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| Michael Schneider / Standbilder im Weg / (9) / (9.1) | ||||||||||||
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(9.1) Im Citizen Kane von Orson Welles spielt sie, gemessen an den Sekunden, in denen sie tatsächlich auf der Leinwand zu sehen ist, nur eine Nebenrolle: die Glaskugel, in der sich eine versunkene winterliche Welt befindet. Vielleicht ist sie ein Briefbeschwerer, vielleicht ein Souvenir von »wer weiß woher«. Ihre Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, wir müssen sie erst entschlüsseln. Bei der Recherche nach ihrer Herkunft merken wir schnell, dass nie über sie gesprochen wird, sondern dass sie sich nur manchmal … zeigt. Sporadisch (das heißt: genau dreimal) taucht sie in unverbundenen Momenten des Films auf, mal prominent hervorgehoben wie zu Beginn, mal beiläufig als ein Requisit im Hintergrund, und jeder muss nach dem ersten Sehen des Films auf eigene Faust schlussfolgern, dass es sich wohl jeweils um ein- und dieselbe Kugel gehandelt hat, um ein Kontinuum, das in Fraktale zerlegt wurde. Zweimal ist ihr Erscheinen direkt mit dem inzwischen berühmten Rosebud (»Rosenknospe«) verbunden, das wir Kane sagen hören (9.1.1).
Wie der Reichsapfel eines alt gewordenen mittelalterlichen Potentaten wirkt sie bei Kanes Tod in Xanadu. Wie ein geheimnisvolles Gefäß, das Symbole einer verklärten Kindheit (oder melodramatischer: einer verlorenen Unschuld) birgt, an anderer Stelle. Dann wieder wird die Kugel mit Susan Alexander assoziiert, der Frau, die Kane vermutlich als einzige nicht wegen seines Reichtums liebte und dann doch gerade wegen der Folgen, die sein angehäuftes Vermögen und seine Macht auf seinen Charakter haben mussten, verließ (auch das melodramatisch). Die Kugel ist anwesend, als sich Susan und er in einem heilen Appartement kennenlernen; später beendet sie einen Wutausbruch Kanes, der einen anderen Raum Susans verwüstet; die Kugel ist Zeuge, Symbolcontainer, Symbol und Handlungsanlass in einem, und das schafft sie, indem sie ganz einfach etwas enthält: langsame Zeit. Nicht nur ein wenig Vergangenheit, nicht nur den Winter vor dem Haus seiner Mutter, nicht nur das erste, helle Treffen mit Susan, nicht nur die Summe von Kanes Macht und Ohnmacht auf dem Sterbebett – nein, da ist Zeit drin und eine ganze Welt. Aber wie?
Es schneit langsam, langsam schneit es
Schnee ist so langsam. Er fällt immer in der besinnlichen Jahreszeit, wenn wir uns alle auf Weihnachten freuen sollen. Er macht die Welt so still und clean, zumindest, bevor der reale Autoverkehr darüber geht (jeder kennt den Zustand, in dem eine Landschaft »in Watte gepackt« ist, aus Film und Fernsehen). »Silence is so accurate«, hat Morton Feldman einmal gesagt, dabei Rothko zitierend – Feldman, der zwar kein Naturphänomen war, aber auch so ein Langsamer. Sperr doch mal den Schnee ein: dann hast du vielleicht das Bild der Unendlichkeit, ganz sicher aber die Zeitlupe, das Bild einer verlangsamten Zeit (9.1.2). Ob der Schnee dabei echt ist, spielt eigentlich keine Rolle. Im Gegenteil: je künstlicher, Walt-Disney-hafter und domestizierter, desto besser.
Über den Atlantik
Und dann, nach langem Reisen durch die tiefenscharfen Räume der detailreichen Tableaus und ihrer wandernden Zonen aus Grautönen, grellen Schatten, dicken in den Raum gegossenen Lichthaufen, in denen die gegangene Zeit im Kegel der Scheinwerfer wieder zur Sichtbarkeit gebracht wird, um ihr eine etwas verlässlichere Gestalt, einen eigenen Raum in den körnigen Leuchtstaubwolken auf den Leinwänden der Kinosäle zu geben (etwas, woran man sich halten könne, worauf sich endlich bauen ließe: ein autorisiertes Bild des Gestern) und die mannigfachen Schichten der Vergangenheit mit der Kamera in majestätischen Plansequenzen weiträumig durchfahren wurden, vom Gestern des einen Zeugen zum Vorgestern des Anderen, dann zum Jetzt des Charles Foster Kane, findet sich am gegenüber liegenden Ufer des Atlantiks eine erstarrte unterseeische Rosenknospe im Innern des Kristalls – in einer anderen Zeit:
»1984«, Seite 88.
