: ... Raum Zeit Essay:  
   Michael Schneider / Standbilder im Weg / (9)  
 
 
Citizen Kane 1
Citizen Kane 2
Citizen Kane 4
Citizen Kane 3
Citizen Kane 5
Citizen Kane 6
Grautöne und Schneetreiben:
»Citizen Kane«, 1941

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Abbildungen 1–4, 6:
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(9) Und Klack! Schnitt im Fluss. Vivisezierend zu werden (by Heart), sich auf diesen kleinen, totgemachten Ausschnitt Welt da unten zu konzentrieren, hypnotisch, parasitär, und unter dem fest auf das Stativ montierten Vergrößerungsglas mit der Pinzette zu hantieren, die Beinchen zu reißen, Flügel zu zupfen, einen engen, dichten, inquisitorischen Lichtkegel darauf zu richten: da wird dein Insekt so richtig zum Draußen, zum Objekt, behandelbar, zuhanden, und beide von euch, Insekt und Auge, driften schnell zu den zwei heiligen Enden des Kosmos (man stelle sich meinetwegen das Forscherzimmer eines englischen Gentleman unter Queen Victoria dazu vor, massive dunkle Holztäfelung ringsherum, Schummerlicht, Wissbegier aus hehren Motiven – der Rauchsalon, in dem die Ergebnisse der Forschungen von den Herrschaften zu diskutieren sind, sei weit entfernt, und seine dicken Schwaden aus Tabakrauch reichten nicht in deine Stube). Linsen, Gläser, gekrümmt, die etwas biegen, die deine Sicht brechen, die ein Näherkommen versprechen und sich doch zwischen euch schieben, die fast unbemerkt eine Vervielfachung von Zeit und Raum erzeugen: Zeit in der Lupe, Raum unter der Lupe, kristallin, hin- und hergespiegelt, doch blind, eine maßlos ferne Zeitlupenzeit in der Glaskugel mit dem herabrieselnden Schnee, die herunterfiel, als die Hand sie nicht mehr halten konnte, in jenem Film, damals … (jemand ließ wohl eine Welt fallen).
Über das Ausgeschlossene, den scheinbar nicht ins Bild inbegriffenen Punkt zu schreiben bedeutet, sich vorsichtig auf ungesichertem Terrain zu bewegen, dabei Phantome zu sehen, Hui Buh, dem Schlossgespenst, zu begegnen, das dich mit dem Gerassel seiner Plastikketten vom materiell Gegebenem wegzuziehen versucht, von dem, was der Fotoabzug dem gesunden Menschenverstand zufolge zeigt (Mann, das sieht man doch!). Als sei das, was im Bild liegt, in einer Seifen- und Zeitblase von blasser, träger Konsistenz, einer matten Glaskugel mit verlangsamten Inhalt gefangen, und was außerhalb dieser Kugel liegt, ist der Standpunkt der Kamera selbst, der Standpunkt des Beobachters (und folglich der Mensch). Die Kamera spiegelt sich wohl in der Kugel, aber diese Reflexionen sind flüchtig; nichts genaues weiß man nicht. Der Kamerastandpunkt, dieser blinde Fleck im Foto, ist ein Brennpunkt, der sich aus dem Fokus davonstiehlt (im Zielfernrohr kann man das eigene Gewehr nicht sehen), und er wendet die Methode an: da, wo mich jeder sehen kann, da fall ich nicht auf! Ich bin die Bedingung für das Sosein des Bildes, ich bin dem Bild als Gesetz eingeschrieben, und gerade deshalb merkt es keiner. Ich bin so offensichtlich, dass man mich übersieht, ich bin überall im Bild, nur nicht an einem Punkt, dem Punkt, wo du suchst: voilà Tarnkappe auf.
So begreif doch: ich bin auf der Oberfläche der Kugel verstreut, in die du schaust. Deine Blicke bleiben auf der Grenzfläche, auf dem Glasrund hängen, bevor sie sich versenken, bevor sie Osmose mit dem Stoff treiben können – es ist zu unser aller Bestem.
Rosebud und The Sands of Time
In Glaskugeln lagert man gern Erinnerungen ein, ein gefangenes Wölkchen Zeit, Souvenirs – oder schöne Dinge, die einen nicht unbedingt an das Verstreichen von Zeit denken lassen, im Gegenteil. Wenn Glaskugeln hohl sind, enthalten sie … Schlösser (aus Luft), Häuser (aus Plaste und Elaste), Landschaften (die ein Fake sind), Welten und Gedanken … auf die es meistens schneit: aufgeschwemmte, künstlich glitzernde Flocken sind das dann, die in einer eigenartigen, wässrigen Zeitlupe zu Boden sinken. Die Kamera erzeugt solche Kugeln mitsamt Innereien in Serie und nennt sie »Bilder des Vergangenen«. Fasziniert schaut man in so eine Kugel, auf das Rieseln ihrer Flocken, und lässt sich mitteilen: es war einmal, dabei sich selbst und die Gegenwart vergessend. Akzeptiert, dass in der Kugel eine andere Zeit herrscht als draußen, komisch. Glaskugeln können auch massiv sein und Relikte enthalten, luftdicht eingegossen, aus einer besseren Zeit (9.1), leuchtendrote Korallen, Farne, Dinge aus der privaten Wunderkammer der Naturgeschichte. Nichts bewegt sich dann im Archiv, in der Schauvitrine, aber wieder gibt es (mindestens) zwei Zonen von Zeit, die nur durch die Oberfläche der durchsichtigen Kugel getrennt erscheinen.
Was nun, wenn sich die Zeit inflationär in sich spiegelte (9.2) und vervielfältigte? Wie unsere Bilder –
 
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