: ... Raum Zeit Essay:  
   Michael Schneider / Standbilder im Weg / (9) / (9.2)  
 
 
C.D. Friedrich, Eismeer
Caspar David Friedrich:
Eismeer, 1823/24

Links | Quellen
Sonic Youth: »The Diamond Sea«: Auf: »Washing Machine«, Geffen Records 1995
Sonic Youth: »Hyperstation«. Auf: »Daydream Nation«, Enigma Records 1988 (später Geffen Records)
Jutta Koether: Liner Notes in meinem (CD-)Release von »Daydream Nation«. Da die Liner Notes deutlich in der Vergangenheitsform über das Jahr 88 und die damalige Musik von Sonic Youth sprechen, nehme ich stark an, dass sie eine lange Zeit danach geschrieben wurden, finde aber kein Datum.
Die Homepage von Sonic Youth

 
(9.2) Man stelle sich Kristall an Kristall vor, ein Meer von Splittern, Glas und Reflektionen, teils schorfig aufgetürmt, wie bei Caspar David Friedrich, aber ohne die geborstene »Hoffnung«, nicht so statuarisch, nicht erstarrt, und teils in sanfteren Wellen gehend, aber körnig, heiß, in alle Richtungen drängend, nur eine weite, moving Ebene aus sich aneinander reibenden Sound-Kristallen, alle Zeit der Welt und du mittendrin, ruhig und endlos lang im Gewebe der mäandernden, gleißenden, sich kräuselnden und spiegelnden Feedbacks der Gitarren von Thurston Moore und Lee Ranaldo schwebend, wie man auch in gewissen Träumen als körperloses Auge in einem wirren, lautlos heranbrandenden Geschehen schwebt:
  »Time takes its crazy toll
And how does your mirror grow
You better watch yourself when you jump into it
’Cause the mirror’s gonna steal your soul
[…]
Time takes its crazy toll
Mirror fallin’ off the wall
You better look out for the looking glass girl
’Cause she’s gonna take you for a fall«
 
»The Diamond Sea«, 1995.
Ein Meer aus energetisch aufgetankten und sich statisch entladenden Momenten, fein und dick lärmende, schlangengleich gleitende, über diverse Kanten schrammende Echos von irgendwoher aus der kristallenen Ebene zurück auf Punkte, die einfach nicht zu orten sind, die sich ständig vor deinen Augen bewegen wie ein Schwarm von Fruchtfliegen (aber heftiger: eine Tüte Mücken mit kleinen Kreissägen als Flügeln, ohne Blutspritzer selbstverständlich, ohne Schäden am Ohr), und dann hinten um den Kopf rum, swooosh, swoosh, einmal langsam wie Brandung, Meeresrauschen, einmal schnell wie die Concorde. Das ist nicht die Rumpelkammer Xanadu, in der alle Zeiten Kanes im selben momentanen Tableau inkorporiert vor dem offenen Kamin rumstehen, gut überdacht und eingepackt in weiße Laken oder in Schrankkoffern, die dich mit Haut und Haar schlucken könnten, alles bereit zum Verbrennen. Das ist eine Zeit, die sich irgendwie in jedem Ton eines Gitarrenriffs einnistet und dort auch verdammt wohlfühlt, sich dann im nächsten Ton desselben Riffs spiegelt und damit vermehrt, wobei sie zu einem unüberschaubaren Raum gedehnt wird (9.2.1), dann wieder sich selbst überlagernd von vorn anfängt, wie es sich für ein Riff und die Zeit gehört (aber die Tonränder sind viel zu oft im Hall, im Sustain, im flüssigen und Wellen in gedeckten Farben schlagenden Geschrabbel verschliffen, manchmal ununterscheidbar, sodass die Dauer eines Tones nicht mehr zu bestimmen ist), und dann von der anderen Gitarre in einigen anderen Farben beantwortet wird, die vielleicht weniger gegenwärtig sind (es gibt ja Klänge, die älter wirken als andere, oder die sich wie ihre eigene Erinnerung anfühlen) – Zeitkörner in einer Brise, die zum Sturm heranwachsen möchte, die berühmten Sands of Time, lastende Hitze über der Wüste mit flimmernder Luft da und dort in der Nähe der Dünen, das unsichtbare Mahlen dieser Körnchen, das reibende Wirbeln von Zeitkristallen durcheinander, aneinander, von Momenten, die sich als Echos selbst begegnen und sich dabei an deiner unbenutzten Zirbeldrüse zu schaffen machen, Mustern von Tönen, die einem rätselhaften elektrischen Moiré-Effekt unterliegen oder sich dem Fluch eines dämonischen Zeitverwalters aus den niederen Rängen ausgesetzt sehen, der in die Mittagspause abgehauen ist und der Zeit damit Tür und Tor geöffnet hat –
  »Blood crystalized as sand
And now I hope you’ll understand
You reflected into his looking glass soul
And now the mirror is your only friend
[…]
Look into his eyes and you shall see
Why everything is quiet and nothing’s free
I wonder how he’s gonna make her smile
When love is running wild on the diamond sea«
 
»The Diamond Sea«, 1995.
Dieses gerüttelt Maß an Pathos und all die bizarre, einen dicken und gleichzeitig klaren Kopf erzeugende Schwermut stammen wohl aus der Pubertät von vielen Jungs, einigen Mädchen und verwandten Zeitzonen der westlichen Hemisphäre, vermute ich, und für dieses virtuelle und folgenreiche (d.h. immer wieder mal auch in späteren Jahren, in einem anderen Leben auftauchende) Zeitalter scheint die Musik von Sonic Youth ja generell gemacht, auch heute noch, es ist das Durchleben von Daydream days in a daydream nation, an denen man nicht berührungslos oder ohne Engagement vorbeigeht, deren innere Widersprüche einem vielmehr durchaus bewusst sind:
  »Each time I listen to Daydream Nation something is transferred, a pot boils over spilling sounds that will stick to various surfaces, some emotional stuff is recycled in a very special way. That is to say that feeling and perception are translated into spatial terms, reclaiming euphoria and surfacing reality.«  
Jutta Koether in den Liner Notes zu »Daydream Nation«.
Spatial terms, surfacing reality. Begrifflichkeiten: Raum <-> Zeit, die verschiedenen Oberflächen der Realität werden von »some ultimate fabrics of guitar sounds« (Koether) untertunnelt, überwuchert, quer geschnitten, zu kristallenen Räumen kombiniert, da hat sich zwischen 88 und 95 nichts geändert, dichtes Gewebe steht nach wie vor im Raum, macht und definiert Raum und Zeit, webt sich in deine Zeit ein und dehnt sie damit wave after wave aus, bläst die Momente auf wie einen Luftballon, aber nicht gewaltsam: ätherisch-elektrisch (wenn es so etwas gibt) und im Einklang mit den Naturgesetzen (so scheint es).
 
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