetisieren«. In derselbe: »Heller als die Sonne«, Berlin 1999, Seite [185] ff.
David Toop: »Wenn die Erde dich langweilt …«. In derselbe: »Ocean of Sound«, St. Andrä-Wördern 1997, Seite 37–46

 
(8.3.6) Der Jazz-Musiker, klare Denker, Elektronik-User, geheime Separatist, ägyptische Pharao, SF-Fan und Herrscher vom Saturn Sun Ra propagierte mit seinem Orchester Arkestra das (geistige) Emigrieren der Schwarzen aus der amerikanischen Gesellschaft mittels der Musik (fasse ich jetzt mal kurz und sicher vereinfachend zusammen). Das Ziel war und ist der Weltraum, space. Der wirklich nette und überaus griffige Slogan Space is the Place, Titel eines seiner Stücke, wurde für einen Film über ihn benutzt und auch die große Biografie Ras von John F. Szwed heißt so – der zentrale Punkt, mit dem sein Anliegen zu beschreiben ist, scheint also das Schaffen von Raum, das würdige Leben in selbstbestimmtem Raum oder das Erreichen von bisher nicht genutztem, neuem Raum zu sein. Dieser Raum liegt irgendwo da draußen (wie die Wahrheit, würde Fox Mulder dazu sagen) auf und zwischen Planeten, die die NASA noch immer nicht erreichen konnte, die noch nicht vermessen und in Besitz genommen wurden, aber das ist nur das Bild, das Sun Ra selbst dafür verwendete: das Versprechen des Raums liegt hier mehr im Akt des Raumschaffens, des Erzeugens von esoterischen Ausblicken – indem man eins seiner Konzerte besuchte oder seine Platten hörte und damit das intergalaktische Raumschiff Arkestra betrat, ging die Reise los, weit weg …
Open up your beautiful spacecraft, please …
… wir treten in eurer Schleuse auch bestimmt nicht auf die blitzblank gewienerten Schlangenlederschuhe des Begrüßungskomitees, Hand drauf (Sun Ra freut sich): hier ist die Musik ein reisender Container, ein vom Bauprinzip her immer offenes, von solaren Winden angetriebenes Raumschiff, das einfach jeden Passagier mitnimmt, wenn er denn nur zuzuhören imstande ist … da wird einfach mit einer gewissen Nonchalance die reale Eiseskälte des Weltraums und die Ödnis und Lebensfeindlichkeit anderer Planeten im Sonnensystem umgedeutet in etwas sehr nahes, wohltemperiertes und besiedelbares; Sun Ras space kühlt dich nicht bis zum absoluten Nullpunkt aus, nein, du kleiner Mensch heizt ihn einfach mit allen vibrations auf, die durch dich als Medium hindurchgehen (O kalter Tod, wo ist dein Stachel?) – ein ähnliches Raumschiff kennst du doch schon, fährt es mir durch den Kopf: es wurde irgendwann Ende der Sechziger in Frankreich von Pierre Christin erfunden und nach seinen Plänen von Jean-Claude Mézières gebaut (Abb.1), es fliegt nach mehreren Redesigns immer noch mit der gleichen Besatzung (eine Frau, ein Mann: ein Paar), und auch heute, da die Comic-Serie Valerian und Veronique (frz. Valérian agent spatio-temporel) seit einigen Alben stark in ihrer psychedelischen, vielschichtigen Qualität nachgelassen hat (dies eine Atmosphäre, die der Serie scheinbar direkt aus den politischen und gesellschaftlichen Aufbruchszeiten der sechziger Jahre zugeflossen war), drückt sie noch eine ähnlich humorvolle und menschenfreundliche, emanzipatorische Weltsicht wie zu Beginn aus (nur etwas weichgespülter); obwohl