Realschulen wurden zuerst von Chr. Semler in Halle und J. J. Hecker in Berlin 1747 gegründet. Sie waren zunächst beruflich ausgerichtet, später wandelten sie sich zu allgemein bildenden Schulen, es gab ab 1882 auch Realgymnasien und Oberrealschulen in Bayern.
Alle Realanstalten, höhere oder mittlere, die den Anspruch hatten, "Realien" (also Tatsachen) zu vermitteln, bestanden bis 1938. Die nach 1945 wieder gegründeten Realanstalten heißen seit 1955 Gymnasien.
Während man außerhalb Bayerns nach dem Zweiten Weltkrieg wieder die sechsklassige Realschule bevorzugte, entschied man sich in Bayern erst mal für die vierklassige Mittelschule, die auf der sechsten oder siebten Volksschulklasse aufbaute und die nach zeitweiliger Bevorzugung der dreiklassigen Stufe immer mehr Regelschule wurde. Durch enge Fühlungnahme mit dem Leben wollte die Realschule die Erziehung zu demokratischer Staatsgesinnung und Vaterlandsliebe, zu europäischem Denken und zur Weltoffenheit unterstützen.
Während der Aufbauphase Deutschlands in den fünfziger Jahren wurde der Bildungsbegriff neu definiert, neue Wege des Studiums und des Aufstiegs konnten geschaffen werden, die Arbeitszeitverkürzung schuf zudem neue Chancen nach dem Feierabend. Berufstätige erhielten im Zuge dieser Neuorientierung bei entsprechender Begabung und genügend Durchhaltevermögen neue Möglichkeiten, die unter dem Begriff "Zweiter Bildungsweg" zusammengefasst wurden.
1956 entstand auch in Nürnberg durch die Initiative des Schulreferats und der Leitung der Berufsoberschule die Mittelschule für Beruftätige, die später in Abendrealschule umbenannt wurde. Lernwilligen Erwachsenen mit Berufstätigkeit wurde Gelegenheit gegeben, so wie es heute noch ist, durch Abendstudium das Zeugnis der Mittleren Reife zu erwerben. Die Stundentafel der Gründerjahre finden Sie als Vergleich neben der aktuellen Stundentafel, die Fächer selbst haben sich dabei kaum geändert.
Im Jahre 1960 hatte die Schule 216 Schüler (in sechs Klassen), von 1972 nach einem Tiefstand entwickelte sich die Schülerzahl von 138 wieder etwas nach oben, um 1986 wieder einen Höchststand von 213 (mit neun Klassen) zu erreichen. 1987/88 kamen bis zum Jahre 2001 Oberstufenlehrgänge dazu.
Da inzwischen die Zahl der Klassen "gedeckelt" ist, pendelte sich die Zahl der Schüler seit dieser Zeit auf um die 150 ein.
Die Schulleiter der Abendrealschule:
Oberstudiendirektor Dr. Erich Ott
Oberstudiendirektor Dr. Karl Möhring
Realschuldirektor Albert Röder
Realschulrektor Jürgen Harries
Realschulrektorin Siegrun Graff.
Im Zuge der Einführung der sechsstufigen Realschule hat auch die Abendrealschule in Nürnberg in Zusammenarbeit mit den anderen Realschulen in Bayern ihre Struktur angepasst. Das Prinzip, dieselbe Abschlussprüfung wie die Tagesrealschulen zu schreiben, um den anerkanntesten mittleren Abschluss zu erreichen, kann mit der Beibehaltung der vier Jahrgangsstufen bestens realisiert werden. Die erste Klasse hat an drei Tagen, die zweiten und dritten Klassen an vier und die vierten Klassen haben an fünf Tagen Unterricht.
Trotz der unverkennbaren pädagogischen Tradition geht die Abendrealschule also immer mit der Zeit. Dies zeigt auch die Einführung des sozialen Zweigs 1986 sowie des Europäischen Computerführerscheins (ECDL) als erste Schule in Nürnberg im Jahre 2001.
Fast alle Lehrkräfte arbeiten abends und am Tag in der Veit-Stoß-Realschule in der Merseburger Straße am Nordostbahnhof, zu der die Schule im Jahre 1981 aus der Beruflichen Schule 9 eingegliedert wurde. Diese Integration lässt die Abendrealschule auf alle Einrichtungen einer modernen Realschule zugreifen und sichert dadurch die besten Voraussetzungen, vor allem was die Klassenzimmer, Fachräume und ihre Ausstattung usw. betrifft.
Für viele Schülerinnen und Schüler ist die Abendrealschule nicht nur einfacher Lehr- und Lernort, sondern eine soziale Einrichtung geworden; neben dem Lernen steht für viele Besucher die Suche nach einer Stabilisierung der Lebenssituation im Vordergrund. Oft geht es den Schülern nicht um einen beruflichen Aufstieg, sondern um den Einstieg in ein neues, hoffnungsvolles Leben. Das Alter der Schüler senkte sich innerhalb der letzten Jahre eher in Richtung zwanzig, obwohl unsere älteste Schülerin fast sechzig ist. Die Zahl der ausländischen Mitbürger und der Migrantenanteil liegen über dem Durchschnitt in der Bevölkerung, was aber auch wieder den integrativen Charakter dieser Schule beweist.
Willi Hanke
Ehemaliger Realschulkonrektor
Abendrealschule der Stadt Nürnberg