Wir haben WLAN! Ja und?
Kritische Anmerkung zu den Hoffnungen, die mit dem "Digitalpakt" verbunden sind

"Überall Schul-WLAN" - so lauten die frohen Schlagzeilen von heute. Der "Digitalpakt" ist unter Dach und Fach. Die Milliarden können fließen.

Folgt man der öffentlichen Diskussion, so erhofft man sich mit dem "Digitalpakt" zwischen Bund und Ländern offenbar Deutschlands Quantensprung in das Digitalzeitalter. Endlich können wir mit anderen High Tech-Nationen mithalten.

Aber bleiben wir mal realistisch.

Was soll und wird ein freies WLAN an Schulen bringen?

Wir haben an unserer Schule vier große und zwei kleine EDV-Räume, natürlich Rechner, Visualizer und Beamer mit Internet in jedem Klassenraum, vielfach noch einige Einzelrechner, wir haben mobile Laptopsstationen und natürlich haben alle unserer 2.300 Schüler ein Smartphone, in der Regel ein besseres als die Lehrer.

Was bitteschön soll uns jetzt ein WLAN an der Schule bringen? Außer dass alle Schüler und Lehrer dann kostenlos surfen können?

Natürlich verwenden wir schon heute fast in jeder Unterrchtsstunde das Internet. Wir haben auch nahezu alle Unterrichtseinheiten, Formulare, Evaluationsabfragen etc. im Netz. Selbstverständlich macht es in Ausnahmefällen Sinn, dass ein einzelner Schüler  mal etwas auf seinem Handy nachsieht - aber sonst? Alle bisherigen Erfahrungen - bei uns sind trotz bayerischen Handyverbot Handys im Schulhaus und zu 90% auch im Klassenzimmer erlaubt - deuten darauf hin, dass die Smartphones nahezu ausschließlich für private Zwecke verwendet werden, auch im Unterricht (wenn man mal vom heimlichen Fotografieren der Schulaufgaben u.Ä. absieht), ob offen oder heimlich. Und alle bisherigen Erfahrungen lassen keinen Zeifel daran, dass sie vom Unterricht eher ablenken.

Ausspruch eines Schüler im Rechnungswesenunterricht, nachdem ihm ein genervter Lehrer das Handy weggenommen hatte: "Herr V., das ist ja sogar ganz interessant, was sie da erzählen!".

Wir haben keinerlei pädagogische Konzepte für einen sinnvollen Handyeinsatz im Fachunterricht. Ich kenne aber auch keine Schule in Deutschland, auch keine Medienschulen oder Medienkompetenzzentren, die solche Konzepte entwickelt und erfolgreich erprobt haben und sie jetzt anderen Schulen zur Verfügung stellen könnten. Einzelne Lehrkräfte experimentieren damit etwas herum, es gibt ein paar Show-Stunden von Lehrerfortbildungsanstalten, aber das war es dann auch schon. Desgleichen bei den Schulbuchverlagen, ein paar Prüfungsfragen im Netz, das war es dann auch schon. Oder sollen die Schüler ihre Schulbücher und Arbeitsmaterialien jetzt auf ihrem Smartphone lesen und bearbeiten. Bei kostenloser Abgabe von Brillen ab der 3. Jahrgangsstufe?

Also, was sollen wir als Lehrer jetzt damit anfangen, dass unsere Schüler demnächst ein freies WLAN haben????

Ich vermute mal: nichts. Schulleitungen, Schulbehörden, Pädagogsiche Institute, Öffentlichkeit und Politik werden große Reden schwingen und sich selbst beweihräuchern. Vielleicht werden auch neue Funktionsstellen geschaffen, auf denen sich ein paar Kollegen wichtig machen können. Die Auswirkungen im praktischen Alltagsunterricht aber werden gegen Null tendieren - wenn nicht gleichzeitig didaktisch-methodische Konzepte entwickelt und den Kollegen für ihren Unterricht an die Hand gegeben werden!!!

Aber dazu wird es sicherlich nicht kommen. Das war bei dem ganzen Weg der Schulen seit "Schule ans Netz" zu Beginn der 90er Jahre immer so.

Eine parallele Lehrerfortbildung war im ursprünglichen "Digitalpakt" enthalten, wurde aber auf Drängen der Bundesländer wieder herausgenommen.

Also was tun als Lehrer in Deutschland: Entweder wie so viele andere methodisch-didaktische Luftnummern in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten möglichst ignorieren - oder wir lassen die Schüler mit ihren tollen Handys einfach mit einem Arbeitsauftrag im Klassenzimmer sitzen und kümmern uns endlich wieder um die Sachen, die uns ja seit langer Zeit nachgesagt werden: Tennis, Hausbau, Freizeit, Urlaub. Und abends schauen wir halt noch mal schnell in der Schule vorbei und lassen uns die Arbeitsergebnisse präsentieren - war das nicht so gedacht mit der digitalen pädagogsichen Revolution?
 
PS: Vielleicht noch ganz interessant: Eine Lehrer- und Schülerbefragung zum Thema "Lernen ohne Lehrer" und "Bring your own device" an einer Medienkompetenzschule in Bayern. Lassen Sie sich überraschen...

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