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AMMANN//HORN Instant Auditives 2.0 UKO


REAKTIONEN

Die Erfahrung ist schwer zu beschreiben. Auf jeden Fall war es Mittwoch am frühen Abend. Als mir M. für die bevorstehende Akustik-Performance eine Schlafbrille reicht sehe ich diese amüsiert an. OK, ich setze sie also auf - warum auch nicht. Schließlich scheinen es sich die meisten der 20 Anwesenden bequem zu machen. Also strecke ich mich vorsichtig auf dem braunen Ledersofa der Weinerei aus. Ich lausche, es geht unvermittelt los: Zuerst wimmert es, ein Knarren, ein Reißen. Beides wirkt in überraschender Weise direkt körperlich auf mich. Jemand scheint in ein Kellergewölbe einzubrechen und dabei Drähte durchzuschneiden, erst ein vorsichtiges Schaben dann knallt der Draht plötzlich. Ich habe die Assoziation als würde da eine Türe aufgesprengt. Ich kann den wirbelnden, bitteren schmeckenden Staub förmlich riechen, es ist aber kein physischer Staub da, ich fasse an meine Schlafbrille. Das anfängliche Wimmern steigert sich. Ich merke das Ganze macht mich jetzt eindeutig nervös. Schabende Geräusche? Ich suche wie verzweifelt nach passenden Metaphern - ja es klingt wie Insekten. Ist es Inspektensprache? Nein es ist eine „Unsprache“ - was für ein merkwürdiges Wort denke ich mir habe ich da kreiert? Ich verstehe sie nicht diese „Unsprache“, aber ich bemerkte erstaunt dass ich sie um jeden Preis verstehen möchte- viel mehr wie verzweifelt ich auf einmal bin sie nicht zu verstehen. Das Wimmern steigert langsam zum Selbstgesräch. Laute die von einem noch sprachlosen Kind stammen könnten - oder vom vergessenen Insassen einer verschütteten Psychiatrie. Gibt es einen Dialog zwischen den “Schaben” und dem Kind - nein, jeder ist für sich und trotzdem verdichtet sich alles zu einem beklemmend atmosphärischen Ganzen. Ich spüre allzu deutlich die Wirkung auf meinen eigenen Pulsschlag und der erste Gedanke den Raum zu verlassen steigert sich schnell stufenlos zum echten Bedürfnis. Ich sollte diese verdammt Brille abnehmen… Schreie werden zu ohrenbetäubenden Lärm. Ich spüre meinen pochenden Herzschlag, will aufstehen und laufen aber meine Arme fallen sogleich ermattet zurück auf das Ledersofa und das Brennen von Adrenalin glüht nur kalt in meinen Muskeln. Ich schalte ab, schalte wieder zu. Wie lange geht das so …ich merke durch die Schlafbrille schwindet auch mein Gefühl für Zeit. Waren das nur Sekunden? Dann transformiert sich das Donnern der Akustik zunehmend zu einem rhythmischen Mahlen und Summen. Noch nie war ich so dankbar für Gleichförmigkeit. Die Stimme fügt sich zögernd in den Rhythmus ein. Höre ich da den Ansatz eines bachschen Dreiklangs, den ersten menschlichen Ansätzen in diesem mechanistisch- brutalen Chaos? Plötzlich und ebenso unvermittelt wie mein Begreifen ist auch der erste Akt auch zu Ende. Ich fühle mich wie erlöst, sehe Engel und fühle Dankbarkeit aufsteigen - nicht weil es vorbei ist - nein, wegen der Auflösung, der ersten Andeutung eines “Menschwerdens”. Ich spüre, mein Körper möchte sich erheben und jubeln. Ich nehme die Schlafbrille ab und sehe ich bin nicht der Einzige der beeindruckt ist. Es fehlen die Worte um mich mit meiner Nachbarin auszutauschen - wir sehen uns an und lächeln wie mir scheint, in Ermangelung einer adäquaten Emotion.
Der zweite Akt beginnt so ambient dass ich diese randomisierte Stille nahezu so ebenso ignoriere so wie die Klänge der Gegenwart meines täglichen Lebens - ein Büro in dem Büroklammern seltsam unwirklich zu Boden schweben. Ich verpasse den Aufprall. Als die Stimme vorsichtig wieder einsetzt erwache ich und lausche. Langsam beginne ich zu fühlen dass ich einem Rätsel dicht auf der Spur bin: Ich verstehe, die Geräusche sind ist keine „Unsprache“ - nein es ist unsere Sprache nur aus einer anderen Dimension betrachtet. Vor mir, wie eine Triangel in einem verzerrt querliegendem Raum schiebt sie sich vorbei. Dann erscheint plötzlich ein wie aus dem Nichts auftauchender monoton pochenden Raumfrachter. Aber es ist nicht die Bewegung der beiden Objekte der ich da lausche. Ich bin mir jetzt sicher ich höre ein “Inneres” das aus dem Frachter dringt. Es sind, wird mir klar, die Klänge der Schatten des Sichtbaren, die wie eine Schale die Wirkungen des “Etwas”, seltsam asymmetrisch spiegeln. Ich schwebe in dieser Vision des Unhörbaren - wie lange weiß ich nicht. Ich habe scheinbar meinen Verstand verloren. Egal, ich bin erregt und so dankbar die Unsprache endlich dekodiert und wie mir scheint auch meine Sprache wieder gefunden zu haben. Die Perfomance ist zu Ende. Ich richte mich auf, ziehe die weiche stoffene Schlafbrille langsam von meinem Gesicht. Der Applaus hält lange an.
Joerg Bauer, 07. Mai 2015 Weinerei Nürnberg