die Menschen in der Serie noch ihr vom technokratischen Moloch Galaxity hergestelltes, mit allerlei raffinierten Gerätschaften vollgestopftes Raumschiff und schicke Raumanzüge brauchen, um im All überleben zu können, trifft man dort auch ganz selbstverständlich auf mehrere eigenartige Lebenformen, denen die Kälte und das Vakuum im space einfach nichts anhaben können (Abb.2), genauso wie auf offene und zerbrechliche Gefährte – mehr Fantasy als SF – die nur mit der Geisteskraft der Insassen in der Leere betrieben werden; der Raum verweigert sich hier niemand lange, alle Welt nimmt er irgendwann auf oder an – es ist ja auch das Grundgerüst dieses Comic:
  »Valerian und Veronique sind Agenten des ›Raum-Zeit-Service‹, der von Galaxity aus  –  der Hauptstadt der Zukunft  –  seine Unternehmungen durchführt. Durch die Erfindung des Raum-Zeit-Sprungs können Valerian und Veronique sich ohne Schwierigkeiten in andere Jahrhunderte und an andere Orte des Weltalls versetzen.«  
… steht im Klappentext auf der Rückseite der deutschen Alben-Ausgabe des Carlsen Verlags, die 1978 startete (diesen Text gibt es auf den französischen Alben nicht, er ist ein deutsches Eigengewächs, genauso wie der pädagogische Zusatz: KM ab 12 Jahren – Knaben/Mädchen ab 12 Jahren – der noch 81 dort stand; heutzutage ist er von den Covers aller Carlsen-Alben verschwunden) … und siehe da, gleich in der ersten langen Episode La Cité des Eaux Mouvantes von 1968/69 (dt. Die Stadt der tosenden Wasser, Reinbek bei Hamburg 1978) gibt es einen farbigen Bandenführer, Flötenspieler und Plünderer mit Namen Sun Rae, dem von Seiten der Autoren ausgesprochene Sympathie entgegengebracht wird (8.3.6.1) – in der Eindeutschung wurde er leider zu einem wesentlich neutraleren Lester gemacht, »den man nicht stören darf, wenn er Flöte spielt«.
Bürgerrecht Numero UNO: Musik für Exilanten
Laut Kodwo Eshun hat Sun Ra schon in den fünfziger Jahren, als er sein Arkestra formierte, begriffen, dass man nicht vom anderen Stern zu kommen braucht, um ein Alien (8.3.5) in der eigenen neighbourhood zu sein. Er zitiert Ra:
  »Ich bin kein Teil von Amerika, ich gehöre nicht zu den Schwarzen. Sie haben einen anderen Weg eingeschlagen.  […]  Schwarze leben in der Vergangenheit, eine Vergangenheit, die jemand anders für sie geschaffen hat. Es ist nicht ihre Vergangenheit, nicht ihre Geschichte.«  
»Das Omniversum synthetisieren«, Seite [185].
Auch bei Toop finde ich etwas, einen Dialog zwischen Sun Ra und einer skeptischen Schwarzen in einem seltsamen Film, einer »einzigartigen Mischung aus Bibelfilm, Blackxploitation und Science-Fiction« aus dem Jahr 1974:
  »Ra besucht ein Gemeinde-Jugendzentrum: ›Woher wissen wir, dass du nicht irgendein alter Hippie bist? Woher wissen wir, dass du wirklich echt bist?‹, will eine Frau wissen. ›Woher wisst ihr, dass ich wirklich bin?‹ antwortet Ra: ›Ich bin nicht wirklich. Ich bin genau wie ihr. Ihr existiert nicht in dieser Gesellschaft.  […]  Ich komme zu euch als ein Mythos, weil es das ist, was Schwarze sind. Ich kam aus einem Traum, den der schwarze Mensch vor langer Zeit geträumt hat.‹«  
»Wenn die Erde dich langweilt …«, Seite 43.