Ein Briefbeschwerer aus Glas, eins dieser scheinbar unnützen Dinge, mit denen wir unser Leben teilen, damit sie uns als eigene (von niemand anderem besetzte) Räume der Projektion dienen können (obwohl wir vielleicht keine Ahnung von diesen Zwecken haben, denn Ahnungen stören). Drinnen, unter der Oberfläche des Glases, sind die Wünsche und die Bilder, draußen sind wir, oder andersherum? Projiziert wird von draußen, vom Hochsitz, aber die kleine, sagenhafte Welt, die mir da im Projektor-Strahl aufscheint, sehe ich nun mal drinnen unter der Haube – sagt Winston, und wundert sich nicht (what a mess).
»1984«, Seite 135.
Viele Wish Balls lassen sich finden, viele kleine Räumlein in Winkeln des Alltags – die Modelleisenbahn im Keller; der trällernde Sittich im Käfig; die eine besagte Ecke im Bücher-Regal; der Schatten im Blumentopf unter der prächtig gedeihenden Pflanze; ein Wackelelvis im Auto vorn oder ein Wackeldackel in gleicher Funktion hinten; der von manchen als schön empfundene Spruch im Innern des Glückskeks; der eher grenzdebile Spruch, den man nach dem Trinken am noch feuchten Boden eines Pappbechers bei McDonalds findet; die getrockneten und sortierten Küchenkräuter in den kleinen Gläschen, in denen früher Meerrettich, Senf und Ähnliches war … das Glück/das Glück, make Room! make Room! Da gehören zwei Dinge zusammen: Wünsche, Hoffnungen, Glück oder einfach Bilder brauchen Raum, und Raum braucht etwas, das ihn erfüllt (sonst würde er nur aus seiner ärmlichen mathematischen Definition bestehen und ein großes Nichts, das große Nichts beinhalten, sauber und klar; kein Mensch könnte ihn je betreten).
Fotozeit
Bilder sind flache Räume, immerhin, definierte oder unklare Zeichenakkumulationen oder auch »bedeutende Flächen« (Vilém Flusser) (1.1.1). Wenn ich einen Fotoabzug anschaue, was passiert da? Ist so ein flaches Ding (mit einer meist leeren Rückseite) als Raum wirklich so verschieden von Winstons Glaskugel, Kanes Little Xanadu mit dem rieselnden Schnee? Die Oberfläche eines Bildes ist vollständig für den interpretierenden Blick freigegeben, der Raum des Fotos ist betretbar, lebbar (wenn ich es will), und in jedem Pixel, jedem Emulsionskorn kann sich eine Tür zu unserem Sehnsuchtszimmer verbergen, und von diesem Zimmer gehen bekanntlich weitere Türen ab, viele Türen. Niemand tastet ein Foto mit seinem Blick ab wie ein Scanner. Es mögen Dinge, Sachverhalte auf der Oberfläche des Fotos zu sehen sein, die ich nicht sehen möchte, an denen ich vorübergehen möchte: dann gehe ich vorüber, beginne mit der freien Interpretation, und beharrt das Foto auch noch so auf seiner Wirklichkeit, der Betrachter ist der Stärkere.
Welche Zeit lebt in dem Abzug? Ein Foto tut so, als sei eine Zeit (ein Zeitpunkt) innen, unter seiner Oberfläche gefangen, und eine restliche, fließende, andere Zeit (unsere Zeit) sei außen, diese brande an die Ränder des Papiers, richte Verwüstungen an der Hülle, am Container an, ohne den Inhalt, diesen gefangenen Zeitpunkt, anknabbern zu können. Zahnlose Zeit. Vermehrung der Zeit, erste Spaltung, weitere Spaltungen. Schlagzeile: Moment Nummer Soundso (ein allgemein geachteter und anerkannter Teil unserer Gemeinschaft aller Zeit) hat gestern unvermutet die falsche Abzweigung genommen und wurde leider (aufgrund dieser selbst verschuldeten Dummheit) in einem kleinen, hinterhältigen Kasten mithilfe eines Klicks eingefangen. Der kleine gefangene Moment kann nun auf einem Foto-Abzug von der Öffentlichkeit besichtigt werden, von der eigenmächtigen Fütterung bitten wir jedoch abzusehen (»Moment schmeisst mit Kot, wenn schlecht gelaunt«). Imbécile! Hast dich fangen lassen, einen kleinen Zipfel von dir, bist denen in die Falle gegangen. Arme alte Zeit. Von dir selbst getrennt, mit dir selbst entzweit, das ist unser lang bewährter Trick: teile und herrsche (sagen die Lateiner).
Besinnungsloses Fazit: Menschen mögen die Zeit wohl nicht (es sei denn, sie könnten sie besiegen). Aber mit dem Latein am Ende fängt der Spaß erst richtig an – sagt die Zeit.
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