: ... Raum Zeit Essay:  
   Michael Schneider / Standbilder im Weg / (8) / (8.4)  
 
 
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Rainer Maria Rilke: »Gedichte«, Stuttgart 1997
* Ein wenig muss ich hier an den Titel eines Romans von Robert A. Heinlein denken: »The Door into Summer« von 1957, die Geschichte einer Zeitreise.
Gaston Bachelard: »Poetik des Raumes«, Frankfurt am Main 1987, Seite 220

Und sage keiner, dass Rilke ein toter Dichter sei. Die Beschreibungen unserer Seinsweise im Raum sind auch heute nachvollziehbar (in manchen Stimmungen).
 
(8.4) Solche Denkfiguren – oder Wahrnehmungsmodi – des Raumes findet man zum Beispiel häufig in Gedichten von Rainer Maria Rilke. Einige Zitate ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder ausführliche Interpretation, ausnahmslos zu finden in Reclams Universal-Bibliothek 9623.
Ich und Himmel tauschen auf vertrackte Weise »Leere« aus, die jedoch nicht »leer« ist, sondern ein lebendes Volumen mit unbestimmten Eigenschaften:
  »Und er hat sie immer im Genick,
wenn er hingeht, rechts und links zerstörend,
bis er draußen atemlos beschwörend
 
seine Leere zu den Himmeln hebt,
hastig um sich schauend, ob ihn keine
Fenster treffen. Während er den weiten
 
Aquädukten zuwinkt herzuschreiten,
geben ihm die Himmel für die seine
ihre Leere, die ihn überlebt.«
 
Seite 149.
Für die eben Erwachende steht die Grenze zwischen Innen (Traum, Wahrnehmung, eigenes Leben) und Außen (Raum, Welt, Nacht) in Frage, hervorgehoben durch das Bild des Fensters, das gerade nicht diese Grenze bezeichnet:
  »Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?«
 
Seite 157.
Eine sich entfaltende Reihe von Be- und Entgrenzungen in Raum und Zeit. Das fein geschachtelte Innere von Rosenblüten nimmt hier eine Art »Weltäther« auf und gibt ihn dann – wegen Überfülle – wieder an die Welt, an die Tage ab; als Reaktion entsteht eine Wand um die Sommertage*, die ein Zimmer bildet, das wiederum von einem Traum umfasst wird:
  »Sie können sich selber kaum
halten; viele ließen
sich überfüllen und fließen
über von Innenraum
in die Tage, die immer
voller und voller sich schließen,
bis der ganze Sommer ein Zimmer
wird, ein Zimmer in einem Traum.«
 
Seite 159.
Volumen von Leere (die zuerst in den eigenen geöffneten Händen lagen) können dem Welt-Raum hinzugefügt werden, indem man sie an ihn verschenkt. Vom Nichts zum Volumen, vom Ich zum Raum:
  »Weißt du’s noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.«
 
Seite 186.
Der Raum projiziert sich nach innen und durchgeht das Ich:
  »und Schatten der Wolken
durchgehn ihn, als dächte der Raum
langsam Gedanken für ihn.«
 
Seite 233.
Orte, Stellen im Raum verkörpern die Geliebte, und der Raum wirft ein Spiegelbild des lyrischen Ich zurück:
  »Ach, die Gärten bist du,
ach, ich sah sie mit solcher
Hoffnung. Ein offenes Fenster
im Landhaus  –, und du tratest beinahe
mir nachdenklich heran. Gassen fand ich,  –
du warst sie gerade gegangen,
und die Spiegel manchmal der Läden der Händler
waren noch schwindlich von dir und gaben erschrocken
mein zu plötzliches Bild.«
 
Seite 238.
Die Vereinigung von Innen und Außen in der Wahrnehmung. Der Mensch ist das »halboffenstehende Sein« (Bachelard):
  »Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.«
 
Seite 243.
Der weite Himmel (8.4.1) verwandelt sich (trotz all seiner Grenzenlosigkeit) in ein ansprechbares – oder fühlbares – Gegenüber, in einen nahen Gefährten:
  »immer wieder gehen wir zu zweien hinaus
unter die alten Bäume, lagern uns immer wieder
zwischen die Blumen, gegenüber dem Himmel.«
 
Seite 245.
Der Raum wölbt sich und wird zur beschützenden Kuppel für die in der Gegenwart suspendierten Dinge der Natur (die eine Zukunft haben):
  »Die leichten Blüten waren bald verstreut,
das ernstre Grün tritt handelnd in die Bäume,
und, rund um sie, wie wölbten sich die Räume,
und wieviel morgen war von heut zu heut.«
 
Seite 254.
Die Welt zieht sich ins Draußen zurück und wird fern:
  »Welt war in dem Antlitz der Geliebten  –,
aber plötzlich ist sie ausgegossen:
Welt ist draußen, Welt ist nicht zu fassen.«
 
Seite 258.
Wieder der Wunsch nach Korrespondenz und Ergänzung von Innen und Außen. Das Innen ist hier die geistige Steigerung des Außen, und zwischen beiden ist die Wand so dünn, dass es schmerzt:
  »Ach, nicht getrennt sein,
nicht durch so wenig Wandung
ausgeschlossen vom Sternen-Maß.
Innres, was ists?
Wenn nicht gesteigerter Himmel,
durchworfen mit Vögeln und tief
von Winden der Heimkehr.«
 
Seite 262.
 
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