Und zur Herkunftslegende heißt es:
  »Sun Ra … wehrte sich gegen alle Versuche, Details über sein früheres Leben zu enthüllen. Indem er die unterminierenden, blasphemischen Auswirkungen biographischer Nachforschungen und ihres flüchtigen Ruhms ausschloss, konnte er sich die heilige Integrität seines magischen Universums bewahren. Kam er auf dem Saturn oder in Birmingham, Alabama, zur Welt? So fragten die Kritiker. Aber vielleicht war Alabama anno 1914 eine fremdartigere Gegend als der Saturn.«  
»Wenn die Erde dich langweilt …«, Seite 40.
Die persönliche Vergangenheit, Gegend einer ungewissen Herkunft, die es – was ihre Fremdartigkeit betrifft – locker mit einem Leben on First Class Planet Saturn aufnehmen kann, taucht später in Toops Beschreibung von Sun Ras Musik als das Malen von grandiosen Landschaften und zeitlosen Reichen (8.3.2) auf, verwandelt an der Oberfläche der Sprache und in das Gegenbild von nur scheinbar naiven Wunschträumen gepackt:
  »In den 60er Jahren entstanden beispiellose Aufnahmen, Platten wie Art Forms From Dimensions Tomorrow, Cosmic Tones For Mental Therapy, zwei Folgen von The Heliocentric World Of Sun Ra, Atlantis, Strange Strings und The Magic City. Jede einzelne Platte war ihre eigene apokryphe Kosmologie, eine schwingende Landkarte von unbekannten Weltraumregionen, üppigen, sonnenbeschienenen Regenwäldern, kalten Bezirken unendlicher Dunkelheit, Sternenstürmen, paradiesischen Freudenzonen, rituellen Prozessionen, würdigen Zeremonien und wilden Feiern. Space was the Place  –  der Raum war der Traum …«  
… schließlich der folgerichtige Schritt vom alles verwandelnden Raumtraum zu einigen Erzeugern dieser Raumerlebnisse im realen Leben (Instrumente genannt), according to Toop:
  »… Lärm und Stille begegneten sich in der Leere; die Instrumente der Finsternis donnerten, rumpelten und klopften: die Halbton-Oboe und die Piccoloflöte, rollende Pauken, Spiralbecken, Glocken, Trommelgedonner, alles mit Echos; zitternde, einander überlagernde Massen von Flöten; elektronische Himmelsschritte von auf Bass-Marimbas tanzenden Engeln, Nachtigallcelli; Brüllaffen belferten durch Baritonsaxophone und Bassklarinetten.«  
»Wenn die Erde dich langweilt …«, Seite 44–45.
Fremde, neue Räume (die am Zeithorizont aufscheinen) wirken als ein Maelstrom, der jetzt und hier alle der Zukunft naheliegenden Bereiche in sich hineinzieht – so unterliegen zwangsläufig auch die Instrumente, die man benutzt, um in die Zukunft oder woandershin zu schauen, einer schleichenden alienation, und dies geschieht durch den Einsatz von Hall, Echos (8.3.3.2) und Effekten (aus der Fläche wächst es nach hinten, nach vorne in den Raum … und sonstwohin); lustige, aber kratzende und beißende Ton-Tiere entstehen da, (vielleicht) in Spiralen abstürzende Engel und seltsame glitzerfarbige Cluster aus einem Paralleluniversum. Verzehrendes Getöse, Silberschweife und furzende Schweine im Weltall. Quietsch … Schräääng!
Alienation bedeutet in diesem Fall für Ra, Instrumenten (gottseidank) eine Gewalt anzutun, die sie dem akustischen Charakter nach und nach entfremdet, der ihnen von ihren Erfindern zugedacht wurde. Dies wirft ein Licht darauf, dass alienation auf immer und ewig ein gewalttätiger Prozess bleiben wird – du kannst Instrumente quälen, bis sie sich (und dich) nicht mehr wiedererkennen, sagt die Musik: aber es wird an einem anderen Ort sein.
 
  Trennlinie unten  
 
Nach oben Impressum