Wenn ein Mensch das Geräuschrepertoire, das ihm zur Verfügung steht, zu erkunden versucht, dann könnte er diese Geräusche klassifizieren, katalogisieren, verfremden oder zu bestimmten Zwecken einsetzen oder dies zumindest versuchen. Nicht so Michael Ammann. Er erfindet eine Situation, schafft sich einen persönlichen Raum und arbeitet darin an der Ausbreitung seines Improvisations-Universums. Dies geschieht zweckfrei und quasi anti-ästhetisch, ohne dabei jedoch unästhetisch zu wirken. Es geht um etwas anderes, um einen persönlichen und authentischen Augenblick,
um das Schaffen eines sehr speziellen Daseins-Momentes. Da ist weder Platz für eine formale noch für eine gedankliche Anpassung, auch ist dies kein Schauspiel, keine Rolle, in die da jemand schlüpft.
Gestik und Mimik wirken extrem aber durchaus echt, weil sie besagt zweckfrei zum Ausdruck kommen, nicht geprobt und 100% risikobehaftet. Und so scheint es mir, als ob es hier um den höchsten Anspruch geht, den ein Künstler an sich stellen kann: um das (Er-)Schaffen von einzigartigen Momenten, die unglaublich intensiv gelebt werden und an denen wir als Zuschauer und Zuhörer teilhaben und staunen dürfen.
(Lutz Krutein - Kurator & Künstler Kunstraum Weissenohe 2014)

Wenn Michael Ammann und Günter Horn sich zum Klingen bringen, verwandeln sie sich in ein fremdes Wesen, dessen Kommunikations- und Klangkörper nur noch aus Mund und Rumpf besteht – mit der Stimme von Ammann und dem (Gitarren)rumpf von Horn nimmt das Wesen mich auf. Neugierig und hungrig nach Eindrücken fern von dieser Welt schließe ich die Augen, vertraue ich mich an und lasse mich ergreifen. Jeder Körperklangteil dieses Wesens schildert mal gemeinsam, mal jeder für sich - die Beschaffenheit der Fremde. Da dort die physikalischen und musikalischen Gesetze aufgehoben scheinen, hat meine Fantasie freien Lauf und ich erlebe in diesem entrückten Zustand amüsantes,
furchterregendes, ungewohntes, anheimelndes, abstoßendes und erfrischendes. Eine beglückende, genussvolle Reise.
Schade fast, dass ich wieder zurück kehren muss.
(Wiebke Lutz - Kunstraum Weissenohe 2014)

In einem Raum ertönt ein schrille, hohe Stimme. Sie hat etwas Besänftigendes und zugleich Eindringliches und Bedrohliches. Plötzlich hört sie auf und erklingt unvermittelt in tiefer Tonlage. Peinlich berührt fühlen wir Zuschauer uns in der teils vulgär anmutenden Geräuschkulisse aus Würge- und Speilauten. Mit der Zurschaustellung dieser menschlichen Laute fühlen wir uns überfordert und zugleich machen sie uns aber auch neugierig.
Keine leichte Kost, die uns Ammann stimmlich und Horn an der Gitarre zutiefst ehrlich darbieten.
(Kerstin Schmitt - Künstlerin Kunstraum Weissenohe 2014)